Christof Schlingensief, "Chance 2000" und das kulturelle Klima in Deutschland

Beobachtungen zum Bundestagswahlkampf 1998

Von Wolfgang Weber
2. September 1998

Ein merkwürdiges Schauspiel erlebte der Wähler in Deutschland in diesem Sommer: eine Partei, von einer Handvoll Leute erst im März dieses Jahres zum Zweck der Teilnahme an den Bundestagswahlen am 27. September gegründet, stieg innerhalb kürzester Zeit zu einem der größten Medienereignisse auf: "Partei der letzten Chance" nannte sie sich, oder "Partei der Nichtwähler" und "Partei der Nichtmitglieder", zuletzt einfach "Chance 2000".

Ihr Gründer, der 37jährige Theatermann Christof Schlingensief, war bis dahin nur einer relativ kleinen Zahl von Intellektuellen als Theaterschreck bekannt, der verzweifelt bemüht ist, seine Zuschauer mit allen Mitteln zu provozieren, und sei es auch nur durch die verbale oder tatsächliche Verteilung von Fäkalien, durch einen Ritualmord vollzogen an einer Kanzlerpuppe auf der Bühne oder durch den Aufruf "Tötet Kohl!" auf der Kunstausstellung documenta X in Kassel.

Jetzt aber wurde er vom Fernsehen und von den Pressemedien plötzlich einem Millionenpublikum bekanntgemacht. Er gebärdete sich und wurde auch so behandelt, als führte er eine bedeutende Millionenpartei, welche die politische Landschaft in Deutschland spätestens am Wahltag verändern würde. Dabei sprach er nur einige der brennenden sozialen Probleme der heutigen Gesellschaft an, die im Wahlkampf totgeschwiegen werden.

Im Juli wurde "Chance 2000" zur Bundestagswahl zugelassen und einige Leute, die sich für Behinderte, für Obdachlose, Arbeitslose engagieren oder auf die Bildungsmisere an den Schulen aufmerksam machen wollen, kandidieren auf der Liste dieser Organisation, weil sie in ihr ein öffentlichkeitswirksames Medium sehen. Zahlreiche bekannte Theaterleute wie die Regisseure Peter Zadek und Frank Castorf, die Autorin Elfriede Jelinek haben ihre Unterstützung für ihren Kollegen Schlingensief ausgesprochen.

Doch schon beim "großen Anti-Kanzler-Baden" im österreichischen Wolfgang-See, am Urlaubsort von Bundeskanzler Kohl, zeigte sich, daß dem ganzen Unternehmen plötzlich die Luft ausgegangen war. Alle Arbeitslosen Deutschlands hatte Schlingensief für Anfang August zum Bad im See aufgerufen. Auf diese Weise sollte der See zum Überlaufen gebracht und der Urlaubssitz des Kanzlers unter Wasser gesetzt werden. Doch dann waren aus ganz Deutschland nur ein paar Dutzend Anhänger gekommen, um in den Wellen zu plätschern.

Wenige Wochen später, Ende August, hieß es dann plötzlich in der Homepage der Organisation: "Chance 2000 vor dem Konkurs - aufsteigende Partei an den Meistbietenden zu verkaufen". Mangels Unterstützer waren der Organisation die Finanzen ausgegangen. Zwar hatte der Bundeswahlleiter, ganz so, als ob er ein Bühnenpartner des Inszenierungskünstlers Schlingensief sei, mit allem gebotenen Ernst sofort verkündet: "Der Verkauf einer Partei ist verboten!" Aber selbst wenn Schlingensief nicht auf diese Weise die Käuflichkeit der Bonner Parteien persiflieren kann, bei rund 100.000 Mark realen Schulden ist es gegenwärtig noch völlig offen, ob und wie es nun überhaupt noch weitergeht. Nach jüngsten Informationen sollen sieben potente Teilhaber, darunter der junge Erfolgsregisseur und Träger des Bundesfilmpreises Tom Tykwer ("Lola rennt") eingesprungen und durch eine "Privatisierung" das Unternehmen "Chance 2000" zumindest bis zum Wahltag finanziell gerettet haben. Aber politisch ist das ganze Spektakel in sich zusammengefallen wie ein Luftballon, in den jemand mit einer Nadel gestochen hat.

Der Grund dafür ist nicht schwer zu verstehen: Schlingensief und seine Organisation haben selbst genausowenig wie die herrschenden Parteien ein Konzept zur Überwindung der Probleme in dieser Gesellschaft. Zwar verfügen sie im Gegensatz zu den regierenden Politikern und den meisten anderen Vertretern des Staates über eine soziale Ader. Sie rufen alle sogenannten "Ausgegrenzten dieser Gesellschaft", die Arbeitslosen, Behinderten, Obdachlosen usw. dazu auf, ihr Schicksal nicht mehr passiv hinzunehmen, sondern sich lustvoll und kunstvoll in die Politik einzumischen. Aber ihre Alternative zu den bestehenden politischen Verhältnissen erschöpft sich in satirischem Klamauk, mit dem der Zirkus der traditionellen Politik auf die Schippe genommen wird.

Die Sprache des Programms von "Chance 2000" ist eine einzige Persiflage auf den Kauderwelsch der Parteienberater, Politologen und Medien des Bonner Betriebs und wohl auch auf das von alternativen Soziologen und Philosophen wie Pierre Bourdieux und Ulrich Beck. Bekannte Schlagworte wie "Partei der Mitte", "Hilfe zur Selbsthilfe" werden aufgegriffen und ironisiert, Beteuerungen der Treue zum Grundgesetz, zu Recht und Ordnung bis zur Lächerlichkeit wiederholt. Falls jemand das Programm bis zum Ende durchgelesen hat, wird er ausdrücklich gewarnt: "Mitnichten beschränkt sich Chance 2000 darauf, den Weg zu Intellektuellen und Fremdwortexperten zu suchen. Die Lektüre diese Programms ist daher mit Vorsicht zu genießen. Es wäre schade, wenn sich jemand dadurch davon abhalten ließe, seine Chance zu nutzen..."

Wenn es überhaupt einen ernstzunehmenden politischen Ansatz bei diesem Happening "Chance 2000" und seinem Programm gibt, dann den, daß alle brennenden sozialen Probleme durch bessere Kommunikations-, Ausdrucks- und Darstellungsmöglichkeiten für die Ausgegrenzten angepackt werden könnten und sie, die Theaterleute und sonstigen Künstler als Experten dazu ihre Hilfe anbieten.

Einen realen Ausweg aber zeigt Schlingensief nicht auf. Insofern kann man in dem sang- und klanglosen Ende von "Chance 2000" durchaus das Anzeichen einer gesunden Entwicklung sehen: was viele Arbeiter, Arbeitslose, Jugendliche heute suchen, ist nicht eine Persiflage dessen, was sie ohnehin schon wissen und verachten, sondern eine ernsthafte Antwort auf die politischen Fragen und eine Lösung der sozialen Probleme, mit denen sie konfrontiert sind.

Nun sollte man diese politische Lösung von Künstlern auch nicht unbedingt erwarten. Aber auch auf die intellektuelle und kulturelle Entwicklung in diesen Kreisen, gemessen an ihren Ansprüchen und Kriterien als Künstler, wirft das "Phänomen Schlingensief" ein bezeichnendes Licht. Und dies sollte nicht unbemerkt bleiben.

Schlingensief gelang es zwar anschaulich zu demonstrieren, wie der Auftritt einer Partei erfolgreich allein mit Hilfe der Medien inszeniert werden kann und inszeniert wird, wie im Bundestagswahlkampf ganz so wie in der kommerziellen Werbung Worthülsen Argumente ersetzen, leere Phrasen an die Stelle programmatischer Aussagen treten.

Aber was ist die gesellschaftliche Realität hinter der virtuellen Welt dieser Medieninszenierungen, welche sozialen Kräfte führen hinter den Kulissen Regie? Wessen Interessen vertreten sie, was ist von ihnen zu erwarten? Gibt es eine Alternative zu der bestehenden politischen und sozialen Misere, und sei es "nur" als Kunst-Traum, als Ideal, das den Mut geben könnte, in der Wirklichkeit dieser Gesellschaft gegen den Strom zu schwimmen?

Schlingensiefs Vorführungen haben hierzu absolut nichts zu sagen. Deshalb bleiben seine Ironie reiner Selbstzweck, seine Wortspiele ohne die erfrischende Wirkung der Aufklärung.

Es ist in Deutschland nichts Außergewöhnliches, daß Schriftsteller und andere Künstler über ihre Publikationen oder auch durch Parteien direkt in der Politik mitmischen. Aber wo findet sich heute die Schärfe der Satire eines Kurt Tucholsky, der bissige Witz seiner Verse, wo der Mut eines Carl von Ossietzky, die aufrüttelnde Wirkung seiner Anklagen und Enthüllungen? Der kulturelle Niedergang seit jener Zeit der 20er Jahre ist unübersehbar. Er hängt unmittelbar mit der Evolution der politischen Krise der Arbeiterbewegung in diesem Jahrhundert zusammen.

