Angriffe gegen "Die Blechtrommel" in Oklahoma City

Demokratische Rechte und religiöse Fundamentalisten

Von David Walsh
4. November 1998

Der geplante Gerichtstermin am 13. Oktober zur Verhandlung mehrerer Klagen im Fall des Films Die Blechtrommel, der in Oklahoma City verboten werden sollte, ist noch einmal verschoben worden.

Zwei der Klagen - eine von der Amerikanischen Bürgerrechtsbewegung ACLU und die andere von dem Videothekenverband Video Software Dealers Association - richten sich gegen eine gerichtliche Verfügung, die dem Film von 1979 Kinderpornographie vorwirft. Eine dritte Klage wurde von Bob Macy eingereicht, dem Staatsanwalt des Bezirks Oklahoma im gleichnamigen Bundesstaat, der eine Bestätigung der Verfügung erreichen will. Eine Vielzahl von juristischen Verfahren und Feinheiten wird möglicherweise zu einer Verzögerung der Verhandlung um Wochen oder gar Monate führen. Ursprünglich war der 13. April dieses Jahres als Termin angesetzt worden. Trotzdem ist es wert, zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein Blick auf die Fragen dieses eklatanten Falls von Verletzung demokratischer Rechte zu werfen, insbesondere nachdem die amerikanischen Medien recht dürftig darüber berichten.

Im Juni 1997 führte die Polizei der Stadt Oklahoma in der öffentlichen Bibliothek, mehreren Videotheken und Privatwohnungen von Entleihern eine Razzia durch und beschlagnahmte Videokassetten des Films Die Blechtrommel von Volker Schlöndorff. Zur Begründung der Aktion wurde angeführt, der Film sei nach den Gesetzen des Bundesstaats Oklahoma gegen Kinderpornographie als obszön zu werten. Die Polizei kam mit ihrer Razzia dem Antrag einer örtlichen Gruppe von christlichen Fundamentalisten nach. Die Blechtrommel basiert auf dem bekannten Roman von Günter Grass von 1959. Er schildert die Geschichte von Oskar, einem kleinen Jungen, der sich unter dem Eindruck des Aufstiegs der Nazis und des zweiten Weltkrieges entscheidet, nicht mehr zu wachsen. Das Thema des Romans behandelt nach Aussage des Autors den Versuch, "dem Prozeß des Erwachsenwerdens und der damit verbundenen Verantwortung zu entkommen".

Vertreter der Stadt Oklahoma verwiesen auf drei Szenen des Films als angeblicher Beweis für Kinderpronographie. Diese Szenen zeigen Oskar, der geistig erwachsen, körperlich aber noch ein Kind ist, wie er kurzzeitig an simulierten sexuellen Handlungen teilnimmt bzw. sie beobachtet. Der Schauspieler David Bennent (damals 11 Jahre alt) und die Schauspielerin Katharina Thalbach (damals 24), die an diesen Szenen beteiligt sind, haben beide Aussagen vorgelegt, in denen sie den Angriff gegen den Film zurückweisen und belegen, daß es während der Dreharbeiten keinerlei sexuelle Kontakte irgendwelcher Art gegeben habe. In einer schriftlichen, beim Bundesgericht eingereichten Aussage erklärte Frau Thalbach: "Ich habe explizit Nacktaufnahmen von mir abgelehnt, und es wurden auch keine gedreht." David Bennent erklärte, daß er und seine Eltern - die beide bei den Dreharbeiten anwesend waren - den Roman studiert hätten, um ihn auf seine Rolle vorzubereiten. Auch Volker Schlöndorff hat eine schriftliche Aussage eingereicht, in der er den ernsthaften Inhalt des Films erläutert, die Details der Dreharbeiten erklärt und die Behauptungen zurückweist, der Film hätte sexuell stimulierende Intentionen.

