Anti-Amerikanismus: Der "Anti-Imperialismus" von Dummköpfen

Von David North und David Walsh
23. September 2001

Zynismus und Abgestumpftheit prägen die Reaktion einiger Kommentatoren aus der Mittelklasse auf die furchtbaren Anschläge in New York City und Washington.

Was ist am 11. September geschehen? Eine Gruppe, die mit dem islamischen Fundamentalismus eine der reaktionärsten Ideologien der Welt vertritt, steuerte zwei Flugzeuge in die beiden Türme des World Trade Centers und ein drittes auf das Pentagon. Eine vierte entführte Maschine stürzte im Westen von Pennsylvania ab. Mehr als 6000 Menschen, in ihrer überwiegenden Mehrheit Zivilisten, kamen bei diesem Blutbad ums Leben. So viele Tote an einem Tag hatte es auf amerikanischem Boden seit dem Bürgerkrieg nicht mehr gegeben.

Es war ein verabscheuungswürdiges politisches Verbrechen mit vorhersehbaren politischen Folgen. Es führte zur Stärkung des kapitalistischen Staatsapparats, fachte den rechtsgerichteten Chauvinismus an und ebnete militärischen Interventionen der USA in Zentralasien den Weg.

Die sozialistische Zukunft der Menschheit hängt davon ab, dass der Sinn für Menschlichkeit und Großmut, über den die arbeitende Bevölkerung auf der ganzen Welt verfügt, geweckt und entwickelt wird. Die Ereignisse vom 11. September - der schreckliche Tod Tausender Unschuldiger, unter ihnen Büroangestellte, Feuerwehrleute, Reinigungskräfte und Geschäftsleute - ersticken solche Regungen.

In der ersten Stellungnahme der World Socialist Web Site [Die politischen Wurzeln der Terroranschläge auf New York und Washington] begannen wir mit der Analyse der tieferen politischen Wurzeln der Tragödie. Unsere Abscheu vor den Terrorangriffen bedeutet nicht, dass unsere Opposition gegen die US-Regierung nachlassen würde oder dass wir die Absicht hätten, die amerikanischen Machthaber von ihrer Verantwortung für den Aufbau der islamischen Fundamentalisten freizusprechen. Doch abgesehen davon macht die abstoßende Reaktion gewisser kleinbürgerlicher Meinungsmacher noch einmal deutlich, welcher Abgrund die sozialistische Opposition gegen den Imperialismus von vulgärem Anti-Amerikanismus trennt.

Ein anschauliches Beispiel ist ein Artikel, der am 18. September in der britischen Tageszeitung Guardian erschien. Die Verfasserin, Charlotte Raven, war früher Mitglied der Militant-Tendenz und Herausgeberin der mittlerweile eingegangenen Zeitschrift Modern Review. Heute fristet sie ein Dasein zwischen schwacher Berühmtheit und professionellem Zynismus. Ihr Text trägt die Überschrift "Auch ein Tyrann mit blutiger Nase bleibt ein Tyrann", gemeint ist die USA.

Erstens war die Tragödie vom 11. September keine "blutige Nase", sondern eine Katastrophe. Tausende Menschen verglühten auf der Stelle, als die Flugzeuge in die Gebäude rasten, Tausende weitere wurden unter tonnenschweren Trümmern begraben. Ein Mensch, den der Schrecken und das Leid Zehntausender infolge dieses Anschlags nicht berührten, hat kein Recht sich Sozialist zu nennen.

Raven schreibt: "Es ist durchaus möglich, die terroristische Aktion zu verurteilen und dennoch die USA genau so wenig zu mögen wie vor dem Einsturz des WTC. Wahrscheinlich sind am Mittwoch Morgen viele Menschen mit dieser Gefühlskombination aufgewacht... Amerika ist dasselbe Land wie vor dem 11. September. Wenn man es zuvor nicht mochte, dann gibt es auch keinen Grund, jetzt so zu tun, als ob." Raven spricht von "der USA", Punkt. Das ist kein Versehen, sondern zieht sich durch den gesamten Artikel. Nirgendwo verwendet sie Ausdrücke wie "die amerikanische Regierung" oder "die herrschende Elite der USA" oder Ähnliches. Die Verwendung der Nationalität als Schimpfwort ist schon immer reaktionär. Auch angesichts der ungeheuerlichsten Regierung der Geschichte, dem Naziregime unter Hitler, sanken Sozialisten niemals dazu herab, verächtlich von "Deutschland" oder "den Deutschen" zu sprechen.

Die Vorstellung von "der USA" als einem monolithischen, raubgierigen imperialistischen Block, wie sie Raven und andere verbreiten, kann nur Verwirrung und Desorientierung stiften. Sie bildet nicht nur ein Hindernis für wahren Internationalismus, sondern übergeht auch den widersprüchlichen Charakter der amerikanischen Geschichte und Gesellschaft. Was bedeutet es, "die USA nicht zu mögen"? Welche Elemente der Gesellschaft sprechen eine solche Sprache? Die Vereinigten Staaten sind ein komplexes Gebilde mit einer komplexen Geschichte, die ausgesprochen schändliche und ausnehmend erhabene Elemente enthält. Die USA hat zwei Revolutionen - die amerikanische Revolution und den Bürgerkrieg - durchgemacht. Sie hat die Massenkämpfe während der Großen Depression und die Bürgerrechtsbewegung erlebt. Der Widerspruch zwischen den demokratischen Idealen und revolutionären Prinzipien, die in die Gründung der Nation einflossen, und ihrer gesellschaftlichen und politischen Wirklichkeit bildet seit jeher den Ausgangspunkt des Kampfs für den Sozialismus in der USA.

Die USA ist, vom Standpunkt der Beziehung zwischen Theorie und Politik betrachtet, ein Produkt der Aufklärung. Sie machte nicht Religion oder Abstammung, sondern politische Grundsätze, die in der Unabhängigkeitserklärung und in der Verfassung niedergelegt sind, zur Grundlage ihrer nationalen Identität. Dieser Ursprung der Nation im Kampf für abstrakte Ideale - Demokratie, Republikanismus - fand rund um die Welt einen Widerhall. Die amerikanische Revolution trug nicht wenig zu den Ereignissen bei, die ein Jahrzehnt später Frankreich von Grund auf verwandelten.

Noch nach 200 Jahren setzt sich die USA mit den politischen und historischen Implikationen ihrer eigenen Gründungsprinzipien auseinander. Die amerikanische Bevölkerung, polyglott und von großer Vielfalt, verbeißt sich geradezu in ideologische Probleme, obwohl ihre Fragestellung oft von einem leidigen Pragmatismus geprägt ist. Wie die allgemeine Reaktion der Bevölkerung auf Bushs erschwindelten Sieg in den Wahlen des Jahres 2000 bewies, hat sie sich eine tiefe Treue zu elementaren demokratischen Grundsätzen bewahrt. Das niedrige Niveau des Klassenbewusstseins und die Tatsache, dass die Masse der Amerikaner bisher keine allgemeinen Schlussfolgerungen aus ihren Erfahrungen gezogen hat, bieten der herrschenden Elite die Möglichkeit, eben diese demokratischen Vorstellungen auszunutzen, um große Schichten der Bevölkerung vorübergehend über ihre eigentlichen Vorhaben zu täuschen. Bush und seinesgleichen verstehen unter "Verteidigung von Freiheit und Demokratie" lediglich das Recht der amerikanischen Elite, auf der ganzen Welt den Ton anzugeben. Doch für den normalen amerikanischen Bürger haben diese Worte eine ganz andere Bedeutung. Die finstere Realität des neuen "Kriegs gegen den Terrorismus", mit dem die Regierung mit großer Geste die Neuordnung einer ganzen Region der Erde gemäß den geopolitischen Interessen Amerikas ankündigt, wird in das allgemeine Bewusstsein der Bevölkerung dringen, vorausgesetzt, dass sozialistische Internationalisten die dazu notwendige Arbeit leisten.

