Ervin Sinko - Augenzeuge stalinistischer Herrschaft

Rezension des Buchs "Roman eines Romans - Moskauer Tagebuch" von Ervin Sinko

Mit dem Buch "Roman eines Romans - Moskauer Tagebuch" von Ervin Sinko liegt ein interessanter Augenzeugenbericht der kulturellen und politischen Degeneration der Sowjetunion zu der Zeit der Moskauer Prozesse vor.

Das Buch umfaßt die Jahre 1934-39. Es beginnt mit der Vollendung von Sinkos Roman "Die Optimisten" in Paris, der die nächsten Jahre seines Lebens bestimmen sollte, und endet mit dem Kriegsausbruch und der Rückkehr Sinkos aus Moskau. Eine Zeitspanne, von der Sinko rückblickend schreibt: "In der Sowjetunion folgte in den Jahren von 1935 bis 1937 eine ‚Überraschung‘ der anderen. Wer diese Jahre in Moskau verbrachte, mußte sehen, konnte mit eigenen Augen verfolgen, wie von dem, was man ihm bei seiner Ankunft 1935 noch als organischen Bestandteil des Sowjetlebens präsentiert hatte, fast täglich etwas abbröckelte und wie sich etwas gänzlich anderes herausbildete und Gestalt annahm als das, was gestern noch von Amts wegen als Ideal angepriesen wurde. Aus der heutigen Perspektive ist es zweifellos klar, daß gerade in diesen Jahren, in den Jahren 1935, 1936 und 1937, der Geist des Leninschen Oktober mit der konsequenten Liquidierung seiner lebenden Träger völlig entstellt und verfälscht wurde."

Der Autor wird 1898 in einer Kleinstadt in Ungarn geboren. Schon als Gymnasiast schreibt er Gedichte und schließt sich der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung an. Als der erste Weltkrieg ausbricht, geht er noch zur Schule. 1916 wird er zur Armee eingezogen und an die Ostfront geschickt, wo er von der russischen Revolution angezogen wird. Nach Kriegsende lebt er in Budapest und nimmt an der ungarischen Räterevolution 1919 teil. Nach ihrer Niederschlagung flieht er und lebt im Exil. Zu dieser Zeit verfaßt er den Roman "Die Optimisten", in dem er die Ereignisse der ungarischen Revolution 1918/19 beschreibt.

Mit dem Ziel, das Manuskript zu veröffentlichen, zieht es den Autor nach Paris. Hier macht er nach mehreren gescheiterten Versuchen, einen Verleger für sein Werk zu finden, die Bekanntschaft mit Graf Mihaly Karolyi, dem ehemaligen Ministerpräsidenten Ungarns, der als Liberaler ebenfalls von der faschistoiden Regierung ins Exil getrieben worden ist. Dieser empfiehlt das Manuskript Romain Rolland, der sich in Moskau für eine Einladung Sinkos in die Sowjetunion einsetzt, wo, davon gehen beide aus, einer Veröffentlichung des Romans nichts im Wege stehen dürfte.

In Moskau angekommen werden Sinko und seine Frau als Gäste der "Gesellschaft für kulturelle Verbindungen mit dem Ausland" zunächst sehr zuvorkommend aufgenommen. Doch schon bald fällt es beiden schwer, in Moskau den Lebensunterhalt zu bestreiten. Seine Frau findet zwar eine Anstellung als Röntgenologin, aber ihr Einkommen reicht für beide kaum aus. So beginnt für Sinko eine lange Auseinandersetzung mit dem bürokratischen Apparat, um "Die Optimisten" oder überhaupt irgendeinen Artikel, Kurzgeschichten oder ein Drehbuch zur Veröffentlichung zu bringen.

