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zurück zum Inhalt dieser Ausgabe Stimmen streikender BauarbeiterVerena NeesSchon sieben Wochen dauert der Arbeitskampf für manche Bauarbeiter in Berlin an. Ihr Streikzelt, das die IG BAU Ende letzter Woche abbauen ließ, war bis dahin der Mittelpunkt des Streiks. Morgens 6 Uhr und mittags 13 Uhr kamen hier die Arbeiter Hunderter kleiner und mittlerer Baubetriebe zusammen. Hier holten sie den Stempel für das Streikgeld und organisierten die Streikposten für die Baustellen. Reporter der neuen Arbeiterpresse fingen einige Stimmen und Ausschnitte aus den lebhaften Diskussionen ein. Vor allem betonten Arbeiter immer wieder, wie wichtig ihr Kampf auch für andere Branchen sei. Der Versuch, Tarifverträge in der bisherigen Form zu untergraben und abzuschaffen und die Löhne aller Arbeiter auf das Niveau von Billiglöhnen portugiesischer, britischer oder polnischer Arbeitern zu drücken, werde, sollte er glücken, überall Nachahmer finden. "Wir streiken für alle Arbeiter in Deutschland, ja in Europa. Wenn wir uns nicht durchsetzen, werden überall die Arbeitgeber versuchen, uns auf die Bedingungen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zurückzutreiben, als es keine Tarifverträge gab", so Heinz Rohde, Betriebsrat der Firma Rogge und Bauarbeiter seit über 40 Jahren. In der vierten Woche, auf dem Höhepunkt des Streiks forderten viele Arbeiter eine Ausweitung des Streiks, um den Druck auf die Fachgemeinschaft Bau zu erhöhen. In den Diskussionen im Streikzelt kam immer wieder die Frage auf, warum die Gewerkschaft nicht den Potsdamer Platz lahmlegt, die größte Baustelle Europas, wo Tausende Arbeiter, darunter viele Billiglohnkräfte aus Portugal, Polen, Großbritannien, Irland eingesetzt sind. "Wenn sich dort nichts mehr rühren würde und der Bau der Regierungsgebäude betroffen wäre, würde unser Kampf wirklich Aufsehen erregen. Aber so weiß kaum einer etwas über den Streik. Die Medien bringen entweder gar nichts oder nur ein paar kurze Zeilen." So der Tenor vieler Bemerkungen zur neuen Arbeiterpresse. Die Gewerkschaft habe einen Streik auf dem Potsdamer Platz u.a. mit dem Argument abgelehnt, berichtete ein Arbeiter, dies wäre technisch zu schwierig. Man bräuchte 2000 Arbeiter, um die Baustelle abzuriegeln. Ein junger Arbeiter aus Ostberlin bemerkte zu diesem Argument: "Und was ist mit den 20.000 arbeitslosen Kollegen? Warum werden sie nicht mobilisiert." Das Thema der Arbeitslosigkeit kam in den Gesprächen immer wieder auf. "Wir streiken auch für die Zukunft unserer Kinder", sagten viele und erzählten einiges über das Schicksal ihrer Söhne und Töchter, die entweder gar keine Arbeit oder Jobs mit schlechteren Löhnen und Bedingungen gefunden hätten. Die neue Arbeiterpresse gab die Frage der Arbeiter zum Potsdamer Platz an die Streikleitung weiter. Streikleiter Rainer Knerler antwortete, ein Streik auf dem Potsdamer Platz sei juristisch nicht möglich und würde horrende Schadenersatzforderungen an die Gewerkschaft nach sich ziehen. Das Problem sei, daß die Arbeitgeber nicht mehr wie früher als Einheit auftreten und man somit einen Gegner hätte, sondern man habe es plötzlich mit "ein, zwei, drei Gegnern zu tun". Nach den Tarifvertragsbestimmungen könne man aber immer nur einen bekämpfen, weil die anderen schon Abschlüsse unterschrieben haben. Die Firmen auf dem Potsdamer Platz hätten dem Schlichterspruch schon zugestimmt. Auf den Hinweis, daß der Wahlspruch der IG BAU im Streik "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" sei und daß sich doch gerade am Potsdamer Platz, wo die Firmen zahllose Billiglohnkräfte beschäftigen, das Problem der ungleichen Bezahlung besonders scharf stelle, erklärte Knerler: "Unser Wahlspruch ist nicht ,Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, sondern ,Wir lassen uns nicht abkoppeln, d.h. die Berliner Tarife sollen nicht vom übrigen Bundesgebiet abgekoppelt werden." © neue Arbeiterpresse, Nr. 863, 14. August 1997
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