Massaker an japanischen Schulkindern stellt Gesellschaft in Frage

Von Angela Pagano
8. August 2001

Wenige Ereignisse haben Japan je so erschüttert wie das Massaker vom 8. Juni an der Ikeda Grundschule, einer Eliteeinrichtung, die der Osaka Kyoiku Universität angeschlossen ist. In einer 15-minütigen Raserei erstach Mamoru Takuma acht Kinder und verwundete 13 weitere sowie zwei Lehrer schwer.

Polizeilichen Ermittlern zufolge betrat Takuma den Klassenraum, in dem Sechs- und Siebenjährige unterrichtet wurden, und stach unvermittelt mit einem 15 cm langen Messer auf die Kinder ein. Als die Schüler versuchten zu fliehen, verfolgte er sie durch den Raum. Die Kinder wurden mehrere Male in den Rücken, in die Kehle und in den Bauch gestochen. Ein Mädchen starb an Verletzungen an Brust und Luftröhre. Tetsuro Kobayashi, einer der Notärzte, der die Opfer behandelte, sagte über die Verletzungen: "Der Täter stach mit so großer Brutalität in den Hals, dass die Opfer sofort starben. Die Wunden zeigen, dass dieser Mann nicht zögerte."

Nach dem Anschlag von Mitgliedern der Aum-Sekte, bei dem Saringas in eine U-Bahnstation Tokyos geleitet wurde, handelt es sich bei diesem Fall um den zweitgrößten Massenmord in der Geschichte Japans. Die Tatsache, dass die Opfer der Katastrophe vornehmlich kleine Kinder waren, alarmiert in noch höherem Maße.

Die Tragödie geschah nicht zufällig. Sie steht im Zusammenhang einer eskalierenden Anzahl von brutalen Morden und Körperverletzungen während der 90er Jahre. Nur 18 Monate zuvor hatte in Kyoto ein Mann einen siebenjährigen Jungen auf dem Schulhof erstochen. Im letzten Jahr hatte ein fünfzehnjähriger Junge mit einem Messer auf sechs schlafende Nachbarn eingestochen und drei getötet.

Nach dem Anschlag von Ikeda setzte in Japan eine große Diskussion ein, warum es gerade jetzt zu solchen Vorfällen kommt, denn bis vor Kurzem war Japan von solchen Attentaten weitgehend verschont geblieben und zählte zu den Ländern mit der weltweit niedrigsten Rate an Mordkriminalität.

Auf der Suche nach Erklärungen für ein solch erschreckendes und sinnloses Verbrechen, hat sich die Aufmerksamkeit unvermeidlich der Biografie und den Lebensumständen des Täters zugewandt.

Takuma selbst gab für seine Tat widersprüchliche Begründungen. Bei seiner Festnahme sagte er: "Ich war total am Ende, völlig fertig mit allem, ich wollte getötet werden." In seinen Aussagen gab er an, dass er mehrmals versucht habe, sich umzubringen. Bei einem Attentat auf Kinder, so habe er gedacht, würde er mit Sicherheit zum Tode verurteilt werden. In den Medien kam auch die Vermutung auf, dass er seinen Anschlag auf eine Eliteschule aus Hass auf die Gesellschaft verübte.

Im Folgenden jedoch stritt er heftig ab, überhaupt an der Schule gewesen zu sein. Seinem Anwalt gegenüber äußerte er: "Ich hörte eine Stimme in meinem Kopf, die mir befahl zu sterben. Jemand griff mich vor dem Hankyu- Bahnhof an und ich setzte mich mit einem Küchenmesser zur Wehr." Am 18. Juli kehrte er zu seiner ursprünglichen Aussage zurück: "Ich dachte, dass ich mit Sicherheit zum Tode verurteilt werden würde, wenn ich eine Menge Kinder der Elite und der Intelligenz tötete."

Unabhängig davon, ob das Massaker nun subjektiv durch sein Verlangen zu sterben oder durch eine paranoide Wahnvorstellung ausgelöst wurde, zeigt Takumas Biografie, dass er ein zutiefst gestörter Mensch ist, der dem großem finanziellen, gesundheitlichen und emotionalen Druck, der auf ihm lastete, nicht standhalten konnte.

Takuma war psychisch gestört und fiel durch aggressives Verhalten auf, im letzten April wurde Schizophrenie diagnostiziert. Er wurden dreimal in psychiatrische Kliniken eingewiesen, noch vor kurzem für 24 Stunden vom 22. bis zum 23. Mai. Sein Vater erwähnte gegenüber den Medien, dass er bereits vor 18 Jahren eine psychiatrische Einrichtung gebeten habe, seinen Sohn zu untersuchen, aber daraufhin sei nichts unternommen worden.

Takuma hatte die High-School abgebrochen und sich für drei Jahre bei der Luftwaffe verpflichtet, war aber bereits nach einem Jahr entlassen worden, ohne dass Gründe dafür angegeben wurden. In den späten 90er Jahren wies Takuma Anzeichen großer Instabilität auf. Er war von Beruhigungsmitteln abhängig, die ihm gegen Schmerzen verschrieben worden waren, die von einer Rückenverletzung her stammten. In Zeiten, in denen in Japan die höchste Arbeitslosigkeit der Nachkriegsgeschichte herrschte, war auch er zeitweise ohne Arbeit. Seine Frau reichte im Dezember 1997 nach nur neun Monaten Ehe die Scheidung ein, 1998 wurde er verhaftet, da er sie attackiert hatte.

Im April 1999 verlor er seine Anstellung als Hausmeister an einer Grundschule, nachdem er verdächtigt worden war, dem Tee der Lehrer Beruhigungsmittel beigemischt zu haben. Als Resultat der Anzeige wurde er verhaftet, doch aufgrund seiner geistigen Krankheit wurde die Sache nicht weiter verfolgt. Er wurde in eine psychiatrische Klinik eingeliefert, doch bereits nach einem Monat wieder entlassen.

Psychisch Kranke werden in Japan traditionell stigmatisiert und von den Betroffenen wird erwartet, dass sie ohne klinische Therapie zurechtkommen. Da es infolge der wachsenden wirtschaftlichen Unsicherheit zu einer steigenden Anzahl von Erkrankungen gekommen war, wurden die begrenzten Programme in den letzten Jahren ausgeweitet. Dadurch lastete ein starker Druck auf den Kliniken, die Patienten schneller abzufertigen und durch die Verschreibung von Psychopharmaka wieder in die Gesellschaft einzugliedern, ohne dass dies durch eine grundlegende Psychotherapie unterstützt wurde.

Takumas Zustand verschlimmerte sich während der kommenden zwei Jahr noch, da auch ihm Unterstützung versagt blieb. An dem Tag an dem er den Anschlag verübte, war er in Osaka vorgeladen, weil er sich wegen der Bedrohung eines Hotelangestellten im Oktober letzten Jahres verantworten sollte. Danach hatte er seine Anstellung als Taxifahrer verloren und war arbeitslos geblieben. Gleichzeitig musste er Schulden für sein Auto tilgen und es drohte ihm die Kündigung seines Apartments, wo er mit einer Monatsmiete im Rückstand war. In einem Land wie Japan, das nur minimale Absicherung für Angehörige sozialer Randgruppen bietet, drohte Takuma in naher Zukunft, Japans wachsender Schicht von Obdachlosen anzugehören.

Am Morgen des Attentats nahm er das Zehnfache seiner verschriebenen Dosis an Medikamenten ein und fuhr völlig verwirrt in die Nähe der Ikeda-Grundschule, wo er später festgenommen werden sollte.