In dieser Zeit trifft Sinko mit einigen sehr bekannten Zeitgenossen wie Bela Kun, Maxim Gorki, Michail Kolzow und Isaac Babel zusammen. Er muß sehen, daß die angeblich sozialistische Sowjetunion von Spießigkeit, politischer Zensur, Selbstbeweihräucherung (die am schärfsten in dem Personenkult Stalins zum Ausdruck kommt) und Konformismus geprägt ist. Die erdrückende Atmosphäre erreicht zu der Zeit der Moskauer Prozesse ihren Höhepunkt. 1937 wird schließlich die Verlängerung ihrer Aufenthaltsgenehmigung verweigert und Sinko und seine Frau müssen die Sowjetunion verlassen, woraufhin sie, ohne daß "Die Optimisten" oder sonst etwas von Sinko veröffentlicht worden wäre, nach Paris zurückkehren.

Was Sinko meiner Ansicht nach sehr gut gelingt, ist den "Geist" zu beschreiben, der das Moskauer Alltagsleben dieser Zeit prägt. Er tut dies nicht aus einer antikommunistischen Haltung heraus, sondern ist selber Kommunist und erwartet, in der Sowjetunion bei all den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sie hat, seine Ziele verwirklicht zu sehen oder zumindest einen Ansatz für ihre Realisierung in der Zukunft.

Die Jahre 1935-37, die er in Moskau erlebt, sind der Höhepunkt stalinscher Reaktion, in der Denunziantentum und willkürliche Verhaftung, Deportation und Hinrichtungen auf der Tagesordnung stehen. Sinko selbst begibt sich mit dem Verfassen des Tagebuchs, ohne daß er es zu diesem Zeitpunkt realisiert, in große Gefahr. Sehr anschaulich wird dies in einem Gespräch zwischen Sinko und einem Mitglied der ungarischen Kommunistischen Partei; als er ihm von der Existenz des Tagebuchs erzählt, ist dieser erschreckt und erwidert: "Du lieber Gott! Es gibt unter den zweihundert Millionen Einwohnern der Sowjetunion keinen zweiten Idioten, der Tagebuch führen würde. Ich möchte Sie nur darum bitten, meinen Namen weder zu meinen Lebzeiten noch nach meinem Tode irgendwie im Zusammenhang mit ihrem Moskauer Aufenthalt zu erwähnen."

Als Künstler stößt ihm die Art und Weise, wie die Bürokraten der einzelnen Verlage mit ihm umspringen, besonders auf. Die anscheinend ausweglose Lage, in der er sich befindet, erinnert ihn selbst unwillkürlich an Erzählungen von Kafka. Er wird ständig von einer Behörde zu der nächsten geschickt, um dort eine "Bumaschka" (Empfehlung, Formular) vorzulegen, um das zu erreichen, ist aber wieder ein neues Formular nötig usw., bis er wieder bei der ersten Behörde angelangt ist. Wenn er eine dieser bürokratischen Hürden genommen hat, braucht er nicht lange zu warten, bis die nächste errichtet wird.

Weder in der Kunst der Sowjetunion noch in den Bürokraten, die für den kulturellen Betrieb verantwortlich sind, kann er etwas Fortschrittliches oder gar Revolutionäres entdecken. Die Filme, die von Kitsch triefen und nur der (schlechten) Unterhaltung dienen, und Bücher, die nur Stereotype zeigen, deren Leben keinen persönlichen Zug aufweist, entsetzen und deprimieren ihn, da er keine Erklärung dafür hat. Alles, was sich von dem Mittelmaß abhebt, das die Bürokratie selbst auszeichnet, wird kritisch beäugt und unterdrückt. Als Beispiel sei hier die Oper "Lady Macbeth von Mzensk" von Dmitri Schostakowitsch angeführt, die zuerst in der Prawda als zu kompliziert und als Lärm bezeichnet wird. Woraufhin es natürlich nicht lange dauert, bis die Oper abgesetzt wird.

Dieser Widerspruch zwischen der progressiven Staatsform und der rückständigen Einstellung gegenüber der Kultur ist für Sinko nicht in Einklang zu bringen. "Vorläufig weiß ich nicht, was ich davon halten soll, daß das, was hier als Kunst betrieben wird, so sehr ohne Originalität, so sehr ohne jede wesentliche Neuheit, Größe und Kühnheit ist und mit seinem augenfälligen und nicht selten niederschmetternden Epigonentum so sehr von jener "Basis", von jener Sowjetwirklichkeit absticht, die die Formen und die Normen der vergangenen Gesellschaft niedergewalzt hat und mit so viel neuem und bislang nicht einmal geahnten Problemen und Aufgaben schwanger geht. Was geschieht im Hintergrund? Was ist die Erklärung? Ist auch das notwendig, oder ist das ein Fehler? Aber wo liegt der Fehler?"

Wie oben schon erwähnt, deprimiert ihn diese Atmosphäre und er beginnt an der Sowjetunion, an der öffentlich keine Kritik zugelassen ist, zu zweifeln. Seine Kritik richtet sich nicht gegen die Existenz der vergesellschafteten Produktionsmittel, sondern aufmerksam beobachtet er die Stimmung und den Geist, die ihn umgeben, die von Sterilität und einer erschreckenden Kritiklosigkeit erfüllt sind, die für ihn nichts mit der Verwirklichung seiner sozialistischen Ideale zu tun haben, obgleich es ihm die offizielle Propaganda weiszumachen versucht:

"Ich verstehe nicht, ich kann nicht begreifen, wie jene, die davon schreiben und reden und singen, welch eine Herrlichkeit und welch ein Glück es ist, heute hier zu leben, nicht wissen oder wenigstens spüren, daß sie mit ihrer unzulässigen Anspruchslosigkeit einen Verrat am Kampfziel selbst, am Morgen begehen. Wenn ich die höchste Daseinsberechtigung und die absolute Entschuldigung dieser heutigen Sowjetunion nicht darin sehen kann, daß sie Voraussetzung und Trägerin eines menschlicheren Morgen ist - was habe ich dann noch mit ihr gemein? Fühle ich mich nicht gerade dadurch der Sowjetunion verbunden, daß ich an einen Morgen glaube, der aus ihr hervorgehen wird, in dem aber all das, was für den Geist dieser heutigen Sowjetunion charakteristisch ist, mit Stumpf und Stil ausgerottet sein wird."

Sinkos waches Auge läßt ihn viele Mißstände in der UdSSR erkennen und er ahnt auch, daß sie sich von einem revolutionärem Staat, der die Hoffnung so vieler trägt, unter der stalinistischen Bürokratie immer mehr entfernt. Was ihm Probleme bereitet, ist, daß er zwar diese Mißstände erkennt und auf den Bürokratismus des Landes zurückführt, er aber nicht den wirklichen Charakter der Bürokratie erkennt. Für ihn ist die Bürokratie lediglich ein langsam arbeitender, ineffektiver Apparat, der ihn entnervt und das ganze Land mit einer zermürbenden Mittelmäßigkeit durchtränkt. "So wird mit einem Menschen korrekt und sachlich Ball gespielt".

Sinko sieht nicht, wie es die Linke Opposition um Trotzki richtig erkannt hat, daß es sich bei der Bürokratie um eine Schicht handelt, die sich durch ihre Positionen im Staatsapparat ihre Privilegien sichert und nichts mehr fürchtet, als daß die Arbeiter die Kontrolle ihrer Geschicke selbst in die Hand nehmen. Er ist Künstler und kein ausgebildeter Marxist und hat - wie so viele - in dieser verwirrenden Zeit keine theoretische Klarheit. So kann man sich die Verzweiflung und Depression erklären, die sich des Autors nicht nur wegen seines Lebens in materieller Armut bemächtigt.

In den Jahren 1936-37 erreicht die stalinistische Unterdrückung ausgehend von dem Schauprozeß gegen Sinowjew, Kamenew und Smirnow, die führende Mitglieder der Bolschewiki und international anerkannte Revolutionäre sind, einen neuen Höhepunkt.

Exemplarisch für diese Zeit, in der jeder jedem mißtrauen und um seine eigene Sicherheit besorgt sein muß, ist das Verhalten seines Freundes Isaac Babel, der Sinko bei einem Prozeß gegen die sowjetische Filmgesellschaft Mosfilm wider besseren Wissens und aus Angst um seinen eigenen Kopf in den Rücken fällt und gegen ihn aussagt.

Daß dieses Verhalten kein Einzelfall eines moralisch verkommenen Menschen ist, sondern in dieser Zeit so etwas hunderttausendfach vorkommt, sieht auch Sinko und erklärt dies so: "Ich unterschätze nicht die Macht der moralischen Kraft und die Verantwortung des einzelnen, aber man würde die Möglichkeiten des einzelnen überschätzen, wollte man die Augen vor der Tatsache verschließen, daß zur damaligen Zeit in der Sowjetunion alle, wenn auch nicht im gleichen Ausmaß, aber ausnahmslos alle unvermeidlich der allgemeinen Demoralisierung verfallen waren. Wenn es nicht die Angst war, dann war es die Erkenntnis absoluter Ohnmacht, die den einzelnen nach und nach völlig demoralisierte."

In Beobachtungen wie dieser liegt der große Wert von Sinkos "Moskauer Tagebuch". Wenn er auch nicht in der Lage ist, die Mißstände der Sowjetunion politisch zu erklären, so hebt ihn von vielen seiner Zeitgenossen ab, daß er sie erkennt und ausspricht. Außerdem schafft er es, sie mit einer gewissen Schärfe anhand von vielen Beispielen, die ihm in seinem alltäglichen Leben widerfuhren, darzustellen. Dieses Buch sei jedem nahegelegt, der sich mit dem Schicksal der Sowjetunion und der internationalen Arbeiterbewegung auseinandersetzen möchte. Ohne belehrend zu sein, werden die Erfahrungen, die der Autor mit der Sowjetunion macht, sehr gut aufgearbeitet. Der Leser kann seine Entwicklung sehr gut nachvollziehen und bekommt gleichzeitig einen lebendigen Einblick in die komplizierten politischen Geschehnisse der ausgehenden dreißiger Jahre.

Abschließend sei hier noch das, was Sinko selbst als sein Kredo bezeichnete, zitiert: "Ich glaube an einen Morgen, an einen sozialistischen Morgen, wenn die Menschen unter so viel menschlicheren Voraussetzungen leben, daß sie gar nicht verstehen können, wie wir jemals diese heutige sowjetische Atmosphäre der Renaissance finsteren Aberglaubens, der Dummheit, der Selbstgefälligkeit, der Scheußlichkeit und der durchsichtigen Lüge als Grundprinzip staatlicher Propaganda überhaupt ertragen konnten. Ich hoffe und glaube, daß diese Menschen gar nicht mehr begreifen können, wie wir in dieser Atmosphäre überhaupt zu leben vermochten, die aber dennoch gegenüber der äußeren, faschistischen, kapitalistischen Welt die revolutionäre Negation nicht nur vertritt, sondern auch objektiv darstellt. Und weil ich an einen Morgen, an einen sozialistischen Morgen glaube, der im heutigen Zustand der Sowjetunion unbedingt eine Phase der Rückständigkeit, der unmenschlichen Willkür und der entmenschten Beamten erblicken wird, richte ich mich auf und versuche, über die Zeitmauer hinweg meine Hand einem jungen Menschen zu reichen, der einmal leben wird, wenn der Rückblick auf unsere Zeit nur noch eine in Schulbüchern festgehaltene böse Erinnerung einer unglücklichen Menschheit bedeutet."

Obwohl der "sozialistische Morgen" noch nicht angebrochen ist, muß man sagen, daß Ervin Sinko mit diesem Buch über die inzwischen in sich zusammengebrochene Sowjetbürokratie triumphiert und gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Sowjetunion und der konterrevolutionären Rolle der stalinistischen Bürokratie liefert. Ein politisches und historisches Verständnis des Stalinismus wird für den kommenden "sozialistischen Morgen" von essentieller Bedeutung sein.

"Roman eines Romans - Moskauer Tagebuch" von Ervin Sinko hat 488 Seiten und ist bei dem Verlag "Das Arsenal" für 48 DM erhältlich.

Siehe auch:
Wadim S. Rogowin
"1937. Jahr des Terrors"
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