Konrad-Adenauer-Preis für den rechten Historiker Ernst Nolte

Von Stefan Steinberg
19. August 2000

Am 4. Juni ist der rechte Historiker Ernst Nolte, Wortführer im "Historikerstreit" von 1986, mit dem Konrad-Adenauer-Preis der Deutschland-Stiftung ausgezeichnet worden. Die Stiftung besteht seit 1966 und steht dem rechten Flügel der CDU nahe.

Der Preis wurde Nolte von Horst Möller überreicht, dem Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, das bisher gemeinhin den Ruf einer seriösen historischen Forschungsstätte genoss. Möller lobte Noltes Beitrag zur Geschichtsforschung überschwänglich, war aber gleichzeitig bemüht, sich so gut es ging von Noltes umstrittensten Thesen zu distanzieren.

Andere Historiker, wie beispielsweise Heinrich August Winkler aus Berlin, zeigten sich über die Preisverleihung an Nolte stark beunruhigt. Selbst Angela Merkel, Vorsitzende der CDU, bemerkte, sie habe "persönliche Probleme" mit der Auszeichnung für Nolte. Bemerkenswerterweise betonte Möller in seiner Laudatio die Bedeutung des Schwarzbuch des Kommunismus für die Bestätigung vieler von Nolte aufgestellter Thesen. Möller selbst hat einen Band unter dem Titel Der rote Holocaust und die Deutschen herausgegeben, in dem ähnliche Thesen wie im Schwarzbuch des Kommunismus vertreten werden.

Die "Historikerdebatte" von 1986

Ernst Nolte erregte 1986 öffentliche Aufmerksamkeit, als er einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichte und im gleichen Jahr sein Buch Der europäische Bürgerkrieg herausgab. Im Artikel und im Buch verglich er die faschistischen Todeslager mit dem stalinistischen Gulag, um auf diese Weise die Verbrechen der Nazis zu relativieren. Noltes These lautete, dass die Judenvernichtung durch die Nazis einen rationalen Kern habe. Es handle sich um eine Verteidigungsreaktion der Faschisten auf die Gefahr des Bolschewismus aus dem Osten. 1986 schrieb er: "War nicht der Archipel Gulag ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der Klassenmord [laut Nolte: an der Bourgeoisie in der Sowjetunion - S. Steinberg] das logische und faktische Prius des Rassenmordes der Nationalsozialisten?"

Nolte verschleierte dabei absichtlich den Unterschied zwischen eigentlichem Kommunismus, wie er in den ursprünglichen Zielen der bolschewistischen Partei in der Oktoberrevolution zum Ausdruck kam, und den konterrevolutionären Verbrechen des Stalinismus. Er war nicht in der Lage, der Tatsache Rechnung zu tragen, dass die hauptsächlichen Opfer der stalinistischen Schauprozesse und des Gulags nicht der "Klasse" der russischen Bourgeoisie angehörten, sondern vielmehr Linksoppositionelle und alte Bolschewiken waren - eben jene, die die Oktoberrevolution durchgeführt hatten.

Noltes Artikel und Buch bildeten den Auftakt zum "Historikerstreit" in Deutschland, der sich entwickelte, als andere Historiker und der Philosoph Jürgen Habermas auf Noltes Standpunkte antworteten und eine Diskussion über die Ursprünge des Nationalsozialismus und des Holocaust begannen.

Seit 1986 hat Nolte keinen Zweifel an seiner Rolle als Apologet des Hitlerfaschismus gelassen. Nolte war ein Schüler des Philosophen Martin Heidegger, der in den dreißiger Jahren selbst eine Zeitlang Mitglied der NSDAP gewesen war. Mit Noltes Verteidigung seines Mentors hat sich bereits ein Artikel auf dieser Site befasst. (www.wsws.org/de/2000/mai2000/hei3-m02.shtml)

Charakteristisch ist folgender Kommentar Noltes von 1994 zur Verteidigung der Nazipolitik: "Wenn Vermehrung der soldatischsten Naturen im Volk ein legitimes oberstes Ziel ist, dann muss man zugeben, dass die SS mit ihrer positiven Bevölkerungspolitik [damit sind die Deportationen und Massenmorde von Hitlers Schutzstaffel gemeint - S. Steinberg] den einzigen ernsthaften Versuch darstellte, eine Entwicklung zu verhindern, die heute übermächtig erscheint." ( Streitpunkte,1994)

Als Nolte in München seinen Preis in Empfang nahm, wiederholte er in seiner Dankesrede an die versammelten Historiker seine Hauptthese in den üblichen verschwommenen Umschreibungen, die er für öffentliche Auftritte parat hält: "Wer das welthistorische Phänomen des Bolschewismus als der gewalttätigen Erscheinungsform des Sozialismus ernst nimmt, der kann die stärkste aller Gegenbewegungen [d. h. den Faschismus - S. Steinberg] nicht auf ‚pure Wahnideen‘ reduzieren." Darauf erklärte Nolte, es sei falsch zu denken, dass "das Gegenteil des Nationalsozialismus" immer richtig sein müsse; und schließlich drückte er seine Opposition gegen das Projekt eines Holocaustmahnmals mit den Worten aus: "Wie das totale Vergessen, so ist auch eine totale Erinnerung widermenschlich."

Nolte findet seine konsequentesten Verteidiger in Zeitschriften wie der Jungen Freiheit, die sich selbst als Zeitung für die "patriotische Rechte" bezeichnet. In einem Tonfall, der an die NSDAP erinnert, hat dieses Blatt vor kurzem Politiker als "entartete Schwätzer" kritisiert, die "keine Ehre am Leib haben". Die Junge Freiheit ruft dazu auf, "mit deutschem Selbsthass Schluss zu machen". Der gleiche Artikel drückte im weiteren die Hoffnung auf "bessere Zeiten" aus, in denen notorische Rechtsradikale wie Franz Schönhuber (ehemals Führer der Republikaner) und Horst Mahler (ein ehemaliger Linksradikaler, der mit der Roten Armeefraktion in Verbindung stand und heute ganz rechts außen steht) "sich endlich auf staatsmännischem Parkett statt in verrauchten Hinterzimmern bewegen können".

In einem vor kurzem veröffentlichten Artikel begrüßte das Blatt die wissenschaftliche Anerkennung, die Nolte mit der Preisverleihung in München erhalten habe, und stieß dabei in dasselbe Horn wie Möller, d.h. es betonte die entscheidende Rolle des Schwarzbuch des Kommunismus für die Rehabilitierung von Noltes Thesen.

Ernst Nolte, Stéphane Courtois und das Schwarzbuch des Kommunismus

Le Livre noir du communisme erschien 1997. Wichtigster Herausgeber ist Stéphane Courtois, ein ehemaliger Maoist, der mit einer Reihe weiterer Autoren ein Machwerk von 800 Seiten gegen den Marxismus und die russische Revolution herausbrachte. Courtois ging darin von einer ungebrochenen Kontinuität von der russischen Revolution über den Leninismus zum Stalinismus aus und warf in vollkommen ahistorischer Art und Weise die Opfer verschiedener stalinistischer und maoistischer Organisationen und nationaler Befreiungsbewegungen in einen Topf. Courtois addierte außerdem die Opfer mehrerer Kriege hinzu und kam so auf die Gesamtsumme von hundert Millionen Toten, für die alle seiner Meinung nach der Kommunismus verantwortlich sei. Ergo seine Schlussfolgerung: die kommunistische Bewegung war sogar noch schlimmer als der Faschismus.

Courtois knüpfte an den von Nolte bereits 1986 gezogenen Vergleich an und beschrieb Kommunismus und Faschismus als zwei Formen des Massenmords, der sich im ersten Fall gegen eine Klasse (die Bourgeoisie), in zweiten gegen eine Rasse (die Juden) gerichtet hätte. Obwohl er seine Argumente auf hysterische Weise vorbrachte und dabei derart unwissenschaftlich vorging, dass sich einige seiner Mitarbeiter von seinen Schlussfolgerungen distanzierten, war sein Buch von 1997 noch von einer Ablehnung des Faschismus und des Nationalsozialismus geprägt.

Diese Abneigung Courtois‘ gegen den Faschismus scheint nun der Vergangenheit anzugehören. Im Frühling dieses Jahres arbeitete Courtois gemeinsam mit Nolte an der ersten französischen Ausgabe von dessen Der Europäische Bürgerkrieg. Courtois schrieb für die französische Ausgabe eine neue Einleitung. In seinem eigenen Vorwort zur französischen Ausgabe kehrt Nolte zu Courtois‘ Thesen im Schwarzbuch zurück. "Der Marxismus", schreibt er, "ist eine Vernichtungsideologie" und "der Bolschewismus seine praktische Anwendung".

Nolte und Courtois stimmen nicht nur in ihrer Einschätzung des Marxismus überein. Beide führen das, was sie als Übel des zwanzigsten Jahrhunderts betrachten, auf die französische Revolution zurück. Nolte schreibt: "... die französische Revolution [machte] das Konzept der Klassen- und Gruppenvernichtung erstmals in der neueren europäischen Geschichte zu einer Wirklichkeit". Die Bolschewiken hätten sich von der "Vernichtungstherapie" inspirieren lassen, die vor ihnen schon in der französischen Revolution zur Anwendung gekommen sei. Courtois stimmt in seiner Einleitung zu, dass die jakobinische "Volksvernichtung" der konterrevolutionären Elemente der Vendée von 1793 das Vorbild für die bolschewistische Politik im Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution abgegeben habe.

Eine Durchsicht der Schriften Ernst Noltes beweist, dass er schon 1986 die meisten der Thesen ausgearbeitet hatte, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion am ausdrücklichsten im Schwarzbuch des Kommunismus ausgesprochen wurden. Jetzt hat Noltes Auszeichnung in München und seine jüngste Zusammenarbeit mit Courtois die reaktionäre Haltung einer ganzen Schicht französischer und deutscher Intellektueller gezeigt.

Der pathologische Antikommunismus solcher Figuren wie Courtois und Konsorten enthält eine unerbittliche Logik. Ob sie sich nun völlig im klaren darüber sind oder nicht, ihre Ideen werden von den entschiedensten Gegnern von Demokratie und Fortschritt aufgegriffen und benutzt. Kein geringerer als der Nazipropagandaminister Joseph Goebbels hatte nach der faschistischen Machtübernahme 1933 erklärt: "Damit wird das Jahr 1789 aus der Geschichte gestrichen."

Siehe auch:
Vor dem Urteil im Fall David Irving
(11. April 2000)