Das Massaker an der Columbine High School: Amerikanische Pastorale amerikanische Berserker

Von David North
28. April 1999

Die Columbine High School schien, zumindest in den Augen ihrer Direktion und der Behörden, eine geradezu ideale Bildungsstätte für Heranwachsende zu sein. In ihrer Selbstdarstellung rühmte sie sich ihrer "hervorragenden Ausstattung" und ihrer "langjährigen herausragenden Leistungen auf allen Gebieten". Es schien an nichts zu fehlen - es gab eigene Förderklassen für Hochbegabte, Sprachunterricht in Spanisch, Französisch und Deutsch, ein umfangreiches Angebot in den schönen Künsten - Keramik, Bildhauerei, Theater, Chor -, nicht weniger als fünf Bands und ein Ensemble. Sogar "fächerübergreifende Programme für Schüler mit deutlich eingeschränkten geistigen Fähigkeiten" wurden geboten. Und dann natürlich noch reichlich Sport.

"Leistung erstreben" hatte die Schule zu ihrem Motto erkoren. Und in ihrem Konzept - an dem, wie man wohl annehmen darf, ehrgeizige Pädagogen eifrig gefeilt hatten - versprach sie, die Columbine High School werde "lehren, selbst lernen und Fähigkeiten sowie Einstellungen für das Leben vermitteln, die uns darauf vorbereiten, effektiv mit anderen zusammenzuarbeiten, uns anderen gegenüber höflich zu verhalten, flexibel zu sein, kritisch zu denken, verantwortungsbewußt zu handeln und unsere Umgebung zu achten."

Mit seinen sechs Beratungslehrern, einem Rechenschaftskomitee, Dutzenden Schlichtern und Konfliktlösungsstrategien für eventuelle Streitigkeiten sowie dem Anspruch auf eine "partnerschaftliche Zusammenarbeit" mit den Eltern sah sich Columbine als eine "High School des 21. Jahrhunderts". Die umliegenden Wohnviertel waren wohlhabend; es gab dort preisgünstige, aber auch im oberen sechsstelligen Bereich liegende Häuser, zahlreiche Einkaufszentren und Arbeitsplätze bei High-Tech-Firmen. Dennoch betraten am 20. April 1999 Eric Harris und Dylan Klebold die Columbine High School mit Sturmgewehren und selbstgebastelten Bomben bewaffnet. Am Ende ihrer blutigen Raserei hatten sie zwölf Schüler, einen Lehrer und sich selbst getötet.

In den vergangenen zwei Jahren gab es bereits mehrere Schießereien an Schulen, bei denen Jugendliche ums Leben kamen. Doch so furchtbar diese früheren Vorfälle in Pearl, West Paducah, Jonesboro und Springfield auch gewesen waren, die Schlächterei an der Columbine School hatte eine qualitativ neue Dimension.

Harris und Klebold hatten im Verlaufe beinahe eines ganzen Jahres zur Vorbereitung Dutzende Bomben gebastelt, Sprengstoff in der Schulküche gelagert, die Architektur und die Wege studiert, um die höchstmögliche Anzahl an Opfern zu erreichen, und schließlich Hitlers Geburtstag zum Zeitpunkt des Angriffs gewählt. Sie hatten die Absicht, so viele Schüler wie möglich umzubringen und die gesamte Schule mit einer Propangasbombe in die Luft zu sprengen. Harris und Klebold hatten geplant, ihren Mordfeldzug auch außerhalb der Schule fortzusetzen. Laut dem Tagebuch, das einer der Jugendlichen hinterließ, hatten sie gehofft, ein Flugzeug zu entführen und über der Innenstadt New Yorks abstürzen zu lassen. Lediglich ein unerwartetes Zusammentreffen mit einem Aufseher und das Versagen einer Bombe machten ihnen einen Strich durch die Rechnung. Harris und Klebold flohen daraufhin in die Schulbibliothek, wo sie weitere Opfer auswählten, bevor sie sich selbst umbrachten.

Was Harris und Klebold an jenem Dienstag taten, war furchtbar, brutal und verbrecherisch. Doch diese Worte beschreiben ihr Handeln nur, sie erklären es nicht.

Die Medien haben wie üblich keine Analysen zu bieten. Sie verstehen sich vorzüglich darauf, die Trauer der Eltern und der Gemeinde in höhere Einschaltquoten umzumünzen. Wer jedoch die Ursachen dieser Tragödie verstehen will, der wird in den Kommerzsendern nichts von Wert finden.

Nach ein paar raschen Tränen für die Opfer widmeten sich die Medien sogleich der Suche nach den Schuldigen. Die Eltern werden, den Äußerungen der staatlichen Stellen nach zu schließen, zum wahrscheinlichsten Opfer des Volkszorns erkoren. Vielleicht trifft sie tatsächlich eine gewisse Verantwortung, aber diese schrecklich gestraften Mütter und Väter - deren Leben durch die Taten ihrer Söhne vollkommen zerstört worden ist - nun zu Sündenböcken zu stempeln, ist nicht nur grausam, sondern auch verlogen und heuchlerisch.

Immerhin waren die Eltern von Klebold und Harris nicht die einzigen, denen die Anzeichen für die bevorstehende Katastrophe entgingen und die nicht darauf reagierten. Offenbar haben auch die zuständigen Beschäftigten der Columbine High School Warnungen vor dem Gewaltpotential der beiden Jungen mehrfach ignoriert.

Dabei handelt es sich nicht um individuelles Versagen, sondern um die Blindheit sämtlicher großer Institutionen der amerikanischen Gesellschaft: die Regierungen, die politischen Parteien, die Unternehmen, die Medien, Schulen, Kirchen und die Gewerkschaften. Alle verschließen im wesentlichen die Augen vor den zunehmenden gesellschaftlichen Spannungen, bis sich diese in Mordanschlägen in einem Postamt, einer High School, einem Mc-Donalds-Restaurant, einem Pendlerzug oder im Kapitol selbst entladen.

Diese Ausbrüche werden dann gleichbleibend nicht als gesellschaftliches Phänomen, sondern als Polizeiproblem gewertet, dem man mit dem Einbau von Metalldetektoren, zusätzlichen Polizisten, mehr Überwachungskameras und der Heranziehung der Bevölkerung zu Spitzeldiensten gegenüber gewalttätiger Neigungen Verdächtigter zu Leibe rücken müsse.

Man hört jetzt viel Gerede über "die elterliche Verantwortung den Kindern gegenüber" und über "Kinder, die sich verantwortungsbewußt verhalten". Doch man hört nichts über die Verantwortung der amerikanischen Gesellschaft für eine solche Tragödie, wie sie sich an der Columbine-Schule abspielte.

Es ist beinahe grotesk, das Massaker lediglich auf den Autoritätsverlust von Eltern und Erziehern zurückzuführen. Weder die Eltern noch die Beratungslehrer der High School sind in der Lage, die Fehlleistung einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft zu beheben, die sich im Wüten von Klebold und Harris so verheerend niedergeschlagen hat.

Wir wollen einen Blick auf das Gesellschaftsbild der beiden Jugendlichen werfen. Sie waren Bewunderer Adolf Hitlers, fasziniert vom Rassismus des Faschismus, von seinem sadistischen Gewalt- und Todeskult, und von seiner Verachtung für die Menschheit überhaupt. Und doch hatten die Ansichten von Harris und Klebold nichts ausgesprochen germanisches an sich. Auf seiner Web Site hinterließ Harris die Nachricht: "Das Gesetz bin ich, wenn Dir das nicht gefällt, dann stirbst Du. Wenn ich Dich nicht mag oder ich nicht tun möchte, was Du mir sagst, dann stirbst Du."

Wenn man diese Gefühle etwas gewählter formuliert, dann entsprechen sie genau der Haltung der amerikanischen Regierung gegenüber dem Rest der Welt: "Ihr tut, was wir wollen, oder wir werden Euch vernichten." Wenn wir die Zeilen Harris‘ nach dem Massaker an der Columbine High School noch einmal lesen, erkennen wir die Brutalität eines potentiellen Mörders. Aber was erkennen wir in folgenden Worten, die vergangenen Freitag der hochbezahlte, gefeierte Journalist der New York Times, Thomas Friedman zu Papier brachte?

"Der Krieg mag natürlich viele Niederungen haben - aus einer Höhe von 15.000 Fuß hat er eine große Stärke: man kann ihn durchhalten. Die NATO kann diese Art Luftkrieg lange, sehr lange führen. Daran sollten die Serben denken...

Wenn jedoch die einzige Stärke der NATO darin liegt, daß sie unbeschränkt bomben kann, so muß sie diese vollständig ausschöpfen. Zumindest einen wirklichen Luftkrieg wollen wir sehen... Die Lichter in Belgrad müssen ausgehen; jedes Kraftwerk, jede Wasserleitung, jede Straße und jede kriegsbezogene Fabrik muß beschossen werden.

Ob es einem gefällt oder nicht, wir stehen im Krieg mit der serbischen Nation (zumindest deren Auffassung nach), und daher muß die Sache klar sein: Für jede Woche, die Ihr den Kosovo verwüstet, werden wir Euer Land ein weiteres Jahrzehnt zurückwerfen, indem wir Euch in Schutt und Asche legen. Wollt Ihr ins Jahr 1950? Bitte sehr, wir können bis 1950 gehen. Ihr wollt ins Jahr 1389? Das können wir auch."

Harris und Klebold mußten nicht "Mein Kampf" lesen, um die "Anregung" für ihre Tat zu finden. Die Kommentare und Leitartikel der amerikanischen Zeitungen, von den üblen Hetzreden im Radio ganz zu schweigen, hätten es auch getan. Und das bringt uns zu dem entscheidenden Paradox, das sich in ihrem Überfall auf die Columbine-Schule ausdrückt. Mit einiger Wahrscheinlichkeit betrachteten sich Harris und Klebold als Rebellen gegen die bestehende Gesellschaft. Darin täuschten sie sich freilich sehr. Zwar griffen sie zu unüblichen Maßnahmen. Aber die Tat selbst trieb die eigensüchtigen und unmenschlichen Einstellungen auf die Spitze, die heute in der amerikanischen Gesellschaft weit verbreitet sind.

Sie faßten ihren Gewaltausbruch nicht als Reaktion auf soziale Ungerechtigkeit auf. Nein, Harris und Klebold rächten sich für etwas, das sie als persönliche Schmach empfanden. Sie handelten nicht für andere, sondern für sich selbst. Außerdem griffen sie kein Symbol der Unterdrückung an, sondern wehrlose Kinder und einen hilfsbereiten Lehrer. Und selbst wenn man davon ausgehen wollte, daß die Jungen an der Schule gehänselt worden waren, so steht das Ausmaß ihrer Gewalttätigkeit doch in keinem Verhältnis zu den Kränkungen, die sie erlittten hatten. Sie wollten keine Ungerechtigkeit beseitigen, sondern so viel Schmerz und Leid wie möglich erzeugen.

Was Harris und Klebold taten, war gräßlich. Aber bringt es uns weiter, sie als Ungeheuer darzustellen? Es waren letztlich doch nur Teenager. Die Jugend ist angeblich eine Zeit der Hoffnung und des Idealismus. Wie also war es möglich, daß sich in diesen Jugendlichen in so kurzer Zeit so viel Haß angesammelt hatte? Und nicht nur Haß, sondern auch blanke Verzweiflung. Sie empfanden viele Gründe zu morden, aber keinen Grund zu leben.

Sie planten diese Tat, aber waren sie die einzigen Urheber? Letztendlich sind sie doch Produkte einer bestimmten Zeit und bestimmter Umstände. So furchtbar ihre Folgen sein mögen, die Wahnsinnstat von Harris und Klebold hat tiefe Wurzeln in der Gesellschaft. Die politischen Führer und die Medien möchten selbstredend nicht zu tief in die gesellschaftliche Pathologie dieses furchtbaren Verbrechens eindringen. Denn dann müßten sie sich einen Spiegel vorhalten.

Seit den Morden von Littleton sind die Medien voller Stellungnahmen von Psychologen, Ministern, Pfarrern, Polizisten und allerlei Experten, die mit ernster Miene die "Warnzeichen" aufzählen, an denen Eltern erkennen sollen, ob ihre Söhne und Töchter im Teenageralter potentielle Massenmörder sein könnten. Ist Ihr Kind niedergeschlagen, mutlos, ängstlich, gestreßt, verschlossen, desinteressiert, abhängig von Computerspielen, Stimmungsschwankungen unterworfen, erhält es ständig schlechte Zensuren, macht es sich zu viele Sorgen um den dauerhaften Erhalt guter Zensuren, usw.? Mindestens 75 Prozent aller amerikanischen Kinder weisen eines oder mehrere dieser Merkmale auf.

Die Konzentration auf individuelle Warnsignale wird in Wirklichkeit wenig dazu beitragen, künftige Tragödien zu verhindern. Man sollte sich viel mehr um die gesellschaftlichen Warnsignale kümmern, d.h. um die Anzeichen für gesellschaftliche und politische Fehlentwicklungen, die das Klima schaffen, in dem wiederum so etwas wie das Massaker an der Columbine High School entstehen kann. Als wichtigste Indikatoren für drohende Katastrophen könnten u.a. dienen: die wachsende Polarisierung zwischen Reichtum und Armut; die Vereinzelung der arbeitenden Menschen und die Unterdrückung ihrer Klassenidentität, die Glorifizierung von Militarismus und Krieg, das Fehlen jeder ernsthaften gesellschaftlichen Stellungnahmen und politischer Debatten, der abstoßende Zustand der Massenkultur, die Anbetung der Aktienbörse, die ungezügelte Verherrlichung des individuellen Aufstiegs und des persönlichen Reichtums, die Herabsetzung der Ideale des gesellschaftlichen Fortschritts und der Gleichheit.

Was ist mit Amerikas Kindern los? Diese Frage stellt Philip Roth in seinem provokativen Roman "Amerikanische Pastorale". Er erzählt die Geschichte einer Familie, die durch eine schreckliche, unerwartete Gewalttat ihrer Tochter zerstört wird. "Etwas macht sie verrückt. Etwas bringt sie gegen alles auf. Etwas führt sie in die Katstrophe."

Was ist dieses Etwas? Schauen wir uns diese Gesellschaft ohne Scheuklappen an: ihre politischen Führer, ihre religiösen Sprecher, ihre Konzernvorstände, ihren Militärapparat, ihre Berühmtheiten, ihre "Massenkultur", und vor allem das gesamte Wirtschaftssystem, auf dem der ganze, gewaltige Überbau aus Gewalt, Leid und Heuchelei ruht. Hier findet man die Antwort.

Siehe auch:
Eine Nation im Krieg - mit sich selbst. Bei einer Schießerei in Colorado, USA wurden 15 Schüler getötet
(24. April 1999)

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