Das Schicksal Takumas und seine Handlungen müssen im Zusammenhang mit komplexen sozialen Fragen gesehen werden, beginnend bei der gesellschaftlichen Krise, der Millionen von Menschen während der zehnjährigen wirtschaftlichen Rezession ausgesetzt sind und endend bei der Behandlung von psychisch Kranken. Die Morde an der Ikeda-Grundschule können nicht - wie es bei anderen japanischen und internationalen Fällen geschah - banalisiert werden, indem man sie Takumas teuflischem Charakter zuschreibt.

Einige Journalisten haben auf die sozialen Hintergründe hingewiesen. Der Kriminal-Psychologe der Nihon Universität, Masao Omuru, erklärte der Presse gegenüber: "Soziopolitische und wirtschaftliche Instabilität verstärken psychische Unausgeglichenheit oder Unsicherheit, und all das trägt sehr stark zur Zunahme brutaler Verbrechen bei. Japan bricht gesellschaftlich zusammen." Andere Soziologen haben auf den restriktiven und wettbewerbsorientierten Charakter der japanischen Gesellschaft hingewiesen, und diesen Charakter besonders unter den Bedingungen von weitverbreiteter Arbeitslosigkeit, beschränkter Zukunftsperspektiven und wachsender sozialer Ungleichheit in Zusammenhang mit dem Anwachsen von Gewalt gebracht.

Die Debatte hat im politischen Establishment und in den Medien mittlerweile verstärkt den Rufs nach einer härteren "Law and Order"- Politik ausgelöst. So erklärte der Premierminister Junichiro Koizumi nach dem Attentat: "Dieser Vorfall zeigt, dass die sichere Gesellschaft ins Wanken geraten ist. Wir sind entschlossen, alles was notwendig ist zu unternehmen, die Sicherheitsmaßnahmen an Schulen zu verstärken, damit so etwas nicht wieder geschieht." Sein Bildungsminister schlug vor, Sicherheitskräfte an Schulen zu beschäftigen und deren öffentliche Zugänglichkeit einzuschränken.

Die Lehrer sollen in Selbstverteidigung ausgebildet und mit Tränengas und Schreckschusswaffen ausgerüstet werden. In einem ganz besonders bizarren Fall führte eine Schule bereits ein "Massaker-Training" durch, während dem ein Lehrer eine Maske trug und mit einer Eisenstange bewaffnet in eine Klasse stürmte. Ein Kind war durch diese Erfahrung derart traumatisiert, dass es mit Schreikrämpfen ins Krankenhaus eingeliefert werden musste.

Es wurde vorgeschlagen, die Gesetze so zu verändern, dass psychisch Kranke, die sich und andere gefährden könnten, präventiv inhaftiert werden können. In den 80er Jahren gab es bereits einen solchen Versuch, der aber als eine Einschränkung der Menschenrechte zurückgewiesen wurde. Nun erhebt die regierende Liberaldemokratische Partei wieder eine solche Forderung, um die durch die Tat von Ikeda geweckten Sorgen zu besänftigen. Als Takuma psychiatrischen Untersuchungen unterzogen wurde, die seine Prozessfähigkeit feststellen sollten, wurde in einer Parlamentsdebatte sogar vorgeschlagen, die Gesetze abzuschaffen, die verhindern, dass psychisch Kranke vor Gericht haftbar gemacht werden können.

Solche Reaktionen zeugen von einem politischen System, das sich weigert, nach Antworten auf die drängenden gesellschaftlichen Fragen zu suchen. Die Politik Koizumis ist darauf ausgerichtet, die Wirtschaft zu deregulieren und so eine wachsende Anzahl von Menschen den ungebremsten Kräften des kapitalistischen Markts auszusetzen. Das Eingeständnis eines Zusammenhangs zwischen der Zunahme von gewalttätigen Verbrechen und psychischer Instabilität, würde dieses politische Programm diskreditieren.

Siehe auch:
Wirtschaftskrise verursacht Anstieg der Selbstmordrate
(20. März 2001)
Mord an Zweijähriger zeigt wachsende soziale Entfremdung
( 27. Juli 2000)

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