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Krebsbericht der Regierung als Persilschein für die Konzerne entlarvt

Ein Bericht von Mike Head

Die Untersuchung der Gesundheitsbehörde begann mit vorgefaßten Schlußfolgerungen. Danach wurde eine sogenannte Untersuchung durchgeführt, die die gewünschten Resultate erbringen sollte.

Die beiden vorgefaßten Hauptschlußfolgerungen waren: Das Auftreten von Leukämie ist rätselhaft, seine Ursachen werden für immer ungeklärt bleiben, und BHP ist unschuldig.

Hier handelt es sich nicht um Vermutungen unsererseits. Diese beiden Schlußfolgerungen wurden von der Gesundheitsbehörde und BHP schon bekanntgegeben, als die angekündigte Untersuchung gerade begonnen hatte.

Im Oktober 1996, neun Monate, bevor ihr Bericht schließlich veröffentlicht werden sollte, hatten Dr. Victoria Westley-Wise und Irene Kreis, die Leiterinnen der zuständigen Gesundheitsbehörden der Region, auf der Titelseite der Regionalzeitung Illawarra Mercury verbreiten lassen, daß die Leukämie-Krise "wohl niemals erklärt werden könne".

Am gleichen Tag, als die Untersuchung angekündigt wurde, erklärte Jerry Platt, ein Sprecher von BHP, es gebe "keine Beweise" für einen Zusammenhang zwischen den Emissionen der Stahlproduktion und der Leukämie-Krise.

Schon im März fühlte sich BHP so sicher, was die Ergebnisse der Untersuchung anging, daß der Konzern eine riesige Anzeige in die Zeitung setzen ließ, um zu verkünden, er habe "den Beweis", daß es keinen Zusammenhang gebe.

Der Bericht der Gesundheitsbehörde enthüllte dann aber, daß die Krise viel größere Ausmaße hatte, als ursprünglich angenommen. Unter den 14- bis 20-jährigen war in den vier Vorstädten Cringlia, Warrawong, Lake Heights und Berkeley die Diagnose Leukämie 14mal höher als erwartet. Diese Vorstädte liegen alle unmittelbar im Süden der Stahlwerke. Normalerweise erkranken Jugendliche und junge Erwachsene nur selten an Leukämie. Diese seltene Krankheit trifft meist jüngere Kinder oder in höherem Maße Erwachsene über 50."

Erstmals, so erklärte Head weiter, habe die Gesundheitsbehörde auch zugegeben, daß die Rate bei der verwandten Krebserkrankung der lymphatischen Leukämie (non-Hodgkins) unter den unter 50-jährigen doppelt so hoch war wie im Durchschnitt, obwohl sie diese Erkrankungen ursprünglich aus der Untersuchung ausklammern wollte.

Dennoch seien alle Ergebnisse der offiziellen Untersuchung eine grobe Unterschätzung des wirklichen Ausmaßes, weil sie nicht berücksichtige, daß es Menschen gab, die noch nicht ihr Leben lang in diesen Vororten wohnten, und daß andere inzwischen weggezogen sind oder nur in dem Gebiet arbeiten, aber nicht wohnen. Auf diese Weise seien, so Mike Head, allein 31 junge Leukämiekranke nicht erfaßt worden. Mit ihnen würde sich die Zahl auf 49 erhöhen.

Head berichtete dann, daß die Workers Inquiry in der Lage gewesen sei, bisher nicht zugängliche Statistiken des Krebsregisters von New South Wales einzusehen, die über einen Zeitraum von 22 Jahren (1972-1994) einen klaren Zusammenhang zwischen der Entfernung des Wohnortes der Krebsopfer und den Fabrikschloten der Kokereien von Corrimal und Coalcliff aufzeigen. Diese Statistiken belegten auch, daß die Behörden seit vielen Jahren über die außergewöhnliche Häufigkeit der Krebserkrankungen informiert waren. Mike Head erklärte dazu:

"Die Gesundheitsbehörde versucht, diese Verteilungsmuster zu verschleiern, indem sie die Leukämievorkommen von Warrawong als ,isolierte Anhäufungen’ präsentiert, für die es keinen beweisbaren Zusammenhang zu Industrieemissionen gebe.

