Der amerikanische Nachrichtensender CNN instruiert seine Reporter: Keine Propaganda außer zu Gunsten Amerikas

Von Patrick Martin
13. November 2001

Der amerikanische Nachrichtensender CNN verlangt in einer außergewöhnlichen Weisung von seinen Reporter und Moderatoren, dass sie in ihrer Berichterstattung über den amerikanischen Krieg gegen Afghanistan die Zahl der Todesopfer und das Ausmaß der Zerstörung durch amerikanische Bomben herunterspielen. Dahinter steht die Befürchtung, dass eine akkurate Berichterstattung über den Krieg die Unterstützung der Bevölkerung für die militärischen Anstrengungen der Vereinigten Staaten sinken lassen würde.

Ein Memo des CNN-Vorsitzenden Walter Isaacson an die internationalen Korrespondenten des Senders erklärt: "Da wir gute Berichte aus dem von den Taliban kontrollierten Afghanistan erhalten, müssen wir unsere Anstrengungen verdoppeln, um den Eindruck zu vermeiden, wir würden einfach zu ihren Gunsten oder aus ihrer Sicht berichten. Wir müssen darüber sprechen, wie die Taliban Zivilisten als Schutzschilde missbrauchen und wie die Taliban den Terroristen Unterschlupf gewährt haben, die für den Tod von beinahe 5.000 unschuldigen Menschen verantwortlich sind."

"Ich möchte sicherstellen, dass wir nicht als Propaganda-Plattform missbraucht werden," erklärte Isaacson in einem Interview mit der Washington Post und fügte hinzu, dass es "pervers scheint, sich zu sehr auf die Opfer oder das Elend in Afghanistan zu konzentrieren."

"Wir sind am Beginn einer Periode, in der es viel mehr Berichte und Aufzeichnungen aus dem von den Taliban kontrollierten Afghanistan geben wird," sagte er. "Man will sichergehen, dass die Leute Folgendes verstehen: Wenn sie Zivilisten dort leiden sehen, dann steht das im Zusammenhang mit einem terroristischen Angriff, der in den Vereinigten Staaten ein enormes Leiden verursacht hat."

In einem zweiten Memo, das der Washington Post zugespielt wurde, drückte der Verantwortliche der CNN für Qualitätssicherung Rick Davis seine Bedenken bezüglich der Berichte über die Bombardierung Afghanistans aus, die von Reportern vor Ort eingereicht werden. Davis bemerkt, dass es "für die Korrespondenten in diesen gefährlichen Gegenden vielleicht schwer ist, sich deutlich auszudrücken" hinsichtlich der Gründe für die amerikanischen Bombardements. Mit anderen Worten, die CNN-Vertreter hat Angst, dass die Korrespondenten in Übersee vielleicht von der lokalen Opposition gegen die amerikanische Militärintervention eingeschüchtert werden und ihre Berichte von solchen Stimmungen beeinflussen lassen.

Um sicherzugehen, dass jeder CNN-Bericht immer eine Rechtfertigung des Krieges beinhaltet, schreibt Davis den Moderatoren eine bestimmte Ausdrucksweise vor, die diese nach jeder Erwähnung von zivilen Opfern oder Bombenschäden benutzen müssen. Er schlägt drei mögliche Formulierungen vor:

Davis schließt mit einem Ultimatum an Journalisten, die befürchten, wie Papageien im Auftrag des Weißen Hauses zu wirken: "Obwohl das wie auswendig gelernt klingen mag, ist es wichtig, dass wir diesen Punkt jedes Mal wieder machen."

Die Kapitulation bei der "Operation Rückenwind"

Ein Wendepunkt bei der Verwandlung der CNN in ein schlecht getarntes Sprachrohr für die Propaganda des Pentagons war im Jahre 1998 die Kontroverse über die Ausstrahlung eines Enhüllungsberichts mit dem Titel "Tal des Todes" durch den Sender. Die Sendung beschäftigte sich mit Behauptungen, dass das amerikanische Militär während des Vietnamkriegs 1970 in Laos chemische Waffen eingesetzt habe. Die Produktion von April Oliver und Jack Smith, bei der Peter Arnett als Sprecher beteiligt war, legte beachtliche Beweise dafür vor, dass die "Operation Rückenwind", wie sie vom Militär genannt wurde, den Einsatz des tödlichen Nervengases Sarin einschloss.

Doch ausgestrahlt inmitten einer Reihe von amerikanischen Provokationen gegen den Irak und damit verbundenen Vorwürfen, dass Saddam Husseins Regime Massenvernichtungswaffen entwickeln würde, drohte die CNN-Sendung ein wichtiges Ziel der amerikanischen Außenpolitik zu durchkreuzen. Ein Sturm der Entrüstung brach von Seiten äußerst rechter Elemente los; der Sender wurde unter anderem von ehemaligen Militäroffizieren, dem ehemaligen Außenminister Henry Kissinger und dem ehemaligen Obersten Generalstabschef Colin Powell angegriffen.

Es dauerte nicht einmal ein Jahr, bis Arnett gefeuert war. Der Journalist, der bereits einen Pulitzer-Preis gewonnen hatte, war für seine Arbeit als Korrespondent aus Bagdad während des Golfkriegs hoch angesehen. Seiner Entlassung inmitten des Kriegs gegen Jugoslawien folgte eine weitere Demonstration der Verbindungen zwischen dem Sender und dem nationalen Sicherheitsapparat. Die Chefkorrespondentin der CNN im ehemaligen Jugoslawien Christiane Amanpour heiratete den Sprecher des Außenministeriums James Rubin, der das Hauptbindeglied zwischen der Clinton-Regierung und der kosovo-albanischen Guerilla UCK darstellte. Beide arbeiteten weiter als Vollzeitverteidiger des Kriegs gegen Jugoslawien, der eine auf dem Podium des Außenministeriums, die andere vor einer CNN-Kamera im Balkan.

"Menschliche Schutzschilde" und andere Lügen

Während die politische Linie der CNN vielleicht am gröbsten zum Ausdruck kommt - oder zumindest als einzige durch ein internes Memorandum öffentlich bekannt geworden ist -, ist die Haltung der CNN doch charakteristisch für die gesamte amerikanische Medienwelt, die im Afghanistan-Krieg sieben Tage pro Woche und 24 Stunden am Tag als Propagandamaschine für den amerikanischen Imperialismus tätig ist.

Isaacson Verweis auf "Zivilisten als Schutzschilde" ist charakteristisch für die zynischen Lügen, die die amerikanische Regierung mit der ergebenen Unterstützung der Medien verbreitet. Diese Behauptung wurde zum ersten Mal während des Kriegs im Persischen Golf aufgestellt, als amerikanische Regierungsvertreter wiederholt Berichten über entsetzliche Opfer unter der Zivilbevölkerung infolge der amerikanischen Bombardierung des Iraks entgegentraten, indem sie behaupteten, dass Saddam Hussein befohlen habe, Panzer, Kampfflugzeuge und ganze Anlagen zur Herstellung von chemischen und biologischen Waffen in Wohngebiete zu verlegen.

Die berüchtigtste amerikanische Gräueltat dieses Kriegs war die Zerstörung eines Luftschutzkellers im Bagdader Wohnviertel Al-Amariya, bei der Hunderte Zivilisten getötet wurden, in ihrer Mehrzahl Frauen und Kinder. Das Pentagon behauptete, dass Al-Amariya ein streng geheimes Kommando- und Kontrollzentrum des irakischen Militärs gewesen sei und dass die Frauen und Kinder vorsätzlich und als "menschliche Schutzschilde" dort hingebracht worden seien. Spätere Nachforschungen ergaben, dass diese Behauptungen falsch waren.

Dies hielt die Medien nicht davon ab, ähnliche Stellungnahmen zu den amerikanischen Bombardements in Jugoslawien 1999 unkritisch zu übernehmen, als diesmal der Regierung von Slobodan Milosevic ausnahmslos jede Schuld an Opfern unter der Zivilbevölkerung zugewiesen wurde.. Dieselbe Art Lüge zirkuliert jetzt über Afghanistan: Es wird berichtet, dass das Taliban-Regime schwere Waffen und militärische Abteilungen in Moscheen und soziale Einrichtungen verlegt - um jetzt schon vorbeugend die nächste amerikanische Gräueltat zu rechtfertigen.

Der Mythos vom "menschlichen Schutzschild" ist nur ein Beispiel für die Flut von Lügen, die vom Weißen Haus, vom Pentagon und von der CIA verbreitet und von den amerikanischen Medien ohne Skrupel geschluckt und wieder ausgespuckt werden.

Karl Rove und Ari Fleischer, der politische Berater und der Pressesprecher des Weißen Hauses, wurden beim Lügen ertappt bezüglich der Frage, warum Bush am 11. September so lange brauchte, um ins Weiße Haus zurückzukehren, nachdem die Selbstmordattentäter das World Trade Center und das Pentagon getroffen hatten. Diese Regierungsvertreter brachten die Geschichte in Umlauf, dass das Weiße Haus eine glaubhafte Drohung gegen die Präsidentenmaschine Air Force One erhalten hatte. Später kam heraus, dass es eine solche Drohung nicht gegeben hatte und dass die Geschichte ausgeheckt worden war, um eine plausible Erklärung für Bushs peinliches Verhalten liefern zu können. Jetzt gibt dieselbe Regierung Warnungen über terroristische Bedrohung der gesamten Vereinigten Staaten heraus, ohne dass eine einzige Stimme in den Medien fragt, warum man diesen Warnungen angesichts der vorausgegangenen Lügen Glauben schenken sollte.

Die Regierung hatte ursprünglich versprochen, schlüssige Beweise für Osama bin Ladens Rolle bei den terroristischen Angriffen vorzulegen - Colin Powell machte dieses Versprechen vor laufenden Fernsehkameras - aber trat dann abrupt davon zurück. Die angeblichen Beweise sind niemals vorgelegt worden. Die amerikanischen Medien erheben keinen Protest dagegen, sondern wiederholen weiter die Regierungsbehauptungen, dass die Schuld bin Ladens unbestreitbar sei.

