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USA fordern Anklage gegen Pol Pot 

Die Meldung von der Gefangennahme des ehemaligen kambodschanischen Herrschers Pol Pot durch seine Gegner innerhalb der Roten Khmer hat hektische diplomatische Aktivitäten ausgelöst. Die USA fordern seine Auslieferung und verlangen, daß er unter der Anklage des Völkermords vor Gericht gestellt wird.

Die Berichte über das Auseinanderbrechen der Führung der Roten Khmer in ihrem Hauptquartier Anlong Veng an der Grenze zu Thailand bleiben bruchstückhaft. Es sieht so aus, als ob eine Fraktion, die von Khieu Samphan angeführt wird, sich mit Pol Pot überwarf, weil sie die Waffen niederlegen und ein Bündnis mit der Funcinpec-Partei des Prinzen und bisherigen Regierungschefs Ranariddh eingehen wollte.

Das Auseinanderbrechen der Roten Khmer steht in engem Zusammenhang mit dem harten Kampf zwischen den Koalitionspartnern in Kambodschas Regierung, der Funcinpec und der kambodschanischen Volkspartei, die von Hun Sen angeführt wird. Seit Mitte Juni liefern sich die Milizen der beiden Rivalen offene Straßenkämpfe in Phnom Penh. Laut den jüngsten Meldungen haben Huns Sens Truppen die Hauptstadt mittlerweile erobert.

Khieu Samphan, der Führer der Roten Khmer, hat sich denselben Meldungen zufolge im Kampf zwischen Ranariddh und Hun Sen öffentlich auf die Seite des Prinzen geschlagen und über den Rundfundksender der Roten Khmer die Bevölkerung aufgerufen, dasselbe zu tun.

Über den Hergang der Konflikte innerhalb der Roten Khmer berichtete Ranariddh, Pol Pot habe die Hinrichtung von Son Sen und anderen führenden Mitgliedern der Roten Khmer angeordnet und sei dann mit seinen Anhängern in den Dschungel geflohen, wo er von seinen Gegnern aufgegriffen worden sei.

Um seine Stellung gegenüber Hun Sen zu stärken, hatte sich Ranariddh um die politische Unterstützung der Überreste der Roten Khmer bemüht. Bestandteil der Vereinbarung mit Khieu Samphan war, daß keiner der anderen Anführer der Roten Khmer vor Gericht gestellt werden sollte.

Im August letzten Jahres liefen zwischen 3.000 und 4.000 Guerilleros der Roten Khmer, die von Pol Pots Schwager Sary angeführt wurden, ins Regierungslager über. Sie wurden alle von jeglichen Verbrechen, die sie begangen hatten, freigesprochen und erhielten Posten in der kambodschanischen Armee.

Trotz ihrer Rivalität untereinander verlangen Hun Sen und Ranariddh, daß Pol Pot vor ein internationales Tribunal gestellt und ihm der Prozeß gemacht wird. Aber keiner von beiden will, daß dieser Prozeß in Kambodscha stattfindet, weil er Aspekte ihrer eigenen engen Verbindungen zu den Roten Khmer enthüllen könnte.

Hun Sen war ein Minister in Pol Pots Regime gewesen, bevor dieses 1978 durch vietnamesische Truppen gestürzt und Hun Sen als Kopf der neuen Regierung in Kambodscha eingesetzt wurde. Ranariddh war mit den Roten Khmer in einem blutigen Bürgerkrieg gegen Hun Sen verbündet, der erst 1991 auf der Grundlage eines von der UNO erzwungenen Plans beendet wurde. Ziel dieses Planes war gewesen, Kambodscha für ausländische Investoren zu öffnen.

Der Versuch, die UNO zu benutzen, um Pol Pot vor Gericht zu stellen, wird wahrscheinlich im Sicherheitsrat von China blockiert werden, das früher selbst die Roten Khmer unterstützte. Aus diesem Grund hat die Aussenministerin der USA, Madeleine Albright, die kanadische Regierung aufgefordert, aufgrund ihrer Gesetzgebung gegen Kriegsverbrechen Pol Pot so lange in Gewahrsam zu nehmen, bis ein internationales Tribunal für seinen Prozeß zusammengestellt ist. Sie bot auch die Unterstützung von Truppen und Luftwaffe der USA an, um Pol Pot von Kambodscha nach Kanada zu überführen. Als Kopf der Herrschaft der Roten Khmer in Kambodscha zwischen 1975 und 1978 war Pol Pot für den Tod von ein bis zwei Millionen Menschen verantwortlich, die entweder durch Hinrichtungen oder durch Hunger, Krankheiten und Überarbeitung ums Leben kamen.

Wenn Washington jetzt allerdings seine Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verlangt, so ist dies reine Heuchelei. In den 60er und 70er Jahren führten mehrere US-Regierungen einen langen Krieg in Indochina, der Millionen Menschen das Leben kostete, die Industrie und Landwirtschaft zerstörte und die ökonomische Entwicklung der Region um Jahrzehnte zurückwarf. Darüber hinaus waren die USA direkt für die Entstehung der Roten Khmer als populäre politische Kraft verantwortlich. Fast zwei Jahrzehnte lang war Pol Pot eine Randfigur gewesen. Er stammt aus einer relativ reichen Familie mit guten Verbindungen zum königlichen Palast in Kambodscha. 1949 ging er nach Paris und kam mit den stalinistischen Kreisen in Frankreich in Kontakt. Als er 1953 nach Kambodscha zurückkehrte, gründete Pol Pot die Kommunistische Partei und stützte sich dabei auf die Bauern in den entlegenen Gebieten des Landes.

Pol Pot erhielt erst größere Unterstützung, nachdem die Nixon-Regierung 1970 die Regierung von Norodom Sihanouk gestürzt hatte und Streitkräfte der USA in Kambodscha eingefallen waren. Die Roten Khmer wuchsen von einer schlecht ausgerüsteten Gruppe mit weniger als 5.000 Guerillakämpfern zu einer Armee von etwa 70.000 an, die im April 1975 die von den CIA unterstützte Militärdiktatur unter Lon Nol zu Fall brachte.

Das neue Pol-Pot-Regime begann sofort, die Städte zu entvölkern, indem es die Einwohner zu körperlicher Schwerstarbeit auf dem Lande zwang. Intellektuelle und Angestellte wurden besonders stark unterdrückt. Seine politische Perspektive bestand aus einer extremen Form von Mao Zedongs Mischung aus Stalinismus und Bauernradikalismus. Sie widerspiegelte das Mißtrauen und die Feindschaft der rückständigsten Schichten der kambodschanischen Bauern gegenüber dem städtischen Leben.

In die Enge getrieben durch die soziale und ökonomische Krise und zerrissen durch mörderische Rivalitäten, wurde die Regierung der Roten Khmer schließlich von vietnamesischen Truppen gestürzt. In dem folgenden blutigen Bürgerkrieg unterstützten die USA zusammen mit China und den europäischen Mächten die Roten Khmer als Gegengewicht zu dem Einfluß Vietnams in dieser Region. Die USA blockierten über ein Jahrzehnt die Ersetzung des Vertreters der Roten Khmer bei der UNO.

Erst jetzt, nachdem die Roten Khmer praktisch auseinandergefallen sind, sind die USA und ihre früheren politischen Unterstützer bereit, Pol Pot vor Gericht zu stellen – in dem Bemühen, ein tragisches Kapitel der Geschichte zu schließen und dabei ihre eigene Schuld zu vertuschen.

© neue Arbeiterpresse, Nr. 862, 10. Juli 1997 

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