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zurück zum Inhalt dieser Ausgabe Der Mikrobiologe Dr. Lacey warnt vor den Folgen von BSEZu Beginn seines Vortrags bestritt Lacey die von der britischen Presse verbreitete Behauptung, daß der Konsum von britischem Rindfleisch fast wieder die alte Höhe erreicht habe. "Der Rindfleischkonsum kann nicht gestiegen sein," sagte er. "Sie haben die Exporte verloren, das sind 30 Prozent. Sie haben all das Fleisch der verbrannten Kühe verloren, das sind ungefähr 40 Prozent. Was von der ganzen Industrie noch übrig ist, sind höchstens noch 30, eher wohl 20 Prozent. Diese Industrie ist nicht mehr lebensfähig, trotz aller Lügen. Sie steckt in einem großen Schlamassel." Lacey prangerte an, daß in Großbritannien auf kleinstem Raum viel zu viele Tiere für die Fleischerzeugung, Säugetiere, Geflügel und Fisch gehalten würden. Was zähle sei nur, daß das Fleisch rasch und billig zu erzeugen sei, Sicherheit und Umwelt spielten keine Rolle. Daher komme es zu Gesundheitsgefahren wie Salmonellen, E-Coli-Bakterien oder am schlimmsten BSE. "Kein Zweifel, dies ist ein System, das von der Gier getrieben wird", meinte Lacey. "Die Bauern geben mir die Schuld an der Misere. Sie glauben, ich hätte BSE erfunden es sei ein Geschöpf meiner Phantasie, das gar nicht existiere! Wir alle wissen, daß BSE sich mit den kannibalistischen Futtermethoden ausbreitete, aber es mußte schon da sein, um sich ausbreiten zu können. Ich glaube, es ist eine neue Krankheit. Das kannibalistische Futter zu verbieten, war ein Leichtes. Dazu war es sehr billig. Acht Jahre lang hat die Regierung gelogen und der Bevölkerung weiszumachen versucht, es liege alles am Futter. Wir haben es verboten, also gibt es kein Problem mehr. Aber Infektionen gehen die verschiedensten Wege ... Nehmen wir einmal die transmissiblen spongiformen Encephalopathien (TSE), zu denen BSE gehört. Es ist durch vielfältige Forschungen in vielen Ländern bekannt, daß sich diese Infektionskrankheiten auf viele Arten ausbreiten können durch Injektion, durch das Essen, von Tier zu Tier und vertikal (d.h. von der Mutter auf das Kind). Diese Forschungen wurden von der Regierung ganz bewußt ignoriert. Bei allen schwerwiegenden Infektionen eines Elternteils, der die Keime in sich trägt, wie bei HIV, Syphilis oder Röteln findet eine Übertragung von der Mutter auf das Kind statt. Da das Kalb von der Mutter getrennt wird, damit wir die Milch konsumieren können, und da zugegebenermaßen BSE vertikal übertragbar ist, muß die Übertragung durch das Blut stattgefunden haben. Das heißt der Erreger ist beim Menschen auch durch Bluttransfusionen übertragbar. Das ist in Australien experimentell bewiesen worden. Auch die Übertragung durch Transplantation oder Hormone ist möglich. Eine Sorge, die wir haben, ist, daß wir es nicht nur mit dem Personenkreis zu tun haben, der BSE-Erregern direkt ausgesetzt war das ist schlimm genug , sondern daß auch mit indirekter Infektion, der Übertragung von Mensch zu Mensch, darunter vertikal oder bei Operationen, zu rechnen ist. Man kann die Instrumente nicht ausreichend sterilisieren oder irgendwelche Tests mit Bluttransfusionen anstellen. Drittens kann BSE auch durch die Umgebung übertragen werden." Lacey wies hier auf ein Experiment in Island hin. Dort sollte die Schafkrankheit Scrapie (die auch zu den