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zurück zum Inhalt dieser Ausgabe 60 Jahre Dewey KommisionShannon JonesAm 10. April waren es genau sechzig Jahre her, seitdem sich die Dewey-Kommission zum erstenmal versammelt hatte. Dieses ungewöhnliche Gremium - sein offizieller Name lautete "Kommission zur Untersuchung der Anklagen gegen Leo Trotzki in den Moskauer Prozessen" - war 1937 von Unterstützern des verbannten Revolutionärs gebildet worden, um die Wahrheit über Stalins Schauprozesse und Säuberungen zu enthüllen. An seiner Spitze stand der berühmte amerikanische Philosoph und Pädagoge John Dewey. Die Moskauer Prozesse waren monströse politische Schauprozesse, die auf falschen Anklagen beruhten. Die von oben gesteuerten Verhandlungen und die damit einhergehenden Säuberungen, die zur Ausrottung breiter Schichten von sozialistischen Arbeitern und Intellektuellen in der UdSSR führten, wiesen viele Ähnlichkeiten mit Hitlers Holocaust auf. Während die Nazimorde jedoch offen im Namen der Reaktion begangen wurden, wurden die Moskauer Prozesse von einem Regime inszeniert, das sich selbst "sozialistisch" nannte. Die Prozesse sind nun schon seit langem völlig diskreditiert, und das stalinistische Regime in der Sowjetunion, das sie organisiert hat, ist zusammengebrochen. Das schmälert jedoch nicht die historische Bedeutung der sechzig Jahre zurückliegenden Ereignisse, noch mindert es die Notwendigkeit, sie politisch zu verstehen. Mit den Moskauer Prozessen und ihren Folgen sind entscheidende historische Fragen des zwanzigsten Jahrhunderts verbunden, die bis heute nicht gelöst sind. Antikommunisten, die sich auf die Lüge stützen, daß die Moskauer Justizmorde und die stalinistische Diktatur, die sie durchgeführt hat, die logische und unvermeidliche Folge der Oktoberrevolution gewesen seien, versuchen damit immer zu beweisen, daß der Sozialismus keine lebensfähige Alternative zum Kapitalismus sein könne. Eine objektive Untersuchung der Moskauer Prozesse, die durch die Arbeit der Dewey-Kommission am gründlichsten entlarvt wurden, zeigt jedoch, daß die Schauprozesse kein Ergebnis des Marxismus oder Bolschewismus waren, sondern ihres konterrevolutionären Gegners - des Stalinismus. Um die Bedeutung der Moskauer Prozesse und der Arbeit der Dewey-Kommission zu würdigen, muß man den geschichtlichen Zusammenhang berücksichtigen, in dem diese Ereignisse stattfanden. Zwanzig Jahre nach der Oktoberrevolution von 1917, in der die Arbeiterklasse in Rußland unter Führung der bolschewistischen Partei an die Macht gekommen war, befand sich der von der Revolution geschaffene sowjetische Staat aufgrund seiner langen Isolation und der anwachsenden faschistischen Reaktion im Westen in einer tiefen Krise. Lenin und die andern bolschewistischen Führer waren davon ausgegangen, daß die russische Revolution nach Westeuropa ausstrahlen und die Isolation des jungen Sowjetregimes durchbrechen würde. Der Aufbau des Sozialismus in dem verarmten und kriegsgeschüttelten Rußland war für sie von der baldigen Hilfe erfolgreicher Arbeiterrevolutionen in Deutschland und anderen entwickelten Industrieländern abhängig. Im Innern war die Sowjetregierung mit der vom Zarismus ererbten Hinterlassenschaft von Armut und kultureller Rückständigkeit konfrontiert. Von außen schlug ihr die Feindschaft der gesamten kapitalistischen Welt entgegen. Diese Schwierigkeiten drückten sich ganz besonders darin aus, daß das Sowjetregime zunehmend bürokratischer wurde und die Demokratie innerhalb der Kommunistischen Partei immer mehr erstickt wurde, - eine Gefahr, vor der Lenin bereits gewarnt hatte, ehe er Anfang 1923 von einem Schlaganfall gelähmt worden war. Insbesondere hatte er da schon auf die Methoden Stalins, des damaligen Generalsekretärs der Partei, als schärfsten Ausdruck dieser Gefahr hingewiesen. Eine der letzten politischen Handlungen Lenins war die Abfassung eines Testaments, in dem er sich dafür aussprach, Stalin vom Posten des Generalsekretärs abzusetzen. Trotzki, der aufgrund seiner Rolle als Organisator des Oktoberaufstands von 1917 und als Kommandeur der Roten Armee im Bürgerkrieg enormes Ansehen genoß, setzte den von Lenin begonnenen Kampf gegen die Bürokratisierung fort. Ende 1923 gründeten er und andere führende Parteimitglieder die Linke Opposition und forderten eine offene Diskussion über die Parteikrise. Die Niederlage der OppositionDie internationale Situation verschlechterte sich immer mehr. Die erhofften Revolutionen in Europa erlitten nur Niederlagen. Der schwerste Rückschlag kam 1923, als die deutsche Kommunistische Partei auf den Rat von Stalins Fraktion in der sowjetischen Führung hin eine revolutionäre Krise ungenutzt verstreichen ließ. Ein isolierter Aufstand in Hamburg wurde zerschlagen, und die nachfolgende Niederlage der Arbeiterklasse verhalf der bürgerlichen Weimarer Republik noch einmal zu einer Atempause. Schwere Niederlagen in Großbritannien und China folgten. Die Demoralisierung, die mit diesen Ereignissen einher ging, trug zu der politischen Apathie bei, die den Aufstieg der Bürokratie begünstigte. Der Bolschewismus und seine Perspektive der Weltrevolution, verkörpert durch Trotzki und die Linke Opposition, wurden Ende der zwanziger Jahre von der nationalistischen, konservativen Bürokratie unter Stalin besiegt. Bereits 1924 zeigte sich in der offiziellen Annahme der Theorie des "Sozialismus in einem Land", daß die stalinistische Fraktion mit dem Marxismus gebrochen hatte und die Interessen einer kleinbürgerlichen Gesellschaftsschicht vertrat. Stalin erklärte, der Sozialismus könne in der Sowjetunion unabhängig vom Schicksal der Weltrevolution aufgebaut werden. 1927 wurden Trotzki und seine Anhänger aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. 