Das Phänomen Diana

Von Julie Hyland
6. September 1998

Am 31. August 1997 starb Diana, Prinzessin von Wales, in einem Pariser Autobahntunnel. Mehr als eine Million Menschen folgten vor einem Jahr dem Trauerzug durch die Londoner Innenstadt, 290.000 trugen sich in die Kondolenzbücher ein.

Tony Blair gab ihr den Namen "Prinzessin des Volkes" und nannte sie in Analogie zur seiner gerade gewählten "New-Labour"-Regierung eine Vertreterin des "Neuen Britanniens". Selbst Vertreter des linken Kleinbürgertums schlossen sich der Trauergemeinde an. Der Weekly Worker, die Zeitung der Kommunistischen Partei Großbritanniens, schilderte den Umzug hinter Dianas Sarg als "Bewegung der Unterdrückten". Noch kürzlich meinte die Feministin Beatrix Campbell, die früher für Marxism Today schrieb, Diana habe sich "eingereiht in den Kreis der Zurückgestoßenen..., der Überlebenden des Holocaust, der Weltkriege und Pogrome, des Vietnamkriegs und der Bürgerkriege Südamerikas und Südafrikas, der Folter und des Kindesmißbrauchs."

Heute, ein Jahr später, weht ein etwas anderer Wind um das Phänomen "Diana". Am 23. August veranstaltete ein Verein aus dem Norden Londons eine Wohltätigkeits-Wanderung entlang der Route des Trauerzugs. Es sollte der Auftakt einer Veranstaltungswoche zum Gedenken an die Prinzessin werden, man rechnete mit mehr als 15.000 Teilnehmern. Aber gerade einmal 200 Menschen kamen zusammen, ein Flop, der dem Verein einen Schuldenberg von 25.000 Pfund bescherte.

Selbst in der Geistlichkeit wurden Stimmen von Dissidenten laut. Im September letzten Jahres hatte sie noch enthusiastisch die Welle des "religiösen Erwachens" begrüßt, die das Land überflutet hatte. Jetzt erklärte Lord Coggan, der ehemalige Erzbischof von Canterbury, Diana zu einer "falschen Göttin mit recht losen Sitten" und einer "gewißlich recht losen Sexualmoral". Einige Tage zuvor hatten Sonntagsprediger den Zorn von Dianaverehrern und -verehrerinnen auf sich geladen, als sie im Kindergottesdienst verkündet hatten, Diana sei wohl "zur Hölle gefahren", weil sie ihren unchristlichen Lebensstil nicht bereut hätte.

Natürlich gibt es auch Leute, die sich darum bemühen, das Image von Diana als der "Prinzessin des Volkes" aufrechtzuerhalten. Dazu zählen in erster Linie die unzähligen Souvenirhändler und Veranstalter von Gedenkfeierlichkeiten. Der Memorial Fonds, der schon fünf Tage nach dem Autounfall eingerichtet worden war, ist auf 370 Millionen Pfund an Spendengeldern angewachsen. Ungefähr 80 Millionen davon sind auf Grund von Verträgen mit Firmen hereingekommen, die es darauf abgesehen hatten, das Logo mit der Unterschrift Dianas für ihre Produkte zu verwenden.

Der Fonds schlägt sich ständig mit Vertretern der millionenschweren Souvenirindustrie herum, um die Oberhand über das Copyright für "Dianas geistige Urheberrechte" zu behalten. Er hat 50 Unterlassungsverfügungen an Firmen verschickt, die den Namen der Prinzessin ohne Erlaubnis verwenden. In den Vereinigten Staaten klagt die Firma Bradford Exchange aus Illinois gegen den Memorial Fonds, damit er der Firma das Recht zuerkennt, Diana-Souvenirs anzufertigen. Die Firma vertreibt zum Beispiel eine Musik-CD, auf der die Originalmelodie von "Candle in the Wind" ergänzt durch die Worte "erhalte sie am Leben" zu hören ist. Sir Elton war alarmiert, weil hier möglicherweise sein Urheberrecht verletzt wurde.

Kritik mußte der Fonds einstecken, weil er die "Geschmacklosigkeit" erlaubt hatte, daß Margarinedosen der Marke Flora mit Dianas Logo geschmückt werden. Bis jetzt hatte er lediglich Kerzenhalter, eine Briefmarkenserie, ein CD-Album, zwei Emaildosen und einen Teddybär namens Diana zugelassen. Zu den Produkten, denen das Logo verweigert wurde, gehören unter anderem ein Toilettendeckelbezug und ein Autoaufkleber mit den Worten "bye bye Di".

Trotz dieser Versuche, ein Minimum an gutem Geschmack zu bewahren, ist Diana zum Elvis Britanniens geworden und hat ihr eigenes "Graceland" bekommen. Die Stallungen des Landsitzes der Familie Spencer in Althorp sind in ein Museum verwandelt worden. Für 9,50 Pfund können Besucher Videos über das Leben der jungen Diana zu Hause anschauen, ihre Schulzeugnisse einsehen, eine Sammlung ihrer Kleider bewundern und einen Blick über den See auf die Insel werfen, wo sie begraben ist.

Zugegeben, all dies hat etwas von einer Farce, dennoch wirft es durchaus ernste Fragen auf.

Siebzehn Jahre lang wurde der Lebenswandel des königlichen Paares einer minutiösen und erschöpfenden Berichterstattung durch die Medien der ganzen Welt unterworfen. Eine kleine Armee von Paparazzi folgte Diana über den ganzen Erdball in dem Bemühen, die Reichen und Berühmten tagein tagaus zu glorifizieren. Das Gute an Ms. Spencer war, daß sie das königliche Gehabe mit einem opulenten Lebensstil verband, wie er im Showbusiness üblich ist, der sich nachempfinden und sogar nachahmen ließ.

Ihre spätere Scheidung lieferte die notwendigen Ingredienzen der Seifenoper nach - Sex, Intrigen und Verrat. Alle Reichtümer Dianas konnten nicht verhindern, daß sie unter einem Ehemann, der sie vernachlässigte, einer zerstörten Familie und psychischen Problemen zu leiden hatte.

Glaubt man den Medien, dann war dies der Grund dafür, daß sich so viele Menschen mit ihr identifizierten. Dies war das Hauptthema, das nach ihrem Tod sogar von denen hochgespielt wurde, die ihr vorher kritisch gegenübergestanden hatten.

Wie bei allem, was mit der Prinzessin zusammenhing, spielte auch bei der offensiven Medienkampagne das Geld die Hauptrolle. Die Medien hatten Diana für äußerst nützlich gehalten, um ihre Auflagen zu steigern, als sie noch am Leben war, und nahmen ihren Tod zum Anlaß, die königliche Milchkuh aufs neue zu melken. Gleichzeitig wurde dabei aber auch noch ein ganz anderer, viel grundlegenderer Zweck verfolgt.

Das Leben von Millionen Menschen ist von brutaler Härte, Unsicherheit und vollkommener Sinnlosigkeit geprägt. Durch die Identifikation mit einer verkommenen Aristokratin soll ihr kritisches Bewußtsein abgetötet und der soziale Unmut in harmlose Kanäle gelenkt werden.

Einige hatten behauptet, die Besorgnis um das persönliche Schicksal der Prinzessin könnte dazu führen, daß Wünsche nach der Abschaffung der Monarchie laut werden. Dies erweist sich im Nachhinein als ziemlich lächerlich. Es stimmt natürlich, daß Teile der herrschenden Klasse Diana als Vehikel benutzt haben, um ihren Forderungen nach einer Verfassungsreform Nachdruck zu verleihen. In den letzten beiden Jahrzehnten ist eine märchenhaft reiche Schicht entstanden, deren Vertreter glauben, daß sie und nicht das verknöcherte Establishment, dessen Sinnbild die Monarchie ist, das politische Leben der Nation bestimmen sollten. Diana verbündete sich mit diesen Schichten in der Hoffnung, ihr Sohn würde anstelle von Prinz Charles der nächste König werden.

