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zurück zum Inhalt dieser Ausgabe Warum hat der Holocaust stattgefunden?Eine Besprechung der neuen Broschüre von David NorthDavid WalshDer Marxismus besteht mehr als jede andere Denkmethode darauf, Erscheinungen geschichtlich einzuschätzen. Er besagt, daß ein Ereignis nur verstanden werden kann, wenn es als Ergebnis von Prozessen betrachtet wird, deren Charakter und Entwicklung beleuchtet und erklärt werden. Es ist bekannt, daß eine solche Herangehensweise während der letzten Jahrzehnte in akademischen und intellektuellen Kreisen ständigen Angriffen ausgesetzt war. In seiner Schrift zum Holocaust weist David North auf einen entscheidenden Punkt hin: über die Vernichtung der europäischen Juden sind Bände über Bände geschrieben worden, kaum ein Werk aus der Nachkriegszeit hat jedoch seine Ursachen erklären können. North macht sich dann selbst an eine solche Erklärung. Jedem Leser der neuen Broschüre "Antisemitismus, Faschismus und Holocaust. Eine kritische Besprechung des Buchs ,Hitlers willige Vollstrecker von Daniel Goldhagen" wird selbst entscheiden müssen, inwieweit das dem Autor gelingt. Niemand, der sich ernsthaft für die brennenden gesellschaftlichen Fragen von heute interessiert, kommt jedoch daran vorbei, sich mit ihr auseinanderzusetzen. North zeigt auf, wie sich die Haltung zu den Naziverbrechen im Laufe der Zeit verändert hat. In den dreißiger Jahren verstanden und akzeptierten breite Schichten von Arbeitern und Intellektuellen die Erklärung von Marxisten wie Leo Trotzki, daß die Wurzeln des Faschismus in der weltweiten Krise des Kapitalismus gelegen hätten. Diese habe es für die Bourgeoisie notwendig gemacht, kleinbürgerliche Schichten gegen die drohende soziale Revolution zu mobilisieren. In der Nachkriegszeit verhinderte der Kalte Krieg, daß eine solche Analyse ein größeres Publikum erreichte; der Holocaust wurde zunehmend als Ausdruck des unaussprechlich Bösen dargestellt, das in der menschlichen Seele lauere. Goldhagens "enorm erfolgreiches, durchgängig beklagenswertes Werk", das behauptet, die Nazibarbarei wäre der Ausdruck eines den Deutschen angeblich angeborenen Antisemitismus gewesen, ist selbst das Produkt einer länger andauernden intellektuellen Degeneration; es verbindet eine demoralisierte Sicht der Menschheit mit einer Kombination von Ignoranz und willkürlicher Mißachtung historischer Tatsachen. Goldhagen untertitelt sein Werk mit "Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust". Um eine entscheidende methodologische Frage zu verdeutlichen, fragt North: Was ist eigentlich ein "gewöhnlicher Deutscher"? Er erklärt, daß das vulgäre Denken sich mit "hohlen Verallgemeinerungen" behilft: "In der Philosophie bezeichnet man solche Verallgemeinerungen als abstrakte Identitäten, d.h. als Identitäten, aus denen jeder innere Gegensatz ausgeschlossen wurde." Goldhagens Begriff der "Gewöhnlichkeit" gibt die inneren Gegensätze und Konflikte der deutschen Gesellschaft nicht wieder. Er ignoriert eine wesentliche Tatsache: Die deutsche Gesellschaft wies 1933 eine komplexe Klassenstruktur auf. Wer waren die "gewöhnlichen" Deutschen: Arbeiter, Ladeninhaber, Handwerker, landbesitzende Junker, Bankiers oder Fabrikbesitzer? Dem antisemitischen Schreckgespenst des "ewigen Juden" setzt Goldhagen die Spukgestalt des "ewigen Deutschen, des unerbittlichen und unwandelbaren Feindes des jüdischen Volkes" entgegen. Um seinen mythischen Begriff eines "deutschen Volkes" ohne konkrete Charakteristika oder innere Gegensätze aufrechterhalten zu können, ist Goldhagen gezwungen, eine Diskussion der deutschen und europäischen Geschichte zu vermeiden. North geht dann anstelle des Harvard-Dozenten auf die grundlegenden historischen Fragen ein, bei denen eine objektive Einschätzung des Nazismus ansetzen muß. Er erklärt, daß ganz bestimmte gesellschaftliche und politische Bedürfnisse Ende des neunzehnten Jahrhunderts den modernen Antisemitismus hervorgebracht haben. Der bedeutendste Faktor war dabei der Aufstieg einer klassenbewußten sozialistischen Arbeiterbewegung, die für das Profitsystem eine tödliche Bedrohung darstellte. Die Bourgeoisie, geschockt von Ereignissen wie der Pariser Kommune von 1871, machte sich daran, eine Massenbasis zur Verteidigung des Kapitalismus aufzubauen, paradoxerweise besonders unter Bevölkerungsschichten, die vom Anwachsen des Industrie- und Finanzkapitals bedroht waren. Das Gift des Nationalismus und Antisemitismus wurde in ganz Europa ausgeschüttet, um