1929 wurde Trotzki von Stalin in die Türkei verbannt; man hoffte, ihn dadurch zu isolieren und zum Schweigen zu bringen - eine gravierende politische Fehleinschätzung, wie Stalin bald merken sollte. Trotzki warnte bereits frühzeitig, daß das Stalin-Regime zum Mittel der Gewalt gegen seine linken Gegner Zuflucht nehmen würde. Im März 1929 schrieb er: "Die bloße Proklamierung der Opposition zu einer ,konterrevolutionären Partei' genügt nicht: das nimmt niemand ernst. Ihm [Stalin] bleibt nur eins übrig: versuchen, zwischen der offiziellen Partei und der Opposition einen blutigen Strich zu ziehen. Er muß um jeden Preis die Opposition mit Attentaten, Vorbereitungen zum bewaffneten Aufstand usw. in Verbindung bringen" (zitiert nach: Leo Sedow, Rotbuch über den Moskauer Prozeß 1936, S.16) Nach der Kapitulation der KPD vor Hitler im Jahr 1933 zog Trotzki den Schluß, daß die sowjetische Kommunistische Partei und ihre Satellitenparteien in der Dritten Internationale nicht mehr durch den Kampf gegen ihre stalinistischen Führungen reformiert und wieder für das Programm des revolutionären Marxismus gewonnen werden könnten. Er rief dazu auf, eine neue Partei, die Vierte Internationale, aufzubauen, um den Kampf für die sozialistische Weltrevolution fortzusetzen. In der Sowjetunion selbst rief er zu einer politischen Revolution auf, um die Bürokratie zu stürzen und die Sowjetdemokratie wiederzubeleben. Die Moskauer Prozesse wurden organisiert, weil Stalin realisierte, wie unzufrieden die sowjetische Arbeiterklasse war, und er die Kritik an seinen politischen Fehlern und seiner despotischen Herrschaft durch Trotzki und die von ihm geführte Opposition fürchtete. Stalin, früher selbst einmal Revolutionär, verstand sehr genau, daß eine kleine, aber mit korrekten Ideen bewaffnete Bewegung in einer für sie günstigen Situation Massenunterstützung gewinnen und das bürokratische Kremlregime hinwegfegen könnte. In der Sowjetunion wächst UnzufriedenheitAus den Arbeiten des russischen Historikers Wadim Rogowin wissen wir heute, daß es in der Sowjetunion weitverbreitete Opposition gegen Stalin gab, die bis in die höchsten Kreise reichte. Nach dem Desaster der Zwangskollektivierung herrschte enorme Unzufriedenheit, die sich in unterschiedlichen politischen Formen ausdrückte. Es gab Versuche, einen vereinigten Block der verschiedenen Oppositionsgruppen zu bilden; so zirkulierte beispielsweise 1932 die Plattform von Rjutin. M.N.Rjutin, ein alter Bolschewik und Mitarbeiter im Sekretariat des Zentralkomitees, bezeichnete Stalin als "Provokateur" und rief dazu auf, ihn abzusetzen und alle aus der Partei Ausgeschlossenen wieder aufzunehmen, einschließlich Trotzkis. Stalins Reaktion bestand in der Verhaftung von Rjutin und allen, von denen bekannt war, daß sie die Plattform gelesen hatten. Im Dezember 1934 erschoß Leonid Nikolajew, ein junges Mitglied der Kommunistischen Partei, den Leiter der Leningrader Parteiorganisation und Politbüromitglied S.M. Kirow. Die Umstände des Mordes deuten darauf hin, daß er dabei von oben Hilfe hatte. Elemente innerhalb der GPU, der sowjetischen Geheimpolizei, verschafften dem labilen Nikolajew die Möglichkeit, nahe an Kirow heranzukommen. Nach allem, was wir heute wissen, sieht es ganz danach aus, als ob Stalin selbst den Mord angeordnet hätte. Kirow hatte sich auf dem 17. Parteitag vom Januar/Februar 1934 als potentieller Rivale Stalins entpuppt. Bei einer geheimen Abstimmung zum Zentralkomitee erhielt Kirow nur drei Gegenstimmen, während gegen Stalin mit 267 die meisten Gegenstimmen abgegeben wurden. Ein halbes Jahr später, Ende Juni/Anfang Juli 1934, führte Hitler eine blutige Säuberung der Nazipartei und des Staats von seinen Rivalen durch. Die Skrupellosigkeit des "Führers" bei der Ausschaltung seiner internen Gegner machte auf Stalin großen Eindruck. Was auch immer Stalins Rolle bei der Ermordung von Kirow gewesen war, er nutzte sie jedenfalls aus, um seine politischen Gegner zu vernichten und einige der ernsthaftesten und begabtesten Elemente der Intelligenz umzubringen. Der Mord an Kirow diente als Grundlage für sieben verschiedene Prozesse, die in entscheidenden Detailfragen in völligem Widerspruch zueinander standen. Die unterschiedlichsten Personen hatten angeblich mit den verschiedensten Mitteln und aus ganz verschiedenen Motiven heraus den Mord an Kirow organisiert. 1935, kurz nach dem ersten Kirow-Prozeß, schrieb Trotzki: "Stalins Strategie mit der Leiche Kirows hat ihm keine großen Lorbeeren eingebracht. Aber gerade deshalb kann er weder einhalten noch zurückweichen. Stalin ist genötigt, das auseinander gebrochene Amalgam durch neue, umfassendere und erfolgreichere zu übertönen. Wir müssen ihnen wohl vorbereitet begegnen" (übersetzt nach: The Case of Leon Trotsky, S. 498). Stalins Politik der VolksfrontIm Jahr 1936 war die europäische Politik an einem entscheidenden Wendepunkt angelangt. Im Juni stand Frankreich nach einer Reihe von Massenstreiks am Rand einer Revolution. Im Juli putschten in Spanien faschistische Offiziere und lösten damit einen Arbeiteraufstand und den Bürgerkrieg aus. Bei diesen Ereignissen zeigten sich die Sowjetbürokratie und die mit ihr verbündeten Kommunistischen Parteien überall auf der Welt als die wichtigsten Verteidiger der kapitalistischen Ordnung. Mit der Politik der Volksfront bestand Stalin darauf, daß die Kommunistischen Parteien die Arbeiterklasse einem Bündnis mit den sogenannten demokratischen Kapitalisten unterzuordnen hätten. Nach Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges hielt Stalin zwei Monate lang ein Embargo auf Waffenlieferungen an die republikanische Regierung aufrecht, weil er die britischen, französischen und amerikanischen Imperialisten versöhnlich stimmen und ein Bündnis mit ihnen eingehen wollte. Erst als sich abzeichnete, daß die Regierung in Madrid alleine nicht in der Lage war, den Aufstand der Arbeiter und Bauern niederzuschlagen, verkaufte Stalin ihr Waffen. Dies wiederum ermöglichte der Komintern, die entscheidende Rolle bei der Verteidigung des bürgerlichen Eigentums und der bürgerlichen Herrschaft in Spanien zu spielen und die spanische Revolution zu erwürgen, wodurch letztenendes Francos Faschisten siegen konnten. Diese reaktionäre Politik war ein Ergebnis davon, daß die stalinistische Bürokratie mit dem Programm der Weltrevolution gebrochen hatte und es durch die Politik des "Sozialismus in einem Land" ersetzt hatte. Sie entsprach den Interessen der privilegierten bürokratischen Kaste. Die stalinistischen Herrscher fürchteten, daß jeder revolutionäre Erfolg der internationalen Arbeiterklasse die egalitären Traditionen der russischen Revolution in der sowjetischen Arbeiterklasse wieder entfachen und dadurch die privilegierte Stellung der Bürokratie untergraben würde. Die konterrevolutionäre Politik in den anderen Ländern ging mit verschärfter Unterdrückung im eigenen Land einher. Die Schauprozesse, Massenverhaftungen und staatlichen Morde an den Trotzkisten und alten Bolschewiken verfolgten nicht nur den Zweck, Unzufriedenheit im Innern zu unterdrücken, sondern sollten Stalins Regime außerdem bei den kapitalistischen Regierungen im Westen angesehener machen. Er wollte ihnen zeigen, daß die Sowjetregierung das internationalistische und revolutionäre Programm der Oktoberrevolution aufgegeben und sich der Verteidigung von Ordnung und Sicherheit verpflichtet hatte. In einem Interview mit dem amerikanischen Journalisten und Verleger Roy Howard sprach Stalin dies im März 1936 ganz offen aus. Als Howard nach den Absichten der Sowjetregierung in Bezug auf die Weltrevolution fragte, antwortete Stalin: "Solche Pläne und Absichten haben wir nie gehabt. Das ist die Folge eines Mißverständnisses." - Howard: "Eines tragischen