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zurück zum Inhalt dieser Ausgabe Bildungsmisere unter Rot-GrünHessische Lehrer streiken gegen SparprogrammWeit über 10.000 Lehrer aus ganz Hessen beteiligten sich am 1. Juli an einem eintägigen Streik und einer Demonstration auf dem Frankfurter Römer. Ihr Protest galt den Sparmaßnahmen, die der hessische Kultusminister im nächsten Jahr durchsetzen will. Trotz gestiegener Schülerzahlen werden keine zusätzlichen Lehrkräfte eingestellt, sondern Unterrichtsstunden gestrichen und finanzielle Mittel gekürzt. Nach den Sommerferien werden es rund 12.000 Kinder mehr sein, die in Hessen die Grundschulen besuchen, während die Zahl der Lehrkräfte bei knapp 24.000 konstant bleiben wird. Während 7.500 junge Lehrer auf der Straße stehen, wird die Lebensarbeitszeit verlängert, und Altersermäßigungsstunden für ältere Lehrerinnen und Lehrer werden gestrichen. Zusätzlich wird die Stundenzahl pro Woche für Grundschullehrer und -lehrerinnen verlängert und das Gehalt gekürzt. Außerdem können Lehrkräfte in Zukunft ohne Zustimmung des Personalrates an andere Schulen versetzt werden. Verantwortlich für die seit mehreren Jahren ständig schlechtere Situation an den Schulen sind der hessische Kultusminister Hartmut Holzapfel (SPD), selbst Gewerkschaftsmitglied, und die rot-grüne Landesregierung. Sie weigerten sich sogar, über den geplanten Bildungsabbau mit der GEW in Verhandlungen einzutreten, drohten der Gewerkschaft mit einem Zwangsgeld und überzogen die streikenden Lehrer mit Abmahnungen und Disziplinarverfahren. Die GEW selbst kann sich keine andere Lösung vorstellen, als daß das Kultusministerium unter dem Druck der Öffentlichkeit doch noch einlenken wird und die Gewerkschaft wieder an den Verhandlungen über Bildungsabbau beteiligt. Ihre Hauptforderung besteht darin, die Regierung möge endlich mit der Gewerkschaft über deren Kompromißvorschlag sprechen. Dieser sieht nach dem Motto: "Kürzt lieber bei den älteren Lehrern und stellt dafür die billigeren Jüngeren ein" ein Altersteilzeitmodell vor, nach dem die älteren Lehrer Verdiensteinbußen hinnehmen sollen. Die streikenden Lehrer aber waren wahrhaft erbittert und voller Zorn über die jüngsten Zumutungen und den bisherigen Zustand der Schulen. In einigen Kurzinterviews mit der neuen Arbeiterpresse machten sie sich Luft. Angelika Klausenitzer ist Lehrerin am Schiller-Gymnasium in Frankfurt-Sachsenhausen. "Das ist jetzt das dritte Mal in vier Jahren, daß uns die Arbeitszeit verlängert wird," sagte sie. "Im kommenden Jahr werde ich nun schon drei Stunden mehr arbeiten, ohne Lohnausgleich, versteht sich. Die Klassen werden ständig größer und die Anforderungen steigen permanent. Die gravierende Kehrseite davon ist, daß jede Stunde, die wir mehr arbeiten, wieder einen jungen Lehrer den Arbeitsplatz kostet. Die Arbeitszeitverlängerung, die jetzt durchgesetzt wird, bedeutet, daß allein im nächsten Jahr 2000 junge Lehrer gar nicht erst eingestellt werden. Das Durchschnittsalter der Lehrer an unserer Schule ist mittlerweile bei fünfzig Jahren angelangt, ein unmöglicher Zustand. Die Schüler werden von der Generation ihrer Großeltern unterrichtet." Den Vorschlag der GEW hielt Frau Klausenitzer für "diskussionswürdig". Sie sagte: "Das Hauptproblem ist, daß Herr Holzapfel sich weigert, überhaupt darüber zu diskutieren, das ist ein Skandal für die SPD, die sich früher immer über eine solche Haltung aufregen konnte, als die CDU die Landesregierung stellte. Jetzt macht sie exakt das gleiche. Die elementarsten Grundregeln bei Tarifabsprachen gelten auch für die SPD nicht mehr." Sie fügte hinzu: "Im Prinzip müssen aber auch die älteren Lehrer verteidigt werden. Ich bin nicht der Meinung, daß eine Verschlechterung für sie wirklich notwendig sei. Man sollte schauen, warum die Gelder eigentlich fehlen. In den letzten 15 Jahren sind erheblich weniger Steuern erhoben worden, und ich bin sicher, daß man, sobald klar wird, wer da weniger Steuern bezahlt, die Sache von einer ganz andern Seite anpacken kann." An der Demonstration nahmen viele Berufsschullehrer teil, einige von ihnen zusammen mit ihren Schülern, darunter arbeitslose Jugendliche. Für sie war auch die geplante Abschaffung des zweiten Berufsschultages für Lehrlinge ein aktuelles Thema. Frau Kis unterrichtet an der Käthe-Kollwitz-Schule, einer Berufsschule in Offenbach. "Uns reicht es einfach!" sagte sie. "Die Sparmaßnahmen werden immer gravierender, und sie werden auf dem Rücken der älteren Lehrer ausgetragen. Wir haben in den letzten Jahren schon viele Stundenverlängerungen hinnehmen müssen. Es ist einfach zuviel. Unsere Schule ist in einem desolaten Zustand, es ist grauenhaft. An den Reinigungskräften wird schon seit längerem gespart. Die Toiletten werden nur noch im Wechsel geöffnet, weil nicht mehr genügend Reinigungspersonal da ist, um sauberzumachen. Die noch offenen Toiletten sind dann in einem viel schlimmeren Zustand als jemals zuvor. Bei uns gibt es zwar moderne Technik im Unterricht, aber bei den dazu gehörenden Programmen fangen die Probleme an. Sie fehlen uns oft, und die Berufsschüler brauchen sie doch für ihre Ausbildung. Dann müssen sich die Abteilungen darum schlagen, wer von dem vorhandenen Geld sein Computerprogramm bekommen kann. Auf uns kommen ständig neue, zum Teil völlig unausgegorene Maßnahmen der Regierung und des Kultusministers zu, die wir einfach nicht mehr hinnehmen können." Ein weiterer Berufsschullehrer ist Peter Eickelmann, 45 Jahre alt und langjähriges SPD-Mitglied. Er arbeitet an einer Berufsschule in Wiesbaden, die einen größeren Vollzeitschulbereich hat und eine Reihe von sogenannten Berufsvorbereitungs-Lehrgängen für Jugendliche anbietet, die keine Lehrstelle finden konnten. "Es sind jetzt bundesweit 300.000 Jugendliche unversorgt," sagte Herr Eickelmann. "In Wiesbaden, einer Stadt mit 62.000 Einwohnern, waren es im letzten Jahr schon drei- bis vierhundert Jugendliche, und dieses Jahr kommen nochmals hundert dazu. Gleichzeitig werden die Maßnahmen vom Arbeitsamt ständig gekürzt. Die verschiedenen berufsvorbereitenden Lehrgänge mit Auffangfunktion gerade für arbeitslose Jugendliche werden zusammengestrichen, und auch Schulen wie unsere sind nicht mehr in der Lage, den jungen Menschen was anzubieten. In Hessen wird auf diese Situation einfach nicht reagiert. Jugendliche bis 18 Jahren müßten normalerweise zwei Tage pro Woche in die Schule gehen. Das kann gar nicht mehr gewährleistet werden, weil kein einziger Berufsschullehrer zusätzlich eingestellt wird. Bei uns werden in den nächsten Jahren bis zu zehn Leute pensioniert, aber es ist nicht vorgesehen, sie zu ersetzen. Der Minister will ja noch ein paar Hundert Lehrerstellen abbauen! Der Minister setzt hier bereits durch, was die Wirtschaft fordert. Die Streichung des zweiten Berufsschultages ist in Hessen schon Fakt, weil es einfach nicht genug Lehrer gibt. Unsere Maler zum Beispiel haben heute schon nur acht statt zwölf Stunden pro Woche Unterricht. Da sind die Forderungen der Unternehmer schon erfüllt. Am schlimmsten ist es im zehnten Schuljahr. Da wird es im kommenden Schuljahr so aussehen, daß drei von fünf Klassen nur zehn statt 32 Stunden pro Woche anbieten können. In der Öffentlichkeit wird eine üble Polemik gegen uns betrieben. Der Kultusminister greift da zu undifferenzierter Demagogie, daß wir als Beamte ja sowieso privilegiert seien. Aber zum Glück sehen die Eltern ja die Probleme selbst. In sozial schwächeren Bereichen übernehmen wir oft genug zusätzliche Elternfunktionen. Der Lehrerjob bringt harte Belastung mit sich, und wenn ich nur vormittags Unterricht habe, beschäftigt er mich doch den ganzen Tag. Je älter man wird, desto weniger Kraft hat man, das macht vielen zu schaffen. Es ist wirklich zynisch, was da abläuft. Ich bin über die SPD in Hessen maßlos enttäuscht. Und fast noch mehr enttäuscht bin ich über die Grünen, von denen ich doch noch eher dachte, sie würde die Bildung verteidigen. Jetzt ist einmal eine Chance da, daß die Frage der Umverteilung angepackt werden muß, aber es wird nicht wahrgenommen. Sie kennen nur Kürzungen und Streichungen. Keiner geht konstruktiv an die Sache heran. Und ich wette mit Dir, der Minister wird es durchziehen." Eine Gruppe Schüler der Liebig-Schule nahm zusammen mit ihrem Lehrer an der Römer-Kundgebung teil. Die Liebig-Schule, ein Frankfurter Gymnasium, ist "Europaschule", was bedeutet, daß hier eine Reihe von zusätzlichen Ausbildungsprogrammen, Sprachkursen und Austauschprojekten laufen. Der Lehrer erklärte: "Bei uns sind Schüler und Lehrer oft auch noch nachmittags in der Schule. Für das kommende Jahr müssen wir aber ein Minus von 130 Stunden verkraften, denn fünf oder sechs Lehrer gehen weg. Die werden erst einmal nicht ersetzt. Dadurch fällt zum Beispiel Arbeitslehre aus, die doch relevant für den Kontakt mit der Arbeitswelt ist. Außerdem werden die Verfügungsstunden gestrichen. Das wird sechzig Stunden abdecken, aber was mit den restlichen Stunden passieren soll, ist unklar. Die fehlen uns. Wir brauchen dringend neue Lehrer. Wir haben ausgerechnet, daß das Durchschnittsalter der Lehrkräfte an unserer Schule genau bei 49,7 Jahren liegt. Die Klassen werden konsequent auf 33 Schüler aufgestockt. Das ist wegen der verschiedenen Sprachen extrem schwierig, da fällt der Lehrermangel noch mehr ins Gewicht." Ein Schüler ergänzte: "In unserer Klasse waren wir zu Beginn des Schuljahres 34, jetzt sind es immer noch 31 Schüler." Der Lehrer fuhr fort: "Wirklich, in Klassen über dreißig Schüler ist der Unterricht für einen Lehrer kaum noch machbar. Der Unterricht artet zur Befriedungsaktion aus; Lernen kommt komplett zu kurz. Die Lehrer in meinem Alter müssen jetzt auch noch eine Stunde für eine spätere Entlastung vorarbeiten. Das ist ein starkes Stück. Man ist sprachlos, daß sowas von der rot-grünen Koalition kommt. Was mir fehlt, ist eine Regierung, die eine Bildungsoffensive ergreift; die zu den Leuten, die Geld haben, schlicht und ergreifend sagt: Das Geld brauchen wir für die Ausbildung der Kinder. Die praktizierte Steuerentlastung für Großkonzerne ist hanebüchen. Das ist nur in der Öffentlichkeit zu wenig bekannt." Michael Hühn ist Lehramts-Student für Geschichte und Englisch. Er wäre auch schon aus Solidarität mit seinen zukünftigen Kollegen mitgefahren. Aber er ist auch selbst betroffen, wie er erklärt: "Die Erhöhung der Arbeitszeit für Lehrer kostet unmittelbar Stellen, und mehrere hundert Lehramtsanwärter finden dieses Jahr keine Arbeit". Nach seiner Meinung über die Politik der Landesregierung gefragt, antwortete Michael: "Was gibt es noch über die Regierung zu sagen, wenn hier sogar die GEW-Mitglieder, die ja großen Teils die SPD unterstützt haben, Sturm laufen. Ich habe vorhin hier eine andere Zeitung, den Linksruck, gesehen, mit dem Slogan: Jagt Kohl aus dem Amt. Das ist einfach ein bißchen wenig, wenn man bedenkt, daß anstatt Kohl ein Schröder oder Lafontaine dran käme. Es würde sich doch gar nichts ändern." © neue Arbeiterpresse, Nr. 862, 10. Juli 1997
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