Unmittelbar nach ihrem Tod schien es so, als würden diese Schichten die Oberhand gewinnen. Die Labour-Regierung selbst versprach "radikale Reformen" der Monarchie. Die Zeitungen äußerten Befürchtungen, die Königin könnte beim Begräbnis Dianas mit Buhrufen geschmäht werden. Graf Spencer, ihr Bruder, nutzte seine Rede bei der Trauerfeier für Diana, um der königlichen Familie mit dem wachsamen Auge ihrer "Blutsverwandten" zu drohen und erhielt herzlichen Applaus von der draußen wartenden Menge. Mohamed Al-Fayed, der Vater von Dianas Playboy-Liebhaber, war so kühn, von einer Verschwörung "dunkler Mächte" zu sprechen - die sich vermutlich um die Monarchie geschart hätten - um seinen Sohn daran zu hindern, die Mutter des künftigen Königs von England zu heiraten.

Aber wie stehen die Dinge heute? Die Glorifizierung dieser schmutzigen Intrigen - sogar Arbeiter wurden dazu verleitet, sich mit der einen oder anderen Figur zu identifizieren - hat der herrschenden Klasse erlaubt, ihre internen Fehden ohne unbotmäßige Unterbrechungen fortzusetzen.

Diejenigen, die ergriffen waren von Dianas "fürsorglicher Persönlichkeit" und ihrer "einfachen Menschlichkeit", sind noch genauso leichtgläubig, wenn heute der königlichen Familie dieselben Tugenden angedichtet werden. Die Queen hat seither auf ihre Ratgeber in Sachen Öffentlichkeitsarbeit gehört und sich beim Schwätzchen in einer Kneipe, vor McDonalds und lachend zusammen mit einem Popsänger mit rosagefärbten Haaren fotografieren lassen. Die Presse hat inzwischen Charles als pflichtbewußten "alleinerziehenden"Vater präsentiert, der seine wirkliche Liebe dem Wohle der Nation zum Opfer gebracht hat. Nach den jüngsten Umfragen ist die öffentliche Unterstützung für die Monarchie im Laufe des letzten Jahres wieder auf alte Höhen geklettert, und die Popularität von Charles hat zugelegt.

Blair verbringt den diesjährigen Todestag von Diana zusammen mit der Queen auf Schloß Balmoral. Er kündigte an, seine nicht näher spezifizierten Reformen seien vorläufig ad acta gelegt. Earl Spencer wurde von der Presse wegen seines eigenen unappetitlichen Scheidungsprozesses niedergemacht, in dem er als grausamer, ewig betrunkener Ehebrecher an den Pranger gestellt wurde, der seine Ehefrau bis zur Bulimie getrieben habe. Al-Fayeds 12jährige Sponsorenschaft für die Pferdeleistungschau des Hauses Windsor wurde beendet, und das Kaufhaus Harrods, das ihm gehört, soll im Gegenzug seine königlichen Privilegien verlieren. Einige Zeitungen haben Al-Fayed vorgeworfen, er sei verantwortlich für Dianas Tod, weil sein Hotel, das Ritz, einen trunksüchtigen Chauffeur beschäftigte.

Schon auf den Höhepunkt des von den Medien entfachten Dianafiebers hatten sich viele Menschen von dem Presserummel nicht mitreißen lassen. Zuschauerproteste erzwangen zum Beispiel, daß der Sender BBC 2 schon eine Woche nach dem Unfalltod zu seinem normalen Programmablauf zurückkehren mußte. Eine Untersuchung des British Film Institute hat herausgefunden, daß 50 Prozent der Befragten von Dianas Tod "eigentlich nicht" berührt waren. Viele der in dieser Woche Interviewten sagten, daß Großbritannien im letzten Jahr im September eine recht finstere Zeit des kollektiven Wahnsinns durchlebt habe. Das helle Tageslicht wird es jetzt hoffentlich ermöglichen, ernsthaft zu hinterfragen, wie es zu diesem merkwürdigen Zustand kommen konnte.

Siehe auch:
Der Mythos Lady Diana und seine Hintergründe
(11. September 1997)

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen