Milzbrandanschläge in USA gehen auf Biowaffenanlagen der Armee zurück

Von Patrick Martin
5. Januar 2002

Die Milzbranderreger in Briefen an zwei führende Senats-Demokraten im Oktober sind biologisch identisch mit Bakterien, die im letzten Jahrzehnt im Geheimen in amerikanischen Biowaffenlaboratorien hergestellt wurden. Das ist Presseberichten und der Analyse eines führenden Mikrobiologen zu entnehmen.

Die Armeeeinheit für biologische und chemische Kriegsführung in Dugway Proving Ground, ungefähr 130 Kilometer südwestlich von Salt Lake City, Utah, könnte sehr wohl die Quelle des waffenfähig aufgearbeiteten Milzbrandmaterials sein, das an die Senatoren Tom Dashle und Patrick Leahy geschickt worden war. Wissenschaftler in Dugway züchteten und entwickelten Erreger, die vom Ames-Stamm abstammten - dem Stamm der sich in allen Briefen befand, die an verschiedene Medien und den Kongress geschickt worden waren.

Das Erregermaterial war sorgfältig auf eine Größe von ein bis drei Mikron (tausendstel Millimeter) gemahlen worden, die für die Verbreitung der tödlichen Wirkung am effektivsten ist.

Die Existenz des geheimen Waffenprogramms war zuerst am 12. Dezember von der Baltimore Sun enthüllt worden. Bis dahin hatten amerikanische Politiker behauptet, dass das amerikanische Militär seit Ende der sechziger Jahre kein biologisches Waffenmaterial mehr produziert habe, kurz bevor ein internatonaler Vertrag die Entwicklung solcher Waffen verboten hatte.

Sprecher des Pentagon behaupten nun, die Entwicklung von waffenfähigen Milzbranderregern sei nach dem Vertrag legal gewesen, weil darin die Produktion von kleinen Mengen zu "friedlichen und defensiven Zwecken" erlaubt sei, d.h. um Gegenmaßnahmen gegen biologische Angriffe vorbereiten zu können. Die USA sind das einzige bekannte Land, das in den letzten 25 Jahren waffenfähige Milzbranderreger produziert hat.

Das in der Anlage von Dugway produzierte Milzbrandpulver wurde gelegentlich zu einer anderen Biowaffeneinheit in Fort Detrick in der Nähe von Frederick, Maryland, nur 50 Kilometer von Washington entfernt, geschickt. Fort Detrick verfügt über Anlagen zur Abtötung von Bakterien durch Bestrahlung. Das Pulver wurde dorthin geschickt, um es zu sterilisieren, damit es sicherer weiterverarbeitet werden konnte. Die letzte Lieferung aus Dugway kam erst am 27. Juni in Fort Detrick an, wie die Sun berichtete. Die Erreger wurden am 4. September nach Dugway zurückgeschickt, d.h. eine Woche vor den Terrorangriffen auf New York City und Washington und vier Wochen vor der Entdeckung der ersten Milzbrandfälle in Südflorida.

1997 wurden Erreger auch an das Pathologische Institut der Armee in Washington geschickt, wie ein Sprecher dieser Institution berichtete.

Schon bevor der Bericht der Sun bestätigte, dass in den Dugway-Laboratorien in der letzten Zeit waffenfähiges Milzbrandpulver hergestellt wurde, war ein führender Spezialist auf diesem Gebiet zu dem Ergebnis gekommen, dass das Milzbrandpulver, das in den jüngsten Postsendungen verwandt worden war, höchstwahrscheinlich aus Einrichtungen der amerikanischen Regierung stammt. In einer am 10. Dezember von der 'Arbeitsgruppe biologische Waffen der Vereinigung amerikanischer Wissenschaftler' veröffentlichten Analyse erklärte Barbara Hatch Rosenberg: "Das Milzbrandpulver in den Briefen wurde wahrscheinlich in einem Labor der Regierung oder einem im Auftrag der Regierung arbeitenden Labor hergestellt und waffenfähig gemacht. Möglicherweise hat der Täter es kürzlich selbst produziert, oder es stammt aus dem Verteidigungsprogramm der US-Regierung gegen Biowaffen; oder es ist noch ein Überbleibsel des Biowaffenprogramms der USA aus der Zeit, ehe Nixon es 1969 stoppte."

Ein anderer Experte auf diesem Gebiet, Richard Spertzel, ein früherer Oberst in der Armee, der das Biowaffeninspektionsteam der UNO im Irak leitete, wies ebenso die Vorstellung zurück, dass eine unzufriedene Einzelperson wie der Una-Bomber die Milzbrandbriefe hergestellt haben könnte. In einer Aussage vor dem Ausschuss des Repräsentantenhauses für internationale Beziehungen am 5. Dezember erklärte Spertzel: "Die Qualität des Produkts in dem Brief an Senator Dashle war besser als das in der UdSSR, den USA oder dem Irak gefundene Material, auf jeden Fall was die Reinheit und die Konzentration der Erreger angeht."

Als Reaktion auf den Artikel in der Baltimore Sun bestätigte ein Sprecher des Dugway Proving Ground, dass dieses Institut trockenes Milzbrandpulver produziert habe, ähnlich dem, das in den Briefen an Dashle und Leahy gefunden wurde, behauptete aber gleichzeitig, dass es "gut unter Verschluss" sei und nichts davon fehle. Diese Erklärung ist das erste Eingeständnis der US-Regierung, dass verwendungsfähiges Biowaffenmaterial hergestellt wurde, nachdem das offensive Biowaffenprogramm 1969 von der Nixon-Regierung aufgegeben worden war.

Barbara Hatch Rosenberg sagte: "Das ist von großer Bedeutung. Es hat bisher kein Eingeständnis irgendeiner Einrichtung der US-Regierung gegeben, waffenfähiges Milzbrandpulver hergestellt zu haben. Die Frage ist, ob jemand in der Lage gewesen sein kann, eine kleine Menge davon in die Hand zu bekommen und in diesen Briefen zu verwenden."

Der Washington Post zufolge untersucht das FBI eine mögliche Verbindung zwischen den Milzbrandanschlägen und Dugway und hat Laborpersonal befragt. Auch Fort Detrick ist eine mögliche undichte Stelle. Außerdem ist das Medizinische Forschungsinstitut der Armee für ansteckende Krankheiten (USAMRIID) die wichtigste Quelle für den Ames-Stamm von Milzbranderregern; es hat nicht nur eine Handvoll medizinische Forscher in den USA, sondern auch Biowaffenforschungsstätten in Kanada und Großbritannien beliefert.

Die Post berichtete am 30. November: "Seit Mitte der achtziger Jahre ist das Laboratorium der US-Armee der wichtigste Verwalter der virulenten Milzbrandstämme, die bei den jüngsten Milzbrandangriffen verwendet wurden; sie wurden Regierungsdokumenten und Befragungen zu Folge nur an fünf Laboratorien in den USA, Kanada und Großbritannien weitergegeben."

Die jüngsten Lieferungen fanden nur wenige Monate vor den Milzbrandanschlägen im letzten Herbst statt - der Ames-Stamm wurde im März an das Gesundheitszentrum der Universität von New Mexico in Albuquerque geschickt und im Mai an das Battle Memorial Institute in Columbus, Ohio, eine private Firma, die sich mit der Forschung nach einem Impfstoff gegen Milzbrand beschäftigt.

Einem Bericht der New York Times zu Folge sind Bundesermittler zum Schluss gekommen, dass die Milzbranderreger in den Briefen an Dashle und Leahy nur in einem Waffenlabor der Regierung hergestellt worden sein können, und zwar wahrscheinlich in einem, das der amerikanischen Regierung untersteht. Das Milzbrandpulver in diesen Briefen enthielt eine Billion Erreger pro Gramm, eine Konzentration, die ausreichen würde, die halbe amerikanische Bevölkerung umzubringen, wenn es weit verbreitet würde.