Mißverständnisses?" - Stalin: "Nein, eines komischen, oder eher tragikomischen." (Leo Trotzki, Verratene Revolution, S. 234) Der erste Moskauer ProzeßMitte August 1936 wurde die Weltöffentlichkeit mit der Nachricht überrascht, daß die führenden alten Bolschewiken vor Gericht gestellt worden seien, weil sie im Bündnis mit Hitlers Gestapo Mordanschläge auf Stalin und andere Mitglieder der Sowjetregierung geplant hätten. Indem er die Revolutionäre, die keine zwei Jahrzehnte vorher noch eine wichtige Rolle gespielt hatten, als kriminelle Verschwörer verleumdete, versetzte Stalin dem alten Kader der Partei einen grausamen Schlag. Unter den Beschuldigten waren auch Gregori Sinowjew und Lew Kamenew, zwei der bekanntesten alten Bolschewiken. Vor der Revolution war Sinowjew Lenins engster Mitarbeiter während der Zeit im Exil gewesen. Als begabter Redner war er später Vorsitzender der Dritten Internationale und Führer des Petrograder Sowjets geworden. Kamenew hatte vor der Revolution viele Jahre im Gefängnis und im Exil verbracht, danach hatte er verschiedene Führungsfunktionen in der Partei ausgefüllt, darunter die des Vorsitzenden des Politbüros. Beide hatten sich für kurze Zeit Trotzkis Linker Opposition angeschlossen und mit ihm die Vereinigte Opposition gebildet, später jedoch ihre Ansichten widerrufen, um wieder in die Partei aufgenommen zu werden. Weitere prominente Angeklagte waren V.A. Ter-Waganjan, der Führer der armenischen Kommunistischen Partei, der allgemein als herausragender Marxist bekannt war; Sergej Mratschkowski; der im Bürgerkrieg erfolgreich die Truppen zur Verteidigung Sibiriens und des Ostens geführt hatte, und I.N. Smirnow, ein Arbeiterbolschewik, der ebenfalls eine führende Rolle im Bürgerkrieg gespielt hatte und später Volkskommissar des Fernmeldewesens und Direktor von Autofabriken gewesen war. Einige Beschuldigte, die in der Anklageschrift genannt wurden, erschienen bei dem Prozeß nicht, ohne daß dies erklärt wurde. Offenbar hatten sie sich geweigert, zu "gestehen", und waren sofort erschossen worden. Obwohl er in der Anklageschrift nicht genannt wurde, hieß der Hauptanklagte Leo Trotzki. Alle in Moskau Angeklagten nannten Trotzki und seinen Sohn Leo Sedow als die Drahtzieher der angeblichen Verschwörung zu Stalins Ermordung, und sie überboten sich gegenseitig in dämonischen Schilderungen dieser beiden. Während die Anklage die Beschuldigten unzähliger Verschwörungen gegen sowjetische Führer bezichtigte, war das einzige konkret genannte Verbrechen die Ermordung Kirows 1934. Einer der bizarrsten Aspekte der Anklage war die Nennung von Smirnow als Anführer der angeblichen Verschwörung. Er hatte seit Januar 1933 im Gefängnis gesessen und konnte an dem Mord nicht beteiligt gewesen sein. Der Prozeß dauerte fünf Tage. Alle Angeklagten gestanden die abscheulichsten und unmöglichsten Verbrechen, dann baten sie um die Todesstrafe. Mitten während der Verhandlungen beging ein weiterer alter Bolschewik, Michail Tomski, Selbstmord, nachdem er von Kamenew und Sinowjew beschuldigt worden war. Ein besonders widerwärtiger Ausdruck von Nationalismus in der stalinistischen Bürokratie bestand darin, daß man sogar Antisemitismus gegen die Angeklagten schürte. In einem wenig subtilen Versuch, an solche Rückständigkeit zu appellieren, betonte die sowjetische Presse immer wieder die jüdische Herkunft von Trotzki, Sinowjew und Kamenew. Es war bezeichnend, daß der Hauptankläger Andrej Wyschinski ein ehemaliger rechter Menschewik war, der im Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki gekämpft und dann die Seiten gewechselt hatte, um seine Haut zu retten. Stalin hatte diesen ex-Konterrevolutionär für die Hauptrolle im Massaker an den Führern der russischen Revolution auserkoren. Wyschinski kam seiner Aufgabe mit Begeisterung nach, er beschimpfte die Angeklagten als "tollwütige Kettenhunde des Kapitalismus", als "Lügner und Clowns, elende Pygmäen, die einen Elefanten anknurren" usw. Innerhalb von 24 Stunden nach Ende des Prozesses wurden alle Angeklagten erschossen. Der Prozeß gegen Radek und PjatakowIm Januar 1937 gab die sowjetische Presse bekannt, daß in Moskau ein zweiter Prozeß gegen alte Parteiführer eröffnet werde. Unter den insgesamt 17 Angeklagten waren Karl Radek, ein bekannter Sowjetjournalist, der seit seinem 14. Lebensjahr in der revolutionären Politik aktiv gewesen war, in der internationalen kommunistischen Bewegung eine wichtige Rolle gespielt hatte und Sekretär der Dritten Internationale gewesen war; Juri Pjatakow, stellvertretender Leiter der Schwerindustrie, der ein Führer im Bürgerkrieg gewesen war, und den Lenin in seinem Testament "zu den hervorragendsten unter den jüngsten Kräften" der Partei gezählt hatte (Lenin, Brief an den Parteitag vom 24.12.1922, S.9, in: Die letzten Briefe und Artikel, Dietz Verlag 1982); Gregori Sokolnikow, der wichtige Ämter im Industrie- und Finanzwesen innegehabt hatte; Nikolai Muralow, ein Held des Bürgerkrieges, und Michail Boguslawski, ein alter Arbeiterbolschewik. Im zweiten Prozeß wurde die Liste der Anklagen erweitert. Während im Prozeß gegen Sinowjew und Kamenew die beiden Führer der angeblichen "trotzkistischen Verschwörung" noch ausschließlich von persönlicher Machtgier motiviert gewesen sein sollten, wurden die Angeklagten im zweiten Prozeß beschuldigt, eine Verschwörung mit Deutschland und Japan angezettelt zu haben, um die Sowjetunion zu zerstückeln und den Kapitalismus wiederherzustellen. Neben Attentatsplänen wurde den Angeklagten auch Sabotage unterstellt. Alle Mißerfolge der sowjetischen Industrie, - in Wirklichkeit das Ergebnis von Inkompetenz und des Mißmanagements der Bürokratie - wurden Trotzki angelastet. Die Angeklagten gestanden, fehlerhafte Wirtschaftspläne ausgearbeitet und umgesetzt zu haben, die zu enormer Verschwendung von Ressourcen und schweren Schäden für die Wirtschaft geführt hätten. Alle Beschuldigten wurden zum Tode verurteilt. Bis auf vier wurden sie anschließend sofort erschossen. Radek und Sokolnikow waren zwei derer, die verschont geblieben waren; sie erhielten zehnjährige Freiheitsstrafen. Bald darauf wurden jedoch auch sie auf Stalins Befehl hin ermordet. Die Geständnisse waren im zweiten Prozeß nicht weniger unglaubwürdig als im Prozeß gegen Sinowjew und Kamenew. Die stalinistischen Organisatoren der falschen Anklagen begingen einen schweren Fehler, als sie Pjatakow aussagen ließen, er sei angeblich im Dezember 1935 mit dem Flugzeug in die norwegische Stadt Oslo geflogen, um dort terroristische Anweisungen von Trotzki zu erhalten. Mitten während des Prozesses berichtete die norwegische Zeitung Arbeiderbladed, daß aufgrund von Witterungsbedingungen zwischen September 1935 und Mai 1936 kein ausländisches Flugzeug in Oslo gelandet sei. Die GPU berichtigte den Fehler, indem sie den Prozeß rasch abbrach und Pjatakow erschießen ließ. Ein Jahr später ließ Stalin den GPU-Chef und Hauptorganisator der Schauprozesse G. Jagoda selbst aburteilen und hinrichten. Die Hauptangeklagten im dritten Moskauer Prozeß (2.-13. März 1938) waren Nikolai Bucharin, ehemals Chefredakteur der Prawda und Führer der Kommunistischen Internationale; Alexej Rykow, der offizielle Chef der Sowjetregierung in den fünf Jahren nach Lenins Tod; Christian Rakowski, der ehemalige Chef der ukrainischen Regierung, und N.N. Krestinski, früher Sekretär des Zentralkomitees und Politbüromitglied. Aus den Erinnerungen von Alexander Orlow und anderen GPU-Abtrünnigen wissen wir heute genau, wie die Geständnisse erpreßt wurden - durch wiederholte Schläge, Folter, ständiges Stehen oder Laufen lassen der Verhafteten über Tage hinweg, Drohungen, die Familien der Gefangenen zu verhaften und zu erschießen. Stalin hatte sogar den Sohn Kamenews, noch im Teenager-Alter, verhaften und wegen Terrorismus anklagen lassen. Nach Monaten solcher Verhöre waren die Angeklagten dann meist erschöpft und verzweifelt. Die beiden Hauptangeklagten im Prozeß gegen Sinowjew und Kamenew verlangten als Bedingung für ein Geständnis, daß ihr Leben und das ihrer Familien und Freunde verschont werden würde. Es wurde ihnen ein Treffen mit Stalin und zweien seiner engsten Kumpane, Klement Woroschilow und Nikolai Jeschow von der GPU, gestattet. Nach dem Prozeß brach Stalin nicht nur sein Versprechen, die beiden Angeklagten zu verschonen, er ließ auch ihre gesamten Familien verhaften und erschießen. Drohungen und Mißhandlungen allein erklären jedoch nicht, warum die Angeklagten gestanden. Die GPU konnte kein einziges "Geständnis" aus einem aktiven Oppositionellen herauspressen. Der wichtigste Grund, warum die Bürokratie Persönlichkeiten wie Sinowjew und Kamenew brechen konnte, war deren politische Desorientierung und Perspektivlosigkeit. In den Jahren nach der Oktoberrevolution war die politische Atmosphäre vom Wachstum der Bürokratie vergiftet worden. Diese Männer brachten nicht genügend moralische Kraft auf, um dieser Ebbe zu widerstehen. Wie Trotzki schrieb: "An jeder neuen Etappe erhob sich vor den Kapitulanten immer die gleiche Alternative: entweder sich lossagen von den früheren ,Geständnissen' und sich auf einen hoffnungslosen Konflikt mit der Bürokratie einlassen - ohne Banner, ohne Organisation, ohne persönliche Autorität, - oder einen weiteren Schritt abwärts machen und sich und die anderen mit immer größeren Lumpereien belasten." (Leo Trotzki, Stalins Verbrechen, Verlag Neuer Kurs, Berlin 1973) Bei Stalins Säuberungen ging es um nichts Geringeres als den Versuch, den Marxismus als politische Kraft in der Sowjetunion zu vernichten. Die Moskauer Prozesse waren der Höhepunkt eines einschneidenden Prozesses der sozialen Reaktion. Von den Massen der Arbeiter isoliert und entfremdet, versuchte der bürokratische Apparat, alles auszulöschen, was an die wirklichen Traditionen der Oktoberrevolution anknüpfte. Um jeden möglichen und tatsächlichen Widerstand gegen seine Politik zu zerschlagen, mußte er vor allem diejenigen Marxisten ausrotten, die den sowjetischen Staat geschaffen hatten. Die Moskauer Prozesse läuteten den Großen Terror ein, der die Sowjetunion von 1936 bis 1939 heimsuchte. Hunderttausende von ergebenen Kommunisten, Schriftstellern, Intellektuellen, Wissenschaftlern, Ingenieuren, Künstlern, Führern der Roten Armee und Gründern des sowjetischen Staates wurden unter der Beschuldigung des "Trotzkismus" angeklagt und entweder ohne Anklage erschossen oder dazu verurteilt, in den Konzentrationslagern zu verschmachten. Stalins Terror machte nicht an den Grenzen der UdSSR halt. Die GPU jagte und ermordete Mitglieder der Vierten Internationale auf der ganzen Welt. Trotzkis Sohn Leo Sedow starb am 16. Februar 1938 in einem Pariser Hospital als Opfer eines offensichtlichen Operationsmordes. Im August 1940 ermordete der stalinistische Agent Ramon Mercader Trotzki im mexikanischen Coyoacan. Trotzkis Kampf gegen die SchauprozesseAls der erste Prozeß begann, hatte Trotzki gerade sein epochales Werk Verratene Revolution vollendet, in dem er die Widersprüche der sowjetischen Gesellschaft einer marxistischen Analyse unterzog. Die wachsende privilegierte Bürokratie mit Stalin an der Spitze, schrieb er, bedrohe die Grundlagen des Arbeiterstaats. Wenn die Bürokratie nicht von der Arbeiterklasse gestürzt werde, seien sämtliche Errungenschaften der Oktoberrevolution in Gefahr. Im Sommer 1936 hielt sich Trotzki in Norwegen auf, das ihm im Juni 1935 nach dem Wahlsieg der norwegischen Arbeiterpartei ein Visum erteilt hatte. Als Trotzki die ersten Berichte über die Gerichtsverhandlungen gegen Sinowjew und Kamenew hörte, und welche Anklagen in absentia gegen ihn erhoben wurden, verurteilte er den Prozeß sofort und forderte eine vollständige und öffentliche Untersuchung der Beschuldigungen. Die stalinistische Bürokratie setzte all ihre beträchtlichen Mittel ein, um Trotzki daran zu hindern, auf ihre Verleumdungen zu antworten. Unter dem Druck der Sowjetunion stellte die sozialdemokratische Regierung Norwegens Trotzki praktisch unter Hausarrest und machte es ihm unmöglich, mit seinen Unterstützern in Kontakt zu treten. Im November 1936 stahlen GPU-Agenten einen Teil von Trotzkis Archiven in Paris, in der Hoffnung, Material für die Konstruktion neuer abgekarteter Prozesse zu finden. Der Prozeß gegen Sinowjew und Kamenew rief tiefes Mißtrauen in der Arbeiterbewegung und bei Teilen der Intelligenz hervor. Trotz der Geständnisse fanden viele es unglaubwürdig, daß alte Bolschewiki, Gründer des Sowjetstaates, sich in Terroristen und Agenten Hitlers verwandelt haben sollten. Die Skepsis hinsichtlich des Prozesses verstärkte sich noch, als offensichtliche Lügen und unmögliche Widersprüche in den Aussagen vieler Angeklagten enthüllt wurden. Berüchtigt war die Behauptung eines weniger bekannten Angeklagten namens Eduard Holtzmann, er habe Leo Sedow im November 1932 im Foyer des Hotels Bristol in Kopenhagen getroffen. Bald wurde in Zeitungsartikeln enthüllt, daß das eine reine Erfindung war. Nicht nur trat Sedow den Beweis an, daß er nie in Kopenhagen gewesen war - ein Visum für Dänemark war ihm verweigert worden, - das Treffen war auch physisch unmöglich: Das Hotel Bristol war nämlich 1917 abgerissen und bis 1936 nicht wieder aufgebaut worden! Während Trotzki weiterhin von der "sozialistischen" Regierung Norwegens isoliert wurde, organisierten seine Anhänger auf der ganzen Welt eine politische Offensive, mit der Stalins gefälschte Anklagen entlarvt wurden. In Frankreich schrieb Leo Sedow eine vernichtende Untersuchung der Geständnisse der Angeklagten. Sie trug den Titel Le Livre Rouge (Rotbuch über den Moskauer Prozess 1936). Darin zeigte Sedow auf, daß die angeblichen Treffen zwischen den Angeklagten, ihm selbst und Trotzki, bei denen letzterer Anweisungen zur Ermordung Stalins gegeben haben sollte, reine Erfindungen der GPU waren. Er machte deutlich, wie absurd die Geständnisse waren, und auf welcher politischen und psychologischen Grundlage sie beruhten. Er erklärte: "Das Verhalten der Angeklagten im Prozeß war nur ein tragischer Abschluß, die letzte Etappe ihres politischen Falls. ... Bevor Stalin sie physisch vernichtete, hatte er sie bereits gebrochen und moralisch vernichtet." (Rotbuch, S. 37). Die amerikanische trotzkistische Bewegung brachte das Buch Behind the Moscow Trials von Max Shachtman heraus, eine gründliche Untersuchung der falschen Anklagen. Shachtman wies darin nach, daß es für Trotzki, einen lebenslangen Gegner des individuellen Terrors, politisch völlig undenkbar war, zu Attentatsmethoden Zuflucht zu nehmen. Er nahm die Aussagen der Angeklagten auseinander und entlarvte beispielsweise die Behauptung von Nathan Lurie, 1932 in Rußland einen Mitverschwörer getroffen zu haben, "der auf direkte Anweisung von Heinrich Himmler, dem Chef der Gestapo, in die Sowjetunion geschickt worden war". Shachtman wies darauf hin, daß es 1932 noch gar keine Gestapo gab, da Hitler sie erst nach seiner Machtübernahme 1933 geschaffen hatte. Trotzki: "Ich setze mein Leben ein"Stalins Hoffnungen, Trotzki zum Schweigen zu bringen, erhielten im Dezember 1936 einen schweren Rückschlag, als die bürgerlich-nationalistische Regierung von Lazaro Cardenas in Mexiko Trotzki politisches Asyl gewährte. Der unerbittlichste politische Gegner des stalinistischen Regimes kam im Januar 1937 an Bord des Öltankers Ruth in Mexiko an und erneuerte sofort seinen Aufruf, eine internationale Untersuchungskommission zu bilden, um die Moskauer Schauprozesse zu entlarven. Trotzki forderte die sowjetische Regierung auf, seine Auslieferung zu beantragen. Stalin lehnte das aus gutem Grund ab. Um Trotzkis Ausweisung zu beantragen, hätte seine Regierung nämlich vor Gericht Beweise vorlegen müssen. Solche Beweise existierten jedoch nicht. In einer Rede vor einer Massenversammlung in New York erklärte Trotzki am 9. Februar 1937, warum eine Untersuchung von Stalins Beschuldigungen notwendig sei. Er hatte vorgehabt, über eine Telefonverbindung zur Versammlung zu sprechen, in letzter Minute gelang es den Stalinisten jedoch, die Leitung von Mexiko-City nach New York zu unterbrechen. Stattdessen wurde der Text der Rede, der bereits vorher nach New York geschickt worden war, dort vor dem Publikum verlesen. Trotzki erklärte: "Warum fürchtet man in Moskau die Stimme eines einzelnen Menschen derart? Nur weil ich die Wahrheit, die ganze Wahrheit weiß. Nur weil ich nichts zu verbergen habe. Nur weil ich bereit bin, öffentlich einer unparteiischen Untersuchungskommission Dokumente, Tatsachen und Beweise vorzulegen und die Wahrheit ganz aufzudecken. Ich erkläre: sollte diese Kommission zu der Feststellung kommen, daß ich auch nur zum kleinsten Teil jener Verbrechen schuldig bin, derer mich Stalin bezichtigt, so verpflichte ich mich im voraus, mich freiwillig den Henkern der GPU auszuliefern. Ich hoffe, das ist deutlich. Ich gebe diese Erklärung vor der Weltöffentlichkeit ab. Ich bitte die Presse, diese meine Worte bis in die entlegensten Winkel unseres Planeten zu übermitteln. Wenn aber die Kommission feststellt, daß die Moskauer Prozesse eine bewußte und absichtliche Fälschung sind, errichtet auf menschlichen Nerven und Knochen, so werde ich von meinen Anklägern nicht verlangen, daß sie sich dem Hinrichtungskommando freiwillig stellen. Nein, die ewige Schande im Gedenken aller Menschen ist genug. Hört mich der Ankläger im Kreml? Ich schleudere den Anklägern im Kreml meine Herausforderung ins Gesicht. Und ich warte auf ihre Antwort!" (I Stake My Life [Ich setze mein Leben ein], "Rede über den Moskauer Prozeß", Trotzki-Schriften 1.2, Rasch und Röhring-Verlag, S. 1019) Zu dem erniedrigenden Charakter der Geständnisse sagte Trotzki: "Die Moskauer Prozesse entehren die Revolution nicht; sie sind Kinder der Reaktion. Die Moskauer Prozesse entehren die alte Generation der Bolschewiki nicht: sie zeigen nur, daß auch Bolschewiki aus Fleisch und Blut sind und daß sie es nicht endlos ertragen können, wenn über ihren Köpfen jahrelang das Todespendel schwebt. Die Moskauer Prozesse entehren das politische Regime, das sie erzeugt hat: das Regime des Bonapartismus ohne Ehre und Gewissen! Sämtliche Erschossenen starben mit Flüchen auf den Lippen gegen dieses Regime. Wer Lust hat, mag Tränen darüber vergießen, daß die Geschichte sich im Zickzack bewegt: zwei Schritte vorwärts, einen Schritt zurück. Tränen helfen aber nicht. Man muß, wie Spinoza empfiehlt, nicht lachen, nicht weinen, sondern begreifen. Versuchen wir zu begreifen!" (ebd. S.1035) Trotzki schloß seine Rede mit den bewegenden Worten: "Die Frage stellt sich folgendermaßen: der demoralisierten Bürokratie gegen das Volk helfen oder den fortschrittlichen Kräften des Volkes gegen die Bürokratie. Die Moskauer Prozesse sind ein Signal. Wehe dem, der es nicht hört! Der Reichstagsbrand-Prozeß war selbstverständlich von großer Bedeutung. Aber dort ging es um den verächtlichen Faschismus, um die Verkörperung aller Laster der Finsternis und Barbarei. Die Moskauer Verbrechen geschehen unter dem Banner des Sozialismus. Dieses Banner werden wir den Oberfälschern nicht überlassen! Wenn unsere Generation sich als zu schwach erweist, den Sozialismus auf der Erde zu verwirklichen, so wollen wir das Banner unbefleckt unseren Kindern weitergeben. Der Kampf, der bevorsteht, übersteigt bei weitem die Kräfte einzelner Menschen, Fraktionen oder Parteien. Es ist der Kampf um die Zukunft der ganzen Menschheit. Er wird hart sein. Er wird langwierig sein. Wer physische Ruhe und seelischen Komfort sucht, der trete beiseite. In Zeiten der Reaktion ist es bequemer, sich auf die Bürokratie als auf die Wahrheit zu stützen. Aber alle, für die der Sozialismus kein leeres Wort ist, sondern der Inhalt des sittlichen Lebens - vorwärts! Weder Drohungen noch Verfolgungen, noch Gewalt werden uns aufhalten. Vielleicht werden wir zugrunde gehen, aber die Wahrheit wird triumphieren! Wir werden ihr den Weg bahnen. Sie wird siegen." (ebd. S.1038-39) Stalinistische VerleumdungenUm einen Gegenprozeß zu führen und auf Stalins falsche Anschuldigungen zu antworten, mußte man mit beträchtlichen Behinderungen rechnen. Gestützt auf die Ressourcen des sowjetischen Staatsapparates griffen die stalinisierten Kommunistischen Parteien der Welt zu den Mitteln der Bestechung, Einschüchterung und Verleumdung, um die Unterstützung für Trotzki zu untergraben. Eine typische Schlagzeile des Daily Worker, der Zeitung der amerikanischen Kommunistischen Partei lautete: "Hitlers oberster Mörder Himmler organisierte gemeine trotzkistische Mordverschwörung gegen Führer der Sowjetunion." Stalinistische Zeitungsberichte aus Moskau erklärten: "Trotzki forderte aus Machtgier Stalins Ermordung" und "Trotzkismus, von den Massen verachtet, nutzt Nazi-Hilfe gegen UdSSR". Die Stalinisten nahmen die Hilfe prinzipienloser Anwälte und Journalisten in Anspruch, um die Moskauer Justiz zu verherrlichen. Ein solches Individuum war der britische Anwalt D.N. Pritt, ein früherer Tory (Mitglied der Konservativen Partei), der ein Buch zur Verteidigung des Prozesses gegen Sinowjew und Kamenew verfaßte. Pritt schrieb: "Wieder einmal werden die weichherzigeren Sozialisten von Zweifeln und Vorbehalten geplagt", aber "wir können zuversichtlich sein, daß wenn sich der Rauch vom Schlachtfeld der Auseinandersetzungen verzogen hat, man die Anklagen als wahr, die Geständnisse als korrekt und die Verhandlung als fair erkennen wird" (zitiert nach Workers Press, 25.5.1972). In den USA bezeichnete der Korrespondent der New York Times, Walter Duranty, die Prozesse als fair, ebenso Joseph Davies, der Botschafter von Präsident Franklin D. Roosevelt in der Sowjetunion. Davies schrieb ein Buch mit dem Titel Mission to Moscow (Mission in Moskau), nach dem sogar ein Film gedreht wurde, um die Moskauer Prozesse weiß zu waschen. Mit nur wenigen Ausnahmen unterstützten die amerikanischen Liberalen die Stalinisten. Die Zeitschriften The Nation und die New Republic verteidigten die Prozesse. Malcolm Cowley, ein bekannter Buchkritiker und Herausgeber der New Republic, schrieb einen hochgestochenen und selbstgefälligen Artikel, in dem er die Moskauer Prozesse verteidigte. Unkritisch pries er den offiziellen Bericht der sowjetischen Bürokratie: "Vom literarischen Gesichtspunkt her ist ,Die Strafsache des antisowjetischen trotzkistischen Zentrums' eine außergewöhnliche Kombination einer wahren Detektivgeschichte und einer hohen elisabethanischen Tragödie mit komischem Einschlag. Nur unter der Annahme, daß Marlowe und Webster sich an der Inszenierung beteiligt hätten, hätte ich es als Fälschung ansehen können. Vom Standpunkt der Information her beantwortet es die meisten Fragen, die ich mir nach den kurzen Zeitungsmeldungen über den Prozeß gestellt hatte..." (zitiert nach David North, Sozialismus, die historische Wahrheit und die Krise des politischen Denkens in den Vereinigten Staaten). Auf Trotzkis Rat hin nutzte die Workers Party unter Führung von James P. Cannon die Krise der amerikanischen Sozialdemokratie und trat in die Socialist Party von Norman Thomas ein. Dieses prinzipienfeste taktische Manöver eröffnete ihr ein breiteres politisches Betätigungsfeld und verschaffte den Trotzkisten Zugang zu einer Schicht von radikalen Intellektuellen, die beim Aufbau des amerikanischen Komitees zur Verteidigung von Leo Trotzki mithalfen. Trotzki kritisierte die Arbeit des Komitees jedoch auch in mancher Hinsicht, besonders die Tendenz von George Novack und anderen in New York, sich an die Führung der Socialist Party anzupassen. Er verurteilte scharf die versöhnliche Haltung gegenüber Elementen wie Fenner Brockway vom zentristischen Londoner Büro, die gegen die Untersuchung waren: "Die Politik, sich an die Rechte anzupassen, stellt letztlich nur die Niederlage sicher", schrieb Trotzki. Trotz des enormen Drucks der Stalinisten, die die Mitglieder des Verteidigungskomitees bedrohten und verfolgten, brachten Trotzkis Anhänger eine Untersuchungskommission zustande. Unter denen, die ihre Mitarbeit zusagten, waren James T. Farrell, Autor der Studs Lonigan-Trilogie; Suzanne LaFollette, Autorin und Journalistin; John R. Chamberlain, früher Literaturkritiker für die New York Times; Wendelin Thomas, Führer des Wilhelmshavener Matrosenaufstands vom 7. November 1918; Carlo Tresca, ein amerikanischer anarchosyndikalistischer Führer; Otto Rühle, ein früherer sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter und Verfasser einer Biographie von Karl Marx; Alfred Rosmer, ein ehemaliger Führer der französischen Kommunistischen Partei; Francisco Zamora, ein mexikanischer Journalist; Benjamin Stolberg, amerikanischer Autor und Journalist, und Edward Alsworth Ross, ein amerikanischer Autor und Pädagoge. Dewey beteiligt sichDer größte Durchbruch gelang, als John Dewey, damals 78 Jahre alt, sich bereit erklärte, den Vorsitz des Komitees zu übernehmen. Im Gegensatz zur Mehrheit der liberalen Intellektuellen in den USA, die es, wie Trotzki sagte, leichter fanden, sich auf die Bürokratie als auf die historische Wahrheit zu stützen, bestand Dewey darauf, daß Trotzki das Recht habe, sich gegen die Beschuldigungen zu verteidigen, die bei den Moskauer Prozessen gegen ihn erhoben worden waren. Als er erklärte, warum er diese schwierige Aufgabe übernahm, griff Dewey diejenigen Liberalen an, die Trotzki das Recht absprachen, sich gegen Stalins Anklagen zu verteidigen: "Entweder ist Leo Trotzki schuldig der Verschwörung zum Mord, der systematischen Sabotage mit der Zerstörung von Leben und Eigentum, des niedrigsten Verrats, des Komplotts mit politischen und ökonomischen Gegnern der UdSSR zur Vernichtung des Sozialismus, - oder er ist unschuldig. Wenn er schuldig ist, kann kein Urteil zu hart sein. Wenn er unschuldig ist, kann das bestehende Regime in Sowjetrußland unter keinen Umständen von der bewußten, systematischen Unterdrückung und Fälschung freigesprochen werden. Vor dieser unangenehmen Alternative steht jeder, der mit den Versuchen zum Aufbau eines sozialistischen Staates in Rußland sympathisiert. Der leichtere und bequemere Weg besteht darin, diesen Alternativen aus dem Weg zu gehen. Aber die fehlende Bereitschaft, unangenehmen Dingen ins Auge zu sehen, ist die übliche Schwäche der Liberalen. Sie sind leicht allzu tapfer, wenn alles in ruhigen Bahnen verläuft, und schrecken dann zurück, wenn unangenehme Umstände Entschlußkraft und Taten verlangen. Ich kann nicht glauben, daß auch nur ein einziger Liberaler, wenn er den Tatsachen ins Gesicht sehen würde, die Meinung vertreten könnte, daß Unterdrückung und Fälschung eine feste Grundlage für den Aufbau einer stabilen sozialistischen Gesellschaft abgeben" (zitiert nach David North, Der Sozialismus, die historische Wahrheit und die Krise des politischen Denkens in den Vereinigten Staaten). Gegen den Widerstand seiner Familie, die um seine Sicherheit besorgt war, erklärte sich Dewey bereit, nach Mexiko zu gehen und den Vorsitz einer Vorkommission zu übernehmen, vor der Trotzki aussagte. Weitere Mitglieder waren LaFollette, Rühle und Stolberg. John F. Finerty, der Anwalt von Sacco und Vanzetti, diente der Kommission als Berater. Carleton Beals, ein amerikanischer Journalist, der sich später als U-Boot der GPU herausstellte, beteiligte sich ebenfalls an der Kommission, weil bekanntere Leute in letzter Minute doch noch abgesagt hatten. Nachdem die mexikanischen Stalinisten mit Demonstrationen gegen die Anhörung gedroht hatten, entschied die Vorkommission, aus Sicherheitsgründen ihre öffentlichen Sitzungen im Haus von Diego Rivera abzuhalten, dem berühmten mexikanischen Maler und Freund von Trotzki. Die Kommission forderte die Stalinisten auf, an den Anhörungen teilzunehmen und Trotzki zu befragen. Sie schickte Einladungen an die amerikanische Kommunistische Partei, die mexikanische Kommunistische Partei, den sowjetischen Botschafter in den USA und an Vincente Lombardo Toledano, den führenden stalinistischen Gewerkschaftsführer in Mexiko. Sie lehnten allesamt ab. Die Anhörungen begannen am 10. April und dauerten sieben Tage. Trotzki selbst stellte ihnen die Aufgabe, nicht einfach nur erhebliche Zweifel an Stalins Beschuldigungen aufzubringen, sondern seine völlige Unschuld zu beweisen. Mitten in den Untersuchungen mußte Trotzki plötzlich mit einer Provokation von Beals fertigwerden. Aus heiterem Himmel fragte Beals ihn nach seinen Beziehungen zu einem M. Borodin, der angeblich auf Anweisung Trotzkis 1919 nach Mexiko geschickt worden sei, um dort "eine Revolution anzuzetteln". Mit solchen Fragen zielte Beals darauf ab, Trotzkis Beziehungen zur mexikanischen Regierung zu vergiften und sein Asyl zu gefährden. Trotzki antwortete, Beals Informant müsse ein Lügner sein, und forderte ihn auf, seine Quelle beim Namen zu nennen. Am nächsten Tag schied Beals mit der Begründung aus der Vorkommission aus, die Anhörungen seien "keine wirklich seriösen Untersuchungen der Anschuldigungen". Dewey und die anderen Mitglieder der Kommission wiesen das zurück, und die Anhörungen gingen dann ohne weitere Zwischenfälle weiter. Beals veröffentlichte später in der mexikanischen Zeitschrift Futuro einen verlogenen Bericht über die Anhörungen. In den 13 Sitzungen bot Trotzki alle seine geistigen Ressourcen auf, und das Ergebnis war eine vernichtende Entlarvung der Moskauer Schauprozesse. Seine Leistung war doppelt außergewöhnlich, weil er nicht in seiner Muttersprache Russisch, sondern in Englisch sprach. Die Niederschrift von Trotzkis Aussagen umfaßte etwa 600 Seiten. Er ging detailliert und präzise auf eine riesige Bandbreite von Fragen ein, von seiner persönlichen Biographie über die Ursprünge der Sowjetbürokratie bis hin zu verschiedenen Fragen revolutionärer Politik. Er beschrieb bis ins Detail jede seiner Bewegungen im Exil und wies an Hand von Dokumenten nach, daß er unmöglich Holtzmann, Pjatakow oder sonst einen angeblichen Terroristen getroffen haben konnte, wie das in den "Geständnissen" behauptet worden war. Trotzki nahm die Aussagen der Angeklagten auseinander und zeigte auf, daß ihre Künstlichkeit und Widersprüchlichkeit die Handschrift der GPU verriet. Trotzkis Aussage machte klar, wie absurd die Beschuldigung des Kremls war, er habe Anschläge und Sabotage befohlen. Er wies nach, daß er Zeit seines Lebens ein Gegner des individuellen Terrors gewesen war. Insbesondere widerlegte er die Beschuldigung, er strebe nach Stalins Tod. Trotzki zitierte Dokumente, in denen eine solche Politik ausdrücklich abgelehnt wurde. Im Juli 1936 hatte die trotzkistische Weltbewegung eine Erklärung verabschiedet, die u.a. erklärte: "Getreu den Traditionen des Marxismus lehnt die Vierte Internationale den individuellen Terror entschieden ab, wie sie auch alle anderen Mittel des politischen Abenteurertums ablehnt. Die Bürokratie kann nur durch die zielbewußte Bewegung der Massen gegen die Usurpatoren, Schmarotzer und Unterdrücker zerschlagen werden." (Übersetzt nach: The Case of Leon Trotsky, S.272) Trotzkis AbschlußredeTrotzkis Abschlußrede vor der Vorkommission dauerte vier Stunden. Darin zerpflückte er alle Lügen und Verleumdungen der Stalinisten und ihrer Anhänger. Er antwortete auch auf die Argumente derer, die den stalinistischen Anschuldigungen zwar nicht glaubten, aber gleichzeitig zögerten, die Konsequenzen zu ziehen. Der bekannte Historiker Charles Beard nahm z.B. mit der Begründung nicht an der Kommission teil, daß man etwas Negatives (die Unwahrheit der Anklagen) nicht beweisen könne. Darauf erwiderte Trotzki, daß es nicht einfach darum gehe, etwas Negatives zu beweisen, sondern die positive Tatsache, daß "Stalin die größte Justizverschwörung der menschlichen Geschichte organisiert hat" (ebd. S. 466). Wie Trotzki feststellte, trug der künstliche Charakter der Geständnisse alle Kennzeichen des totalitären Regimes, das sie hervorgebracht hatte. Die Angeklagten hatten ihren Aussagen zufolge an einer großangelegten Verschwörung teilgenommen, die zum Ziel hatte, sowjetische Führer zu ermorden und die Industrie zu sabotieren. Über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg hätten demzufolge hunderte, wenn nicht tausende von Menschen daran teilgenommen. Warum war die Regierung nicht in der Lage, auch nur ein einziges Beweisstück, nur ein Dokument beizubringen, das die Aussagen stützen konnte? Trotzki bemerkte, daß es in der Geschichte revolutionärer wie konterrevolutionärer Bewegungen noch nie dagewesen sei, daß erfahrene Verschwörer reihenweise die furchtbarsten Verbrechen zugaben, ohne daß auch nur die geringsten Beweise dafür existierten. "Wie ist es zu erklären, daß Kriminelle, die gestern noch Führer ermorden ließen, die Wirtschaft geschädigt, Krieg und die Zerstückelung des Landes vorbereitet haben, heute so fügsam das Lied des Staatsanwalts singen? Diese beiden Grundlagen der Moskauer Prozesse - das Fehlen von Beweisen und der epidemische Charakter der Geständnisse - können jeden denkenden Menschen nur mißtrauisch machen". Trotzki wies darauf hin, daß die Anklagen der Moskauer Prozesse einen offensichtlichen Widerspruch enthielten, den die Staatsanwaltschaft offenbar nicht bemerkte. Während die Stalinisten darauf bestanden, daß Trotzki in der Sowjetunion keinerlei politische Unterstützung habe, hätten die Verschwörungen, die er angeblich organisiert haben sollte, tausende von Menschen einbeziehen müssen, hätte es sie denn tatsächlich gegeben. So etwa am Beispiel der Sabotage. Einer der Angeklagten, J.A. Knasew, Leiter der Eisenbahnen im Süden, "gestand", 1935 und '36 ganze 3.500 Zugunglücke organisiert zu haben, das wären durchschnittlich etwa fünf pro Tag gewesen! Ähnliche Anklagen wurden in Bezug auf die Bergwerke und die chemische Industrie erhoben. Trotzki kommentierte ironisch, daß seine Anhänger die sowjetische Industrie von oben bis unten infiltriert haben müßten, um solche Schäden zustande bringen zu können. Trotzki verachtete die Schriftsteller und Akademiker, die ihre Fähigkeiten der stalinistischen Bürokratie zur Verfügung stellten. "Ein indirektes, aber sehr wichtiges Ergebnis der Kommission wird die Säuberung der radikalen Reihen von den ,linken' Kriechern sein, von den politischen Schmarotzern, ,revolutionären' Höflingen und all den Herrschaften, die unter Freundschaft zur Sowjetunion die Freundschaft zum sowjetischen Staatsverlag verstehen, oder einfach gewöhnliche Mietlinge der GPU sind", erklärte er (ebd. S.567). In seiner Abschlußrede zollte er dem Komitee und dessen Vorsitzendem Dewey seine Anerkennung: "Verehrte Kommissionsmitglieder, die Erfahrungen meines Lebens, dem es weder an Erfolgen, noch an Mißerfolgen mangelte, hat meinen Glauben an die lichte, helle Zukunft der Menschheit nicht nur nicht zerstört, sondern ihm eine unzerstörbare Festigkeit verliehen. Den Glauben an Vernunft, Wahrheit und menschliche Solidarität, der mich im Alter von achtzehn Jahren in die Arbeiterviertel der russischen Kleinstadt Nikolajew führte, habe ich mir voll und ganz erhalten. Er ist reifer, aber nicht weniger glühend geworden. Allein in der Tatsache, daß Ihre Kommission gegründet wurde - und daß an ihrer Spitze ein Mann von unerschütterlicher moralischer Autorität steht, ein Mann, der aufgrund seines Alters das Recht haben sollte, den Scharmützeln der politischen Arena fernzubleiben - in dieser Tatsache sehe ich eine neue, wahrhaft großartige Bestätigung des revolutionären Optimismus, der das Grundelement meines Lebens bildet", (zitiert nach David North, Der Sozialismus, die historische Wahrheitund die Krise des politischen Denkens in den Vereinigten Staaten). Die Rede machte einen so mächtigen Eindruck, daß die Zuhörer an ihrem Ende spontan applaudierten. Auf einem Empfang nach der Anhörung fand nach den Erinnerungen Albert Glotzers, dem Schreiber der Kommission, folgende Episode statt: "Mitten während der Unterhaltungen der Leute, die sich in den großen Zimmern des Hauses aufhielten, brach auf einmal in einer Ecke des Raums, in dem Trotzki und Dewey sich unterhielten, großes Gelächter los. Ich fragte Fränkel, was denn der Grund für die Heiterkeit sei. Er grinste: 'Dewey hat zu Trotzki gesagt, ,wenn alle Kommunisten so wären wie Sie, wäre ich auch Kommunist.' Darauf hat Trotzki geantwortet: ,wenn alle Liberalen so wären wie Sie, wäre ich auch ein Liberaler.'' Diese Spöttelei drückte den Respekt aus, den die zwei Hauptfiguren der Anhörungen einander entgegenbrachten", (übersetzt nach: Albert Glotzer, Trotsky: Memoir and Critique [New York: Prometheus Books, 19xx], S. 271). Die ErgebnisseNach neun Monaten hatte die Kommission ihre Arbeit abgeschlossen. Die Zusammenfassung ihrer Ergebnisse veröffentlichte sie in dem 422 Seiten starken Buch Not Guilty (Nicht schuldig). Ihre Schlußfolgerungen bewiesen nicht nur die Unschuld Trotzkis und aller in den Moskauer Prozessen Verurteilten, sondern auch die Schuld Stalins, eine monströse Justizverschwörung organisiert zu haben. Zusammenfassend schrieb die Kommission: "Unabhängig von Beweisen, die hier unerheblich sind, kommt die Kommission zu folgenden Schlußfolgerungen: "1. Die Moskauer Prozesse wurden in einer Weise durchgeführt, als sollte jede vorurteilsfreie Person überzeugt werden, daß dabei nicht versucht wurde, die Wahrheit zu ermitteln. 2. Da die Geständnisse natürlich am gründlichsten untersucht werden müssen, kommt die Kommission zu dem Schluß, daß sie solche Unstimmigkeiten enthalten, daß sie der Wahrheit offensichtlich nicht entsprechen, unabhängig durch welche Mittel sie zustande gekommen sind." Auf der Grundlage der Beweise, die sie untersucht hatte, wies die Kommission alle Behauptungen zurück, daß Trotzki jemals einen der Angeklagten getroffen oder terroristische Anweisungen gegeben habe. Was Trotzkis politische Ansichten betraf, so erklärte die Kommission: "19. Wir stellen fest, daß Trotzki niemals einen der Angeklagten oder Zeugen in den Moskauer Prozessen angewiesen hat, mit fremden Mächten Bündnisse gegen die Sowjetunion einzugehen. Im Gegenteil, er ist immer für die Verteidigung der UdSSR eingetreten. Er ist auch immer ein erbitterter ideologischer Gegner des durch jene fremden Mächte vertretenen Faschismus gewesen, mit denen er der Zusammenarbeit beschuldigt wird." "20. Auf der Grundlage aller uns zugänglichen Beweise kommen wir zu dem Schluß, daß Trotzki niemals die Restauration des Kapitalismus in der UdSSR befürwortet, angestrebt, oder sich dazu mit irgendjemandem verschworen hat. Im Gegenteil, er war immer ein kompromißloser Gegner der Restauration des Kapitalismus in der UdSSR und seines Bestehens überall auf der Welt." "21. Wir stellen fest, daß der Staatsanwalt Trotzkis Rolle vor, während und nach der Oktoberrevolution in fantastischer Weise verfälscht hat." Die Kommission schloß: "Aus diesen Gründen stellen wir fest, daß die Moskauer Prozesse Justizverschwörungen waren. Daher befinden wir Trotzki und Sedow für nicht schuldig" (übersetzt nach: Leon Trotsky, Stalin's Frame-up System and the Moscow Trials [New York: Pioneer Publishers, 19ff] S. 129-31). Dieses Urteil ist von der Geschichte in vollem Umfang bestätigt worden. Kurz bevor das stalinistische Regime in der Sowjetunion zusammenbrach, war es gezwungen, alle während der Moskauer Prozesse Hingerichteten zu rehabilitieren. Der Name Trotzkis, des Mannes, der richtigerweise vor der Zerstörung der UdSSR durch die Bürokratie gewarnt hatte, blieb jedoch bis zum Schluß geächtet. Die große Bedeutung der Dewey-Kommission geht weit darüber hinaus, daß sie den Namen Trotzkis und der alten Bolschewiki reingewaschen hat. Die Prozesse waren ja nicht nur eine ungerechte Anklage gegen unschuldige Individuen, sondern eine Verleumdung des Sozialismus selbst. In den vergangenen sechzig Jahren hat der Kapitalismus mit einigem Erfolg versucht, die Moskauer Prozesse und andere Verbrechen Stalins im Namen des Sozialismus zu benutzen, um die Legitimität revolutionärer Veränderungen überhaupt zu bestreiten. Daß die Dewey-Kommission zustande kam, war ein großer Erfolg der trotzkistischen Bewegung, wodurch sie die Lügen des Stalinismus entlarven und die Behauptung widerlegen konnte, er sei mit Sozialismus gleichzusetzen. Aus diesem Grund ist es für jedermann, der ernsthaft an einer sozialistischen Perspektive interessiert ist, absolut notwendig, sich mit der Entlarvung der Moskauer Prozesse vertraut zu machen. Wie Trotzki vorhersagte, ist der Kampf für die historische Wahrheit langwierig und beschwerlich. Wenn die Geschichte jedoch eines zeigt, dann die Macht korrekter Ideen, deren Zeit gekommen ist. © neue Arbeiterpresse, Nr. 860, 12. Juni 1997 Copyright 1998 - 2008 World Socialist Web Site Alle Rechte vorbehalten! |