Frau Dr. Wesley-Wise besteht darauf, daß auf der ganzen Welt Untersuchungen über solche Häufungen keine Hinweise auf die Ursachen gegeben hätten. Aber die Frage ist doch wohl: Wie und in wessen Interesse wurden diese Untersuchungen durchgeführt? Viele der sogenannten ,Häufungen’ befinden sich in der Nähe von Industriegebieten. Genau wie in Wollongong waren die Gesundheitsbehörden auch andern Orts mit den dringenden Fragen der Betroffenen konfrontiert. Haben sie, wie hier, ihre Aufgabe darin gesehen, die Interessen der Unternehmen davor zu schützen?

Wenn die Socialist Equality Party und ihre Zeitung Workers News nicht ihre eigene Untersuchung durchgeführt hätten, hätten die Regierung von New South Wales und die Gesundheitsbehörde von Illawarra diese ,Häufung’ genau so zu den Akten gelegt wie all die anderen.

Dann wäre der Bericht von Wollongong einfach eine weitere internationale Studie geblieben, die beweist, daß derartige Häufungen von Leukämie niemals zu erklären sind.

Die Gesundheitsbehörde gibt zu, daß ihr viele Meldungen von Opfern und ihren Angehörigen über die erhöhten Krebsvorkommen in der Region Wollongong zugegangen sind, insbesondere von Menschen, die in den Stahlwerken arbeiten oder in der Nähe leben. Sie hat sie jedoch wie Anekdoten behandelt.

Sie gibt zu, daß es unter Männern in Illawarra eine um dreißig Prozent erhöhte Rate an Blasenkrebs gibt, die möglicherweise damit zusammenhängt, daß sie in ihrem Beruf Schadstoffen ausgesetzt waren. Sie räumt auch ein, daß in der Gegend von Warilla unter Frauen hundert- und unter Männern dreißigmal häufiger Lungenkrebs vorkommt als im Durchschnitt, was möglicherweise mit Schadstoffexposition bei der Arbeit zusammenhänge. ...

Aber die Gesundheitsbehörde macht keinerlei Vorschläge, die Ursachen dieser erhöhten Krebsvorkommen zu untersuchen. Sie behauptet vielmehr, mit Ausnahme besonderer Arten sei die Krebshäufigkeit in Illawarra allgemein nicht höher als woanders.

Aber was bedeuten all diese Zahlen wirklich?

Vor allem erstreckt sich die Region von Illawarra vom Royal National Park und dem Dorf Helensburgh im Norden bis zur Küstenregion von Kiama im Süden – eine Region, groß genug, um die Auswirkungen der Umweltverschmutzung von Port Kembla zu verschleiern.

Zweitens ist der Vergleich mit den Durchschnittszahlen von städtischen Gebieten nicht aussagekräftig. Es ist nämlich höchst wahrscheinlich, daß es in den anderen australischen Regionen in den Arbeitervierteln ähnliche Verteilungsmuster je nach der Entfernung zur Industrie gibt."

Head wies dann auf den seit gut einem Jahrhundert dokumentierten Zusammenhang von Benzol, einem wichtigen Nebenprodukt der Kokereien, und Leukämieerkrankungen hin. Selbst der Bericht der Behörde gebe zu, daß es keine sicheren Angaben über eine unschädliche Mindestbelastung durch Benzol gebe. Abhängig von den besonderen Umständen können auch geringste Mengen Benzol Leukämie auslösen, wobei das Risiko bei Kindern, Alten und geschwächten Personen besonders hoch ist. Dennoch sei keine Überwachung der Benzolemissionen in den Stahlwerken und Kokereien vorgeschrieben worden, außer bei den Hochöfen im Bereich der Gasproduktion, und BHP habe sie selbst durchgeführt. Auch seien für die Benzolkonzentration in den umliegenden Wohnvierteln keinerlei Standards festgelegt oder Messungen durchgeführt worden.

"Vorausgesetzt, daß über die letzten zwei Jahrzehnte keine Daten vorliegen, – wie konnte dann die Gesundheitsbehörde mit solcher Sicherheit feststellen, daß die Benzolkonzentrationen in der Vergangenheit zu gering waren, als daß sie das Vorkommen von Leukämie erklären könnten?

Sie stützt sich dabei auf ein theoretisches Modell, das von BHP konstruiert wurde, und kombinierte es mit ebenfalls von BHP zur Verfügung gestellten Schätzungen über Benzolemissionen. Das heißt, alle Schätzungen und Berechnungen stützten sich auf Informationen, die von dem Konzern selbst stammen, um den es bei der Untersuchung ging."

