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Berlin: Hellersdorfer Schüler und Eltern kämpfen für ihre Schule

Verena Nees

Vor wenigen Tagen hat die Bauaufsicht ein Klassenzimmer der 7. Klassen gesperrt. Mitten im Unterricht löste sich Putz aus einem neuen Riß in der Decke. Hätte die Lehrerin nicht schnell genug reagiert, hätte es Verletzte gegeben.

Wenn man den Haupteingang von Haus 1 der Ernst-Haeckel-Oberschule, Berlin-Hellersdorf, betritt, muß man auf seinen Kopf achten. Es könnte passieren, daß der obere Türrahmen herunterfällt. Bei Regen sollte man am besten Regenjacke und -stiefel anlassen, da Eingangsbereich und Keller unter Wasser stehen und es an etlichen Fenstern und durch das Dach hereinregnet. Auch ohne Regen tropft es, weil die Wasserrohre undicht sind.

Im Winter ist Turnen mit dicken Pullovern, Schal und Handschuhen angesagt - die Turnhalle hat weder eine funktionierende Heizung noch Wärmeisolierung. Als Ersatz dient eine Lüftungsanlage. Für das bißchen Wärme erzeugt sie allerdings einen derartigen Lärm, daß sich der Turnlehrer kaum mehr verständlich machen kann.

Im Kunstraum sollte man beim Betreten die Augen fest auf den Boden heften, man könnte sich wegen der Bodenlöcher die Knöchel verstauchen.

Marode Elektroleitungen, fingerbreite Risse überall in Wänden und Gemäuer, verkommene Klassenräume - die 856 Schüler der Ernst-Haeckel-Oberschule in Berlin-Hellersdorf rechnen damit, daß ihre Schule bald aus baupolizeilichen Gründen ganz geschlossen wird. Doch die bereits versprochene neue Schule soll den Sparmaßnahmen zum Opfer fallen.

Das von der PDS geführte Hellersdorfer Bezirksamt hat entschieden, den Bau einer neuen Gesamtschule in Mahlsdorf zu stoppen. Diese sollte zunächst als zeitweiliges Ausweichquartier für die Schüler dienen, während die Haeckel-Schule saniert wird. Jetzt droht die Sanierung, die seit Jahren versprochen war, zu scheitern. Als über hundert Schüler und Eltern am 20. Mai vor dem Bezirksamt demonstrierten und den versprochenen Schulneubau einforderten, verwiesen sie Bürgermeister Uwe Klett (PDS) und Bildungsstadtrat Bernd Wolf (CDU) auf den Senat. Dieser sei verantwortlich für die Kürzung der Finanzzuweisungen an die Bezirke. Das Bezirksamt sei deshalb die falsche Adresse für ihre Proteste.

Gesamtelternsprecher Holger Hartig bemerkte dazu zur neuen Arbeiterpresse: "Diese Herren haben nicht das Kreuz, beim Senat etwas durchzusetzen. Wenn sie nur Ja und Amen sagen, muß ich sagen, die sind im Bezirksamt am falschen Platz."

Hartig hatte bereits im letzten November einen Brief an den Regierenden Bürgermeister Berlins, Eberhard Diepgen (CDU) geschrieben und sich ebenfalls an die verantwortliche Schulsenatorin Ingrid Stahmer (SPD) gewandt. Diepgen ließ drei Monate später antworten, er habe keine Gesprächstermine frei, man könne ihn aber während der Bürgersprechstunde erreichen. Stahmer ließ gar nichts von sich hören.

Am 7. Juni ging Hartig mit Schülersprechern zur Bürgersprechstunde, um eine Dokumentation mit Fotos und eine Unterschriftensammlung mit 1000 Unterschriften zu überreichen. "Ich mußte mich früh ab sieben Uhr anstellen, um eine Nummer zu ziehen. Wir hatten Glück und kamen dran. Aber die Unterredung dauerte höchstens zehn Minuten, Diepgen antwortete ausweichend und verpflichtete sich zu nichts."

Diepgens Senatskanzlei hatte schon vorher in ihrer Antwort auf Hartigs Schreiben bestätigt, daß das Schulgebäude an der Lion-Feuchtwanger-Straße sanierungsbedürftig sei. Dies beträfe jedoch hauptsächlich die Sanitäreinrichtungen, behauptete die Kanzlei in Verhöhnung der Tatsachen. Eine baupolizeiliche Sperrung des Gebäudes sei nicht zu befürchten. 

Den schwarzen Peter schob die Senatskanzlei schließlich wieder dem Bezirk zurück. Eine Entscheidung über den Einsatz der dem Bezirk zur Verfügung stehenden Investitionsmittel läge in dessen Zuständigkeit und Verantwortung. Darauf habe der Staatssekretär der Schulsenatsverwaltung, Löhe, das Hellersdorfer Bezirksamt schriftlich hingewiesen.

Doch dieses legt für die Verwendung der knappen Investitionsmittel keinen anderen Schwerpunkt als der Senat selbst, der für Diäten, Pensionen und Vergünstigungen seiner eigenen Klientel stets Geld bereit hat, aber in allen sozialen Bereichen und bei der Bildung die Gelder kürzt.

Für den Bau der Ersatz-Gesamtschule in Mahlsdorf (38 Millionen Mark) sowie für die 15 bis 20 Millionen Mark Renovierungskosten der Haeckel-Gesamtschule will das Bezirksamt nicht zahlen. Aber für ein neues Gymnasium, außerhalb des Einzugsgebiets der Haeckel-Schule, sollen 80 Millionen Mark bereit stehen. 'Zig Millionen fließen auch in den Bau eines zweiten Rathauses. "Welcher Bezirk leistet sich zwei Rathäuser? Sollen doch der Bürgermeister und seine Leute in unser Schulgebäude einziehen, wenn sie es noch für tragbar halten", bemerkte Hartig bitter.

Die PDS war in dem Ostberliner Plattenbaubezirk Hellersdorf mit dem Versprechen angetreten, eine sozialere Kommunalpolitik betreiben zu wollen. Im Unterschied zu einem weiteren PDS-Bürgermeister im angrenzenden Plattenbaubezirk Marzahn, Dr. Harald Buttler, hatte sich der Hellersdorfer Bürgermeister Uwe Klett zu Beginn seiner Amtszeit damit gebrüstet, er werde die Senatsvorgaben bei den Kürzungen nicht akzeptieren und wolle vor allem für die Jugend etwas tun.

Wie sein Verhalten gegenüber der Haeckel-Oberschule zeigt, waren dies nur leere Worte. Holger Hartig: "Alle Politiker haben hier in der Schule mal vorbeigeschaut und bestätigt, daß die Gebäude unbedingt saniert werden müssen - und dann hat man nichts mehr von ihnen gehört. Alle, einschließlich der PDS, halten nur lange Reden mit wenig Inhalt. Es ist reine Phrasendrescherei! Sie sorgen sich höchstens darum, daß ihre Diäten nicht gekürzt werden."

Hellersdorf ist ein kinderreicher Bezirk, in dem die Schülerzahlen drastisch steigen. Zu den heute 5.000 Schülern sollen in den nächsten Jahren rund 10.000 dazukommen. Neue Schulen und die Belegung nicht ausgelasteter Schulen im Nachbarbezirk Marzahn wären dringend nötig. Stattdessen läßt der Bezirk Hellersdorf die Ernst-Haeckel-Oberschule verkommen, und der Bezirk Marzahn, ebenfalls von der PDS regiert, schließt Schulen, die zuwenig Schüler haben.
"Welches Kind hat hier noch Lust zu lernen?" Ein Jahr Bildungsabbau in Berlin
© neue Arbeiterpresse, Nr. 860, 12. Juni 1997

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