Weißes Haus und Pentagon prägen die Berichterstattung

Mit Beginn der Bombardements haben das Weiße Haus und das Pentagon ihre Bemühungen verstärkt, die Bedingungen der Presseberichterstattung über den Krieg zu diktieren. Bushs nationale Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice hat die fünf Sendeketten aufgefordet, ihre Berichterstattung über Bekanntmachungen von Osama bin Laden einzuschränken. Andere Regierungsvertreter deuteten an, dass diese Bekanntmachungen eventuell kodierte Instruktionen für Terroristen enthalten könnten. Die Sendeanstalten gaben umgehend ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit bekannt.

Vertreter des Weißen Hauses haben auf Kritik in der Presse hinsichtlich der Handhabung der Milzbrandangriffe durch die Bush-Regierung reagiert, indem sie Reporter rüffelten, deren Fragen Skepsis über die Maßnahmen der Regierung ausdrückten. Die Korrespondentin im Weißen Haus für den Nachrichtenkanal NBC Campbell Brown sagte, ein hoher Vertreter des Weißen Hauses habe sie angerufen und sich über eine feindselige Frage an den neu ernannten Leiter der Inneren Sicherheit Tom Ridge beschwert. "Einen unverlangten Anruf von einem hochrangigen Vertreter im Weißen Haus zu bekommen, ist sehr ungewöhnlich," sagte sie gegenüber der Washington Post.

Der Chef des Nachrichtensenders ABC News David Westin wurde heftig angegriffen für Bemerkungen, die er auf einem Forum der Journalistenschule an der Columbia Universitiy gemacht hatte, als er gefragt wurde, ob das Pentagon ein "legitimes militärisches Ziel" gewesen sei. Westin unterschied bei seiner Antwort zwischen seiner persönlichen Abscheu angesichts der vielen Toten des 11. Septembers und seiner Verantwortung als Journalist, die Ereignisse sorgfältig zu beschreiben, unter anderem auch die Motivation der Verantwortlichen für diesen Angriff, die das Pentagon unter diesem Blickwinkel betrachtet haben könnten.

Das Forum wurde öffentlich übertragen und Westin für seine Anmerkungen von der New York Post und anderen Stimmen aus dem rechten Lager heruntergemacht. Westin gab am 31. Oktober eine öffentliche Erklärung heraus, in der es heißt: "Ich entschuldige mich für allen Schaden, den meine falsche Darstellung angerichtet haben mag."

Im Kriegsgebiet selbst verletzt das Pentagon seine eigenen Grundregeln der Presseberichterstattung, nach denen die Medien Zugang zu allen größeren Einheiten und Schauplätzen haben sollen. Nur eine Handvoll von Reportern ist in Afghanistan selbst tätig und diese arbeiten unter der Art der Selbstzensur, wie sie durch das CNN-Memo öffentlich bekannt wurde. Journalisten haben keinen Zugang zu vielen amerikanischen Kriegsschiffen im Indischen Ozean, ebenso wenig zu den Luftstützpunkten im Mittleren Osten und in Zentralasien.

Obwohl die übliche Begründung für solche Praktiken die Sicherheit der Truppen ist, hat das Pentagon niemals einen einzigen Fall vorweisen können, in dem die Presseberichterstattung die "Einsatzsicherheit" gefährdet hätte. Siebzehn Nachrichtenorganisationen wussten mindesten 24 Stunden vor Beginn der Angriffe am 7. Oktober, dass die Vereinigten Staaten in Kürze Afghanistan bombardieren würden, aber keine einzige brachte diese Nachricht, bevor die amerikanischen Angriffe begonnen hatten.

Richard Reeves, ein liberaler Journalist der alten Schule, beschrieb kürzlich in einer Kolumne mit dem Titel "Wahrheit in der Verpackung von Kriegsnachrichten" wie der Presse in Kriegszeiten ein Maulkorb angelegt wird. Er zitierte eine militärische Anweisung zum Umgang mit der Presse von 1982, die folgende Regeln vorgibt: "Die Bilder des Krieges aufpolieren; den Zugang der Medien zu den Schauplätzen kontrollieren; Informationen zensieren, die Leser und Zuschauer aufbringen könnten; Journalisten ausschließen, die keine gefälligen Geschichten schreiben."

Von Seiten des Militärs sei dies zu erwarten, schrieb Reeves, aber seine Hauptkritik gilt der unterwürfigen Reaktion der Medien. "Mein eigener Berufsstand macht mir Bauchschmerzen," erklärte er. "Im Allgemeinen bevorzugt die Presse bei der Kriegsberichterstattung tonangebend aufzutreten, anstatt zuzugeben, dass wir manipuliert und belogen werden - und dass wir nicht wirklich wissen, was vorgeht, vor allem zu Beginn jeden Krieges."

Siehe auch:
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