Kritisch denkende Künstler in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts standen, selbst wenn sie keine Marxisten waren, doch unter dem starken Einfluß der marxistischen Gesellschaftskritik und ihrer sozialistischen Ideale von einer Gesellschaft ohne Unterdrückung und Ausbeutung. Die besten von ihnen wie Carl von Ossietzky waren nicht nur Gegner der kriecherischen Umarmung des kapitalistischen Staats durch die SPD, sondern auch der stalinistischen Entartung der Sowjetunion. Aber die jahrzehntelange Vorherrschaft der Sozialdemokratie und des Stalinismus in der Arbeiterbewegung zeitigte schließlich ihre Wirkung in der weitgehenden Vernichtung der marxistischen Traditionen und Kultur.

Selbst vor 30 Jahren noch war einer ganzen Reihe von Schriftstellern und Künstlern der Traum von einer besseren Gesellschaft nicht abhanden gekommen. Sie suchten ihn jedoch auf dem eher biederen Weg der bürgerlichen Reform zu verwirklichen. Günter Grass, Heinrich Böll sprachen in dieser Hinsicht für eine ganze Schicht von Intellektuellen. Nicht wenige von ihnen hatten Marx gelesen, um sich geistige Anleihen für ihre Arbeit zu holen, unterstützten aber in der Politik Willy Brandt. Und wahrscheinlich hätten sich Schlingensief und seine Künstlerfreunde früher ebenfalls der SPD, den Grünen oder auch, in der ehemaligen DDR, der SED angeschlossen und gehofft, dadurch gesellschaftliche Reformen vorantreiben zu können.

Seitdem haben diese Parteien eine radikale Rechtswendung vollzogen, die Einführung der Markwirtschaft zum "Ende der Geschichte" erklärt und wie die gegenwärtige Bonner Koalition "Bereichert die Reichen" zu ihrem Leitmotiv erhoben. Manch einer von den früher als fortschrittlich und links geltenden Schriftstellern hängte seine Fahne rasch nach dem neuen Wind. Martin Walser, einst ein Aushängeschild der stalinistischen DKP, besann sich plötzlich auf die "Werte des Nationalen". Hans Magnus Enzensberger, vor 30 Jahren ein geistiger Wortführer der westdeutschen Studentenbewegung, schrieb der deutschen Bourgeoisie nach der Wiedervereinigung die Fähigkeit und Aufgabe zu, Demokratie und Menschenrechte in der Welt zu verteidigen, und rief dazu auf, den Kolonialkrieg gegen den Irak zu unterstützen.

Viele andere sind zwar bemüht, sich diesem Geist der Reaktion entgegenzustemmen und fühlen sich von der gewendeten SPD und den Grünen ebenso angewidert wie von den traditionellen Rechtsparteien. Aber insoweit sie ganz wie die Regierungspropaganda den Stalinismus mit Marxismus gleichsetzen und die Herrschaft der Bürokratien im Osten mit Sozialismus, sehen sie sich plötzlich nicht nur ihrer bisherigen politischen Plattform und Orientierung beraubt, sondern auch bar jeder geistigen und gesellschaftlichen Ideale. Viele ergehen sich seither in Katzenjammer und Zynismus wie der inzwischen verstorbene Brecht-Schüler und DDR-Schriftsteller Heiner Müller, oder in kunstvoller, aber zielloser Ironie wie Schlingensief. Nicht zufällig ist der anspruchslose und bei allen spektakulären Aktionen doch fade und ermüdende Charakter von Schlingensiefs Kunst heute symptomatisch, findet er bei so vielen anderen Künstlern Anklang und Unterstützung.

Es werden ohne Zweifel wieder Künstler auftreten, die nicht mit den Wölfen heulen, sondern einen unabhängigen, kritischen Geist bewahren; Künstler, die Menschen wieder mit dem Ideal einer besseren Zukunft für alle zu beseelen vermögen und mit dem Willen, es gegen jeden Widerstand zu verwirklichen. Aber daß ein solcher frischer Wind in der Welt der Kultur wieder aufkommt, hängt ganz entscheidend von der Wiederbelebung der marxistischen Weltanschauung, vom Aufbau einer starken politischen Partei mit sozialistischen Zielen ab.

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