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zurück zum Inhalt dieser Ausgabe William Shakespeares "Hamlet"FilmbesprechungDavid WalshMit seiner Filmversion von William Shakespeares "Hamlet" bietet der britische Schauspieler und Regisseur Kenneth Branagh eine ehrliche und geistreiche Interpretation dieses Dramas, das zu den außergewöhnlichsten Werken der Theatergeschichte gehört. Branaghs Entscheidung, eine ungekürzte vierstündige Filmfassung zu drehen, kann aus mehreren Gründen nur begrüßt werden. Ein solches Werk zu schaffen, das im Kino nur ein paarmal am Tag gezeigt werden kann, bedeutet, die Marktgesetze zu mißachten, die die heutige kommerzielle Filmwelt voll und ganz beherrschen. Mit der Verfilmung von "Hamlet" hat Branagh darüber hinaus ein weiteres Grundprinzip der Unterhaltungsindustrie verletzt, das darin besteht, das gewöhnliche Filmpublikum als eine Ansammlung von Idioten zu betrachten, dem man nur den simpelsten Stoff ohne Sinn und Verstand vorsetzen kann. Es scheint, daß Branaghs Kunst von einem tiefen Vertrauen zu Shakespeare durchdrungen ist, und daß ihn die unerschütterliche und fast pädagogische Absicht beseelt, den Dichter aus elisabethanischer Zeit zu breiten Schichten der heutigen Bevölkerung sprechen zu lassen. Das ist nicht das schlechteste Motiv. Für fünfzehn Millionen Dollar - ein Pappenstiel nach heutigem Standard - hat Branagh eine ganze Crew talentierter Spitzenstars für seine Produktion gewonnen, darunter Derek Jacobi, Julie Christie, Richard Briers, Michael Maloney, Kate Winslett, Jack Lemmon, Billy Crystal, Robin Williams, Gerard Dépardieu und Charlton Heston. Nicht jede Aufführung von "Hamlet" kann als Bereicherung des kulturellen Lebens bezeichnet werden. Das Stück gehört zum üblichen Repertoire, über das man nicht weiter nachdenkt. Für eine bestimmte gebildete Gesellschaftsschicht ist es selbstverständlich, "Hamlet" zu kennen, obwohl seine düsteren Seiten für viele ein Buch mit sieben Siegeln darstellen. Eine ernst zu nehmende Inszenierung dieses Stücks ist jedoch eine wirkliche Herausforderung. Sie erfordert intellektuellen Mut und trägt gerade dadurch dazu bei, das öffentliche Bewußtsein zu schärfen und zu bereichern, - und sei es nur durch ihre implizite Kritik an den üblichen seichten Beispielen zeitgenössischer Kultur. Der Film ist eine redliche Arbeit, er ist kein makellos vollkommenes Kunstwerk. Der 36jährige Branagh aus Belfast ist ein ausgezeichneter Schauspieler und talentierter Regisseur, der mit andern Schauspielern umgehen kann. Er ist kein Genie, was seine visuelle und filmische Begabung angeht. Seine früheren Versuche, Shakespeare-Dramen zu verfilmen - "Heinrich V." (1989) und "Viel Lärm um nichts" (1993) - waren lebendig und interessant, aber mit Mängeln behaftet. Seine übrigen Filme - "Dead again" (1991), "Peters Friends" (1992), "Mary Shelleys Frankenstein" (1994) und "A Midwinters Tale" (1995) - legen relativ wenig Ehre für ihn ein. Auch in "Hamlet" scheinen seine Beleuchtung, die Kameraführung, der Szenenaufbau, die Kostüme und die Musikzusammenstellung dem reinen Zufall zu entspringen. Das ist keine Haarspalterei, denn es besteht immer die Gefahr, daß ein Film, dessen Stärke vor allem im gesprochenen Wort liegt, dem Betrachter dann auch als "bloße Worte" erscheint. Alles in allem jedoch erweist sich die Tatsache, daß der gesamte Text des Stücks gebracht wird, als ein großes Plus. Das wird übrigens sehr selten realisiert, - die Filmversion von Laurence Olivier aus dem Jahr 1948 ist z. B. zwei Stunden kürzer. Branaghs Bemühen, jede einzelne Szene in ihrer Bedeutung herauszuarbeiten, fördert die Tiefe von "Hamlet" zutage, wenn sie auch nicht restlos ausgelotet wird. Branagh ist weder ein Opportunist, noch ist er bloß daran interessiert, seine deklamatorischen Fähigkeiten spielen zu lassen. Seine künstlerische Integrität behält die Oberhand. Man nimmt an, daß Shakespeare "Hamlet" im Jahr 1600 geschrieben hat. Die eigentliche Handlung des Stücks ist allgemein bekannt: Ein dänischer Prinz macht es sich selbst zur Aufgabe, den Mord an seinem Vater, dem König - begangen von des Königs eigenem Bruder - zu rächen. Der Mörder hat die Witwe des Opfers zur Frau genommen. Die Geschichte hat ihren Ursprung in einem skandinavischen Volksmärchen, das der Däne Saxo Grammaticus im 12. Jahrhundert niedergeschrieben hat. Der Franzose Fran_ois de Belleforest schrieb 1580 eine Neufassung. Thomas Kyd oder ein anderer Zeitgenosse Shakespeares hat, so wird vermutet, die Geschichte irgendwann vor 1598 für die englische Bühne bearbeitet. Während jenes Stück verlorengegangen ist, war Shakespeares Version von Anfang an populär und ist es bis heute geblieben. Vom sozio-historischen Standpunkt ist das Dilemma, das dem Stück zugrunde liegt, nicht schwer zu verstehen. Bertold Brecht hat eine Interpretation geliefert, die nach wie vor brauchbar ist, wenn sie auch ihre Grenzen hat. Branaghs Inszenierung deutet stark darauf hin, daß er diese Interpretation kennt. Brecht merkte an, daß das Stück in einer kriegerischen Zeit spielt, und daß die blutigen Machtkämpfe innerhalb Dänemarks und zwischen Dänemark und Norwegen - den Ländern, in denen die eigentliche Handlung sich abspielt - wichtig sind. In den meisten Inszenierungen, z. B. in der von Olivier, spielen diese Elemente kaum eine oder gar keine Rolle. Nach Brechts Auffassung kommt es jedoch im Stück zu einem Wendepunkt, als Hamlet dem norwegischen Prinzen Fortinbras begegnet, der seine Armee in einen Raubkrieg gegen Polen führt. Brecht schreibt: "Überwältigt durch das kriegerische Beispiel, kehrt er [Hamlet] um, schlachtet in einem barbarischen Gemetzel seinen Onkel, seine Mutter und sich selbst und überläßt Dänemark dem Norweger. In diesen Vorgängen sieht man den jungen .... Menschen die neue Vernunft, die er auf der Universität in Wittenberg bezogen hat, recht unzulänglich anwenden. Sie kommt ihm bei den feudalen Geschäften, in die er zurückkehrt, in die Quere. Angesichts der unvernünftigen Praxis ist seine Vernunft ganz unpraktisch." Diese Interpretation ist sicherlich um einiges besser als die Auffassung, das Stück sei lediglich die Studie eines Mannes, der "nicht in der Lage ist, einen Entschluß zu fassen". Es wäre jedoch tatsächlich zu kurz gegriffen, die Sache hiermit auf sich beruhen zu lassen. Der Konflikt zwischen der "neuen Vernunft" und den "feudalen Geschäften" fand seinen künstlerischen Niederschlag in zahllosen Werken, von denen viele heute nicht mehr gelesen oder aufgeführt werden. "Hamlet" jedoch fasziniert uns heute noch. Warum? Zunächst ist da natürlich die Sprache, der Esprit, die ungeheure Vielfalt an Stimmen und Zwischentönen, die Branaghs Aufführung dem Zuschauer nahebringt. Es gibt so viele bekannte geflügelte Worte in diesem Stück, die heute noch zitiert werden! "Schwachheit, dein Nam' ist Weib." "Etwas ist faul im Staate Dänemark;" "Die Zeit ist aus den Fugen;" "Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode;" "Das Schauspiel sei die Schlinge, in die den König sein Gewissen bringe;" "Die Dame gelobt zu viel;" usw. Dies ist nicht einfach nebensächlich. Keine Obrigkeit der Welt kann einer Sprache per Verordnung eine Redewendung oder ein Sprichwort beifügen, geschweige denn die Menschen dazu bringen, es anzuwenden. Erst im Verlauf von Jahrzehnten und Jahrhunderten verankern sich geflügelte Worte im Sprachgebrauch, wenn sie im kollektiven Bewußtsein einen lebendigen Inhalt haben. Darüber hinaus ist "Hamlet" reich an unterschiedlichen Themen und Problemen: Liebe und Haß in den vielfältigsten Formen, Angst vor dem Tod und Todessehnsucht, der Tod selbst, primäre psychologische Beziehungen - zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Geschwistern. Ganz beiläufig wird die gesellschaftliche Ordnung einer vernichtenden Kritik unterzogen - eine gesellschaftliche Ordnung, die Machtmißbrauch, Korruption und Betrug aus jeder Pore atmet. Die Probleme Schein und Wirklichkeit, Wahnsinn und Normalität, Leidenschaft und Vernunft, freier Wille und Schicksalsbestimmung werden nicht bloß angeschnitten, sondern nehmen auf dramatische Weise Gestalt an und werden vor unseren Augen ausgefochten. Das Stück "Hamlet" beinhaltet ein zweites Theaterstück, das Hamlet selbst schreibt und in Szene setzt. Dies bietet