Der Angriff auf die Blechtrommel, der mit einem Oscar als bester ausländischer Film und mit der Goldenen Palme des Film Festivals in Cannes ausgezeichnet wurde, zeigt ein erschreckendes Bild des Zusammenspiels zwischen Rechtsextremisten, offiziellen Vertretern der Stadt Oklahoma, Justiz und Polizei.

Die Beschlagnahme von Schlöndorffs Film im Juni letzten Jahres war das Ergebnis einer anhaltenden Kampagne der christlich-fundamentalistischen "Oklahomans for Children and Families" (OCAF, Bürger von Oklahoma für Kinder und Familien) gegen die städtische Bibliothek. Seit Oktober 1996 haben die OCAF und ihr Vorsitzender Bob Anderson die Bibliothek des Besitzes von pornographischem Material beschuldigt und verlangt, den ungehinderten Zutritt und die unzensierte Ausleihe zu beenden. Auf der Website des "Oklahoma Department of Libraries" (ODL, Bibliotheksbehörde von Oklahoma) heißt es dazu: "Die Bibliothekare betonen, die Bibliothek habe keine Medien gekauft, die nach den Gesetzen des Bundesstaates als obszön anzusehen seien. Außerdem sei es die Aufgabe der Eltern und nicht der Bibliothek, darüber zu entscheiden, zu welchen Medien ihre Kinder Zugang haben."

Nachdem sie von den Bibliothekaren abgewiesen worden war, wendete sich die OCAF an Stadtratssitzungen im ganzen Bezirk. Bei einer solchen Versammlung verbreitete die Organisation Literatur, in der die Bibliothek als "pornographischer Buchladen" und die Bibliothekare als "Schundverkäufer" bezeichnet wurden. Als Nächstes versuchte die OCAF, im Bundesstaat ein Gesetz durchzusetzen, das das Oklahoma Department of Libraries daran gehindert hätte, staatliche Gelder an örtliche Bibliotheken zu überweisen, die die betreffenden Medien nicht ausgesondert haben. Dieser Versuch scheiterte hauptsächlich an einer Briefkampagne der Bibliothekare.

Die Blechtrommel war 1996 Gegenstand einer weiteren Klage von Rechten. Eine ehemalige Studentin des Bethel College, einem christlichen Seminar in Minnesota, verklagte das College und beschuldigte es, sie dazu gezwungen zu haben, sich als Teil ihrer Schularbeiten bestimmte Filme anzusehen, darunter auch denjenigen von Schlöndorff, sowie Like Water for Chocolate und Do the Right Thing. Im Mai 1997 wies ein Richter die Klage ab, eine Entscheidung, die in den fundamentalistisch beherrschten Medien, wie Pat Robertson's 700 Club viel diskutiert wurde. Anderson von der OCAF hörte im Autoradio von diesem Fall. Daraufhin sah er nach, ob die Bibliotheken Oklahomas den Film Die Blechtrommel im Angebot hatten - eine Bibliothek hatte ihn tatsächlich. Nun hatte er einen Anlaß!

Auf einem Treffen der Bibliotheksbeauftragten am 19. Juni 1997 verlangte Anderson, sie sollten sich ausgewählte Szenen aus Die Blechtrommel ansehen. Die Website der ODL schildert die darauffolgenden Auseinandersetzungen: "Die Bibliothekskommission erinnerte OCAF daran, daß die Bibliothek festgelegte Regeln für den Umgang mit umstrittenem Material hat und forderte die Gruppe auf, sich an diese Regeln zu halten. Anderson drohte in einer erhitzten Auseinandersetzung, die auf Video aufgezeichnet und von örtlichen Fernsehstationen ausgestrahlt wurde, der Polizei eine Kopie des Films zu übergeben".

Anderson hielt sein Wort. Der Bericht des Polizeibeamten A. Gracey über seinen Besuch in der Zentrale der OCAF am 20. Juni zeigt die enge Arbeitsbeziehung, die zwischen der städtischen Polizei und der fundamentalistischen Gruppe existiert hat: "Nach meiner Ankunft traf ich mich mit Bob Anderson, dem Präsidenten der OCAF, der die Videokopie der Bibliothek von Der Blechtrommler(sic) übergeben hat und mir erklärte, weshalb dieser Film nach seiner Auffassung tatsächlich Kinderpornographie sei. Er führte mich dann in den Konferenzraum der OCAF, führte das Video mit einem Videorecorder vor und zeigte mir die Stellen, die seiner Auffassung nach Kinderpornographie darstellten."

Am 23. Juni übergab die Polizei dem Bezirksrichter von Oklahoma, Richard W. Freeman in seinem Büro ein Video des Films. Es ist unklar, ob Freeman sich den ganzen Film angesehen hat, oder nur die beanstandeten Szenen. Jedenfalls teilte Freeman am folgenden Tag den führenden Polizeibeamten Se Kim und Britt High mit, daß der Film Kinderpornographie enthalte. (Britt High ist mit der stellvertretenden Bezirksstaatsanwältin Patricia High verheiratet, die zu denjenigen gehört, die die Erlaubnis zur Beschlagnahmung der Videos gegeben haben sollen.)

Als er später von einem Reporter dazu befragt wurde, antwortete der 65 Jahre alte Freeman: "Es war nur eine juristische Meinung .... Es war keine juristische Anordnung. Ich hatte nicht die Absicht, hier irgendwelche Präzedenzfälle zu schaffen."

Mit dieser juristischen Meinung ausgerüstet, aber ohne richterliche Anordnung oder gar Durchsuchungsbefehl, machte sich die Polizei Oklahomas am nächsten Tag daran, Kopien des Films aufzuspüren. Nach übereinstimmender Aussage aller Betroffenen ging sie mit Brachialgewalt vor. Videothekmanager berichteten nach einem Artikel in The Oklahoman, der örtlichen Tageszeitung, daß Polizeibeamte "sie einschüchterten und mit ihrer Verhaftung drohten, wenn sie die Videos nicht herausrücken oder Informationen über Kunden geben würden, die nach Bundesgesetzen streng vertraulich sind."

Ein Beispiel: "Pandora Warren, Managerin einer Blockbuster Videothek, schrieb, daß sie sich von den drei Polizeibeamten der Stadt Oklahoma bedroht fühlte, die am 25. Juni 1997 bei ihr auftauchten und die Herausgabe der zwei in ihrem Laden befindlichen Vidokopien ,verlangten‘... High habe ihr erklärt, ein Richter habe den Film für obszön beurteilt, und es sei ein Kapitalverbrechen, ihn zu besitzen. High forderte die Herausgabe der Videos.... High sagte ihr auch, es sei ein Verstoß gegen das Gesetz, wenn sie die Untersuchung behindere, und das wolle sie doch nicht tun. Warren sagte, sie habe sich von Verhaftung bedroht gefühlt und geantwortet, sie wolle seinen Anweisungen folgen."

Andere Betreiber von Videotheken berichteten von ähnlichen Ereignissen. In einer Blockbuster-Filiale war das Video gerade ausgeliehen. Die Managerin "sagte, daß High ‘darauf bestand', ihm den Namen des Entleihers zu nennen."

",Ich fühlte mich bedroht und eingeschüchtert durch den immer schärferen Ton des Polizisten High, der darauf beharrte, er wolle die Kundeninformation haben und zwar sofort‘, berichtete sie. Sie sagte weiter, sie habe ihnen aus Angst, sonst verhaftet zu werden, unfreiwillig die Information gegeben."

Michael Camfield, ein Leiter der Bürgerrechtsbewegung ACLU im Bundesstaat Oklahoma, hatte sich das Video gerade ausgeliehen, weil es unter Beschuß geraten war. Er hatte es sich noch nicht zu Ende angesehen, als spät am Abend um 21:40 Uhr die Polizei vor seiner Haustür stand und die Herausgabe des Videos verlangte. Camfield: "Ich erklärte den Polizeibeamten, daß sie Grundrechte der Verfassung mit Füßen treten und daß dieser ernste Film durch den ersten Verfassungszusatz geschützt sei .... aber sie haben den Film trotzdem beschlagnahmt."

Der Eifer, mit dem das Büro des Distriktstaatsanwalts und die Polizei ihre Operation durchgeführt haben, wird aus dem Inhalt einer e-mail des Polizeibeamten Gregory A. Taylor an den vorgesetzten Beamten Bill Citty deutlich, der von den Anwälten der ACLU in einem ihrer Anträge zitiert wird: "Letzte Nacht sind auf Anweisung des Büros des Distriktstaatsanwalts die Beamten (Britt) High, (Se) Kim und (Matt) French in der Gegend der Stadt Oklahoma herumgefahren, um an alle verfügbaren Kopien von ‚Die Blechtrommel' zu heranzukommen.

Die Jungs haben ohne Zwischenfälle insgesamt sechs Exemplare ausfindig gemacht und an sich genommen. Ein Exemplar haben wir noch nicht erwischt, aber wir werden uns anstrengen, es so bald wie möglich zu finden. Keine Mühen werden gespart. Kein Stein wird auf dem anderen bleiben."

Die Klage der ACLU vom 3. Juli 1997, mit Camfield als namentlich benanntem Kläger, beschuldigt Vertreter der Polizei und der Stadt des Verstoßes gegen mehrere verfassungsmäßige Grundrechte, darunter das Recht auf freie Meinungsäußerung, den Vierten Verfassungszusatz, der unverhältnismäßige Durchsuchungen und Beschlagnahmen verbietet, und das Recht auf ein gesetzliches Verfahren. Die Klage bezieht sich auch auf ein Bundesgesetz zum Schutz der Ausleihdaten von Personen vor polizeilichem Zugriff.

Am Heiligen Abend 1997 hat Richter Thompson, als Reaktion auf einen Antrag der Videotheken-Vereinigung und der Bibliotheksbehörde ODL auf eine einstweilige Verfügung, entschieden, daß die Beschlagnahme der Videos verfassungswidrig war und angeordnet, daß sie ihren rechtmäßigen Eigentümern zurückgegeben werden. Die Anordnung betraf nicht die Frage, ob der Film den Obszönitätsparagraphen Oklahomas Genüge leistet. Diese Frage wird in dem bevorstehenden Prozeß entschieden.

Teil einer systematischen Attacke

Die Kampagne gegen Die Blechtrommel ist Teil einer systematische Attacke auf demokratische Rechte, die von religiösen rechten Tendenzen organisiert wird. Im Namen des Kampfs gegen Kinderpornographie und der Sorge um Kinder, die von Pornographie ferngehalten werden müßten, greifen sie insbesondere Bibliotheken und Buchhandlungen an.

Eine Geschworenengericht im Bezirk Williamson des Bundesstaates Tennessee hat beispielsweise ein örtliches Geschäft der Buchhandelskette Barnes & Noble angeklagt, "unzulässigerweise Material anzubieten, das für Minderjährige schädlich ist". Dies bezog sich auf zwei Bücher des Fotografen Jock Sturges, die Fotos nackter Minderjähriger enthalten. Barnes & Noble droht jetzt eine Klage wegen Verletzung der Gesetze gegen Kinderpornographie in Alabama. Eine Buchhandlung der Borders-Kette in der Vorstadt von Pennsylvania wurde aufgrund des gleichen Buches gerichtlich belangt. Die ODL dazu: "Die Kampagne gegen die Bücher von Sturges wird von Dr. James Dobson von ‚Focus on the Family‘ und Randall Terry angeführt, einem ehemaligen Führer von ‚Operation Rescue‘, einer Gruppe von Abtreibungsgegnern."

Die "National Coalition Against Censorship" (Nationale Vereinigung gegen Zensur) hat berichtet, daß eine Reihen von Bibliotheken - in Medina, Ohio; Mexico, Missouri; und Oneida, New York - Ziel von Angriffen geworden sind. Im Bezirk Loudoun County in Bundesstaat Virginia installierte die Bibliotheksleitung offenbar derart restriktive Filterprogramme in ihrem Computer System, daß ein an Brustkrebs Erkrankter nicht mehr an benötigte Informationen im Internet kam.

Die fundamentalistischen Attacken haben durch den US-Kongress Auftrieb erhalten, der 1996 mit überwältigender Mehrheit den "Child Pornography Prevention Act" (Gesetz zur Verhinderung von Kinderpornographie) beschlossen hat. Bill Clinton hat dieses Gesetz unterschrieben. Das von dem Republikaner Orrin Hatch aus Utah und dem Demokraten Joseph Biden aus Delaware eingebrachte Gesetz definiert Kinderpornographie als "jede visuelle Darstellung ... von sexuell auffälligen Handlungen", an dem Minderjährige beteiligt sind. Das Gesetz umfaßt auch "visuelle Darstellungen, bei denen tatsächlich oder scheinbar Minderjährige an sexuellen Handlungen beteiligt sind."

Nadine Strossen von der ACLU betonte, daß dieses Gesetz eine ganze Kategorie von Werken verurteilen würde, darunter "Filme, in denen Erwachsene Minderjährige spielen; Gemälde oder Skulpturen, die Minderjährige darstellen, und Fotografien, die einen nackten Kinderpopo zeigen, selbst wenn er liebevoll von einem Vater oder einer Mutter oder mit deren Erlaubnis aufgenommen wurde."

Adrian Lynes Verfilmung des Romans Lolita von Vladimir Nabokov 1996 war zwei Jahre lang in den USA unterdrückt, weil befürchtet wurde, daß man dem Film einen Gesetzesverstoß anhängen könnte. Nach dem Gesetz "drohen drakonische Strafen, einschließlich fünf Jahren Gefängnis wegen Besitzes von gegen das Gesetz verstoßenden Bildern (Eltern sollten besser ihre Familien-Fotoalben durchsehen und Bilder von Badewannenszenen entfernen) und bis zu 30 Jahren für Produzenten und Vertriebsmanager." (Strossen).

Jede zivilisierte Gesellschaft würde Maßnahmen ergreifen, um sexuellen Mißbrauch oder Ausbeutung von Kindern zu verhindern. Es liegt aber auf der Hand, daß weder Die Blechtrommel noch Lolita einen solchen Mißbrauch beinhalten. Es sind ernstzunehmende Filmkunstwerke, die das Ziel haben, bestimmte Aspekte des Lebens zu beleuchten, einschließlich der Beziehung zwischen Kindheit und Erwachsensein. Sexualität, auch diejenige von Kindern, spielt dabei eine Rolle, aber als Gegenstand der Betrachtung durch Erwachsene.

Die religiöse Rechte hat sich des Themas Kinderpornographie nicht deshalb angenommen, weil sie am Schicksal wirklich existierender Kinder interessiert ist. Ein Artikel in der Zeitschrift Gayly Oklahoman(1. Oktober 1997) berichtet von einem tumultartigen Treffen in einer Bibliothek, auf dem der Direktor des Bibliothekenverbunds "Mitglieder der OCAF aufrief, ihren Streit mit den Bibliotheken aufzugeben und etwas ,Produktives und Sinnvolles‘ für Oklahomas Kinder zu tun, in Bereichen wie Armut, Mißbrauch und Vernachlässigung. Auf diese Aufforderung hin sah man mehrere Mitglieder von OCAF nur ihre Augen rollen und den Kopf schütteln". Fundamentalistische Organisationen haben die Kürzungen von Sozialprogrammen sowohl durch die Bundesregierung als auch die einzelnen Landesregierungen energisch unterstützt. Diese Angriffe verschlechtern die Lebensbedingungen von Millionen von armen und Arbeiterfamilien.

Die OCAF und ähnliche Gruppen sind keine isolierten Sekten, die als Rufer in der Wüste auftreten. Sie haben offizielle Verbündete. Bill Graves, ein Republikanischer Abgeordneter, hat bei Bibliotheksversammlungen als Unterstützer dieser Gruppe gesprochen. Der Kongress-Abgeordnete Ernest Istook, ein Republikaner aus Oklahoma, hat in diesem Jahr im Kongress ein Gesetz eingebracht, das öffentliche Gelder für Computer an Schulen und Bibliotheken an die Installation von Filterprogrammen knüpft. Die Software solle den Computer-Zugriff durch Minderjährige "auf obszönes oder pornographisches Material" unterbinden.

Ultrarechte Kräfte versuchen, das emotionell brisante Thema der Kinderpornographie zu benutzen, um verwirrtere und rückständigere Schichten der Bevölkerung zu mobilisieren, während sie ihre wirklichen sozialen und politischen Ziele verheimlichen: den systematischen Angriff auf demokratische Rechte bis hin zur Durchsetzung neuer autoritärer Formen der Herrschaft.

Der Angriff auf Die Blechtrommel hat in künstlerischen und intellektuellen Kreisen zu Widerstand geführt. Mitarbeiter der Bibliotheken haben in bewundernswerter Weise den freien Zutritt zu ihren Instituten gegen die provokativen rechten Angriffe verteidigt. Da sich die ernsthafte, künstlerische Qualität von Schlöndorffs Film relativ leicht nachweisen läßt, ist es sehr gut möglich, wenn auch nicht sicher, daß Staatsanwaltschaft und Polizei vor Gericht unterliegen werden. Möglicherweise werden sogar Gesetze des Bundesstaates für verfassungswidrig erklärt. Wie auch immer diese juristische Auseinandersetzung ausgeht, es wäre ein politischer Fehler anzunehmen, dies sei nur der Fall von einigen ländlichen Tölpeln, die dabei sind, sich ihre Finger am Gerichtssystem zu verbrennen. Auch wenn sie in diesem Fall unterliegen, so werden die Bob Andersons deshalb nicht verschwinden. Es handelt sich um radikalisierte kleinbürgerliche Kräfte, die sich nicht an die herkömmlichen Spielregeln halten.

Eine politische Frage hat in der gegenwärtigen Diskussion in Oklahoma City kaum jemand gewagt aufzubringen: den terroristischen Bombenanschlag im April 1995, der von neo-faschistischen Tendenzen durchgeführt wurde und zu einem massiven Verlust von Menschenleben geführt hat.

Man muß die elementare Wahrheit ohne jede Beschönigung aussprechen, daß es zwar eine gewisse Arbeitsteilung zwischen den rechten Milizen, zu denen Timothy McVeigh gehörte, und den Gruppen der religiösen Rechten wie der OCAF gibt, sie aber in demselben extrem rechten politischen Milieu leben und viele gemeinsame ideologische Züge haben: Antikommunismus, apokalyptischen Fundamentalismus, amerikanischen Chauvinismus, Militarismus, Rassismus und Antisemitismus. Diese Tendenzen dringen durch die Poren eines von Krisen erschütterten Systems. Es gibt keine Möglichkeit, sie zu besiegen, ohne eine tief in der Bevölkerung verwurzelte Bewegung zu schaffen, die für ein Programm radikaler Veränderungen im wirtschaftlichen und sozialen Leben eintritt.

Weitere Informationen zur Auseinandersetzung über Die Blechtrommel gibt es in englischer Sprache auf der Website des Oklahoma Department of Libraries
http://www.odl.state.ok.us/fyi/ifreedom.htm

Siehe auch:
US Bundesrichter: Die Blechtrommel ist keine Kinderpornographie
(4. November 1998)

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen