Ein entsetzlicher Kriegszustand

"Der schmale Grat" von Terrence Malick nach dem Roman von James Jones

Von David Walsh
25. Februar 1999

Der Film "Der schmale Grat" hat den goldenen Bären der diesjährigen Berlinale gewonnen. David Walsh hat ihn im Januar für das World Socialist Web Site besprochen.

Ich hoffe sehr, daß viele Menschen Terrence Malicks Film sehen werden und davon ebenso angetan sind, wie ich es war. Ich kann mich, wenn überhaupt, nur an wenige amerikanische Filme erinnern, die in den letzten Jahren produziert wurden und so einfühlsam sind wie dieser.

Der Film nach James Jones Roman von 1962 folgt US-Soldaten bei dem Versuch, im Jahre 1942 die Kontrolle über die von den Japanern besetzte Insel Guadalcanal im Südpazifik zu erlangen. Die Männer der Charlie Company, einer Schützeneinheit der Armee, landen auf der Insel ohne auf Widerstand zu stoßen. Aber sie erleiden starke Verluste bei dem Unterfangen, einen strategisch bedeutsamen Hügel zu stürmen und einzunehmen. Ein japanischer Bunker, der an der Spitze des Hangs liegt, verschafft diesen eine überlegen Position; ein verwegener Angriff zerstört ihn. Die amerikanischen Truppen überwinden die Japaner im Kampf, überrennen deren Lager und nehmen eine große Anzahl von Gefangenen. Die Einheit wird mit einer Woche Urlaub belohnt. Auf ihrem Weg zurück zur Front führt ein weiteres Scharmützel mit dem Feind zu mehr Toten und Trauer. Der Film endet, wie die Einheit die Insel verläßt.

Malick schildert gewissenhaft den Verlauf und den Ausgang der militärischen Operationen. Aber das Hauptaugenmerk des Film konzentriert sich auf eine Handvoll Männer und die Art und Weise, wie sie sich mit den moralischen Problemen, die der Krieg stellt, auseinanderzusetzen.

Der Soldat Witt (Jim Caviezel), ein Südstaatler, ist von der natürlichen Schönheit der Solomon Inseln und dem Leben ihrer melanesischen Einwohner hingerissen. Er desertiert von seiner Armee-Einheit mehr als einmal, um auf der einen oder anderen Insel zu leben. Der Soldat Bell (Ben Chaplin) überlebt, indem er seine Frau idealisiert. Inmitten des Horrors erinnert er sich an diese schlanke und reine Figur, oder besser, er stellt sie sich vor. Der Erste Feldwebel Edward Welsh (Sean Penn) ist kampferprobt, aber vielleicht nicht genug. Sein Dilemma ist, daß er trotz allem seinen Mitmenschen immer wieder Sympathie entgegenbringt. Der Hauptmann James Staros (Elias Koteas) befehligt die Einheit. Gewillt, das Leben seiner Männer zu schützen, lehnt er es an einem Punkt ab, einen selbstmörderischen Angriff auf eine japanische Stellung zu führen. Der Oberleutnant Gordon Tall (Nick Nolte), Staros' Vorgesetzter, ist ein Karriere-Offizier. Er sieht die Kämpfe um Guadalcanal als seine Chance, sich einen Namen zu machen und Anerkennung zu gewinnen, nachdem er jahrelang ständig übergangen worden war.

Die Charaktere des Films bringen einander widersprechende Auffassungen über Mensch und Natur, die menschliche Natur und den Menschen in der Natur vor. Beim Versuch seine eigenen grausamen Befehle zu rechtfertigen, argumentiert Oberleutnant Tall, das die Natur selbst "grausam" und unbarmherzig sei. Staros, empfindet man, sieht das Leben als geheiligt und alle Menschen als Gottes Kinder an. Für Bell wird alles durch menschliche Liebe und Leidenschaft erlöst oder scheinbar erlöst. In der melanesischen Gesellschaft sieht Witt, was er als elementare Harmonie zwischen Menschheit und Natur auffaßt. Er wundert sich über die Gründe von Krieg und Gewalt. Der Mensch ist Nichts, erklärt Welsh Witt, und jeder Versuch, die bestehenden Verhältnisse zu ändern, ist wie "in ein brennendes Haus zu rennen, in dem niemand mehr gerettet werden kann".

Die Männer tendieren dazu, mehr als Verkörperung verschiedener Ideologien oder geistiger Prinzipien denn als spontan agierende Menschen zu sprechen und zu handeln. Unglücklicherweise hören sich aus diesem Grund viele Dialoge und Teile des Kommentars gestelzt und gekünstelt an. Große Themen werden diskutiert, aber sie verbleiben häufig unverdaut im Körper des Films. "Der Regisseur", wie ein Kritiker einmal über einen anderen Filmemacher schrieb, "versucht ständig mehr zu sagen, als seine Technik ausdrücken kann." Außerdem tendiert Malick dazu, verschwommene und unentwickelte Ideen durch scharfe Bilder zu kompensieren.

Die Figuren haben unterschiedliches Gewicht. Der Film beginnt und endet mit Witt, und man nimmt an, seine Ansichten ständen für etwas Außergewöhnliches. Obwohl er auf den Inseln "eine andere Welt" gesehen hat, ist er weder Deserteur noch Pazifist. Er mag die Leute seiner Einheit - "es sind meine Leute" - und meldet sich freiwillig zu gefährlichen Missionen. Für Witt sind alle Menschen eins und besitzen ein Gesicht und eine Seele. Wieder und wieder fragt er sich, wie das Gute im Menschen, das er aus erster Hand in den "primitiven" Gemeinden erlebt hat, seinen Weg zum bestehenden entwürdigten und entarteten Zustand in der "zivilisierten" Welt gefunden hat? "Dieses große Übel", fragt er, "wo kommt es her? Wie hat es sich in die Welt stehlen können? Was ist seine Wurzel? Wer tut dies? Wer tötet uns? Raubt uns Leben und Licht? Verspottet uns mit dem Blick auf das, was wir hätten wissen können?"

Feldwebel Welsh hat vielleicht eine Antwort, wenn er seinem Hauptmann in einer fast beiläufigen Zeile wütend erklärt, daß sich dieser Krieg um "Eigentum" dreht. "Das gesamte verfluchte Ding dreht sich um Eigentum". Das Empfinden, das den gesamten Film durchdringt, erinnert an die Haltung von Jean-Jaques Rousseau. In seiner "Abhandlung über die Ungleichheit" (1755) bemerkt der große französische Philosoph, daß das Eigentum der gemeinschaftlichen Existenz der Menschen mit ihrer primitiven Schlichtheit und edlen Haltung ein Ende gesetzt hatte; Ungleichheit, Sklaverei und Elend kamen auf: Der neue Gesellschaftszustand führte zu einem entsetzlichen Kriegszustand.

Dies ist alles sehr interessant und möglicherweise sogar tiefgreifend. Doch wenn dies alles an diesem Film wäre - diese Art des Sinnierens - er würde relativ schnell im Gedächtnis verblassen. Er tut es nicht, weil Malick auf eine viel grausamere und weitaus schwierigere Situation stößt, als er sie in den Umständen selbst seiner interessantesten amerikanischen Charaktere gefunden hat.

Eine kleine Abschweifung: Malick ist, was man populär eine "Kultfigur" nennt. Ein unglückliches Schicksal! Der Film-Enzyklopädie von Ephraim Katz zufolge ist Malick im November 1943 in Ottawa, im US-Staat Illinois geboren. Als Sohn eines Vorstandsmitglieds einer Öl-Gesellschaft wuchs er in Texas und Oklahoma auf. Nach einem abgeschlossenen Studium in Harvard und Oxford begann er als Journalist für "Newsweek", "Life" und "The New Yorker" zu arbeiten. Außerdem lehrte er Philosophie am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Nachdem er sich für eine Karriere als Filmemacher entschieden hatte, schrieb er sich beim Center for Advanced Film Studies des Amerikanischen Filminstituts ein.

Malick arbeitete an einer Reihe von Drehbüchern, bevor er 1973 die Möglichkeit erhielt, seinen ersten eigenen Film, "Badlands" - über ein junges Paar im Mordrausch - zu drehen. Er drehte seinen zweiten und, bis zu "Der schmale Grat", seinen einzigen anderen Film im Jahre 1978, "Days of Heaven" - eine Geschichte über eine tragische Dreiecksbeziehung um die Jahrhundertwende. In Katz Worten: "Abgeschreckt durch die geringe Resonanz auf seinen letzten Film, zog sich der abgekapselte Regisseur aus dem öffentlichen Leben zurück. In den folgenden Jahren weilte er abwechselnd in Paris und Texas." Der Ruf seiner Filme und künstlerischen Fähigkeiten wuchs im Verlauf der Jahre, während vom Regisseur kein Lebenszeichen zu vernehmen war.

Ich bin kein leidenschaftlicher Bewunderer von Malicks ersten zwei Arbeiten. Während sie ansprechend und mit offensichtlicher Sorgfalt gemacht sind, leiden meiner Meinung nach beide Filme an einer gewissen Befangenheit, an Kälte und an einer hochnäsigen Haltung gegenüber den vorwiegend aus der Arbeiterklasse stammenden Charakteren. Ich empfand, Malicks mutmaßliche Sympathie und Verständnis für seine unglücklichen Protagonisten war problematisch, eher gespielt als aufrichtig gefühlt, auf jeden Fall nur übermittelt.

Er ist als weitaus gehaltvollerer Künstler wieder aufgetaucht, mit einem der wenigen Anti-Kriegsfilme der gegenwärtigen Periode, die diesen Namen zu Recht tragen. Krieg, dies zeigt er, ist Wahnsinn und Chaos und Abscheulichkeit und Tod und Lärm und Grausamkeit. "Krieg erhöht den Menschen nicht", sagt ein Erzähler. "Er macht sie klein, niederträchtig, wild, er vergiftet die Seele." Der Zuschauer wird daran erinnert und hat das starke Gefühl, daß Krieg, selbst der ehrenhafteste und gerechteste - und dieser war es nicht - zerstörend für alle Beteiligten ist.

Ich möchte einen weiteren und größeren Anspruch für "Der schmale Grat" erheben. Der Film zeigt, was den amerikanischen Soldaten, mit denen wir uns identifizieren, während des Kampfs widerfährt. Einige werden verletzt oder sterben; einige, die physisch unbeschadet entkommen, werden an den Rand des Wahnsinns gebracht - oder darüber hinaus. All das ist kraftvoll und legitim. Aber dann zeigt uns Malick etwas, das nur Kunst oder vielleicht nur das Kino uns sehen zu lassen vermag - das menschliche Gesicht des "Feindes".

Die Japaner sind mehr oder weniger unsichtbar bis die Amerikaner ihren Maschinengewehr-Bunker überrennen, sie sind zum Großteil einfache Silhouetten am Horizont. Keine Gesichter, keine Gesichtszüge. Dann sehen wir eine Gruppe von ihnen als Gefangene, zusammengepfercht auf dem Bunkerboden - halb nackt, zitternd, verschreckt, meist jung. Einige werden von den Siegern brutal behandelt. Doch noch mehr ähneln die Gefangenen in vieler Hinsicht ihren Eroberern. Warum töten sich diese Menschen gegenseitig? Die japanischen Schauspieler, deren Namen ich nicht kenne, sind brillant. Ich kann mich an keinen anderen US-Filmemacher in den letzten Jahren erinnern, der eine solche Sorge um die Besiegten, die Erniedrigten und Geschlagenen zeigte.

Später, nachdem das japanische Lager im Dschungel eingenommen ist, sehen wir eine weitere und weitaus erschütterndere Szene: weinende, trostlose und halb wahnsinnige Gefangene, andere von Granaten geschockt und betäubt. Einer küßt einen toten Kameraden; ein anderer ist wie versteinert, nach vorn gelehnt in den Raum, sein Körper einem Grabstein gleich. Und inmitten dessen, ein Amerikaner, der toten Japanern als Souvenir Zähne ausbricht und einem verständnislosen Gefangenen erklärt: "Was bist du für mich? Gar nichts!" Erschütternde und unvergeßliche Bilder.

Meiner Ansicht nach hängt der Film an diesen relativ kurzen Szenen. Nachdem man diese durchgestanden hat, glaubt man, alles was bis zu diesem Zeitpunkt stattgefunden hat, sei lediglich vorbereitend gewesen, daß alle vorhergehende Handlung auf diesen Moment hingearbeitet, sie nur wirkliche Bedeutung hat wegen dieser Szenen. Hat der Regisseur die Dinge so geplant? Oder trat die Kraft und Wahrhaftigkeit dieser Szenen erst hervor, als er sich das Filmmaterial im Bearbeitungsprozeß ansah? Ich habe keine Ahnung. Nick Nolte berichtete einem Journalisten im Zusammenhang mit Diskussionen, die er mit Malick beim Drehen hatte: "Die wirkliche Frage des Films ist: Hat Mitgefühl irgend einen Platz im Krieg?" In jedem Fall entschied sich der Regisseur korrekt, den gesamten Film um diese schmerzenden Sequenzen zu organisieren. Sie bilden sein moralisches, emotionales und dramatisches Zentrum.

In einer Antwort auf einen Brief eines Lesers, der mit unserer negativen Einschätzung von Steven Spielbergs Film "Der Soldat Ryan" im letzten Jahr nicht einverstanden war, machten wir den folgenden Punkt: "Auf was deutet der Ausdruck ,Anti-Kriegs' hin? Nicht einfach darauf, daß man dagegen aufbegehrt, was mit einem selbst oder der Armee seines Landes geschieht, sondern darauf, daß man dagegen ist, was mit dem Feind geschieht und was man selbst mit dem Feind macht."

Malick hat diese Tatsache verstanden und dramatisiert. Die Szenen mit den japanischen Gefangenen sind außergewöhnlich. Ich kenne keinerlei gleichwertige im amerikanischen Kino. Darin liegt, so muß ich annehmen, nicht nur eine tiefempfundene Meinung über den Charakter des Zweiten Weltkriegs, sondern auch Verbitterung und Scham über das Auftreten der USA rund um den Globus in den letzten Jahrzehnten. Das ist nicht der Stoff, der einem Regisseur einen Oskar einbringt. Keine der Kritiken, die ich gelesen habe, selbst diejenigen, die den Film bewundern, haben diese Sequenzen auch nur erwähnt.

Einige Kritiker, die " Der Soldat Ryan"priesen, behaupten jetzt, " Der schmale Grat"ergänze Spielbergs Arbeit. Jede seriöse Analyse würde zum Ergebnis kommen, daß Malicks Film die frühere Arbeit im wesentlichen widerlegt. Er verdeutlicht die Banalität und Verlogenheit von Spielbergs Film, der gemacht wurde, indem mit einem Auge ständig nach dem Wohlwollen des Establishment geschielt wurde, um damit, mit ein wenig Glück, eine Einladung ins Weiße Haus zu ergattern.

In eine seriöse künstlerische Arbeit können viele Dinge eingehen und sie kann von vielen verschiedenen Dingen ausgehen. Kritiker und Kommentatoren, einige merklich, die anderen weniger, martern ihr Hirn über solche Dinge. Aber ist irgend jemand zynisch oder verantwortungslos genug zu glauben, daß an diesem Punkt der Geschichte tiefgreifendes Mitgefühl für die Leiden anderer nicht eine der kritischsten Komponenten und Ausgangspunkte von Kunst ist?

Siehe auch:
Kleine Wahrheiten auf Kosten großer
"Der Soldat James Ryan" - ein neuer Spielberg-Film

(19. August 1998)