Filme der 50. Berlinale

Interview mit Goran Rebic Regisseur von The Punishment

Von Bernd Reinhardt
15. März 2000

WSWS: Wie kam es zu dem Titel des Films?

Es war so, dass ich diesen Film nicht gesucht habe; er hat vielmehr mich gefunden - dadurch, dass ich jemand bin, der von dort kommt. Ich bin dort geboren, habe emotionale und familiäre Verbindungen, lebe aber außen in diesem anderen Europa. Bereits seit zehn Jahren mache ich in der einen oder anderen Form Filme über dieses Thema. Das heißt, The Punishment war nicht nur der direkte Ausdruck dessen, was ich empfinde, bezogen auf das Bombardement, sondern überhaupt auf diese letzten zehn Jahre - ein permanentes Punishment, ein permanentes Durchwandern eines endlos dunklen Tunnels, ohne Aussicht, dass man einen Ausweg hat. Und natürlich lädt dieser Titel ein, weil er direkt ausspricht, was damals beginnend am 24. März 1999 in Europa und in der Welt diskutiert wurde - kollektive Bestrafung, kollektive Verurteilung, kollektive Schuld. Gibt es das? Kann man es tun?

In dem Bezug fand ich sehr spannend gestern bei der Diskussion, dass es Parallelen gibt zu Österreich. Man kann das nicht eins zu eins umlegen, aber es gibt bestimmte Parallelen in Europas Haltung, dass dieses und jenes nicht mehr in Frage kommt, man Österreich zu isolieren versucht. Und die Bevölkerung in Österreich reagiert dann mit diesem alten Motto: Jetzt erst recht, rückt mal alle zusammen! - ein Mechanismus, der auch in Serbien damals stattgefunden hat. The Punishment ist bestimmt ein Film, der zum Diskutieren auffordert und anspornt.

WSWS: Nach welchen Kriterien hast du deine Interviewpartner ausgewählt und inwieweit widerspiegeln sie einen wichtigen Trend in der Bevölkerung?

Ich habe die Leute nach verschiedenen Gesichtspunkten ausgewählt. Ich wollte ein breites Spektrum an anderen Stimmen von einem anderen Serbien zeigen. Manche Leute kannte ich persönlich, andere über Zeitungsinterviews aus oppositionellen Zeitungen. Ich habe aus verschiedenen Bereichen Leute gesucht und dabei einen Schwerpunkt gelegt auf die Jungen, jenen, denen man zehn Jahre ihres wertvollsten und interessantesten Lebens rausgeschnitten hat, jene Zeit, wo man die Persönlichkeit formt, wo man Bekanntschaften macht, Erfahrungen sammelt, wo man reist, wo man ausbricht, wo man seinen Weg beginnt.

Es war eine Entscheidung von mir, mich nicht an die Opfer zu wenden, an jene, von denen man sowieso zu wissen glaubt, wie sie reden. Man kennt diese Reportagen, wo Belgrader auf einer Einkaufsstraße, irgendwo sonst oder in einem zerbombten Haus gefragt werden. Für mein Dafürhalten hat man genug darüber gesehen und weiß darüber Bescheid. Aber jenes andere Bild war mir nicht präsent in den Medien außerhalb Jugoslawiens. Diesen Leuten wollte ich eine Stimme geben und einen Vergleich ziehen, zeigen, dass Belgrad eine Metropole ist, eine Großstadt, die ihr Eigenleben hat, die eine Multinationalität hat, die eine kulturelle Vergangenheit hat, die eine Musikkultur hat, wo die Punkbewegung 1980 begonnen hat, vorbildhaft für den ganzen Osten, also wo es eine sehr urbane Jugendkultur gibt.

Diese stand dann vor einer Entscheidung, entweder das zu Land verlassen - die Sensiblen, Sensitiven - oder es zu ertragen. Ich zähle mich auch zu jenen, die wahrscheinlich untergegangen wären, ich hätte das wahrscheinlich nicht ertragen.

WSWS: In dem Film werden soziale Unterschiede innerhalb Serbiens angedeutet. Könntest du darüber mehr sagen, da dies nicht direkt Gegenstand deines Films ist?

Ich habe nie vorgehabt mit Arkan [einem vor kurzem ermordeten Milizenanführer] ein Interview zu führen. Ich weiß, wie Leute in Uniform denken und was sie sagen, gewaltbereit, genau dieses Bild des klassischen Tschetnik-Serben. Darum ging es mir nicht. Von ihnen gibt es die oberen Zehntausend, die sich das Leben eingerichtet haben, sie haben ja zehn Jahre dafür Zeit gehabt. Das ist ein Apparat, den man schwer brechen kann. Man kann da auch kein Fundament absägen.

Aber ich habe auch selbst keine Vision, ich habe nur die Hoffnung, dass man immer wieder etwas dagegen tun wird. Es gab die Demonstrationen schon 1991, 92, und dann die bekannten 1996. Es sind Leute verschwunden. Es wurden Menschen getötet. Die Leute wissen, dass dieser Apparat mit einer unheimlichen Angst und Repression arbeitet. Viele haben Angst und können sich nicht dazu äußern. Andere tun es. Es geht darum, dass sich eine breite Diskussion entwickelt in Serbien. Natürlich wissen viele oder die meisten von den Geschehnissen und dem Schrecken. Sie wissen, was im Kosovo passiert ist. Aber es wurde bisher nur im Untergrund diskutiert. Die regulären, regimetreuen Medien reden derweil von einem Sieg über die NATO oder Revanche und all diesen Blödsinn, den die Leute nicht mehr glauben wollen.

WSWS: Was ist deine Meinung über Filme wie "Das Messer" oder den polnischen Film "Pan Tadeusz" die sich durch das Aufleben von alten nationalen Mythen in einer ziemlich nationalistischen Bahn bewegen?

Ich kenne ein paar dieser Filme. Ich sehe, dass sie nicht herauskommen aus ihrer Sackgasse. Auch jene, die behaupten Antikriegsfilme zu sein, operieren mit Mitteln wie Gewalt und diesen Kriegsexzessen, die für mich nicht vertretbar sind. Das ist nicht meine Auffassung von Film. Wenn man darüber erzählt, dann kann man das auch anders tun und in dem Anders sieht man dann auch eine politische Einstellung oder eine Weltsicht. Viele dieser Filme haben für mich eine verinnerlichte nationalistische Weltsicht.

WSWS: Eine deiner Interviewpartnerinnen erklärte, das Zivile verschwinde immer mehr zugunsten des Militärischen, repressiven. Sie bezog das nicht nur auf Serbien, sondern auf Europa insgesamt.

Was sie sagt ist natürlich extrem, wie sie auch von sich behauptet das Gefühl zu haben, in einem Lager zu leben. Sie ist eine, die beschlossen hat zu bleiben, um Widerstand zu leisten; und ich weiß, dass sie eine enorme Wut in sich trägt und auch nicht aus dem Land heraus kommt. Was Serbien betrifft, wenn sie von dem Öffnen und Schließen eines Landes spricht, meint sie, und da schließe ich mich an, dass man praktisch machtlos ist, man verantwortlich gemacht wird für die Taten und Schritte eines Mannes, den man nicht will, mit dessen Politik man sich nicht identifizieren kann, und man Wut darüber verspürt, dass Europa nicht hinter den Schatten von Milosevic sieht und die anderen erkennt. Punishment bezieht sich nicht, ich wiederhole es wieder, nur auf die Bombardements, sondern auf die ganzen letzten zehn Jahre.

Es sind viele Schritte gewesen, die das zu dem gemacht haben, die auch die NATO zu dem Punkt gebracht haben jetzt nur noch zu bombardieren. Der Beginn des Zusammenbruchs von Jugoslawien war auch der Beginn dieser zehnjährigen Historie. Man hat sich entschieden nationalistische Bewegungen in Jugoslawien zu unterstützen, weil sie auch Unabhängigkeitsbewegungen waren. Man hat sich entschieden Serbien zu isolieren. Es war eine Kette von folgenschweren Entscheidungen. Und man hat lange dieses Bild gehabt, diese Zweiseitigkeit, dieses gut und böse, weiß und schwarz, dass die einen eine kindermordende Soldateska sind, die nichts im Kopf haben als ein großes Schwert. Man hat Begrifflichkeiten verwendet, wie man sie in allen Kriegen vorher verwendete, im ersten Weltkrieg, im zweiten Weltkrieg, diese Vereinfachungen. Ein Volk pauschal zu verurteilen ist im Falle der Jugoslawen vollkommen absurd. Meine Großmutter ist aus Kroatien, mein Vater aus Serbien.

WSWS: Wie schätzt du die Reaktion oder die Auswirkungen der letzten zehn Jahre auf die Intellektuellen ein?

Das, was in Serbien passiert ist, war sehr offensichtlich, sehr sichtbar. Auch bei uns, ich kann das jetzt also am Beispiel von Österreich erklären, ist aufgetreten, was permanent da war, womit die Leute nicht umgegangen sind, auch nicht die Intellektuellen - Haider und seine Ablehnung des Europäischen, des Gemeinsamen, des Multinationalen. Das war vorhanden und jetzt bricht es aus. Ich will deswegen nicht Österreich verlassen. Ich sehe, dass sich in Österreich etwas verändern muss. Es ist notwendig, dass wir da sind, dass wir vortreten, unsere Namen sagen und erklären, was wir denken. Und wenn das viele Menschen tun, und das sehe ich in Wien, dann ist das auch der Weg. Ein anderer Weg existiert für mich nicht. Deswegen auch meine Verurteilung dieser pauschalen Isolationspolitik Europas gegenüber Österreich, wirtschaftliche Sanktionen. Das halte ich für einen großen Fehler.

WSWS: Ist dein Film schon in Serbien gezeigt worden?

Nein, Serbien ist in eine neue Phase eingetreten - Exekutionen. Jene, die sich gegen das Land äußern, werden als Verräter abgestempelt. Das hat es schon vorher gegeben. Dies ist eine Botschaft an die Intellektuellen, an die Medien. Aber der Grund ist sowieso erreicht. Es kann einen eigentlich nichts mehr überraschen. Was kann jetzt noch kommen? Die Bomben, das Schlimmste, was passieren kann, ist eingetreten. Was wird es noch geben - Bürgerkrieg in Belgrad? Vielleicht.

WSWS: Du sagtest gestern in der Diskussion nach der Filmvorführung, dass die Städte, die von der Opposition regiert wurden, von der NATO besonders heftig angegriffen worden sind. Habe ich das richtig verstanden?

Ja, Novi Sad, Kragujevac, Belgrad und andere Städte. Das hat etwas Absurdes und ich würde da gerne um eine Erklärung bitten.

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