TSE-Krankheiten gehört) ausgerottet werden, indem alle Herden vernichtet und durch Schafe aus scrapiefreien Beständen ersetzt wurden. Aber nach fünf Jahren kehrte die Krankheit zurück. Das heißt, die Schafe mußten sie aus der Umgebung bekommen haben, möglicherweise durch Mäuse übertragen." Widerstandsfähiger ErregerLacey sprach dann über die unglaubliche physische Widerstandsfähigkeit des Erregers. Ende der achtziger Jahre waren gegen den BSE-Erreger alle möglichen Substanzen und Methoden getestet worden. Selbst die schärfsten Laugen, Säuren und die größte Hitze konnte er überstehen. Mit Ausnahme von höchstkonzentriertem Chlor, das in der Praxis nicht verwendbar ist, hat er alles überlebt. "Wir sprechen hier von dem widerstandsfähigsten bekannten Erreger. ... Diese Erreger sind so gut wie nicht ausrottbar. Warum man damit begonnen hat, infizierte Rinder in Erdgruben zu werfen, weiß ich nicht. Ich habe damals dagegen protestiert, aber man wollte nicht hören ... Nun ist der Erreger trotz der Anstrengungen vieler Forscher ... unglücklicherweise noch nicht identifiziert. Das heißt, wir sind auf Tierversuche angewiesen. Das dauert wenigstens sechs Monate, längstens einige Jahre, bis herauszufinden ist, ob eine Infektion vorliegt...Daher ist es sehr gut möglich, daß der Erreger aus den Gruben in das Grundwasser gelangt. Man kann keine Experimente durchführen, um festzustellen, ob dies der Fall ist. Das Beunruhigendste an BSE ist, daß es neu ist. Daher die Ungewißheit. Das entscheidende Datum war 1986. Seit 1926 war bekannt, daß außer bei uns Menschen bei fünf weiteren Säugetieren derartige Krankheiten spontan auftauchten; die Traberkrankeit Scrapie bei Schafen und Ziegen, dann bei Pelznerzen in Nordamerika (die häufig mit Schlachthausabfällen gefüttert werden), und außerdem bei Hirschen und Elchen. Nach 1986 wurden derartige Krankheiten noch bei vielen anderen Tierarten festgestellt. Es wird behauptet, sie existierten schon lange, waren nur noch nicht erkannt worden. Ich kann Ihnen versichern, die Regierung hat lange nach Beweisen für ein früheres Auftauchen dieser Infektion forschen lassen, aber sie hat nichts finden können. Dies sind neuartige Infektionen. Die gesamte Anzahl von infizierten Rindern nach Angaben des Ministeriums für Landwirtschaft, Fischerei und Ernährung ist 180.000. Die wirkliche Zahl dürfte bei 600.000 liegen." Lacey verdeutlichte die Ausbreitung der Krankheit durch ein Schaubild, auf dem eine Kurve die tatsächlichen Fälle von 1986 bis 1992 zeigt, und zum Vergleich dazu in einer weit davon abweichenden Kurve die Prognosen der von der Tory-Regierung eingesetzten Southwood-Kommission, die ein Verschwinden der Seuche um 1994 mit der Begründung vorausgesagt hatte, daß die Regierung ja inzwischen die Fütterung von Rindern mit Tiermehl verboten habe. Southwood-KommissionLacey klagte vor allem die Wissenschaftler an, die sich der Regierung für ihre Lügengebäude als "Experten" zur Verfügung gestellt hatten. Insbesondere wies er auf die verantwortungslose Haltung des zoologischen Fachbereichs an der Universität Oxford hin. Der Vorsitzende der nach ihm benannten Southwood-Kommission habe seinen Adelstitel offensichtlich dafür erhalten, daß er die biologische Forschung auf widerwärtige Weise in Verruf gebracht habe. Die wichtigste Schlußfolgerung der Southwood-Kommission war, daß