Die einzige Messung, die tatsächlich in den zwanzig Jahren stattgefunden hatte, erfolgte über drei Monate, vom September 1996 bis Januar diesen Jahres. In dieser Zeit war die Leistung der ältesten und schmutzigsten Hochöfen allerdings um 25 Prozent gedrosselt worden.

Die Benzolnachweise von BPH seien, wie die Regierung behaupte, von einen privatem Berater durchgeführt worden. Aber es konnte nachgewiesen werden, daß dieser Berater in der Regel für BHP und andere Großfirmen arbeitet. Er gab auch zu, daß er die besonderen topographischen Bedingungen des Gebietes von Wollongong nicht in die Untersuchung einbezogen habe. In Wollongong gibt es steile Abhänge, wobei die Vorstädte in tiefeingeschnittenen Tälern liegen, in denen sich die Schadstoffe fangen.

Eine weitere grobe Verfälschung wichtiger Messungen konnte die Workers Inquiry bei dem Vorkommen von Vanadium, einem weiteren höchst krebserregenden Stoff, in der Schlacke von BHP nachweisen, die um fast das Zehnfache höher ist, als der Behördenbericht angibt. Mike Head fuhr fort:

"Dies ist kein unwichtiger Punkt. Diese Schlacke ist kommerziell für das Auffüllen von Böden und den Straßenbau der Region verwendet worden. Außerdem wurde sie auf einer Deponie in der Nähe von Cringlia abgekippt, von wo der Wind den Staub gerade auf Wohnsiedlungen und Schulen blies."

Weiter erläuterte Head, daß in Australien die britischen Standards für Benzol in der Atemluft gelten. Diese wurden von der Regierung Thatcher im Interesse der Kosteneinsparung der Unternehmen 50mal höher festgelegt, als in den USA.

Im Krebsbericht der Regierung finde sich ein weiterer unsinniger Vergleich, wenn die Benzolkonzentrationen von Warrawong denen der von Autos verstopften Straßen von Sydney gegenüberstellt und sie entsprechend als harmlos und für Wohngebiete geeignet dargestellt würden.

Um BHP unschuldig sprechen zu können und die Betreiber der Kupferhütte und anderer Unternehmer zu entlasten, mußte die Gesundheitsbehörde auch alle anderen möglichen Ursachen von Leukämieerkrankungen ausschließen.

Daher wurde Benzol als isolierte Ursache dargestellt, während andere Erreger, wie z. B. PCB, Chloride, Asbest, Chrom, Cadmium, Vanadium und vor allem Dioxine, die in hohen Konzentrationen anfallen, mehr oder weniger ignoriert wurden. Der Dioxinausstoß der Sinteranlage allein sei sechsmal so hoch, wie die Weltgesundheitsorganisation WHO als "täglich mögliche Dosis" für die gesamte australische Bevölkerung angebe, berichtete Head.

Vor allem werde die Tatsache mißachtet, daß in dieser Region eine ungewöhnlich Konzentration von Industriebetrieben – eine Kupferhütte, Stahlwerke, Chemiewerke, Metallverarbeitungsbetriebe, Öltanklager, ein Kohleverladeplatz und andere umweltschädliche Betriebe – angesiedelt ist, deren Emissionen alle auf ungeahnte Weise miteinander reagieren.

"Die Gesundheitsbehörde machte keinerlei Anstalten, diese Emissionen unvoreingenommen zu untersuchen", berichtete Mike Head. "Sie gibt zu, daß sie nie untersucht hat, welch ein chemischer Cocktail die Luft durchzieht und sich, kombiniert mit Benzol, im Boden und im Wasser ablagert. Und doch ist seit langem bekannt, daß solche Kombinationen die krebserregende Wirkung einzelner Karzinogene vervielfachen können.

Auch eine Untersuchung der Stahlwerksschlacke, der Reststoffe von Kohlewaschanlagen und anderer zum Auffüllen von Bodenvertiefungen benutzter toxischer Materialien hat niemals stattgefunden. Auf diesen Böden wurden jedoch Schulen, wie die Highschool von Warrawong und eine Schule in Cringlia, sowie Wohnhäuser und Sportanlagen gebaut.

Melissa Cristiano hatte von der Gesundheitsbehörde gefordert, daß der Boden der von ihr besuchten Highschool in Warrawong untersucht werden sollte. Aber dies wurde abgelehnt.