die Möglichkeit der Reflexion über Schauspielkunst und Drama an sich. Aber das ist in Shakespeares Stück noch nicht alles. Wer ist Hamlet? Ein Mann, der Lug und Trug aufdeckt, der ganz bewußt Verrat und Verbrechen aufspürt, der sich zum Ziel setzt, egal um welchen Preis, die moralischen und gesellschaftlichen Eiterbeulen aufzustechen. Fast im ganzen Stück - bis auf sein blutiges Ende - wirkt Hamlets scharfer Verstand wie ein Säure, die über die Persönlichkeit und die Handlungen jeder Figur gegossen wird, einschließlich seiner eigenen Person. Er verflucht seinen Onkel, beschimpft seine Mutter, verhöhnt seine Geliebte, beleidigt ihren Vater, verspottet ihren Bruder und zerfleischt sich selbst. In einer einzigen Rede kann Hamlet erklären: "Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten!... Im Handeln wie ähnlich einem Engel! Im Begreifen wie ähnlich einem Gott! ...Und doch, was ist mir diese Quintessenz von Staube? Ich habe keine Lust am Manne." Oder man beachte die wunderschöne, erschreckende Selbstanalyse, der er sich gegenüber seiner früheren Geliebten Ophelia unterzieht: "Ich bin selbst leidlich tugendhaft, dennoch könnt ich mich solcher Dinge anklagen, daß es besser wäre, meine Mutter hätte mich nicht geboren. Ich bin sehr stolz, rachsüchtig, ehrgeizig; mir stehen mehr Vergehungen zu Dienste, als ich Gedanken habe, sie zu hegen, oder Zeit, sie auszuführen. Wozu sollen solche Gesellen wie ich zwischen Himmel und Hölle herumkriechen?" Diese Stimme - zur selben Zeit arrogant und sich selbst hassend, geradeheraus, unendlich wandelbar - prägt sich ein. In der Gegenwart Hamlets spürt man, daß ein neuer Persönlichkeitstyp, menschlicher als alle vorherigen, die Bühne der Geschichte betreten hat, ein ruheloser, unzufriedener Charakter, der nichts unerforscht lassen wird. Betrachtet man die Intelligenz, die er zeigt, das analytische Niveau, das er erreicht - was kann diesen Augen auf Dauer verborgen bleiben. Ist dieses Stück nicht ein Beweis dafür, daß die Menschheit - vielleicht nicht das Individuum Hamlet, aber die Menschheit als Ganzes - ein Stadium erreicht hat, in dem es möglich ist, die Dinge wirklich zu erkennen? Hegel sagt in seinen Anmerkungen zu Shakespeare über Hamlet: "Die Sandbank der Endlichkeit genügt ihm nicht; bei solcher Trauer und Weichheit, bei diesem Gram, diesem Ekel an allen Zuständen des Lebens fühlen wir von Hause aus, er sei in dieser greuelhaften Umgebung ein verlorener Mann." Er ist verloren, nicht weil er ohne Ende forscht und entdeckt, sondern weil er in einer barbarischen Zeit lebt und selbst ein Barbar ist. Es ist seine Weigerung, sich mit dieser unwiderstehlichen "Endlichkeit", mit dem was schon existiert, zufriedenzugeben. Hegel bemerkte, daß Shakespeare seinen Gestalten "Geist und Phantasie" gibt. "Er macht sie durch das Bild, in welchem sie sich in theoretischer Anschauung objektiv wie ein Kunststück betrachten, selbst zu freien Künstlern ihrer selbst." (Hervorhebung hinzugefügt.) Das heißt aber, daß die Menschheit nicht nur den Punkt erreicht hat, an dem die äußere Wirklichkeit in ihrem Wesen verstanden werden kann, sondern daß Männer und Frauen potentiell mit der Fähigkeit ausgestattet sind, sich selbst und ihre Welt neu zu gestalten. Hamlet ist in seiner "greuelhaften Umgebung" eingesperrt, aber wenn die materiellen Umstände sein Bewußtsein einholen, was sollte ihn oder irgendeinen von uns zurückhalten? In diesem Sinn führt das Stück den Zuschauer, wenn es durchlitten und überdacht wird, zum Problem der menschlichen Freiheit. Es macht die Möglichkeit der Menschheit greifbar, sich bewußt ein harmonisches und erfülltes Leben zu schaffen. Shakespeare sollte ein wichtiger Bestandteil unserer intellektuellen Atmosphäre sein. Es ist nicht klar, wie sehr sich Branagh selbst über diese Fragen bewußt ist; aber das ist nur ein akademisches Problem. Seine Inszenierung, einschließlich seiner Leistung in der Hauptrolle, dient einem besseren allgemeinen Verständnis und verdient unseren aufrichtigen Glückwunsch. © neue Arbeiterpresse, Nr. 860, 12. Juni 1997 Copyright 1998 - 2008 World Socialist Web Site Alle Rechte vorbehalten! |