der BSE-Erreger nicht auf den Menschen übertragbar sei, weil er beim Rind gewissermaßen eine "Endstation" erreicht habe. Lacey meinte dazu: "Dieser Abschnitt des Berichts lieferte die Grundlage dafür, daß nichts getan wurde. Es ist der widerlichste Abschnitt, den ich je gelesen habe, und Ministerien und Veterinäre auf der ganzen Welt haben ihn benutzt... Sie wußten zu diesem Zeitpunkt bereits, daß BSE ansteckend und übertragbar ist. Sechs Monate zuvor war es publiziert worden, und sie wußten es. Die Vorstellung, daß das Rind eine Endstation darstelle, heißt nichts anderes, als daß wir es mit einer nichtinfektiösen Infektion zu tun hätten, einer nicht übertragbaren transmissiblen (d.h. übertragbaren) spongiformen Encephalopathie!!...Diese Lüge erlaubte der Regierung, untätig zu bleiben. Es gab keine Unterbrechung der Zucht, infizierte Tiere konnten herumgefahren werden, es gab keine Abschlachtungen. Sie taten nichts, weil sie sagen konnten: ,Unsere Experten haben gesagt, alles wird gut laufen! In dem gleichen Fachbereich in Oxford ... werden heute noch Artikel verfaßt und in wissenschaftlichen Zeitschriften verbreitet, in denen behauptet wird, BSE sei im Verschwinden begriffen. Wenn man natürlich die Bauern einschüchtert, werden sie BSE-Fälle nicht mehr melden, und die Kurve senkt sich. ... Die durchschnittliche Inkubationszeit ist fünf Jahre, aber es gibt starke Abweichungen. Auch ganz junge Tiere können krank werden. 80 Fälle wurden registriert, in denen die Rinder 30 Monate alt oder jünger waren. Daher ist auch die Behauptung, Fleisch von Tieren unter 30 Monaten sei sicher, vollkommen unsinnig." TierversucheIm Mai 1990 starb die erste Katze an BSE. Dies war zu einem Zeitpunkt, als die Regierung plötzlich jede Menge Experimente mit verschiedenen Tierarten durchführen ließ, um zu prüfen ob sie BSE bekämen. Die schlimmen Ergebnisse sickerten durch, und die Regierung behauptete schnell, es handle sich um künstlich herbeigeführte Experimente, die keinerlei Rückschlüsse zuließen. Lacey meinte dazu: "Warum haben sie diese Experimente denn durchgeführt, wenn sie irrelevant sind? Die Beweise verdichteten sich immer mehr. Wenn Schweine und Affen BSE bekommen können, dann ist es sehr wahrscheinlich, daß auch der Mensch infiziert werden kann. Unsere Gewebe sind denen von Affen und Schweinen sehr ähnlich. Daher werden diese Tiere auch meist für HIV-Experimente benutzt. Wenn diese Tiere anfällig sind, dann ist es zu 80 Prozent auch der Mensch." Lacey wandte sich dann gegen die These, BSE sei auf die Scrapie-Krankheit der Schafe zurückzuführen, eine Behauptung, die die britische Regierung lange Zeit verbreiten ließ. Weil Scrapie nicht beim Menschen vorkommt, glaubte sie, damit ihre Behauptung stützen zu können, eine Übertragung von BSE auf den Menschen sei ebenfalls nicht möglich. Lacey wies nach, daß die Regierung im Juli 1994 der Europäischen Union gegenüber ein völlig falsches Bild der tatsächlichen Ausbreitung von BSE erweckt hatte, indem sie in ihren Statistiken die lange Inkubationszeit der Krankheit, etwa fünf Jahre, unterschlagen hatte. Sie führte die Zahl der Erkrankungen nach dem Geburtsjahr der Rinder auf und "bewies" so, daß ab 1991 die Zahl der Fälle gegen Null tendiere, um jede Exportbeschränkung für unsinnig erklären zu können. Die 1991 oder 1992 geborenen Kälber konnten jedoch die Krankheit durchaus in sich tragen, ohne daß sie 1994 bereits ausgebrochen war. "Das Jahr 1994 war entscheidend, denn zu diesem Zeitpunkt sollte BSE verschwunden sein. Sie kürzten die Entschädigungszahlungen an die Bauern im April um 200 Pfund pro Rind. Daher waren die Bauern interessiert, eine Kuh als gesund zu verkaufen, obwohl sie bereits krank war. Diese Kühe gelangten in die Nahrungskette, weil sie mehr Geld einbrachten. So wurden ganz bewußt die Zahlen manipuliert. Der Prozentsatz von als verdächtig eingestuften Rindern sank von 90 auf 70 Prozent. ... BSE in anderen LändernJetzt zu der Frage, wie steht es mit BSE im Ausland? Die Antwort ist: Wir wissen es nicht. Bis jetzt wurden aus ganz Europa 500 Fälle berichtet... Soweit ich das beurteilen kann, ist die Gefahr in Europa etwa ein Prozent im Vergleich zu hier. Die meisten Fälle sind nicht auf den Export von Fleisch oder Knochenmehl zurückzuführen, sondern auf den Export unserer Tiere. Alles sieht so aus, als sei die Gefahr der Verbreitung von Tier zu Tier viel größer als die durch Fleisch oder Knochenmehl. Daher ist es im wesentlichen ein britisches Problem. Wir haben es verursacht, und unsere Arroganz hindert uns, die Sache in Ordnung zu bringen. Wir wissen, daß es vertikale Übertragung gibt. Das Alter der erkrankten Tiere vor und nach dem Fütterungsverbot ist sehr ähnlich. Das läßt darauf schließen, daß die Krankheit sich vertikal ausbreitet. Erst im August letzten Jahres gab die Regierung dies zu." Lacey berichtete dann von Vorkommnissen von 1994, als die EU ein Verbot für den Import britischer Rinder erlassen hatte, wenn nicht nachweisbar in einer Herde sechs Jahre lang kein BSE-Fall aufgetaucht war. Er hatte von einer Anklage gegen zwei Bauern erfahren, die Ohrmarken vertauscht hatten, um Kälber aus angeblich BSE-freien Beständen verkaufen zu können. Sie hatten sich mit der bemerkenswerten Behauptung verteidigt, daß BSE nicht in die menschliche Nahrung gelangen könne. Schließlich seien 1000 Tiere durch ihre Hände gegangen. Sie hatten dies gesagt, obwohl ihre Herden nur etwa 100 Tiere umfaßten. Lacey brachte die Angelegenheit ins Parlament. Das Landwirtschaftsministerium mußte schließlich zugeben, daß dieser Hof 915 Rinder aus anderen Beständen erhalten hatte, und nur 75 Prozent davon konnten aufgespürt werden. "Das heißt, die Bauern stellen BSE in einem relativ frühen Stadium fest, verladen die Tiere auf der Stelle und können so ihre Behauptung aufrechterhalten, ihre Bestände seien BSE-frei. Die Bauern, die die BSE-Rinder erhalten, bekommen dann von der Regierung die Entschädigung. Das Ministerium weiß davon, tut aber absolut nichts. ... Bewußt verhindern sie so eine realistische Registrierung. Nicht einmal die Interessen der Bauern werden durch diese Politik geschützt. Daher wird das europäische Eportverbot bleiben, bis sie das Problem gelöst haben und die Abstammung der Tiere zweifelsfrei nachzuweisen ist. ... Vertikale ÜbertragungErst im August 1996 wurden die Experimente über die vertikale Übertragung veröffentlicht. Man wußte schon seit Jahren davon. Man hatte BSE infizierte und nicht infizierte Kühe in der gleichen Herde mit gleichem Futter in der gleichen Umgebung gehalten. Das wurde intern kontrolliert. Die BSE-infizierten Kühe bekamen Kälber, die aufgezogen wurden. 