Die Times bemerkte, einen ungenannten wissenschaftlichen Berater der Regierung zitierend, dass die Qualität des Milzbrands "vermuten lässt, dass jemand mit Verbindungen zu militärischen Laboratorien oder ihren Auftagnehmern hinter den Attentaten stecken könnte." Der Wissenschaftler erklärte gegenüber der Times: "Der Gedanke ist erschreckend, dass jemand aus unseren eigenen Kreisen so etwas getan haben könnte. Aber es ist eine definitive Möglichkeit."

Die Enthüllungen über die Produktion von waffenfähigem Milzbrand in Dugway und die Verbreitung des Ames-Stamms von Fort Detrick aus haben unter der relativ kleinen Zahl von Forschern, die sich mit der aktuellen Forschungslage auf diesem Gebiet auskennen, Besorgnis ausgelöst. Mehrere von ihnen äußerten sich in Kommentaren gegenüber der Presse überrascht über das Biowaffenprogramm. Barbara Hatch Rosenberg erklärte kategorisch, dass die Aktivitäten in Dugway eine Verletzung internationaler Verträge über biologische Kriegsführung seien.

Die Washington Post zitierte am 16. Dezember in einem Bericht auf der ersten Seite diese Experten mit der Schlussfolgerung: "Genetische Studien zeigen, dass die per Post an das Kapitol geschickten Milzbranderreger identisch mit den Vorräten der US-Armee an diesen tödlichen Bakterien sind, die seit 1980 angelegt wurden." Wenigstens einer der Wissenschaftler sagte der Post, dass die ursprüngliche Quelle des Milzbrandpulvers in den Briefen an Dashle und Leahy "das USAMRIID gewesen sein muss", d.h. Fort Detrick.

Die Post fügte hinzu: "Die Untersuchung der Milzbrandanschläge durch das FBI konzentriert sich zunehmend darauf, ob Biowaffenprogramme der US-Regierung, darunter auch eines der CIA, die Quelle des mit der Post verschickten Milzbrandpulvers gewesen sein können, wie Informanten berichten, die die Proben kennen. Die Ergebnisse der genetischen Untersuchungen stärken diese Möglichkeit. Das FBI konzentriert sich auf einen Auftragnehmer, der mit der CIA gearbeitet hat, wie eine Quelle sagte."

Die Zeitung berichtete, dass die Untersuchung des genetischen Fingerabdrucks von einem Forschungsteam unter der Leitung des Genetikers Paul Keim von der Northern Arizona University in Flagstaff durchgeführt wurde, und sie fügte hinzu, dass das FBI begonnen habe, Vertreter der CIA zu befragen, die für das eigene Biowaffenprogramm der CIA verantwortlich sind, bei dem auch der Ames-Stamm benutzt wurde.

Die Post fügte hinzu, dass sowohl ökonomische wie auch politische Motive als Faktoren für die Milzbrandbriefe in Betracht gezogen würden. "Ermittler beziehen ganz verschiedene Motive für die Milzbrandanschläge in ihre Untersuchungen ein: Rache aus verschiedenen Gründen, Profitgier von Leuten, die mit der Beseitigung von Milzbrandverseuchung zu tun haben, oder vielleicht das Interesse von bestimmten Leuten, dem Irak etwas in die Schuhe zu schieben..."

Obwohl diese neue Richtung der Ermittlungsarbeit im offiziellen Washington wohl bekannt ist, haben weder die Bush-Regierung noch die großen Fernsehkanäle die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Möglichkeit gelenkt, dass ein Teil des Staatsapparats selbst, mit engen Verbindungen zur äußersten Rechten, die wahrscheinliche Quelle der Milzbrandanschläge ist.

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen