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"Welches Kind hat hier noch Lust zu lernen?"

Welches Kind hat denn in solchen Gebäuden noch Lust zu lernen?" Mit diesen Worten empfingen uns Schülersprecher Wolfgang Iser (11.-13. Klassen), Schülersprecherin Jessica Pulwitt (7.-10. Klassen), Klassensprecher Stephan Gräbnitz (Klasse 10/4) und Gesamtelternsprecher Holger Hartig am 28. Mai in der Haeckel-Oberschule. Schon ein oberflächlicher Blick auf die maroden Wände und in die tristen Schulgänge genügte, um diese Bemerkung nachzuvollziehen. Die Einschätzung der Schüler- und Elternvertreter bestätigte sich noch mehr, als sie uns später durch das Gebäude und einige Räume führten.

Die Behauptung von Senat und Bezirksamt, daß man eben sparen müsse, teilen die Schülervertreter und Holger Hartig nicht. "Unsere Zukunft sind unsere Kinder", sagte Hartig. "Sollen sie doch bei ihren Diäten und beim Geld für die Bonner Beamten sparen. Daß angeblich kein Geld für die Schule da ist, liegt an der Politik, egal von welcher Partei. Sie predigen Wasser und trinken selber Wein. In dieser Beziehung können sich die beiden Staatssysteme der ehemaligen DDR und der heutigen Bundesrepublik die Hand reichen."

Sie berichteten, wie ungleich die Gelder auch vom PDS-Bezirksamt verteilt werden. "Wenn ein Gymnasium schreit, bekommt es meist die Gelder bewilligt", sagte Stephan Gräbnitz. "Seht Euch mal zum Beispiel das vierte Gymnasium an. Jeder Klassenraum hat ein Fernsehgerät und einen Bildprojektor. Risse in den Wänden gibt es an dieser Schule nicht zu sehen. Oder das 1. Gymnasium in der Schönwalder Straße. Dort wurde ein Biopark angelegt, und unmittelbar neben dem Schulgebäude gibt es eine Sportanlage. Wir haben dagegen einen weiten Weg zum Sportplatz." Wolfgang Iser fügte hinzu: "Noch schlimmer sieht es für die 15. Grundschule aus. Bei einer Doppelstunde Sport ist eine Stunde Fahrzeit einberechnet. Sie müssen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nach Mahlsdorf fahren. Ein Schulbus wird dafür nicht eingesetzt."

Was die Materialien für die Schule angeht, so ist es "das reinste Durchwursteln", so Stephan Gräbnitz. "Mit Büchern wird es knapp. Für die sechs 10. Klassen gibt es beispielsweise nur zwei Klassensätze Geschichtsbücher, mit dem Ergebnis, daß wir keine Geschichtsbücher mit nach Hause nehmen können. Das ist sehr schlecht, wenn man zum Beispiel mal einen Vortrag vorbereiten muß."

"Lehrer dürfen nur 100 Blatt Kopien pro Monat für Arbeitsblätter und ähnliches in Anspruch nehmen", ergänzte Wolfgang Iser. "Die meisten zahlen aus eigener Tasche drauf. Auch die Eltern müssen immer mehr zuschießen." Holger Hartig: "Unser Reparaturfonds beträgt nur 4000 Mark im Jahr! Bei dem Zustand des Gebäudes ist das lächerlich." Holger Hartig und die Schülersprecher bestätigten, daß auch in Hellersdorf Gesamtschulen "stiefmütterlich behandelt werden".

"Hier lernt eben nicht nur die Elite", so Hartig. Die Haeckel-Schule sei jedoch bei Eltern beliebt, weil sie ein gutes Unterrichtskonzept habe. Beispielsweise fördere sie das naturwissenschaftliche Interesse. An Forschungsprojekten, wie z.B. über Pestizidbekämpfung, beteiligten sich leistungsstarke und schwächere Schüler gemeinsam. Zweimal sei die Haeckel-Schule zur Schule des Jahres ernannt worden. Vier Schülerprojekte seien in die Landesendausscheidung des Wettbewerbs "Jugend forscht" gekommen.

"Eltern haben uns beim letzten Tag der Offenen Tür wortwörtlich gesagt: Hätten Sie nicht ein so gutes Konzept, würde ich mein Kind nicht hierherschicken", erzählte Hartig.

Der Verfall der Schule kommt mit der zunehmenden Perspektivlosigkeit für die Schüler zusammen. Stephan berichtete von seiner 10. Klasse, daß von 25 Schülern bisher nur zwei eine Lehrstellenzusage haben. Wolfgang Iser sagte, daß vor allem Mädchen leer ausgehen. Sie beginnen schon ein Jahr vor dem Abitur, Bewerbungen zu schreiben. Weil man sich ein Studium kaum mehr leisten kann, wollen nur etwa ein Viertel der Abiturienten noch studieren.
Berlin: Hellersdorfer Schüler und Eltern kämpfen für ihre Schule Ein Jahr Bildungsabbau in Berlin
© neue Arbeiterpresse, Nr. 860, 12. Juni 1997

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