In vieler Hinsicht finden all die umfassenden Probleme, die mit dem Kampf für den Sozialismus verbunden sind, in Amerika ihren komplexesten Ausdruck. Wie sollte es anders sein? Wenn man in der USA keine Ausgangspunkte für eine höhere Form der gesellschaftlichen Organisation finden kann, wo sonst auf der Welt sollte man sie dann überhaupt entdecken können? Wer in Amerika keine Grundlage für den Sozialismus erkennt, der hat jede Aussicht auf den Weltsozialismus überhaupt abgeschrieben. Der Marxist unterscheidet sich von dem gewöhnlichen Wald- und Wiesenradikalen seit jeher durch sein tiefes Vertrauen in das revolutionäre Potenzial der amerikanischen Arbeiterklasse. In dieser Hinsicht verfügt die herrschende Elite in der USA über eine weitaus bessere Einsicht in den wahren Charakter der amerikanischen Gesellschaft als der engstirnige Radikale. Die amerikanische Bourgeoisie wettert - in einer Art und Weise, die in keinem Verhältnis zu der Bedrohung steht, welche die sozialistische Bewegung gegenwärtig für sie darstellt -Tag und Nacht gegen Sozialismus und Kommunismus, weil sie versteht oder zumindest instinktiv fühlt, dass in der fortgeschrittensten kapitalistischen Gesellschaft ansonsten der Sozialismus eine außerordentlich vernünftige und attraktive Alternative darstellt.

Amerika ist die fortgeschrittenste und die rückständigste aller Gesellschaften zugleich. Seine Kultur mag anziehend oder abstoßend wirken, doch sie fasziniert. Die offizielle Gesellschaft und viele normale Amerikaner leugnen das bloße Bestehen unterschiedlicher Gesellschaftsklassen, und dennoch wird das Land von einer außerordentlich tiefgehenden und ständig zunehmenden sozialen Differenzierung zerrissen. Diese gesellschaftlichen Widersprüche werden sich, wie die ökonomischen Entwicklungen dieser Woche bereits gezeigt haben, mit der Fortsetzung der Kriegstreiberei weiter zuspitzen.

Die USA hat Franklin, Washington, Jefferson, Lincoln und auch herausragende Führer der Arbeiterklasse und der sozialistischen Bewegung hervorgebracht. Ihre atemberaubenden Widersprüche werden vielleicht am besten von der Figur Jeffersons verkörpert, dem Sklavenbesitzer, der eine der großartigsten und aufrichtigsten Hymnen an die menschliche Freiheit verfasst hat.

In der Terminologie des postmodernistischen Geschwafels fährt Raven fort: "Wenn Amerika von Herzen spricht, dann fällt es in eine Sprache zurück, die nur seine gebürtigen Bürger ansatzweise verstehen können. Dem liegt das überwältigende Bedürfnis zur Bedeutungskontrolle zugrunde. Amerika kann die Welt nicht für sich selbst sprechen lassen. Vergangenen Dienstag wurde es überrascht, und das mit diesem Ereignis verbundene Trauma bestand zum Teil in dem Schock, eine Botschaft vernehmen zu müssen, die zu übersetzen keine Zeit gewesen war. Das nun einsetzende Wutgeheul war auch das Geräusch, das die USA von sich gab, als sie darum kämpfte, das Recht auf ihre eigene Erzählung wiederzugewinnen."

Wenn Raven hier George W. Bush und andere Diener der imperialen Interessen Amerikas meint, dann ergibt der erste Satz keinen Sinn. Die Worte dieser Leute kommen weder bei dieser noch bei anderen Gelegenheiten von Herzen, ihr Geschäft ist das Lügen und Betrügen. Wir erlauben uns allerdings den Hinweis, dass einst Millionen Menschen rund um die Welt zuhörten und verstanden, als "Amerika" durch seine größten politischen und kulturellen Vertreter tatsächlich "von Herzen" sprach. Das erste Beispiel sind die Folgen des 4. Juli 1776. Und zweifellos hörten die fortgeschrittensten britischen Arbeiter auf, als am 1. Januar 1863 die Proklamation zur Befreiung der Sklaven erging. Man könnte auch die Appelle an die internationale Arbeiterklasse für Sacco und Vanzetti und zahlreiche andere Beispiele anführen. Wir wagen vorauszusagen, dass es in Zukunft weitere solche Fälle geben wird.

Ergänzend könnte man hinzufügen, dass auch die besten Erzeugnisse der amerikanischen Kultur Massen von Menschen auf der ganzen Welt begeistert und bewegt haben - von Poe und Whitman, Melville und Hawthorne im 19. Jahrhundert bis hin zu Dreiser, Fitzgerald, Richard Wright und anderen im 20. Jahrhundert. Auch den Einfluss der amerikanischen Musik, Pop und anderer, sollte man nicht ganz vergessen. Einige Leute müssen, so sollte man wenigstens meinen, gehört haben, dass sie von Herzen kommt. Ganz zu schweigen von den international bedeutenden Leistungen auf den Gebieten des Films, der Malerei, der Skulptur, des Tanzes und der Architektur. Raven geht offenbar davon aus, dass ihre Leser derart von subjektiver Gehässigkeit und ihrer eigenen Aufgeblasenheit eingenommen sind, dass sie offenkundige historische und kulturelle Realitäten nicht mehr wahrnehmen.

Eine wesentliche Aufgabe der Sozialisten in der USA besteht seit jeher darin, die positiven Einstellungen und den Großmut zu wecken, die tief in der amerikanischen Bevölkerung verwurzelt sind. Schließlich gibt es zwei Amerikas, das Amerika von Bush, Clinton und den übrigen Halunken, und das andere, das Amerika der arbeitenden Bevölkerung. Das haben revolutionäre Internationalisten immer betont. James P. Cannon, der Führer der amerikanischen Trotzkisten, hielt im Juli 1948 eine Rede über diese "zwei Amerikas". Er sagte: "Das eine ist das Amerika der Imperialisten - der kleinen Clique von Kapitalisten, Grundbesitzern und Militaristen, die die ganze Welt bedrohen und einschüchtern. Das ist das Amerika, das die Weltbevölkerung hasst und fürchtet. Es gibt auch das andere Amerika - das Amerika der Arbeiter und Farmer, der ‚kleinen Leute'. Sie bilden die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung. Sie leisten die Arbeit im Land. Sie ehren seine alten demokratischen Traditionen - seine althergebrachte Freundschaft mit den Menschen anderer Länder, die gegen Könige und Despoten kämpfen, das großzügige Asyl, das es einst den Verfolgten uneingeschränkt gewährte."

Um gegen die Politik und die Vorhaben der amerikanischen Regierung zu kämpfen, muss man in erster Linie ihren Anspruch entlarven, die wahre Stimme und rechtmäßige Vertretung der Bevölkerung zu sein. Sozialisten müssen erklären, dass die herrschende Elite in der USA im Namen des amerikanischen Volkes, auf das sie sich zu Unrecht beruft, eine antidemokratische und raubgierige Politik mit unvermeidlichen tragischen Folgen betreibt.

All dies ist für den selbstzufriedenen kleinbürgerlichen Philister und Snob natürlich ein Buch mit sieben Siegeln. Er begnügt sich mit den nächstliegenden Worten und Phrasen. Ravens Spielart des Anti-Amerikanismus ist weder originell noch schlau. Er wird in Kreisen der Mittelklasse in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und nicht zuletzt in der USA massenhaft und preisgünstig zu Markte getragen und gewissermaßen frei Haus geliefert. Diese Anschauung hat den Vorteil, oppositionell zu erscheinen, ohne ihre Anhänger zu irgendwelchen politischen Taten zu verpflichten, die ihnen vielleicht Unannehmlichkeiten bescheren könnten. Es ist eine Form des Pseudosozialismus, ein falscher "Anti-Imperialismus" von Zynikern und Dummköpfen.

Siehe auch:
Weshalb die Regierung Bush einen Krieg will
(16. September 2001)
Die politischen Wurzeln der Terroranschläge auf New York und Washington
( 13. September 2001)
(Dieser Artikel ist auch in der gleichheit - November 2001 enthalten.)

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