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UPS: Größter Streik in den USA seit einem Vierteljahrhundert

Seit dem 1. August Null Uhr wird das amerikanische Paketzustellunternehmen United Parcel Service (UPS) bestreikt. 185.000 Fahrer wurden von der Transportarbeiter-Gewerkschaft, den Teamstern, zum Streik aufgerufen. Auch etwa 2000 UPS-Piloten unterstützen den Streik. Es ist der erste bundesweite Streik in der 90jährigen Unternehmensgeschichte. Alle bisherigen Verhandlungen wurden ergebnislos beendet.

Dieser Streik stellt eine Wende für die amerikanische Arbeiterklasse dar. Nachdem der Lebensstandard der amerikanischen Arbeiter seit vielen Jahren ständig gesenkt worden ist, und viele Arbeiter gezwungen sind, mehrere Arbeitsplätze anzunehmen, um über die Runden zu kommen, haben die Konzerne gute Gewinne gemacht. In den USA wurde dafür der Begriff "working poor" d.h. arbeitende Arme geprägt. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, daß der Streik bei UPS bei der amerikanischen Bevölkerung auf große Sympathie stößt.

Hauptziel des Streiks ist die Durchsetzung von Vollzeitarbeitsplätzen. Der Mehrheit der Fahrer bei UPS arbeiten Teilzeit. Die meisten von ihnen bleiben nur wenige Monate im Betrieb, danach sind sie wieder arbeitslos. Deshalb hatten die Mitglieder der Gewerkschaft bei UPS zu 95 Prozent dafür gestimmt, ihre Forderungen auch mit einem Streik durchzusetzen. Die Arbeitslöhne der Teilzeitbeschäftigten betragen mit durchschnittlich 11 Dollar pro Stunde nur etwa die Hälfte derjenigen der Vollzeitbeschäftigten.

Der Hauptslogan des Gewerkschaftsvorsitzenden Ron Carey in dem Streik lautet: "Den amerikanischen Traum zurückerobern!" Diese Beschwörung vergangener Träume soll die wahre Natur des kapitalistischen Systems verschleiern und die Zukunft, die den Arbeitern darin blüht. Die Gewerkschaftsbürokratie der Teamsters hat selbst keine Politik, mit der sie der wachsenden Verelendung begegnen könnte, vielmehr hat sie selbst mit ihrer bedingungslosen Unterordnung unter die Profitinteressen des Kapitals den schrecklichen sozialen Niedergang der vergangen Jahrzehnte organisiert.

Dabei verfolgte sie auch eigene Interesses. Sie hat zum Beispiel an der Teilzeitarbeit gut verdient. Da die Gewerkschaft von jedem neuen Mitglied umgerechnet mehrere hundert DM "Eintrittsbeitrag" verlangt, hat sie ein Interesse an einer Belegschaft, die möglichst schnell wechselt.

Ein weiteres Streikziel ist die Verhinderung der alleinigen Übernahme des Pensionsfonds durch UPS. Bisher werden die Pensionen von einem Fonds gezahlt, an dem neben UPS eine Reihe weiterer Großunternehmen beteiligt ist. Dadurch würde die Sicherheit der Renten in noch größerem Maße als bisher von der wirtschaftlichen Zukunft von UPS abhängig.

Da UPS in den USA normalerweise etwa 80 Prozent aller Pakettransporte durchführt, sind die Konkurrenzunternehmen wie die amerikanische Post oder Federal Express nicht in der Lage, diese Menge mit zu übernehmen. Die amerikanische Post hat daraufhin eine Beschränkung von maximal 4 Paketen pro Person eingeführt, die zum Transport aufgegeben werden können und außerdem Sonntagszustellungen eingeführt.

Welches Ausmaß der Streik hat, illustrieren auch ein paar weitere Zahlen. UPS besitzt etwa 150.000 Fahrzeuge, die jetzt zum Großteil ruhen. Die durchschnittliche Zahl von Paketen, die vor dem Streik täglich transportiert wurde, betrug 12 Millionen. Nach Unternehmensangaben können derzeit nur etwa 10 Prozent davon transportiert werden, obwohl eine große Zahl von Angestellten des Unternehmens (insgesamt beschäftigt UPS in den USA über 300.000 Menschen) als Streikbrecher eingesetzt wird. Befördert werden von ihnen vor allem dringende medizinische Lieferungen.

