Deutsche Börse und London Stock Exchange fusionieren

Von Patrick Richter
11. Mai 2000

Mit der am Mittwoch, den 3. Mai, bekannt gegebenen Fusion von Deutscher Börse Frankfurt und London Stock Exchange (LSE) zur neuen International Exchange (iX) entsteht die größte Börse Europas und nach New York, der amerikanischen Nasdaq und Tokio die viertgrößte Börse der Welt.

Die meisten Kommentatoren sehen im Zusammengehen der beiden Börsen einen "ersten Schritt zu einer Weltbörse", der schon innerhalb der nächsten zwei Jahre einen einheitlichen paneuropäischen Markt zur Folge haben könnte. Der britische Guardian schreibt: "Ein einheitlicher globaler Aktienmarkt ist der Realität nun einen Schritt näher gerückt."

Die wachsende Konzentration verschärft aber auch die Rivalitäten innerhalb Europas und zwischen Europa und den USA. "Die Fusion der Londoner Börse und der Deutschen Börse Frankfurt," warnt der Guardian im selben Bericht, "könnte ein Schlag gegen erstere sein." Dies dürfe allerdings kein Grund sein, "sich der Globalisierung in den Weg zu stellen". Andere Kommentare heben die Entstehung eines europäischen Rivalen gegen die übermächtige New Yorker Börse hervor.

Die neue iX soll ihren Sitz in London haben und dort den Handel mit den traditionellen Aktien aus Deutschland und Großbritannien betreiben. 53 Prozent des europäischen Handels mit Blue-Chip-Aktien (den für die Aktienindizes maßgeblichen Aktien von Großunternehmen) werden dann über die neue Börse laufen. Außerdem vereint sie 56 Prozent des europäischen Derivatemarktes auf sich.

In Frankfurt soll der Handel mit den Aktien des deutschen "Neuen Marktes" und des Londoner Pendants, des "techMark", stattfinden. Der Handel mit diesen Wachstumswerten wird in einem Gemeinschaftsunternehmen mit der amerikanischen Nasdaq zusammengefasst, an dem diese zu 50 Prozent beteiligt sein wird. Die Nasdaq betreibt mit dem Handel von Hochtechnologieaktien und riskanten Wachstumspapieren in Amerika den nach der New York Stock Exchange vom Volumen her zweitgrößten Börsenplatz der Welt.

In Verbindung mit der Nasdaq wird die neue Börse 81 Prozent des boomenden und zukunftsträchtigen europäischen Wachstumsmarktes auf sich vereinen und zumindest europaweit kaum mehr einzuholen sein. Der Handel mit den weltweit größten Aktien aus diesem Bereich soll über diese Zusammenarbeit in absehbarer Zukunft rund um die Uhr ermöglicht werden. So plant die Nasdaq noch im Juni diesen Jahres die Eröffnung eines solchen Handelsplatzes in Tokio, der jetzt in die zu bildenden Strukturen einbezogen werden soll.

Kampf um Dominanz

Der Kampf um die Dominanz im europäischen und langfristig auch im weltweiten Aktien- und Wertpapierhandel wird vor allem über die Kosten und die Stabilität der technischen Handelssysteme ausgetragen. Die Frage, welche Börse das stabilste und gleichzeitig kostengünstigste System anbietet, entscheidet über deren Durchsetzungsfähigkeit in dem immer härter werdenden Verdrängungswettbewerb.

In Europa gibt es 40 Börsen mit einem jährlichen Verwaltungsaufwand von weit mehr als zwei Milliarden DM, der über Gebühren und Provisionen von den Aktienkäufern bzw. -verkäufern finanziert wird. Insbesondere die großen Banken und Investmentfonds, die den Hauptteil der Geschäfte tätigen, sind angesichts neuer technologischer Entwicklungen und ihrer internationalen Handlungsfähigkeit nicht länger bereit, national organisierte Börsen zu akzeptieren.

So entstehen allein der Deutschen Bank AG für ihre Verbindungen zu verschiedenen Börsen wegen deren unterschiedlichen technischen Systemen, Abrechnungsmethoden und auch Landesvorschriften Kosten in zwei- bis dreistelliger Millionenhöhe. Leonhard Fischer, für den Aktienhandel zuständiges Vorstandsmitglied der Dresdner Bank und seit 8. Mai stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Börse AG, erklärte dazu: "Wir brauchen zwei, vielleicht drei Börsen in Europa, über die wir zu jeder Zeit kostengünstig, schnell und unbürokratisch handeln können."

Aus diesem Grund findet schon seit längerem eine Suche nach Alternativen zu den bestehenden Börsen statt. Beispielswiese läuft die Einführung sogenannter elektronischer Kommunikationsnetzwerke (electronic communications network - ECN) auf Hochtouren, über die - ähnlich dem Vorbild der Nasdaq in New York - der Handel nur noch über Computer und Netzwerke abgewickelt werden soll.

So arbeiten die Investmenthäuser Goldman Sachs und J.P. Morgan, die Deutsche Bank und die Dresdner Bank an der Einführung des Alternativsystems Tradepoint, das im Juli seinen Betrieb aufnehmen und 230 der größten europäischen Aktien handeln soll. Das Investmentunternehmen Morgan Stanley Dean Winter und die schwedische OM Gruppen, von der die Stockholmer Börse betrieben wird, steuern die Einführung ihres Jiway-Systems für den kommenden September an. Über Jiway sollen mehr als 6.000 europäische und amerikanische Aktien gehandelt werden.

Darüber hinaus legte die amerikanische Nasdaq im vergangenen November Pläne vor, einen in London ansässigen separaten paneuropäischen Markt für Wachstumspapiere zu errichten, der den größten Teil des europäischen Handels in diesem Bereich auf sich konzentrieren sollte. Die europäischen Börsen verstärkten darauf ihre Anstrengungen, ein europäisches Gegengewicht zur übermächtigen Wall Street zu schaffen. "Die klassische, national organisierte Börse ist angesichts des Zusammenwachsens der Kapitalmärkte ein Auslaufmodell," lautet die immer weiter verbreitete Überzeugung.

Ende März kündigten die Börsen von Paris, Amsterdam und Brüssel nach langen Verhandlungen ihr Zusammengehen zur Euronext an, um die nach London zweitgrößte Europäische Börse aufzubauen und zur Achse einer neuen europäischen Großbörse zu machen. Der aufstrebende Frankfurter Börsenplatz sollte so ebenfalls in seine Schranken verwiesen werden. Jean-François Théodore, der designierte Chef von Euronext, erklärte bei der Verkündung der Fusionsabsichten, dass durch diesen Schritt entscheidende Geschäftsanteile von London und Frankfurt zurückgewonnen werden sollten. Die Fusion der Londoner und der Frankfurter Börse hat diese Hoffnungen jetzt platzen lassen.

Haupttrümpfe der neuen iX sind deren Größe, die schon jetzt die Börsen Mailands und Madrids von einem baldigen Beitritt zu diesem Bündnis überzeugt hat und noch weitere kleinere Börsen anziehen wird, und das erfolgreiche Handelssystem Xetra der Frankfurter Börse, das zur allgemeinen Handelsplattform der neuen iX werden soll.

Die Frage des technischen Systems hat maßgeblich zum Gelingen der Fusion zwischen London und Frankfurt beigetragen. Erste Verhandlungen hatten bereits im Juli 1998 begonnen, waren aber im Dezember 1999 aufgrund nationalistischer Stimmungen in Londons City wieder abgebrochenen worden. Die Londoner Börse konnte sich damals noch auf ihre bisher unangefochtene Vormachtstellung in Europa stützen.

Doch angesichts des wachsenden internationalen Drucks verdüsterten sich die Zukunftsperspektiven Londons. Das britische Handelssystem SETS gilt als veraltet, und erst am 5. April hat es für sieben Stunden den Wertpapierhandel lahm gelegt. Eine weltweit konkurrenzfähige und daher aufwendige Neuentwicklung war ausgeschlossen, so dass ein Rückfall der Londoner Börse nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien.

Werner Seifert, Vorsitzender der Deutsche Börse AG seit 1993, hatte demgegenüber schon länger vorgearbeitet. Er erkannte früh, dass "es die technischen Systeme sind, die den Wettbewerb der Börsenplätze bestimmen". Der ehemalige Partner von McKinsey, der Unternehmensberatungsfirma, die für ihre rigorose Arbeitsplatzabbaupolitik berüchtigt ist, wird von seinen Mitarbeitern als "Rambo" bezeichnet, weil er zur Durchsetzung seiner Ziele Rücksichtnahmen nicht kennt. Auf diese Weise gelang es ihm laut Financial Times, "einen mittelgroßen Börsenplatz an die Schwelle der europäischen Vorherrschaft zu bringen".

Er setzte frühzeitig auf die Elektronisierung, das heißt die Entwicklung und die Einführung von Computersystemen, über die der Handel zu geringsten Kosten abgewickelt werden kann. Der traditionelle Handel auf dem Börsenparkett spielt in Frankfurt nur noch eine untergeordnete Rolle und ist für Seifert ohnehin nur noch eine museumsreife "Folkoreveranstaltung". Das spiegelt seine gesamte Einstellung wieder, für die ihn die Finanzzeitungen diesseits und jenseits des Kanals in den vergangenen Tagen in den höchsten Tönen lobten.

Die Financial Times schwärmt: "Kein anderer Kandidat aus Deutschlands damals etwas konservativer Unternehmenswelt hätte einen solchen Veränderungsgeist wohl so effektiv ins Leben rufen können".

Mit der Entwicklung von Xetra und der Fusion des Frankfurter Terminmarktes mit dem der Züricher Börse zur Eurex, die mittlerweile die traditionelle Chicagoer Terminbörse weit überflügelt hat und Nummer eins in der Welt ist, hat Seifert die Frankfurter Börse in puncto Profitabilität tatsächlich in Europas Führungsriege vorrücken lassen. Würde sie morgen an die Börse gehen, hätte sie mindestens einen doppelt so hohen Börsenwert wie die vom Umsatz her doppelt so große Londoner Börse.

Xetra soll wegen seiner hohen Stabilität und - der gerade in Krisenzeiten so wichtigen - Belastbarkeit zum Kernstück der neuen Börse werden. Es gilt schon jetzt als eines der Handelssysteme der Zukunft, mit dem die Börsen in Wien, Helsinki und Dublin bereits arbeiten und das von der Börse in Chicago in Kürze eingeführt werden soll.

Stimmungswandel in London

In Londons City ist die Fusion mit der Deutschen Börse Ausdruck eines Stimmungswandels zugunsten der Europäischen Union. Es wird zunehmend als gefährlich angesehen, wie bisher zwischen den beiden Wirtschaftsblöcken USA und Europa zu lavieren.

Die schwächeren Zukunftsaussichten der Londoner Börse veranlassten das Bankenviertel seine frühere "arrogante" Haltung zu revidieren und sogar einer "Fusion unter Gleichen", 50:50, zuzustimmen. Während der ersten Fusionsgespräche hatte die Londoner Börse noch auf einen 76prozentigen Anteil an der neuen Börse bestanden.

Rufe, wie eine Überschrift des Daily Telegraph, dass das Ganze "ein von den Deutschen geführter Versuch ist, den Euro durch die Hintertür doch noch in Großbritannien einzuführen", verhallten nahezu ungehört in Londons zunehmend vom Euro begeisterter Finanzwelt. Wie der eingangs erwähnte Guardian fordert auch die Financial Times, das Sprachrohr der City, das Ende von Londons "Paralyse".

Vorbereitungen in diese Richtung wurden spätestens seit Anfang des Jahres begonnen. Zuerst wurde im März die seit 199 Jahren bestehende Mitgliederstruktur der LSE - der damit ältesten Institution der Londoner City - zugunsten einer Teilhaberorganisation aufgelöst. Die 298 Mitglieder - vor allem Bankiers und Aktienhändler - stimmten mit überwältigender Mehrheit für diesen Plan, aus der LSE ein auf Gewinn basiertes Unternehmen zu errichten.

Als nächster Schritt wurde einen Monat später Sir John Kemp-Welch in Rente geschickt und der 57jährige Don Cruickshank zum neuen Vorstandsvorsitzenden der LSE gewählt. Cruickshank ist Finanzkreisen zufolge "keiner von uns", weil er als jahrelanger Chefregulierer im britischen Telekommunikationsmarkt als Mitglied der "alten", reformistischen Schule angesehen wird. Doch mit einem "vernichtenden" Bericht über mangelnden Wettbewerb unter Großbritanniens Banken verabschiedete er sich öffentlich und nachhaltig von seinen alten Ansichten und gilt nun als der Mann, der die City für den internationalen Konkurrenzkampf auf den Kopf stellt. Vor allem seine alten Beziehungen zu Regierung und Behörden werden als seine Trümpfe angesehen.

Cruickshank tritt offen dafür ein, die britischen Interessen den europäischen unterzuordnen, bzw. sie im europäischen Rahmen zu verfolgen. Seine Devise lautet: "Der politisch nationalistische Hintergrund in dieser Hinsicht ist wirklich recht unglücklich ... Für Europa als ganzes ist es in diesem Bereich absolut kritisch zu verstehen, nationale Interessen beiseite rücken zu lassen." Die Financial Times kommentierte: "Die aktiveren Aufsichtsratsmitglieder der Londoner Stock Exchange wollten jemanden, der sie aus ihrer Selbstzufriedenheit aufrüttelt."

Die Abwendung der Londoner City von Amerika wird die Spannungen weiter anheizen, die sich wegen der zunehmenden Verselbständigung Europas , das nun auch auf dem Weltfinanzmarkt eine größere Rolle spielen will, aufgestaut haben. Trotz der in der US-Presse vorherrschenden Zustimmung zur neuen "Europabörse", die den amerikanischen Großinvestoren den Rund-um-die-Uhr-Handel ermöglichen soll, werden mahnende Stimmen laut, die eine adäquate Reaktion an der New Yorker Börse fordern.

Obwohl diese mit einem jährlichen Handelsvolumen von 11,24 Milliarden Dollar (1999) fast dreimal so groß ist wie die neue iX mit 4,3 Milliarden Dollar, forderte der New Yorker Senator Charles Schumer am 5. Mai in der New York Times, dass diese nun auch zu einem "den Aktionären gehörenden, profitgetriebenen und scharf kalkulierenden Unternehmen" werden solle. "Die Börse darf keine Zeit verlieren, sich an die neue Welt anzupassen. Das ist in Chicago geschehen. Sie ist jetzt die Nummer Zwei."

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