42 von 273 dieser Kälber verendeten an BSE. Von den Kontrollkälbern, deren Mütter kein BSE hatten, waren es nur 13, die an der Seuche erkrankten. Ohne jeden Zweifel beweist das die vertikale Übertragung. Das Ganze fand nach dem Verbot der Fütterung mit Tiermehl statt. Diese 13 Kälber sind auf andere Weise, vermutlich nicht durch ihre Mütter, sondern durch andere Kühe oder die Umgebung infiziert worden. Das beweist, daß diese Seuche endemisch ist. Das heißt, sie ist hier und wird hier bleiben, und jeder, der behauptet, sie würde durch einen Zauber verschwinden, ist ein Narr. Was die menschliche Form, die neue Variante der Creutzfeld-Jacob-Krankheit (nvCJD) angeht, so brauche ich Ihnen nicht zu berichten, wie furchtbar sie ist. ... In den letzten 70 Jahren haben wir feststellen können, daß es drei Arten der Übertragung gibt: Die familiäre, bei der ein bestimmtes Gen von einer Generation an die nächste vererbt wird; die atrogenische, d.h. die Übertragung durch Bluttransfusionen, und die sporadische. Letztere bedeutet: Einer von vielen kann sie bekommen. Hierbei handelt es sich nicht um die neue, sondern die alte Variante. Dabei gibt es keine Übertragung von Mensch zu Mensch." Lacey erläuterte, daß es bei der alten Form von CJD immer einer Ansteckung durch ein anderes Säugetier bedurfte. Die intensiven Forschungen nach der Ursache hätten ergeben, daß die Übertragung vom Schaf auf den Menschen ausscheide, offenbar weil die menschlichen Gene nicht mit den Prionen (Eiweißmoleküle, die vermutlich die TSE-Erreger bilden) der Schafe in Verbindung treten könnten. Seit einigen Jahren habe man vermutet, daß es sich bei der alten CJD-Form um die Übertragung einer seltenen spongiformen Encephalopathie vom Rind handeln könnte. "Es ist wahrscheinlich, daß BSE eine Variante davon ist wir können den Begriff Mutation hier nicht gebrauchen die sich durch Selektion infolge der kannibalistischen Fütterungsmethoden beim Rind herausgebildet hat. Das würde auch die hohe Hitzebeständigkeit etc. erklären." Lacey widersprach vehement den Behauptungen der Tory-Regierung, BSE-Erreger seien nur in bestimmten Teilen des Tierkörpers wie dem Gehirn und dem Rückenmark, dem Sehnerv und den Darm zu finden. "Das kann nicht wahr sein. Es ist nicht möglich, daß eine Infektion vom Gehirn einer Kuh in das einer anderen springt, und bei der vertikalen Übertragung muß sie vor der Geburt von der Mutter in das Kind gelangen. Daher kann sie nicht nur im Gehirn sein. Wir haben 1990 einen Bericht über Forschungen veröffentlicht, die sich mit künstlich oder natürlich infizierten Tieren befaßten. Darin wurde gezeigt, daß die Infektion im Körper sehr weit verbreitet ist, und das konnte nicht anders sein. Um in den Körper zu gelangen, zum Beispiel durch die Nahrung, muß sie vom Darm ins Blut und vom Blut ins Gehirn gelangen. Sie wundern sich vielleicht, warum nur bei sechs Organen verboten wurde, daß sie in die Nahrungskette gelangen. Der Grund ist, daß sie keinerlei kommerziellen Wert haben. Man hat so lebenswichtige Organe wie die Leber nicht eingeschlossen, obwohl bekannt ist, daß sie höchst infektiös ist. Auch die Knochen sind nicht dabei, weil sie der Hauptlieferant von Gelatine sind." Lacey griff die wissenschaftlichen Methoden an, die die "Beweise" geliefert hatten, daß z.B. nur das Gehirn infektiös sei. Diese Experimente seien nur mit Mäusen durchgeführt worden, die im