Der Streik hat enorme Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft in den USA. Durch die Zunahme des Versandhandels in den letzten Jahren sind davon abhängige Unternehmen fast völlig zum Stillstand gekommen. Der Absatz vieler Unternehmen, die ihre Produkte nur über das Internet verkaufen, ist praktisch vollständig zusammengebrochen. Außerdem hat UPS auch die Organisation und Abwicklung von Transporten innerhalb anderer Unternehmen übernommen. Auch diese Unternehmen sind durch den Streik weitgehend stillgelegt.

Aufgrund dieser Auswirkungen fordern die UPS-Führung, Vertreter der Industrie und die Gouverneure von drei Bundesstaaten von Präsident Bill Clinton, den Streik zu verbieten. Die rechtliche Grundlage dafür soll das Taft-Hartley Gesetz von 1947 bilden. Nach diesem Gesetz können Streiks, die die nationale Sicherheit gefährden oder schwere wirtschaftliche Folgen haben, verboten werden. Bisher hat sich Clinton geweigert, dieser Forderung nachzukommen. Dies liegt aber nicht daran, daß er das Recht von Arbeitern verteidigen würde, mit Arbeitskämpfen ihre Interessen durchzusetzen. Noch im Februar hat er einen Streik bei der Fluggesellschaft American Airlines für illegal erklärt, unmittelbar nachdem dieser ausgerufen worden war.

Vielmehr fürchtet die Regierung eine Ausweitung des Konflikts auf andere Bereiche und vor allem eine weitere Politisierung des Arbeitskampfs. Nach noch nicht einmal einer Woche hat der offizielle staatliche Moderator der Verhandlungen zwischen UPS und Gewerkschaft den Streik als "größten Arbeitskampf seit einem Vierteljahrhundert" eingestuft.

Die Arbeitsministerin Alexis Herman versucht seit Beginn des Arbeitskampfes, Druck auf die Gewerkschaft und UPS auszuüben, und sie zu irgendeiner Einigung zu bewegen. UPS ist vor allem an einer neuen Urabstimmung über das letzte von ihr vorgelegte Angebot interessiert, bei der die Arbeiter einzeln unter Druck gesetzt werden können, damit sie gegen die Fortsetzung des Streiks stimmen. Lester Hembree, ein Fahrer, der seit 27 Jahren bei UPS arbeitet, sagte: "Das Unternehmen übt Druck auf die Beschäftigten aus, damit die Gewerkschaft individuelle Abstimmungen durchführt. Ich bin dagegen, und ich glaube ich spreche auch für meine Kollegen". In einem Brief an Kongreßabgeordnete hat UPS sogar ein Sondergesetz zur Erzwingung einer solchen "Urabstimmung" gefordert.

Da die Teamster-Gewerkschaft gerade einmal 55 Dollar Streikgeld pro Woche zahlt, haben sich viele Arbeiter schon Monate vorher auf den Streik vorbereitet und Geld beiseite gelegt. Ein streikender Fahrer aus New York sagte: "Wir sind bereit zu einem langen Kampf, wenn es das ist, was sie haben wollen".

Im krassen Gegensatz zur Bedeutung und den Auswirkungen des Streiks steht die Berichterstattung in deutschen Medien. Wenn überhaupt, dann beschränkt sich die Berichterstattung auf Kurzartikel und -berichte. Der Hauptgrund dafür ist die begeisterte Unterstützung des sogenannten "amerikanischen Modells" durch die deutschen Unternehmer und die ihnen ergebenen Politiker von SPD, CDU, FDP und Grünen. Sie fürchten, das Bekanntwerden des Streiks bei UPS könne diese Kampagne unterhöhlen. Sie hat nämlich die Durchsetzung genau der Arbeitsbedingungen in Deutschland zum Ziel, gegen die sich der Streik in den USA richtet.

Die ÖTV, in deren Zuständigkeitsbereich UPS mit etwa 14.000 Beschäftigten in Deutschland gehört, hat bisher keinen Handschlag gerührt, um auch nur den Streik bekannt zu machen, geschweige denn, die Transporte aus den USA und dahin zu unterbinden. Das erlaubt es UPS, seinen Geschäftskunden zu versichern, daß der internationale Transport "nicht beeinträchtigt" sei.

© neue Arbeiterpresse, Nr. 863, 14. August 1997 

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