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zurück zum Inhalt dieser Ausgabe Notbehelfe in der LehrstellenkriseUm den sozialen Sprengstoff der beschäftigungslosen Schulabgänger zu entschärfen, versuchen Behörden und Industrie, sie möglichst schnell von der Straße zu bekommen und zumindest nach außen hin ihre Lage zu beschönigen. Auf einer "Ausbildungsplatzbörse", die zu diesem Zweck am Donnerstag, den 3. Juli kurz vor Ferienbeginn im Arbeitsamt der Stadt Essen stattfand, fanden sich rund 200 Interessierte ein, die zumeist schon eine lange Suche und viele Enttäuschungen hinter sich hatten. Persönliche Einladungen hatte das Arbeitsamt an rund 400 Jugendliche geschickt. Insgesamt waren zu diesem Zeitpunkt noch etwa 1000 unversorgt. "Aber so viele", erklärte der Leiter der Pressestelle, Michael Kinzler, "hätten wir ja gar nicht auf einmal bewältigen können." Initiiert und groß herausgestellt hatte die Aktion die Ruhrgebietspostille Westdeutsche Allgemeine, die für gewöhnlich die Werbetrommel für die Sozialdemokratie rührt. Offenbar wollte sie den Eindruck erwecken, es werde von fürsorglichen Beamten alles nur Erdenkliche für die Jugendlichen getan. Dennoch zeigte die "Ausbildungsplatzbörse" allzu deutlich, daß die derzeitigen Mittel des Arbeitsamtes lediglich ein Notbehelf sind und nicht mehr lange wirken können. Überbetriebliche Ausbildungsstätten, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Maßnahmen zur Berufsvorbereitung oder berufsfördernde Maßnahmen nehmen in Essen insgesamt mehrere hundert Jugendliche auf. Dennoch beträgt die Arbeitslosenquote nach den jüngsten Zahlen vom Mai 1997 bei den unter 20jährigen 11,1 Prozent, bei den 20- bis 25jährigen bereits 15 Prozent. In absoluten Zahlen waren dies in den letzten Jahren durchschnittlich knapp 4000 junge Leute unter 25 Jahren. Obwohl die Gelder für Fortbildungsmaßnahmen des Arbeitsamtes im Vergleich zum Vorjahr insgesamt um beinahe die Hälfte zusammengestrichen wurden, blieben die Programme für Jugendliche zunächst von Kürzungen verschont. Der dafür zuständige Leiter, Peter Westen, betonte gegenüber der neuen Arbeiterpresse: "Gekürzt wird bei den älteren Arbeitslosen. Bei den ABM für Jugendliche wurden weiterhin die gleichen Gelder bewilligt. Die Jugendarbeitslosigkeit ist ein heißes Eisen, deshalb stecken sie da noch etwas hinein. Wir wissen allerdings nicht, was nächstes oder übernächstes Jahr auf uns zukommt." Im Mai dieses Jahres zählte das Arbeitsamt 1833 Bewerber, die noch keine Ausbildungsstelle gefunden hatten. In der zweiten Juliwoche waren es noch 512, denen etwa dieselbe Anzahl freier Ausbildungsplätze gegenüberstand. Den Zweck der Ausbildungsplatzbörse erläuterte deren Organisator, Karl Weiß, mit den Worten: "Die Jugendlichen werden eingeladen, um hier nochmals mit ihren Beratern realistisch über ihre eigenen Chancen und Möglichkeiten nachzudenken und zu überlegen, welchen Weg sie einschlagen können. Der eine oder andere sollte einsehen, daß es mit seinen Wünschen oder Vorstellungen so nicht klappt, daß sich aber eventuell in anderen Bereichen Möglichkeiten auftun." Mit anderen Worten, die Jugendlichen sollen weichgeklopft werden, damit sie die Lehrstellen nehmen, die es gibt, und nicht weiter nach denen suchen, die sie sich wünschen. Aus der Statistik geht hervor, daß insbesondere in den klassischen Mädchenlehrberufen in den Organisations-, Verwaltungs- und sonstigen Bürobereichen sowie bei den Jungen in den Metallberufen ein starkes Ungleichgewicht zwischen verfügbaren Plätzen und Bewerbern herrscht. Ein durchdachtes System der Zuteilung konnten wir allerdings auch nicht feststellen. Die neue Arbeiterpresse sprach mit Mädchen, die Floristinnen werden wollen und nun eine Ausbildung als Köchin beginnen, während andere Köchin werden wollten und nun als Floristin anfangen. Ein ähnliches Bäumchen-wechsle-dich-Spiel gab es zwischen Maurern und Malern. Der "Erfolg" wird sein, daß viele Jugendliche ihre Ausbildung abbrechen und anschließend noch größere Schwierigkeiten haben werden. Insgesamt werden mit dieser Politik des Verschiebens in diverse Warteschleifen und des "Weichklopfens" der Schulabgänger die Probleme nicht gelöst, sondern auf Kosten der Jugendlichen hinausgezögert und verschleiert. © neue Arbeiterpresse, Nr. 862, 10. Juli 1997
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