diese kleinbürgerlichen Elemente zu verleiten, die Sache "der Nation" gegen alle inneren und äußeren Feinde zu verteidigen. North führt an, daß "eine zentrale Prämisse von "Hitlers willige Vollstrecker" lautet, daß der Antisemitismus von sämtliche Teilen der deutschen Gesellschaft hingenommen worden sei". Dies zwinge Goldhagen, die Geschichte des deutschen Sozialismus zu ignorieren, die "eine Geschichte des unnachgiebigen Kampfes gegen den Antisemitismus" gewesen ist. North zitiert aus der Wahlerklärung der SPD von 1881 und weist darauf hin, daß Paul Singer, ein jüdischer sozialistischer Geschäftsmann, bei den Wahlen von 1887 mehr Stimmen in Berlin erhielt als irgend ein anderer dortiger Kandidat für den Reichstag. Nach jahrzehntelangem Rückgang des Antisemitismus wurde er erst nach dem Ersten Weltkrieg wieder zu einem bedeutenden Faktor in der deutschen Politik, als wirtschaftlicher Ruin und politische Desorientierung verzweifelte kleinbürgerliche Schichten in die Arme der Politik Hitlers und anderer rechten Demagogen trieb. North macht den entscheidenden Punkt (wobei er sich auf die Arbeit des deutschen Autors Konrad Heiden stützt), daß "Hitlers Antisemitismus... ein Nebenprodukt seines verzehrendes Hasses auf die Arbeiterklasse" war. All diese objektiven Faktoren liefern jedoch noch keine schlüssige Erklärung für den Triumph des Faschismus in Deutschland. In den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts war der politische Antisemitismus im zaristischen Rußland weitaus bösartiger als im Deutschland der Hohenzollern. In Rußland, nicht in Deutschland, fanden vom Staat unterstützte Pogrome statt, bei denen Tausende Juden getötet wurden. Warum jedoch endete die Krise von 1917 in Rußland mit dem Sieg des Sozialismus, während der Zusammenbruch der Weimarer Republik 15 Jahre später zur Nazibarbarei führte? Wie ist das zu erklären? Hierzu muß man auf das Problem der Führung der Arbeiterklasse eingehen. Dementsprechend widmet sich der längste einzelne Abschnitt der Broschüre dem Thema "Die Krise der deutschen Arbeiterbewegung". North zeigt auf, daß von 1918-23 und dann wieder von 1929-33 in Deutschland zutiefst instabile Bedingungen vorherrschten, die mehr als einmal zu revolutionären Gelegenheiten führten. Die Arbeiterklasse konnte sie jedoch nicht nutzen, weil die SPD und die KPD "ihren politischen Bankrott erwiesen und sich gänzlich unfähig gezeigt hatten, den geschundenen Massen einen Ausweg aus der vom Kapitalismus geschaffenen Not zu weisen". Die SPD, die im Ersten Weltkrieg die kaiserliche Regierung unterstützt und die Arbeiterklasse damit verraten hatte, stellte sich als entschiedenster Verteidiger der bürgerlichen Herrschaft heraus. Die KPD, die nach der Kapitulation der Sozialdemokratie gegründet worden war, geriet Mitte der zwanziger Jahre unter den verheerenden Einfluß des Stalinismus. Von 1928 an betrieb sie eine ultralinke Politik, beschimpfte die SPD als "Sozialfaschisten" und widersetzte sich einer Einheitsfront mit der SPD gegen den Faschismus, wie sie Trotzki in einer Reihe Schriften dringend gefordert hatte. Als die Nazis bei den Wahlen vom November 1932, wie es eine Reihe neuerer Studien aufgezeigt hat, einen schweren Rückschlag erlitten hatten, "wurde die Arbeiterklasse durch die verantwortungslose und defätistische Politik ihrer Führung gelähmt." Die Machtübernahme der Nazis war im Gegensatz zu der wiederholten Behauptung von Goldhagen keine im wesentlichen "friedliche Revolution". Sie ging mit der Entfesselung einer Terrorherrschaft einher, die sich vor allem gegen die linken Parteien und den Widerstand der Arbeiterklasse richtete. "Der Untergang der deutschen sozialistischen Bewegung", schreibt North, "ebnete der Vernichtung der europäischen Juden den Weg." Diese Broschüre dient nicht einfach nur der historischen Wahrheit. Sie ist eine eindringliche politische Warnung: "Ohne eine glaubwürdige Alternative zum gesellschaftlichen Wahnsinn des kapitalistischen Weltmarkts bleiben die verwirrten Opfer des Kapitalismus anfällig für die Sprüche rechtsgerichteter Demagogen." Wenn es notwendig ist, sich die Lehren des vergangenen Jahrhunderts anzueignen, damit die Menschheit die großen gesellschaftlichen Fragen von heute lösen kann, dann ist es eine der dringendsten Aufgaben, den vermeidbaren Aufstieg des Faschismus in Deutschland zu studieren. Dazu ist diese neue Broschüre ein wichtiger Beitrag. © neue Arbeiterpresse, Nr. 863, 14. August 1997
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