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"Herbert Mai sollte sofort zurücktreten oder abgewählt werden!"

Dirk Hoffmann (29) hatte die Partei für Soziale Gleichheit vor einer Sitzung der ÖTV-Vertrauensleute bei der Essener Verkehrs AG (EVAG) kennengelernt, auf der über das Tarifangebot des Gewerkschaftsvorsitzenden Herbert Mai diskutiert werden sollte, die Löhne durch Arbeitszeitverkürzung zu senken. Vertreter der PSG verkauften dort die neue Arbeiterpresse, in dem dieser Vorstoß der ÖTV untersucht wurde. Wenige Tage später kam es zu folgendem Gespräch zwischen Dirk Hoffmann und Mitgliedern der PSG.

Dirk Hoffmann: Ich habe mir Eure Zeitung angeschaut und finde sie ziemlich interessant. Drei Artikel habe ich gelesen: den über die Tarifverhandlungen der ÖTV natürlich, den Leitartikel und auch den Artikel über den Bauarbeiterstreik.

Was mir daran gefällt: Ihr schreibt über die Dinge so, wie sie wirklich sind. Über manche politischen Zusammenhänge habe ich so noch nicht nachgedacht, aber es klingt sehr einleuchtend. Vielem kann ich nur zustimmen. Wenn Ihr zum Beispiel schreibt, daß es keinen Unterschied gibt zwischen SPD, CDU und Grünen, dann kann ich das nur bestätigen. Das habe ich in Diskussionen mit Kollegen selbst schon gesagt. Vor vier Jahren habe ich meine Stimme noch der SPD gegeben. Aber rückblickend, nach dem, was in den letzten vier Jahren gelaufen ist, muß ich sagen, das war wohl falsch. Deshalb suche ich jetzt nach einer Alternative.

Die Grünen sahen eine Zeitlang wie eine Alternative aus, als sie noch radikaler auftraten. Aber jetzt sind sie doch nur noch eine Partei, die mitregieren will und die oberen Einkommensschichten vertritt. Bei dem Rentenprogramm, das sie vorgelegt haben, da sträuben sich mir ja die Haare. Ich will mich auch bei anderen linken Parteien umsehen, bei der PDS zum Beispiel, oder auch bei dieser neuen Oppositionsbewegung in der ÖTV, dem Netzwerk.

Aber was mir an dieser Zeitung von der Partei für Soziale Gleichheit auffällt, ist, daß sie das ausspricht, was so mancher fühlt, aber keiner mehr den Mut hat offen zu sagen. So wird zum Beispiel in der Gewerkschaft Wulf-Mathies, Mai’s Vorgängerin, immer noch als "die große Vorsitzende" gerühmt. Aber wenn jemand wie sie von diesem Kohl einen Posten in Brüssel bekommt, auf dem man das tun muß, was einem der Kanzler sagt, dann frage ich mich doch: wie hat er das verdient? Weshalb dieses Vertrauen des Bundeskanzlers in eine Gewerkschaftsvorsitzende? Und da schreibt Ihr: "Sie wurde für ihre Dienste als ÖTV-Vorsitzende mit dem Luxus-Job einer EU-Kommissarin fürstlich belohnt". Keiner hat das bisher so ausgesprochen. Aber genau so war es. Meine Meinung ist: wenn damals, 1992, unser großer Streik von der Gewerkschaftsspitze nicht abgebrochen worden wäre, dann wäre Kohl nach 10 Tagen weg gewesen und wir hätten es heute nicht immer noch mit dieser Regierung zu tun! Das war damals ein abgekartetes Spiel!

neue Arbeiterpresse:Wie schätzt Du den gegenwärtigen Vorstoß des ÖTV-Vorsitzenden Mai ein, Lohnsenkungen durch Arbeitszeitverkürzung zu vereinbaren?

Dirk Hoffmann: Vieles spricht dafür, daß es sich auch dabei, wie Ihr in der neuen Arbeiterpresse schreibt, um ein abgekartetes Spiel handelt. Wenn man sich den Filz zwischen Gewerkschaft, Kommunen und SPD allein hier im Ruhrgebiet betrachtet, wäre das auch kein Wunder.

Ich halte dieses Angebot des Gewerkschaftsvorsitzenden an die Arbeitgeber für eine Unverschämtheit. Mai kann sich vielleicht persönlich so etwas leisten, bei dem hohen Einkommen, über das er verfügt. Aber für normale Arbeitnehmer wie mich ist das nicht zu akzeptieren und einfach überhaupt nicht machbar. Wie sollen wir denn jeden Monat über die Runden kommen? Ich kann mir ja als Alleinverdiener in der Familie – wir haben einen kleinen Jungen von 3 Jahren – noch nicht einmal ein Auto leisten.

Außerdem ist es völlig undemokratisch. Mai ging mit seinem Vorschlag an die Öffentlichkeit, bevor wir darüber in der Mitgliedschaft der Gewerkschaft überhaupt diskutiert hatten. Mai sollte sofort zurücktreten oder abgewählt werden.

Ich bin 1987 in die Gewerkschaft eingetreten, weil ich in einer Auseinandersetzung mit meinem Arbeitgeber eine gewerkschaftliche Vertretung brauchte. Ohne Gewerkschaft geht es eigentlich auch nicht. Aber ich merke schon seit einigen Jahren, daß die ÖTV immer wieder Sachen macht, wo ich mich frage, wie kann eine Gewerkschaft so etwas machen, das hat doch mit Gewerkschaftspolitik nicht mehr zu tun.

Als vor kurzem die EVAG Lohnsenkungen bei den Busfahrern durchsetzen wollte und dazu mit der Privatisierung einzelner Linien drohte, da bin ich mit einigen anderen Kollegen bis ins Sauerland zu dem zuständigen Sekretär der ÖTV gereist, der dort gerade ein Seminar abhielt. Wir machten ihm verschiedene Vorschläge, welche Kampfmaßnahmen unternommen werden könnten, um das Vorhaben der EVAG zu verhindern. Aber er redete nur stundenlang auf uns ein, um uns nachzuweisen, warum dies nicht ginge und jenes nicht. Da wurde mir klar: die wollen uns überhaupt nicht verteidigen! Die wollen überhaupt nichts mehr für uns durchsetzen.

Ähnlich war es bei den Warnstreiks der ÖTV, als hier in Essen der EU-Gipfel stattfand. Ich schlug vor, laßt uns alle in den Streik treten, wenn die hier versammelt sind. Es gibt keine bessere Gelegenheit, sie richtig unter Druck zu setzen. Da schlugen die Sekretäre unserer Gewerkschaft nur die Hände über dem Kopf zusammen und sagten: Um Gottes Willen!

Das sind nur einige Beispiele dafür, weshalb ich selbst und viele Kollegen sehr unzufrieden sind. Nur, bisher sah ich keine Alternative. Deshalb will ich mir nun Euer Programm und Eure Ziele anschauen.

© neue Arbeiterpresse, Nr. 864, 28. August 1997 

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