Radu Mihaileanus Film Zug des Lebens

"Nicht banalisieren oder die Geschichte umschreiben, aber die Diskussion in Gang halten"

Von Stefan Steinberg
23. März 2000

Die deutsche Premiere des Films Zug des Lebens (Train de Vie) des rumänischen Regisseurs Radu Mihaileanu fand vor eineinhalb Jahren auf dem achten Cottbuser Filmfestival statt. Er wurde damals von mir besprochen. Nach langer Verzögerung hat der Film endlich einen deutschen Verleih gefunden und wird jetzt offiziell in Deutschland gezeigt. Wir veröffentlichen deshalb die damalige Besprechung noch einmal.

Das Werk wird mit Sicherheit eine Kontroverse auslösen. Seine humorvolle Behandlung des Themas der Judendeportation während des Zweiten Weltkriegs könnte auf Widerspruch stoßen. Unwillkürlich vergleicht man ihn mit dem Streifen des italienischen Filmstars Roberto Benigni Das Leben ist schön. Nach Meinung des Rezensenten hat Mihaileanu jedoch einen wesentlich besseren Film gedreht.

Die Handlung spielt im Jahre 1941. Schlomo der Narr rennt in sein Schtetl, ein jüdisches Dorf in Osteuropa, um die Dorfältesten zu informieren, dass alle Nachbarsiedlungen bereits von den Nazis überrannt worden seien. Ihr Dorf sei als nächstes dran. Schlomo hat auch gleich einen Vorschlag, wie man der Gefahr entrinnen könne. Die Dorfbewohner sollen einen Zug erwerben. Die eine Hälfte der Bevölkerung soll sich als deutsche Soldaten verkleiden, die andere Hälfte als Deportierte, und sie sollen sich in genau entgegengesetzter Richtung zu den Todeslagern der Nazis deportieren. Schlomos Rat wird angenommen, und die Vorbereitungen beginnen. Bei einer Versammlung des Dorfes ruft der Dorfälteste zu Freiwilligen auf, die als Nazis auftreten sollen. Die Resonanz ist mehr als dürftig. Schließlich müssen der Nazi-Offizier und seine Leute aus der Bevölkerung ausgewählt werden. Es folgen einige übermütige Szenen, in denen die Bewohner ihren Exodus vorbereiten.

So beschäftigen sie einen Sprachwissenschaftler, der ihnen Deutsch beibringen soll. Einer der Sprachschüler ist verblüfft über die Ähnlichkeit zwischen dem Deutschen und dem Jiddischen. Der Lehrer erklärt, die Sprachen seien tatsächlich sehr ähnlich, und in Wirklichkeit sei das Deutsche ein Jiddisch, dem jeder Witz geraubt worden sei. Einer der Dorfbewohner stellt darauf Vermutungen an, die Deutschen hätten den Juden den Krieg erklärt, weil diese sich über ihre Sprache lustig machten. In einer anderen Szene bittet ein jüdischer Schneider seinen Kunden, er solle den faschistischen Gruß vollführen, damit er den Ärmel seiner neuen Nazi-Uniform exakt einsetzen könne.

Zur gleichen Zeit liegt das Gespenst des Kommunismus in der Luft. Der Älteste warnt die Dorfbewohner, die er mit Aufträgen in andere Städte schickt: "Und dass ihr mir nicht als Kommunisten zurückkommt!" Und sein eigenes Verständnis des Kommunistischen Manifests drückt er mit den Worten aus "Männer und Frauen der Welt, vereinigt Euch!" - also eine Art Dauerorgie.

Wir folgen den Leiden der Bewohner, als der Zug losfährt. So wird er von einer kommunistischen Partisanengruppe verfolgt, die ihn als vermeintlichen Nazizug in die Luft jagen will. Nach einigen erfolglosen Versuchen können die Partisanen dem Zug den Weg abschneiden, als er anhält und die Passagiere aussteigen, um sich auf dem Feld zu versammeln - es ist nämlich Sabbat! Während der verwirrte Führer der Partisanen durch das Fernglas starrt, erstattet er seinem Chef über Funk Meldung und sagt, er wisse nicht, was er tun solle - die deutschen Soldaten würden sich auf und nieder bewegen und gemeinsam mit den Deportierten Gebete sprechen. Die Partisanen erhalten darauf die Anweisung, ihren Einsatz abzubrechen. Was diese komischen Episoden so wirkungsvoll macht, ist das ungeheure Feingefühl und die Sorgfalt, mit der Mihaileanu das Leben und die Selbstironie der jüdischen Dorfbewohner darstellt.

Schließlich macht der Schluss des Films klar, dass es sich nur um Fantasie gehandelt hat. Für die Fahrgäste des Zugs kann es kein Entrinnen aus den Lagern geben. Gleichzeitig wird der Schrecken des Holocaust offengelegt: Die Vernichtung einer lebensfrohen und einfallsreichen Gemeinschaft mit ihren Träumen, Liebhabereien und Zukunftsplänen.

Radu Mihaileanus eigene Eltern waren deportiert worden - was natürlich allein noch keine Garantie für eine ernsthafte künstlerische Arbeit ist. Er verließ Rumänien mit 22 Jahren und lebte und arbeitete in Frankreich. Sein erster Spielfilm Verraten ist eine Variation des Faustthemas; er handelt von einem Schriftsteller, der einen Pakt mit der rumänischen Geheimpolizei Securitate abschließt, um schreiben und veröffentlichen zu können.

Mihaileanu erklärte, die Idee für seinen Film sei ihm nach dem Besuch von Schindlers Liste gekommen. Er sei besorgt über das Anwachsen ultrarechter Tendenzen in Europa und die Versuche verschiedener Kräfte, eine weitere Diskussion über den Holocaust zu unterdrücken. Sein Ziel sei es, "nicht zu banalisieren oder die Geschichte umzuschreiben, aber die Diskussion in Gang zu halten. Ich wollte die Tragödie des Holocaust mit der Sprache der Komödie darstellen, die Komödie nutzen, um den Blick für die Tragödie zu schärfen. Lachen ist schließlich eine andere Form des Weinens."

Mihaileanu stützt sich in seiner humoristischen Darstellung auf die reiche Tradition der jüdischen ironischen Komödie. Eine besondere Inspiration, so sagte er, stelle für ihn der Maler Chagall dar. Dieser hatte zu Beginn des Jahrhunderts die etablierte Gesellschaft in Rage versetzt, weil er gewöhnliche Tiere von Bauern - Ziegen und Esel - in extravaganten Tönen von Rot und Blau malte.

1996 sandte Mihaileanu sein Drehbuch an den Italiener Roberto Benigni und bot ihm die Rolle des Narrs in seinem Film an. Benigni schlug das Angebot aus und konzentrierte sich auf seinen eigenen Film. Es war schwierig, finanzielle Unterstützung zu finden. Mihaileanu wurde außerdem beschuldigt, ein Antisemit und ein Geschichtsfälscher zu sein. Er verlor dadurch ein Jahr Zeit. Mihaileanu lässt sich nicht auf die Frage ein, ob Benignis Film ein Plagiat seines Projekts sei. Er sagt lediglich, die zwei Regisseure hätten zwei sehr unterschiedliche Filme produziert.

Derartige Filme erfordern natürlich Behutsamkeit. Ein Regisseur begibt sich mit einem solchen Thema auf dünnes Eis. Ich stimme allerdings mit Mihaileanus eigener Einschätzung überein, sein Film unterscheide sich grundlegend von dem Benignis. In vieler Hinsicht zeichnet Mihaileanus Film ein reicherer und echterer Humor aus. Er konzentriert sich nicht so stark auf die Komikerqualitäten von Benigni und Co., sondern stellt die Herzlichkeit, Selbstironie und Solidarität eines ganzen Volkes und seiner Kultur in den Mittelpunkt. So gesehen, ist Zug des Lebens der tragischere Film von beiden. Trotz des Todes seines Protagonisten endet Benignis Film mit einer positiven Note. Durch Schläue, Erfindergeist und gegenseitige Liebe kann ein Paar sein Kind retten.

Mihaileanus Film zeigt dagegen, dass es für die große Mehrheit der Opfer keinen Ausweg gab. Indem er uns vertraut macht mit der Lebendigkeit und Herzlichkeit der jüdischen Gemeinschaft, können wir auch erahnen, was durch den Holocaust verloren gegangen ist. Durch den Film nimmt die nackte und schreckliche Statistik von sechs Millionen Opfern Fleisch und Blut an, und allein dies ist eine beachtliche künstlerische Leistung.