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zurück zum Inhalt dieser Ausgabe Trotz lebenslanger Arbeit auf Sozialhilfe angewiesenGerda Püttmann aus Kamp-Lintfort, einer Stadt am linken Niederrhein, die sehr schwer vom Abbau im Berg-bau betroffen ist, unterstützt das Programm der Partei für Soziale Gleichheit aufgrund eigener harter Erfahrungen. Frau Püttmann ist 51 Jahre, geschieden, und aufgrund einer schweren Herzerkrankung vor zwei Jahren arbeitsunfähig geworden. Sie hat bereits zwei schwere Herzinfarkte erlitten. Trotz einer Bypassoperation arbeitet nur noch ein kleiner Teil ihres Herzens. Obwohl sie ihr Leben lang immer hart gearbeitet hat, ist sie heute von Sozialhilfe abhängig. Eine Arbeitsunfähigkeitsrente wird ihr verweigert. Frau Püttmann schilderte uns, wie es dazu gekommen ist: "Ich habe mein gesamtes Leben lang gearbeitet. Schon im Alter von zehn Jahren stand ich auf dem Feld während der Kartoffelernte. Wir hatten eine große Familie, da mußte jeder mithelfen. Mit 14 Jahren habe ich Hauswirtschafterin gelernt, später aber auch als Verkäuferin, als Kassiererin in einem Supermarkt, als Floristin und im Fotogeschäft gearbeitet. Natürlich hatte ich einige Zeit ausgesetzt, als meine Kinder klein waren. Aber sobald es wieder ging, habe ich wieder gearbeitet. Ich hatte insgesamt sechs Kinder. Zwei davon starben kurz nach der Geburt und meine beiden Ältesten starben 1981 bei tragischen Verkehrsunfällen innerhalb von nur zwölf Wochen. Die älteste war 18 Jahre alt. Die jüngere von den beiden Mädchen war zwölf Jahre alt, als sie von einem Auto überfahren wurde. Ich bin damals fast verrückt geworden und ich kann auch heute nicht darüber sprechen, ohne daß mir die Tränen kommen! Einer meiner letzten Jobs war in einer Imbißstube. Die Arbeitszeit betrug 17 bis 18 Stunden pro Tag. Ich habe den Einkauf gemacht, habe alles für Frühstück und Mittagessen sowohl vorbereitet als auch zubereitet, bedient und alles, was sonst noch anfiel. Durch die harte und schwere Arbeit bekam ich Rückenbeschwerden und nahm dann einige Wochen Urlaub. Als ich zurückkam, erklärte der Besitzer der Imbiss-Stube mir, daß ich nur dann weiterarbeiten könne, wenn ich auf Kranken- und Sozialversicherung verzichte. Deshalb habe ich diese Arbeit aufgegeben. Anschließend hatte ich einen Einjahresvertrag bei der Arbeiterwohlfahrt in einem Kindergarten. Laut Arbeitsvertrag sollte ich für die Kinder kochen und während der Probezeit habe ich auch nur diese Arbeit gemacht. Danach sollte ich auch noch zusätzlich putzen und immer mehr übernehmen, obwohl ich ausdrücklich vorher darauf hingewiesen hatte, daß ich das aufgrund meiner Rückenbeschwerden nicht kann. Sie bestanden aber darauf und so habe ich es versucht. Was sollte ich machen, ich hatte mich zwar gewehrt, aber ich wollte ja auch den Arbeitsplatz behalten. Durch die Arbeit habe ich mir eine Wirbelsäulenentzündung zugezogen und wurde erst vier Wochen und kurze Zeit später einige Monate krank geschrieben. Die Folge davon war, daß mein Einjahres-Vertrag nicht verlängert wurde. Rückblickend gesehen, habe ich dann meinen größten Fehler begangen. Ich habe mich nicht arbeitslos gemeldet. Alle reden immer von Eigenverantwortlichkeit. Ich habe es dann probiert. Ich wollte selbst für mich arbeiten und habe es dann mit Selbständigkeit versucht. Statt damals zum Arbeitsamt zu gehen, habe ich eine Gaststätte gepachtet und wieder jeden Tag bis in die Nacht hinein gearbeitet. Ich bin völlig blind in die Selbständigkeit gegangen. Ich hatte keine Ahnung davon. Ich wußte nur, daß ich für mein Geld arbeiten wollte. Ich habe gekellnert und gekocht alles alleine gemacht. Heraus aus der Selbständigkeit bin ich mit 50.000 Mark Schulden. Das war so ungerecht. Das Finanzamt hatte meinen Umsatz einfach geschätzt. Diesen Umsatz hatte ich aber nie. Die Gaststätte warf nur sehr wenig ab, so daß ich noch nicht einmal Geld hatte, meine Beiträge für die Sozialversicherung zu zahlen. Und genau aus diesem Grund verweigert man mir heute die Arbeitsunfähigkeitsrente; weil ich 36 Monate vorher nicht an einem Stück sozialversicherungspflichtig gearbeitet habe. Das ist die gesetzliche Voraussetzung für die Arbeitsunfähigkeitsrente. Diese Gesetze, die sind nicht für unsereins gemacht. Hätte ich mich damals auch nur für einen Tag arbeitslos gemeldet, hätte ich heute Anspruch auf eine Arbeitsunfähigkeitsrente und müßte nicht zum Sozialamt gehen. Das ärgert mich am meisten, daß ich, obwohl ich mein Leben lang gearbeitet habe, keine Rente bekomme. So lebe ich jetzt gezwungenermaßen von Sozialhilfe. Das bedeutet, daß ich von 516, DM im Monat leben muß. Davon gehen 100, DM für Strom ab und von dem Rest muß ich Telefon, Kleidung und Essen bezahlen. Es ist praktisch unmöglich davon zu leben. Ich erhalte noch 30, DM Diätzulage, weil ich Gallensteine habe und immer wieder Gallenkolliken. Ich kann aber nicht operiert werden, weil aufgrund meiner Herzkrankheit eine Operation lebensgefährlich wäre. Diese Diätzulage ist lächerlich, weil sie einfach nicht ausreicht, um sich entsprechend zu ernähren. Dafür wird jedes Jahr kontrolliert, ob ich überhaupt noch Anspruch darauf habe." Frau Püttmann erzählte uns, daß sie aus der SPD ausgetreten ist: "Ich war immer sozial eingestellt und engagiert. Daher war ich auch in der SPD. Früher haben die ja auch noch etwas für Arbeiter und die kleinen Leute getan. Aber das ist heute nicht mehr so. Ich bin da kein Einzelfall. Viele Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben oder noch arbeiten und schuften, müssen jetzt mit immer weniger Geld auskommen. Heute kann man arbeiten bis man umfällt, man kommt nie auf einen grünen Zweig. Viele Bekannte aus der SPD baten mich, doch in der SPD zu bleiben. Das wäre von Vorteil für mich. Ich antwortete ihnen, daß sich da nichts tut. Die SPD ist nur noch für die Großen da, von denen sie auch das Geld bekommen. Die SPD hat sich da wirklich gewandelt. Jetzt streiten sie sich doch nur noch mit der CDU und der FDP, wer besser die Konzerne bedienen kann." Die Gründung der Partei für Soziale Gleichheit hält Frau Püttmann daher für "genau richtig". "Arbeiter brauchen wieder eine neue Partei, um ihre Interessen in der Gesellschaft zur Geltung zu bringen. Die Grundsätze und Ziele der PSG, die ich gelesen habe, sind super. Ich bin damit völlig einverstanden. Insbesondere die Passagen zur sozialen Ungleichheit und ihrer Lösung haben es mir angetan. Nach dem Standpunkt der Regierung und des Staats sind alle in Deutschland reich. Arme gibt es angeblich nicht. Aber ich kenne genug, die so arm sind, daß es für ein so reiches Land wie Deutschland eine Schande ist. Mir hat deshalb gut gefallen, daß die Reichen entsprechend besteuert werden sollen. Die verdienen doppelt und dreifach und können sich dann noch, weil sie eben Eigentum haben, einen ,Lastenausgleich einstreichen. Oder die Diäten der Abgeordneten: bis zu 30.000 Mark im Monat erhalten die. Zusätzlich wird nebenbei gescheffelt, gemauschelt und betrogen. Der Kleine wird bei einer Nebenbeschäftigung bestraft, bei den Politikern ist das normal und legal. Von den Reichen sollte das Geld für die Armen geholt werden. Wenn ich daher Politiker höre, die behaupten, die Sozialhilfe sei zu hoch, bekomme ich eine Riesenwut. Mein ganzes Leben habe ich gekämpft, um meinen Kindern und mir ein vernünftiges Leben zu bieten und jetzt lebe ich von Sozialhilfe." © neue Arbeiterpresse, Nr. 861, 26. Juni 1997
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