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Mannheimer SEL-Werk besetzt

Mannheim, 4. Juli. – Auf einer Betriebsversammlung beschloß die Belegschaft der Alcatel SEL AG in Mannheim-Käfertal heute, ihr Werk rund um die Uhr zu bewachen. Die 410 Beschäftigten, deren Arbeitsplätze durch die geplante Werksschließung akut gefährdet sind, wollen damit einer Demontage von Maschinen und Produktionsanlagen zuvorkommen, da sie befürchten, die Werksleitung könnte produktionswichtige Anlagen klammheimlich abtransportieren.

Auf der Hauptversammlung der Alcatel SEL AG in Stuttgart bestand indessen der Vorstandschef Roland Mecklinger darauf, daß die Schließung des Mannheimer Werks zur Erhöhung der Profitabilität notwendig sei. Die Konzernleitung will den Umsatz in diesem Jahr um zehn Prozent steigern.

Bei SEL-Alcatel in Mannheim-Käfertal werden elektronische Geräte, wie Funkgeräte und militärische Übermittlungssysteme gefertigt. Die ursprünglich 2000-köpfige Belegschaft wurde in den letzten zehn Jahren, seit Übernahme durch den Alcatel-Konzern, bereits auf ein Fünftel reduziert. Vor zwei Jahren hat der Konzern das Gelände an die Stadt und das Land verkauft. Als damals naheliegende Befürchtungen laut wurden, dies sei der Anfang vom Ende, unterzeichnete die Konzernleitung eine Vereinbarung, worin sie sich schriftlich verpflichtete, das Werk weitere zehn Jahre, bis zum Jahr 2005, mit über 400 Stellen weiterzuführen.

Diese Verpflichtung, so erklärt der Vorstand heute unverfroren, sei nichts weiter als eine "Absichtserklärung" gewesen, die vom Lauf der Ereignisse überholt worden sei. Im dritten Quartal 1997 sei das Werk nicht mehr ausgelastet, weil Wehraufträge infolge der Streichungen im Etat des Bundeshaushalts ausgeblieben seien. Die Kostensenkung um 70 Millionen Mark durch die Werkschließung sei notwendig.

Die IG Metall und der Betriebsrat, die den Arbeitsplatzabbau all die Jahre mit organisiert und vor zwei Jahren die schriftliche Arbeitsplatzgarantie bei dem Grundstücksdeal als großen Erfolg gefeiert hatten, setzen heute alles auf die Karte eines Gerichtsentscheids. Ihre Klage vor dem Landesarbeitsgericht kommt am 10. Juli erstmals zur Verhandlung. Gleichzeitig haben Betriebsrat und IG Metall bereits Gespräche mit dem Vorstand über einen Interessensausgleich begonnen – das heißt, daß sie gar nicht ernsthaft damit rechnen, daß die gerichtliche Klage und die Verteidigung des Werks Erfolg haben könnten.

Es wurde bisher nicht das Geringste unternommen, um weitere Niederlassungen des Konzerns in Stuttgart und Pforzheim, die im Fall der Schließung die Mannheimer Produktion weiterführen würden, für einen gemeinsamen Arbeitskampf mit den Kollegen in Käfertal zu gewinnen. Stattdessen wiesen die sogenannten "Arbeitnehmervertreter" im Aufsichtsrat darauf hin, daß man einen Vertragsbruch vermeiden müsse, weil sonst das Konzernimage leiden würde.

So berichtet der Mannheimer Morgen am 5. Juli: "Besonders eindringlich argumentierte der frühere Bezirksleiter der IG Metall, Ernst Eisenmann: ,Der Imageschaden könnte unbeherrschbar werden.’ Die Klagen gegen die Schließung könnten über Jahre für negative Schlagzeilen sorgen. Am Ende sei die Gefahr groß, daß die Produkte von Alcatel, wie früher bei Thomson Brandt, in Deutschland nicht mehr akzeptiert werden."

Darauf warf der Vorstandschef Mecklinger den Betriebsräten vor, sie hätten sich ja bereits 1994 an einer Planung beteiligt, nach der Teile der Pforzheimer Fertigung nach Stuttgart verlagert und Arbeitsplätze in Pforzheim gestrichen werden sollten. Heute könnten die Sozialplankosten in Mannheim mit dem in Pforzheim niedriger ausgefallenen Stellenabbau verrechnet werden. Die Gewerkschaftsfunktionäre verzichteten darauf, dazu Stellung zu nehmen.

© neue Arbeiterpresse, Nr. 862, 10. Juli 1997 

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