Die Weigerung, die Böden zu untersuchen, ist ein Indiz von vielen, die beweisen, mit welcher Verachtung die Sorgen und Erfahrungen der Jugendlichen, Arbeiter und Anwohner dieser Gegend behandelt werden. Diese Mißachtung kommt schon in den ersten Worten des Berichts der Gesundheitsbehörde zum Ausdruck, die bereits eine glatte Lüge enthalten:

,Im Juli 1996 wurde die Gesundheitsbehörde erstmals darauf aufmerksam, daß bei einer ganzen Reihe früherer Schüler und Schülerinnen sowie Lehrkräfte einer Höheren Schule in Illawarra bei Wollongong in den letzten Jahren die Diagnose Leukämie gestellt worden war.’

In Wirklichkeit hatte Melissa Cristiano viele Monate zuvor bereits Kontakt zur Gesundheitsbehörde aufgenommen, war aber ohne Antwort geblieben. Erst als sie und ihre Familie sich an die Medien gewandt hatten und die Leukämiefälle überall in der Region Besorgnis auslösten, war die Regierung Carr alarmiert, und die Gesundheitsbehörde veranstaltete eine Anhörung.

Jetzt, zehn Monate später, empfiehlt die Behörde aus dem gleichen Grund weitere Untersuchungen: um die aufgebrachten Familien und Arbeiter zu beruhigen. Der Vorschlag der Behörde läuft darauf hinaus, die Leukämiefälle bis 1999 weiter zu beobachten. In der Zwischenzeit geht das Leiden der Opfer weiter.

Ein weiterer Vorschlag betrifft eine molekulargenetische Studie, bei der eine neue Technologie benutzt werden soll, um im Körpergewebe der Opfer die für die Erkrankung ausschlaggebenden toxischen Stoffe aufzuspüren. Dem mag ein tatsächlicher wissenschaftlicher Fortschritt zugrunde liegen, – aber das wird benutzt, um von den Schlußfolgerungen abzulenken, die aus dem bisherigen Vertuschungsmanöver der Regierung und der BHP gezogen werden müssen.

Das dritte Projekt ist eine detalliertere, zwölfmonatige, epidemologische Fallstudie. Deren Feststellung ist jedoch heute schon klar, sie wird als unbegründet erscheinen, denn Benzol wird dabei von vornherein als Ursache ausgeklammert.

Die Regierung und die Behörde hoffen, daß sich die Wut der Arbeiter und ihrer Familien in einem Jahr gelegt haben wird, und das ganze Projekt still zu den Akten gelegt werden kann."

Head ging dann auf die betrügerischen Absichten der Behörden ein, mit denen sie vorgab, Vertreter der betroffenen Familien an den Untersuchungen zu beteiligen, um ihrem Vorhaben mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Aber die Zahl der Eingeladenen, zu denen auch Melissa Cristiano gehörte, schrumpfte sehr schnell zusammen, als sie merkten, daß von einer Beteiligung keine Rede sein konnte. Sie wollten sich nicht benutzen lassen, um die Manöver der Regierung abzudecken.

Mike Head schloß seinen Bericht mit den Worten:

"Der Bericht der Gesundheitsbehörde war keine Untersuchung, sondern eine Vertuschung der Ursachen.

Lang bevor der Bericht bekanntgemacht wurde, hatte die Regierung Carr gezeigt, wie wenig ernst ihre Behauptung gemeint war, eine unabhängige Untersuchung durchführen zu wollen. Sie hatte nämlich der Wiedereröffnung der Kupferhütte zugestimmt, die zu den hauptverdächtigen Verursachern der steigenden Leukämie- und Krebserkrankungen gehört.

Die Socialist Equality Party und Workers News werden ihr Engagement fortsetzen und die Arbeit ihrer Untersuchungskommission weiterführen. Für ihren Erfolg wird die Mitarbeit der Arbeiter genauso entscheidend sein wie die gewissenhafter Wissenschaftler und Vertreter des Gesundheitswesens.

Nur eine solche gemeinsame Bewegung, die nicht die Profitinteressen der großen Konzerne im Auge hat, wird das volle Ausmaß dieser Gesundheitskrise und ihren Zusammenhang mit der Umweltverseuchung durch die Industrie aufdecken können.

Auf dieser Grundlage werden Millionen von arbeitenden Menschen in der Lage sein, begründete Schlußfolgerungen über den Charakter der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung zu ziehen. Sie werden die Notwendigkeit erkennen, sie zu stürzen und die Gesellschaft und ihre Produktion nach ihren Bedürfnissen neu zu organisieren."

© neue Arbeiterpresse, Nr. 864, 28. August 1997 

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