Gegensatz zu größeren Säugetieren für diese Art von Krankheiten nicht so anfällig seien. Bei diesen Tieren finde sich der Erreger nur im Gehirn, weil er dort in großen Mengen festgestellt werde. Lacey deckte dann die Manöver auf, die die Regierung zusammen mit dem hochbezahlten britischen Mikrobiologen John Pattison veranstaltet hatte, um wider besseres Wissen die Behauptung in die Welt zu setzen, es sei vollkommen ungefährlich, Gelatine aus Rinderknochen zu gewinnen und in alle Welt zu exportieren. Lacey erläuterte, daß Gelatine bei zu großer Hitze zerfalle, daher könne sie z.B. nicht sterilisiert und als Nährboden für Bakterienversuche verwendet werden. Jeder, der Gelatine zum Kochen verwende, wisse, daß sie bei Temperaturen über 100 Grad rasch zerfalle. Dennoch wurde behauptet, durch den Produktionsprozeß würde Gelatine keimfrei, da die Hitze hoch genug sei. Die Kampagne im März 1996 gegen das EU-Exportverbot gründete sich auf diese Gelatine-Behauptung. Lacey wies auf Versuche hin, bei denen der BSE-Erreger Temperaturen vor 138 Grad 60 Minuten lang überdauert hatte. Dies sei 1994 schon publiziert worden. Nachdem Lacey das auf drei Pressekonferenzen in Straßburg und Brüssel dargelegt hatte, wurde das EU-Verbot wieder auf Gelatine ausgedehnt. Auch die britische Süßwarenindustrie importierte daraufhin die Knochen für ihre Gelatine aus Belgien. Als nächstes griff Lacey die Behauptung auf, Rinder unter 30 Monaten seien ungefährlich. "Ich bin nicht der Meinung, daß Fleisch von Rindern unter 30 Monaten sicher ist. Sie müssen sich daran erinnern, daß Mr. Hogg und Mr. Major wie Papageien ständig wiederholten, sie stützten sich auf wissenschaftlichen Rat. Aber es gibt keine wissenschaftlichen Beweise dafür, daß Fleisch von Rindern unter 30 Monaten sicher ist. Die 30 Monate haben sie festgelegt, nachdem sie den Präsidenten des Bauernverbandes, Sir David Naish, gefragt hatten, in welchem Alter Rinder meist geschlachtet würden. Dies war also ein Versuch, die britische Fleischindustrie zu schützen. Er hat keinerlei wissenschaftliche Grundlage." Lacey klagte die Wissenschaftler an, die sich von der Politik hätten mißbrauchen lassen und forderte eine unabhängige wissenschaftliche Kontrolle. Was bringt die Zukunft?"Was jetzt die neue Variante von CJD angeht, weiß ich nicht, was die Zukunft bringen wird. Man kann einfach keine gesicherten Vorhersagen machen. Die Zahl liegt zwischen 20 und 20 Millionen. Der Grund dafür ist, daß 20 Millionen Menschen Gene haben, die mit dieser Krankheit infiziert werden können. Also, ich weiß einfach nicht, wohin das Pendel ausschlagen wird. Heute bezweifelt niemand mehr die Tatsache, daß die biochemischen Eigenschaften und Infektionsprozesse in den Gehirnen von Menschen, die an nvCJD erkrankt sind, die gleichen sind wie bei Primaten und Katzen mit BSE. Wir sprechen hier von der gleichen Krankheit, genau so, wie wir Salmonellen im Ei und bei einem Menschen finden können. Und auf die gleiche Weise findet die Übertragung vom Tier auf den Menschen statt. Ich glaube nicht, daß Kühe sehr oft mit menschlichen Überresten gefüttert werden. Nebenbei gesagt kommt dies vor. Die Schweizer fütterten die menschliche Nachgeburt an ihr Vieh. Keine besonders gute Idee. In diesem Land können wir annehmen, daß BSE nvCJD verursacht. Die entscheidende Unsicherheit ist die lange Inkubationszeit. Darüber hinaus wissen wir nicht, ob eine große oder kleine Dosis ausreicht, und ob sie sich im Körper anreichert. Ist BSE ein Risiko für den Organismus, wie das Zigarettenrauchen oder die radioaktive Strahlung, wo die Gefahr umso höher ist, je mehr der Körper dem ausgesetzt wird? Oder ist es wie bei der Lebensmittelvergiftung durch Salmonellen, wo man schon erkrankt, wenn man nur einmal eine bestimmte Dosis erhält? Wir wissen es einfach nicht. Versuche dazu wurden noch nicht durchgeführt. Mir scheint vieles dafür zu sprechen, daß die Inkubationszeit ungefähr 12 bis 20 Jahre beträgt. Wir wissen, daß alle Menschen, die bisher daran gestorben sind, 18 Jahre oder älter waren. Das legt die Vermutung nahe, daß die Inkubationszeit nicht sehr kurz sein kann, denn die größte Infektionsgefahr bestand 1989 bis 1991. Wenn die Inkubationszeit unter fünf Jahren betrüge, dann würden auch Menschen im Alter von unter zehn Jahren sterben. Das ist nicht geschehen. Die klinische Phase, wenn die betreffende Person wirklich krank ist, dauert etwa 14 Monate. Alles deutet also darauf hin, daß es sich um eine lange Krankheit handelt. Wenn man die Versuche mit Affen betrachtet, dann dauert es vier Jahre bis zur Erkrankung, wenn man ihnen eine hohe Dosis direkt ins Gehirn spritzt. Dabei muß man davon ausgehen, daß Affen nicht solange leben wie wir. Auch die Inkubationszeit von BSE bei Rindern variiert sehr stark. Wir müssen also mit Zeiträumen in der Größenordnung von 12 bis 50 Jahren rechnen. Denken Sie daran, bei der erblichen CJD erkranken die Menschen, wenn sie über 40 sind, bei dem älteren CJD-Typ etwa mit 65. Es handelt sich also um Jahrzehnte. Das ist das Beunruhigende. Wenn die Menschen, die in den letzten beiden Jahren an nvCJD erkrankt sind, Anfang oder Mitte der achtziger Jahre angesteckt wurden, als die Infektionsgefahr noch relativ gering war, dann kann man sich ausrechnen, was das für die Menschen bedeutet, die in der späteren Phase mit dem Erreger in Berührung kamen. Von ihnen könnte eine große Anzahl infiziert worden sein. Es wäre möglich, daß nur ein Prozent von denen, die der Gefahr Anfang bis Mitte der achtziger Jahre ausgesetzt waren, infiziert wurden. Man kann Berechnungen anstellen und jede mögliche Zahl herausbekommen. Wenn man Regierungsberater ist, wird man eine Zahl zwischen 200 und 10.000 nennen. Wenn man ein ernsthafter Wissenschaftler ist, kann man zum Schluß kommen, daß es eventuell gar keine Fälle mehr geben könnte immerhin wäre es möglich, daß es nur einige wenige Launen der Natur waren. Genausogut könnte man aber die Zahl von 20 Millionen nennen. So hoch ist die Anzahl der Menschen, die die richtigen Gene dafür haben. Ehrlich gesagt, wir können einfach nicht sagen, wieviele es sein werden. Ich sage daher, es ist das größte Experiment, das jemals mit der menschlichen Bevölkerung angestellt wurde, und man hat nichts unternommen, um festzustellen, wieviele Menschen darunter leiden werden." Lacey schloß seinen Vortrag mit der Bemerkung, er freue sich über die persönlichen Angriffe, deren Ziel er war: "Persönliche Angriffe bedeuten, daß sie nicht in der Lage sind, die Wissenschaft anzugreifen, daß sie nicht in der Lage sind, sich mit mir über die Tatsachen auseinanderzusetzen." © neue Arbeiterpresse, Nr. 862, 10. Juli 1997
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