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"Es ist eine Kette ohne Ende"

Lothar Klähe (56) und Michael Bücking (36) berichteten, daß in ihren Betrieben die Streikbereitschaft sehr hoch sei.

"Es gibt sogar Kollegen, die vorher aus der Gewerkschaft ausgetreten sind, weil sie in den letzten Jahren zu wenig getan hat, und trotzdem mitstreiken, auch wenn sie jetzt kein Streikgeld erhalten", sagte Lothar Klähe. Er arbeitet seit 40 Jahren auf dem Bau. Nachdem seine frühere Firma pleite gemacht hatte, in der er auch Betriebsrat war, arbeitet er nun bei der Firma des Verbandschefs Kaspar Freymuth, Firma Armold Kuthe, mit rund 200 Beschäftigten einer der größten der Fachgemeinschaft Bau.

"Eigentlich würde ich lieber arbeiten. Aber der Streik ist wichtig" sagte Lothar Klähe. Das was die Bauarbeiter erleben, stehe künftig auch in anderen Bereichen auf der Tagesordnung. "Als nächstes wird vielleicht das Straßenreinigungsgewerbe dran sein. Dort kommen ebenfalls die Billigarbeitskräfte, und diese Löhne werden dann der Maßstab. Es ist eine Kette ohne Ende, wenn wir nicht kämpfen. Sie treiben uns immer weiter nach unten."

Und die bisherigen Tarifvereinbarungen, die die Gewerkschaft unterschrieben hat? "Die Gewerkschaft hat viele Fehler gemacht", so Lothar Klähe. "Mit ihrem Verhalten beim Kampf um das Schlechtwettergeld zum Beispiel bin ich überhaupt nicht einverstanden. Wie viele Kollegen bin ich im letzten Winter gekündigt worden und mußte von 1800 Mark Arbeitslosengeld und dem, was ich im Sommer zurückgelegt hatte, leben. Dabei beträgt meine Miete schon 1200 Mark.

Auch jetzt hat die Gewerkschaft den Streik nicht richtig durchorganisiert. Alle Baustellen müßten stillgelegt werden, vor allem der Potsdamer Platz. Ich bin für einen Generalstreik, bei dem alle Gewerkschaften mitmachen, und der sich gegen die ganze Politik in diesem Land richtet. Hut ab vor den Franzosen! So wäre es richtig. Sie müssen sich mal hier umhören, ich glaube, ich bin nicht der einzige, der so denkt.

Auch die portugiesischen, britischen und anderen ausländischen Kollegen müßten mitmachen. Sie sind doch gerade die betroffenen Billiglohnkräfte auf den Baustellen. Ich kann Ihnen Fälle nennen, wo portugiesischen Kollegen zwar offiziell der Mindestlohn von 17 Mark gezahlt wird, aber in Wirklichkeit haben sie nur 10 Mark oder weniger, weil die Firma ihnen gleich Wohngeld abzieht. Und das für Unterkünfte, wo sie zu sechst auf einem Zimmer hausen müssen." Selbst für einen Containerplatz, ergänzte ein anderer Arbeiter von Kuthe, würden diese Arbeiter mit 25 Mark pro Tag zur Kasse gebeten.

Lebhaft diskutierten Lothar Klähe und Michael Bücking mit den Reportern der neuen Arbeiterpresse über die Zukunftsperspektiven. Es stimme, daß Arbeitgeber und Regierung hier amerikanische Verhältnisse einführen wollen, wo es nur noch Arbeitsplätze mit Billiglöhnen und ohne soziale Absicherungen gebe. Auch unter einer SPD-Regierung würde sich die Lage nicht bessern, so Lothar Klähe. "Vor allem die Jugend tut mir leid".

Die Firma Kuthe habe früher noch 50 bis 60 Lehrlinge ausgebildet, heute seien es noch drei oder vier. Bei Firma Hamann sei es nicht besser, fügte Michael Bücken hinzu. "Früher hieß es, sei schlau, lern’ beim Bau. Heute sollte man den Spruch abwandeln: Sei nicht dumm, kehr’ wieder um."

© neue Arbeiterpresse, Nr. 863, 14. August 1997 

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