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Nach hundert Jahren – KWO in Berlin schließt

Verena Nees

Ende August erfuhren die Beschäftigten des traditionsreichen Kabelwerks Oberspree in Ostberlin aus den Medien, daß das Werk in Oberschöneweide geschlossen werden soll.

Damit endet eine hundertjährige Tradition der Kabelproduktion im Berliner Südosten. Am 3. Oktober 1897 weihte der AEG-Gründer Emil Rathenau das Kabelwerk Oberspree mit anfangs 1.800 Arbeitern ein. Zu Beginn des zweiten Weltkriegs hatte das KWO über 9.000 Beschäftigte. Anfang 1990 arbeiteten in Oberschöneweide noch 6.000 Beschäftigte. Heute sind noch rund 500 Arbeiter und Angestellte im Hauptwerk Oberschöneweide und rund 200 im kleineren Werk Köpenick.

Zu DDR-Zeiten gehörte das Kabelwerk zum Kombinat KWO mit 13 Betrieben in verschiedenen Städten und 16.000 Beschäftigten. Im ersten Halbjahr 1990 zerfiel das Kombinat, und im März 1992 übernahm der britische Kabelkonzern BICC das Berliner Werk mit Werksteilen in Oberschöneweide, Köpenick und Adlershof sowie das brandenburgische Werk Schönow, das im letzten Jahr geschlossen wurde. Ab März 1993 wurde die BICC auch Eigentümer. Vor allem nutzte der multinationale Konzern, der den Kabelmarkt in den USA beherrscht und in vielen europäischen Ländern, sowie im australisch-neuseeländischen Raum, in Malaysia und im Golf von Arabien führende Positionen einnimmt, die Ostberliner Basis als Sprungbrett für den russischen Markt. Die BICC kassierte bis 1994 Fördergelder des Berliner Senats in zweistelliger Millionenhöhe und weitete das Rußlandgeschäft aus. Gleichzeitig baute es die Arbeitsplätze in Berlin kontinuierlich ab.

Am 21. August dieses Jahres schließlich schloß BICC ein Joint Venture mit dem niederländischen Konzern NKF Holding, um die Energie- und Kupfermeldekabel-Aktivitäten in Deutschland zu fusionieren und zu rationalisieren. Von den insgesamt 1200 Arbeitsplätzen soll etwa die Hälfte gestrichen werden, hauptsächlich in Berlin, aber auch am Standort Nürnberg von NKF. In Berlin wird die Produktion auf die zu NKF gehörende Kaiser Kabel GmbH im Westberliner Bezirk Neukölln konzentriert, in Ostberlin bleibt nur noch eine kleine Produktionsstätte von KWO in Köpenick bestehen.

Als Grund gaben die Firmen einen drastischen Preisverfall auf dem deutschen Markt an. Die Schließung des riesigen Stammwerks in Oberschöneweide hat aber offensichtlich auch andere Gründe. Immerhin umfaßt das Gelände Flächen in bester Citylage direkt an der Oberspree, für die lukrative Immobiliengewinne locken.

Die Schließung von KWO ist ein weiterer Schritt, das ehemalige Industriezentrum Ostberlins in ein Arbeitslosenzentrum zu verwandeln. Im letzten Jahr schloß das Transformatorenwerk AEG-TRO, das zur Zeit der Wende 4000 und zum Schluß noch 500 Arbeiter beschäftigte. Zahlreiche andere Betriebe hatten schon vorher zugemacht, Zehntausende von Arbeitern verloren ihre Arbeitsplätze. Nur das ehemalige Werk für Fernsehelektronik, das heute dem koreanischen Konzern Samsung gehört, beschäftigt noch rund 1000 Arbeiter – zu Bedingungen und Löhnen, die sich den koreanischen Verhältnissen immer mehr angleichen.

Seit die Entlassungspläne bei KWO bekannt sind, führen die zuständige Gewerkschaft IG Metall und der Betriebsrat mit der Geschäftsleitung Geheimverhandlungen über einen Interessensausgleich und Sozialplan. Mehrere Anfragen der neuen Arbeiterpresse im Betriebsratsbüro erhielten dieselbe stereotype Antwort des Betriebsratsvorsitzenden Gerhard Hörr: Man sei noch in Gesprächen, Genaues habe die Geschäftsleitung noch nicht mitgeteilt, Aktionen seien nicht geplant und nur, falls die Gespräche nicht zur Zufriedenheit aller ausfallen, werde man "in Absprache mit der IG Metall in geeigneter Form reagieren". Die Schließungsabsicht sei im übrigen für alle "überraschend" gewesen, erklärte Hörr. Ansonsten sollten wir uns doch an den Pressesprecher der Geschäftsleitung, Herrn Antoni, wenden.

Die Schließung der KWO kommt aber nicht aus heiterem Himmel. Hörr, der auch Mitglied im Aufsichtsrat ist und als solches über geschäftliche Entscheidungen wie den Fusionsvertrag informiert sein mußte, hat in Zusammenarbeit mit der IG Metall dazu beigetragen, daß die Stillegung systematisch vorbereitet werden konnte. Bei jedem neuen Arbeitsplatzabbau stimmten sie zu und handelten lediglich mit der Geschäftsleitung die Modalitäten aus. Wie Pressesprecher Antoni gegenüber der neuen Arbeiterpresse sagte: "Alles ging seinen ordentlichen Gang!"

Auch alle anderen Angriffe auf die Belegschaft, die der Kostensenkung dienen sollten, waren mit dem Betriebsrat abgestimmt. Pressesprecher Antoni: man habe flexible Arbeitszeiten, ein Jahresarbeitszeitkonto, den flexiblen Einsatz der Beschäftigten – beispielsweise müssen die Kabelwerker ihr Material mit Gabelstapler selbst transportieren – und zuletzt Abstriche an Weihnachts- und Urlaubsgeld im Gegenzug zum Ausschluß betriebsbedingter Kündigungen vereinbart. Arbeiter berichteten auch, daß sie permanent Überstunden arbeiten mußten.

© neue Arbeiterpresse, Nr. 865, 11. September 1997 

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