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"Die Behörden wollten nicht, daß die Wahrheit herauskommt"

Aussage des Ehemanns des Leukämieopfers Melissa Christiano

Der erste , der bei der Anhörung seine Zeugenaussage machte, war Nick Cristiano, dessen Ehefrau Melissa vor kurzem im Alter von 21 Jahren an Leukämie gestorben ist.

Melissa Cristiano wollte herausfinden, weshalb sie und so viele Jugendliche aus ihrer Gegend an Krebs oder Leukämie erkrankten. Trotz aller Widerstände, die von den Behörden und den Stahlunternehmen ihren Nachforschungen entgegengebracht wurden, ließ sie sich bis zu ihrem Tod dabei nicht entmutigen.

In der letzten Woche fand eine Versammlung statt, wo den betroffenen Familien der Bericht der Gesundheitsbehörde übergeben wurde. Das war eine Verhöhnung. Es war ein verlorener Tag für mich. Ich hatte mir einen Tag Urlaub genommen, um mich dorthin zu setzten und mir anzuhören, was ich längst wußte.

In Untersuchungen aus Übersee gibt es Beweise dafür, daß Menschen, die in einem bestimmten Umkreis von Stahlwerken wohnen, an Krebs erkranken können. Die Gesundheitsbehörde gab zu, daß die internationalen Studien einen derartigen Zusammenhang aufzeigen, aber vor unserer Haustür, so behaupten sie, gebe es diesen Zusammenhang nicht. Das ist schwer zu glauben.

In Wollongong gibt es Stahlproduktion und eine Kupferhütte und gleich daneben eine Düngemittelfabrik, und die Häuser wurden auf Schlackeböden und Abfallprodukten aus den Kohlewäschereien gebaut. Dazu kommen die Öltanks unmittelbar neben den Hochöfen. Shell und andere Ölkonzerne lagen ihr Öl dort. Deshalb ist hier alles voll mit Benzol.

Die Ergebnisse der Gesundheitsbehörde in bezug auf das Benzol sind einfach kaum zu glauben. Sie bringen da Zahlen aufs Papier, aber haben sie sich jemals um die Fakten gekümmert? Ich habe 22 Jahre lang in der Fairfix Road in Warrawong gegenüber vom Krankenhaus gewohnt. Den Schulweg habe ich hin und zurück zu Fuß zurückgelegt. Ich mußte nach Port Beach, und ich weiß, was ich da immer einatmen mußte.

Die Entscheidung, die Kupferhütte wieder zu öffnen, ist falsch. Man kann den Häusern, Autos und auch den Menschen schon ansehen, was die Kupferhütte angerichtet hat.

Wir sollten nicht nur über die Gesundheitsbehörde ein Tribunal abhalten, sondern auch über die Carr-Regierung. Sie sind die Mörder, weil sie die Industrie so weitermachen lassen.

Am Anfang rief Melissa zwei, drei mal bei der Gesundheitsbehörde an, aber sie erhielt keine Antwort. Sie ließen sie hängen. Erst als sie sich an die Medien gewandt hatte, erhielt sie Anrufe aus der Gesundheitsbehörde.

Melissa dachte zuerst, sie könnte die Krankeit durch die an der Schule verwendeten Pestizide bekommen haben, dann dachte sie, es könne auch durch die Schlacke gewesen sein. Aber sie verlor das Vertrauen in die öffentlichen Untersuchungen. Wir gingen nur zu ein oder zwei von diesen Versammlungen. Das erste, was dort diskutiert wurde, waren die Entschuldigungen der Parlamentsabgeordneten und der Vertreter von BHP. Einen Monat zuvor hatten sie die Einladungen bekommen, aber dann tauchten sie ganz plötzlich nicht auf.

Melissa genoß hohes Ansehen bei den Leuten, weil sie den Mut und die Energie aufbrachte, um die Wahrheit zu sagen. Sie hat die Sache ins Rollen gebracht. Ich habe ihr versprochen, ich würde es mit ihr durchfechten, und das tue ich.

Ich war überrascht, daß so viele Menschen zu ihrem Begräbnis kamen. Da wurde deutlich, wie viele Menschen Melissa Achtung zollten. Sie kümmerte sich nie um sich selbst. Als sie die Untersuchung ins Rollen brachte, da dachte sie an die anderen und an die zukünftigen Generationen.

Mein Vater hat 20 Jahre im Stahlwerk von BHP – auch an den Hochöfen – gearbeitet. Er ist von einem Zug überrollt worden und verlor ein Bein. Sie zahlten ihm eine Entschädigung – dann bekam er Magenkrebs. Meine Mutter hat niemals in ihrem Leben geraucht, und jetzt hat sie Schilddrüsenkrebs. Sie lebt seit fast 29 Jahren in Warrawong. An dem Tag, als mein Vater von Melissas Krankheit erfuhr, habe ich ihn zum ersten Mal weinen gesehen. Er wußte, daß sein Krebs von der Industrie ausgelöst wurde.

Wir müssen richtige Antworten haben. Wir müssen herausfinden wo es wirklich herkommt. Wir müssen erreichen, daß es aufhört. Wenn BHP so bleibt, wie es ist, was bedeutet das für die Gesellschaft? Wenn BHP die Ursache ist, dann müssen wir das herausfinden.

Am Anfang war ich von der Workers Inquiry nicht so überzeugt. Ich dachte, es könnte einfach so eine Propagandasache sein, um die Behörden unter Druck zu setzen. Dann stellte ich fest, daß ihr die Sache sehr ernsthaft anpackt. Ich denke, es ist gut, daß Ihr Euch dafür einsetzt, richtige Antworten zu bekommen.

Wie ich an dem Tag, als der Bericht der Gesundheitsbehörde veröffentlicht wurde, in den Medien gesagt habe: Die Behörden wollen nicht, daß die Wahrheit herauskommt., weil sie den vielen Opfern hier keine Entschädigung zahlen wollen. Deshalb sage ich, wir müssen der Workers Inquiry unser Vertrauen schenken, weil sie die Wahrheit herausfinden wird."

© neue Arbeiterpresse, Nr. 864, 28. August 1997 

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