Der Mythos Lady Diana und seine Hintergründe

11. September 1997

Das Massenphänomen der Verehrung für Lady Diana Spencer, das in den letzten Wochen die Medien beherrscht hat, analysieren die Zeitungen des Internationalen Komitees der Vierten Internationale in folgendem Kommentar.

Wie ist die unglaubliche Verehrung für Lady Diana, die Prinzessin von Wales, zu erklären? Warum waren Millionen einfacher Menschen in Großbritannien und anderen Ländern so tief von ihrem Tod betroffen?

Um diese Fragen beantworten zu können, ist es zunächst notwendig, kurz ihr Leben zu beleuchten. Diana, Kind aus einer gescheiterten adeligen Ehe, wurde im Alter von neun Jahren auf ein exklusives Internat geschickt. Sie durchlebte eine emotional, intellektuell und kulturell öde Kindheit.

Als sie mit knapp 19 Jahren Prinz Charles heiratete ohne ihn zu lieben, begann damit eine Spirale des physischen und moralischen Verfalls von Diana, die schließlich mit ihrem gewaltsamen Tod im Alter von 36 Jahren endete.

Das Haus Windsor wählte für den Thronfolger die junge Lady Diana Spencer als Gemahlin aus, weil sie eine makellose aristokratische Herkunft aufweisen konnte, gleichzeitig aber recht naiv und ohne erkennbare geistige Fähigkeiten war. Es schien, daß sie leicht form- und manipulierbar sein, bereitwillig einen Erben liefern und über das Dauerverhältnis von Charles mit Camilla Parker-Bowles hinwegsehen würde.

Diana wurde zu einem Zeitpunkt zur königlichen Braut gemacht, als die wachsende soziale Polarisierung unter der Thatcher-Regierung zu einem Ansehensverlust der Monarchie führte. Die Hochzeit sollte den Ruf der königlichen Familie wieder etwas aufpolieren, nachdem sie im neuen Zeitalter des Thatcherismus als kalt, weit weg und irgendwie überflüssig angesehen wurde.

In den folgenden Jahren wurden Diana und ihr Image von den Medien und dem Establishment immer wieder aufs neue umgemodelt. Zuerst dargestellt als "junge Unschuld", diente sie bald den aufstrebenden Mittelschichten zum Vorbild. Damals enstand der Mythos ihrer "Gewöhnlichkeit". Sie wurde als erfrischender Gegensatz zur alten Aristokratie dargestellt, als eine moderne Kindergärtnerin, die mit Freundinnen zusammenwohnte und einen Kleinwagen fuhr. Bald jedoch, den stürmischen Zeiten von Thatchers Volkskapitalismus entsprechend, wurde ihr ein neues Image verpaßt. Das ziemlich plumpe junge Mädchen nahm ab und wurde neu eingekleidet. Sie wurde zur lebendigen Verkörperung des achtziger Jahre-Märchens von Reichtum, Designer-Kleidern und rauschenden Parties. Sie wurde ein Symbol der im Zusammenhang mit der Globalisierung aufsteigenden Schichten der Bourgeoisie und der neureichen Glitzerwelt der Mode und Popmusik.

Die Neuerschaffung Dianas war zunächst enorm erfolgreich und erhöhte in allen Schichten der Bevölkerung das Ansehen der Königsfamilie ungemein. Hinter der Fassade begann das unerfahrene und unreife Mädchen jedoch unter dem Druck einer arrangierten Heirat zu zerbrechen, die sie in eine der skrupellosesten Familien der Welt gestoßen hatte. Während sie nicht über die Daueraffäre von Charles mit Camilla hinwegkam, ärgerte er sich über ihre größere Popularität. Depressionen, Eßstörungen und Selbstmordversuche folgten. Die Kluft zwischen ihr und Charles drang immer mehr an die Öffentlichkeit und ihr Verhältnis nahm immer unappetitlichere Formen an.

Diana bemerkte jedoch bald ihre Medienwirksamkeit, begann darin Trost zu suchen und sie als Waffe gegen ihre Peiniger einzusetzen. Immer bewußter diente sie damit einer bestimmten Fraktion in den herrschenden Kreisen Großbritanniens im Streit um die Zukunft der Monarchie als Figur auf dem Schachbrett.

Mächtige Institutionen der Gesellschaft wie Rupert Murdoch und sein Medienimperium [vergleichbar dem deutschen Springer-Konzern oder Leo Kirch] sehen die königliche Familie als ein Fossil an, das wenig hilfreich ist, mit sozialen Unruhen im eigenen Land fertigwerden oder im Zeitalter der Globalisierung die Interessen des britischen Kapitals im Ausland durchzusetzen. Erbarmungslos benutzten sie Diana, um das Ansehen des Hauses Windsor zu untergraben.

Nach ihrer Scheidung graste Diana, ähnlich wie es vor ihr Jackie Kennedy gemacht hatte, den Erdball nach einem passenden Partner ab. Sie suchte einen, der über genügend Mittel verfügte, um ihr die Aufrechterhaltung ihres verschwenderischen Lebensstils und ihrer hohen öffentlichen Präsenz zu ermöglichen. Das war die Grundlage ihrer Beziehung zu Dodi, dem ältesten Sohn und Erben von Mohamed Al Fayed, einem der wenigen Milliardäre auf der Welt, deren Reichtum den der Königin noch übersteigt. Dianas Scheidungsregelung mit den Windsors bescherte ihr ein Privatvermögen von etwa 150 Mio DM – eigentlich eine ungeheure Menge Geld, das aber kaum ausreichte, um die Kosten für den Kensington-Palast und ein königliches Gefolge zu bestreiten.

Mohamed Al Fayed war ein typischer Vertreter der aufsteigenden internationalen Bourgeoisie. So gehörten ihm etwa solche früheren nationalen Institutionen wie Harrods in Großbritannien und das Hotel Ritz in Paris. Trotzdem verweigerte ihm das Establishment die britische Staatsbürgerschaft. Er wurde zu einer Schlüsselfigur bei der Wahlniederlage von John Majors Tory-Regierung, als er enthüllte, daß führende Parlamentarier für Anfragen im Parlament und andere politische Gefälligkeiten Bestechungsgelder angenommen hatten. Es kann keinen Zweifel daran geben, daß Al Fayed überglücklich über die Beziehung seines Sohnes mit Diana war. Es heißt, daß seine Familie plante, die Residenz, die der frühere britische König Edward nach seinem Thronverzicht mit Mrs. Simpson in Frankreich bezogen hatte und die nun ebenfalls Al Fayed gehörte, zum Heim von Dodi und Di zu machen. Das wäre praktisch einer Monarchie im Exil gleichgekommen, mit Dodi als dem Stiefvater eines zukünftigen Königs.

Für die Windsors und ihre Anhänger bedeutete Dianas Beziehung mit Dodi eine unerträgliche Situation. Auch wenn man von Spekulationen über einen politischen Anschlag absieht, muß der Tod Dianas vom königlichen Lager doch mit ziemlicher Erleichterung aufgenommen worden sein. Dem Königspalast nahestehende Quellen ließen verlauten, die Thronfolge sei nun weit weniger problematisch, da die zwei Prinzen William und Harry jetzt mit ihrem Vater lebten und sich nicht zwischen zwei Elternteilen entscheiden müßten.

Es stellte sich jedoch rasch heraus, daß jegliche klammheimliche Freunde im Hause Windsor absolut verfehlt gewesen wäre. Dianas Tod brachte die Krise zum Überkochen und die königliche Familie zum Schwitzen. Die britischen Medien verschärften ihre Kampagne gegen sie und führten eine immer offenere Diskussion über die "unsichere Zukunft" der Monarchie. Eine Zeitung, der Independant, schrieb am 2. September: "Viele Leute machen den Prinzen von Wales für das unglückliche Ende seiner Ex-Frau verantwortlich....Wenn er und sein Troß denken, daß nach den Trauerfeierlichkeiten alles wieder wie vorher sein werde, täuschen sie sich. Notwendig ist jetzt eine Zeit ernsten Nachdenkens über die Zukunft des Hauses Windsor."

Neben dem Independent fordern jetzt auch solch einflußreiche Sprachrohre des britischen Finanzkapitals wie die Financial Times Tony Blair und die Labour-Regierung auf, die Königsfamilie zu einer Verfassungsreform zu zwingen. Im Zentrum dieser Forderungen steht, daß Labour eine neue Monarchie schaffen soll, mit der die Zerstörung der Reste des Wohlfahrtsstaates durchgesetzt werden kann. Der frühere Außenminister Douglas Hurd schrieb dazu im London Daily Telegraph vom 2. September: "Massive freiwillige und wohltätige Anstrengungen sind notwendig, um diejenigen zu retten, die von Staat und Unternehmen nicht versorgt werden können, um Minderheiten zu helfen, um neue Formen von Dienstleistungen zu erproben, und um künstlerische Schaffenskraft zu fördern...genau hier kann das moderne Königtum glänzen."

