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"Das Engagement in der Bevölkerung, etwas zu tun,
ist enorm"

Hilfe aus Frankfurt für polnische Flutopfer

Mitarbeiter der neuen Arbeiterpresse sprachen mit der Ausländerbeauftragten der Stadt Frankfurt (Oder) Barbara Stache und freiwilligen Helfern von Konvoi ‘96 Hilfe e.V, die spontan einen Hilfstransport in den Landkreis Lubsza organisiert haben.

Dieser Landkreis liegt zwischen Wrozlaw und Oppole und gehört zu den am schwersten vom Hochwasser betroffenen Regionen Polens. 12 der 20 Dörfer stehen zu 100% unter Wasser und die restlichen 8 zu 75%. Von den 3000 Häusern sind 2169 überflutet. Von den 9000 Einwohnern sind jetzt 6500 obdachlos.

Die Oder hat sich dort wieder ihr altes Flußbett gesucht und fließt nun teilweise direkt durch die Gemeinden. Das Hauptproblem besteht darin, daß das ganze Gebiet nach dem Hochwasser leergepumpt werden müßte, weil einige Orte bis zu dreizehn Meter unter dem Normalniveau der Oder liegen.

Die polnische Regierung habe nur sehr spät helfend eingegriffen und sei überhaupt nicht auf ein solches Hochwasser vorbereitet gewesen, berichtet Michael Hoffert. Präsident Kwasniewski sei erst ins Hochwassergebiet gekommen, nachdem Kohl in Frankfurt/Oder aufgetreten war. "Zum Zeitpunkt des größten Flut hat er US-Präsident Clinton in Warschau begrüßt. Hier aber steckten die Leute im Schmutz und schrien ,Helft uns!’. Die Betroffenen waren völlig auf Selbsthilfe angewiesen. Die meisten wußten, daß keine Hilfe von oben kommen wird. Sie haben die ganze Sache in die eigenen Hände genommen."

"Die Lage sah schrecklich aus. Man kann es kaum beschreiben. 50% der Menschen haben wirklich alles verloren. Sie haben kein Essen, keine Kleidung und kein Haus mehr," beschreibt Barbara Stache die Situation.

Michael Hätscher ergänzt: "Die Dörfer sind ohne Strom und Trinkwasser. Auf Lehm gebaute Häuser wurden weggespült. Die Flut kam so schnell, daß viele nicht einmal mehr die nötigsten Sachen retten konnten."

Für die Betroffenen ist die Lage dramatisch, da niemand versichert ist. Grazyna Warszawski von der Internationalen Begegnungsstätte Deutschland-Polen sagt: "Die Leute sind eigentlich ohne große Hoffnung, daß irgend jemand von der Regierung helfen wird. Bis jetzt sind nur Privatspenden eingetroffen."

Zu Zeitungsberichten, wonach schon seit Anfang der achtziger Jahre Risse an den Stellen bekannt sind, wo die Deiche schließlich brachen, bemerkte Barbara Stache: "Die Ausländerbeauftragte vom Landkreis Oder-Spree, die selbst eine Polin ist, sagte mir, daß in kleineren Orten der Katastrophenschutz privatisiert worden sei. Das war ein riesengroßer Fehler. Privater Katastrophenschutz funktioniert nicht. Er gehört in staatliche Hände. Außerdem verfügen sie nicht über ausgebildete, sondern nur über angelernte Kräfte und Hilfsarbeiter."

Das neue Katastrophen- und Hochwassergesetz, das am 17. Juli im Sejm verabschiedet wurde, sorgte für zusätzliche Aufregung innerhalb der Bevölkerung. Das Gesetz ermöglicht die bezahlte Freistellung Betroffener für drei bis fünf Tage von der Arbeit.

"Es wurde jedoch vergessen", sagte Barbara Stache, "daß der Arbeitgeber verpflichtet ist, die Leute nach dieser Zeit weiter zu beschäftigen. Er kann sie kündigen.

Er muß sie nach dem Gesetz nicht behalten. Sie verlieren ihr Hab und Gut und bei einem verrückten Arbeitgeber wird ihnen dann auch noch die Arbeit gekündigt. Die Leute sind doch schon genug gestraft. Da sieht man das Interesse der Regierung an den Leuten. Einige sind deshalb bereits entlassen worden."

Der Rentner Henryk Raczkowski aus Slubice, mit dem die neue Arbeiterpresse telefonierte, bestätigte das: "Das örtliche Finanzamt und einige nicht genannte Unternehmen wollten diejenigen entlassen, die nach der Fünftagesfrist nicht zur Arbeit erschienen sind, obwohl fast die ganze Stadt evakuiert ist. Nach vielen Protesten sah sich der Parlamentspräsident persönlich gezwungen, den Leuten zu garantieren, daß niemand entlassen wird."

Die Helfer von Konvoi ‘96 Hilfe e.V. hatten am Dienstag, den 29. Juli, innerhalb von 24 Stunden einen Hilfskonvoi zusammengestellt. Per Telefon hatten sie örtliche Kleinunternehmen um Spenden gebeten. Fast alle Angerufenen stellten zum Teil sehr großzügige Spenden zur Verfügung. Innerhalb kürzester Zeit waren zwei Kleinbusse mit Lebensmitteln und Kleidung abfahrbereit. Sie wurden jedoch von keiner einzigen Behörde unterstützt. Im Polizeipräsidium wurden sie sogar darauf vertröstet, bis auf die Rückkehr des Polizeipräsidenten aus seinem Urlaub in zwei bis drei Wochen zu warten.

Barbara Stache sagte dazu: "Es ist sehr schwierig, finanzielle Beihilfen zu finden. Sachspenden waren kein Problem. Das Engagement in der Bevölkerung, etwas zu tun, ist enorm.

Geld zu bekommen ist dagegen fast unmöglich. Der Konvoi scheiterte beinahe daran, daß wir kein Benzingeld hatten. Bei Anfrage im Justizministerium des Landes Brandenburg wurde mir gesagt, daß die 40.000 DM, die im Jahr für die deutsch-polnische Zusammenarbeit zur Verfügung stehen, bereits weg sind.

Die Engstirnigkeit und die verfluchte Bürokratie in diesem Land haben die Jungs, gleich nachdem sie aus Polen zurückgekehrt waren, zu spüren bekommen. Michael Hätscher, der sich wegen der Kürze der Zeit beim Arbeitsamt nicht abmelden konnte, wollen sie nun für die eine Nacht, die er in Polen war, gleich eine ganze Woche vom Arbeitslosengeld abziehen. Die müssen verrückt sein. Mit den Konvois nach Bosnien hat immer alles so gut geklappt."

Abschließend sagte Barbara Stache, "daß die Zusammenarbeit mit Polen wesentlich verbessert werden muß. Wir als Internationale Begegnungsstätte bekommen beispielsweise keine Telefongespräche nach Polen finanziert! Dieses Projekt wird vom Arbeitsamt aus ABM-Mitteln finanziert".

© neue Arbeiterpresse, Nr. 863, 14. August 1997 

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