Während die britische herrschende Klasse alle Sozialleistungen zerstört, werden die Opfer der Gesellschaft Wohltätigkeitseinrichtungen und privater Menschenfreundlichkeit überantwortet. Die Rolle Dianas in dieser Entwicklung, der sie als Galionsfigur und Fürsprecherin diente, wurde dabei als Modell für die Monarchie gesehen. Jede Einzelheit ihrer Wohltätigkeitsarbeit war sorgfältig zu diesem Zweck inszeniert. Deshalb haben ihre bevorzugten Wohltätigkeitsprojekte einen wichtigen Platz im Leichenzug eingenommen.

Dianas letzter Tag war ein Ausdruck der Leere und Oberflächlichkeit ihres ganzen Lebens. Sie begann ihn damit, ziellos auf dem Mittelmeer vor der Küste Sardiniens umherzusegeln. Dann flog sie in einem Privatjet von Harrods nach Paris, machte einen Einkaufsbummel über die Champs-Elysée und tafelte anschließend im Ritz. Sie und Dodi waren gerade auf dem Weg von einem Luxushotel zu einer Luxusvilla, als sie nach einer rasenden Trunkenheitsfahrt im Blitzlichtgewitter starben.

Obwohl die Explosion des Volkszorns gegen das Verhalten der Medien durchaus nicht unangebracht ist, hat Diana die Medien fast ebensosehr umworben – und gebraucht – wie umgekehrt.

Zweifellos gibt es ein tragisches Element in Dianas Leben. Damit läßt sich jedoch nicht der Ausbruch von allgemeiner Verehrung und öffentlicher Trauer erklären, die ihr Tod hervorgerufen hat.

Daß Millionen von Menschen auf der ganzen Welt Diana für eine humanitäre Heldin halten, für eine Verteterin der Unterdrückten, ist sicher teilweise auf die massive Kampagne der Medien zurückzuführen. Die Glorifizierung Diana's ist zur größten PR-Aktion der jüngeren Weltgeschichte geworden. Fast alle Medien der Welt haben mit nervtötender Berichterstattung 24 Sunden am Tag damit zugebracht, sie als Gegnerin des Establishments, als Rebellin und Verteidigerin der Armen darzustellen. Nationale Trauertage sind ausgerufen, zahlreiche Gottesdienste abgehalten, "unpassende" Filme und Sportveranstaltungen abgesetzt worden.

Die Medienkampagne ist aber nicht der einzige Faktor. Die Reaktion der Massen beinhaltet eine komplexe Mischung aus verwirrten Gefühlen, Wünschen und Sehnsüchten. Ein Interview nach dem anderen brachte aus der Schlange von Zehntausenden, die bis zu elf Stunden anstanden, um sich in Kondolenzbücher einzutragen, feindliche Äußerungen über die Königsfamilie. Ein großer Teil einer ganzen Generation hat sich mit Diana identifiziert, träumt von ihrem Leben und ihrem Reichtum, weil die Wirklichkeit ihres eigenen Lebens immer leerer und öder wird.

Mitte des letzten Jahrhunderts schrieb Karl Marx, daß die Religion "der Seufzer der Unterdrückten" und "das Herz einer herzlosen Welt" ist. Heute, am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, ist die neue Religion – die endlose Faszination der Millionen durch die "Heldentaten" der Reichen und Berühmtheiten, die Illusionen, die von Hollywood und den Massenmedien erzeugt werden – ein widersprüchlicher Ausdruck der Unzufriedenheit und Entfremdung breiter Massen unter dem Eindruck der Eintönigkeit und Mühsal ihres täglichen Lebens.

Wenn Diana als "Heldin" angesehen wird, so deshalb, weil es in den letzten Jahrzehnten keine wirklichen Helden gegeben hat – keine historischen Persönlichkeiten, die tatsächlich für eine echte Perspektive gesellschaftlicher Veränderung gekämpft haben.

Millionen einfacher Menschen werden mit immer größerer Unsicherheit, wachsenden finanziellen Schwierigkeiten und tiefen persönlichen Krisen belastet. Sie sehen sich dabei ganz auf sich allein gestellt, von ihren alten Parteien und Führungen völlig im Stich gelassen. Der jahrzehntelange Angriff auf das sozialistische Bewußtsein der Arbeiterklassse – der sich in dem schrecklichen Verfall der Kultur und dem allgemeinen Mangel an kritischem Denken ausdrückt – lastet schwer auf der Gegenwart.

Siehe auch:
Das Phänomen Diana
(6. September 1998)