Politische Wurzeln und Perspektiven von Jemaah Islamiyah

Teil 2

Von Peter Symonds
15. Januar 2004

Wir veröffentlichen hier den zweiten Teil einer dreiteiligen Serie über Jemaah Islamiyah. Teil eins wurde gestern veröffentlicht, der abschließende Teil wird morgen erscheinen.

Im Indonesien des 21. Jahrhunderts stellt Jemaah Islamiyah den extremsten Ausdruck einer rechten islamistischen Strömung dar, deren Wurzeln bis zurück zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts reichen. Die Idee der Rückkehr zum reinen Islam - der Religion des Propheten Mohammed und seiner Anhänger - kam zuerst im Nahen Osten während des späten neunzehnten Jahrhunderts auf. Später wurde sie, als Antwort der aufstrebenden Bourgeoisie auf die Kolonialherrschaft, nach Indonesien exportiert. Eine Strömung, die als "Moderner Islam" bekannt wurde, versuchte auf eklektische Weise religiöse Erneuerung mit den Fortschritten der modernen Wissenschaft und Technologie zu kombinieren.

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war der Moderne Islam zu einer diffusen antikolonialen Bewegung sowohl der Arbeiterklasse als auch bestimmter Schichten der städtischen Mittelklasse geworden. In ländlichen Gebieten konnte sie sich nur wenig ausbreiten, dort hing die Mehrzahl der Menschen einer Sonderform des Islam an, welche Elemente von Hinduismus, Buddhismus und Animismus einschloss. Die fortschrittlicheren Elemente wurden infolge der russischen Revolution von der aufkommenden nationalistischen Bewegung und der Indonesischen Kommunistischen Partei (PKI) angezogen.

Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs war der Moderne Islam auf eine rechte Restgruppe reduziert worden, die ihre soziale Basis unter den konservativsten Elementen des städtischen Kleinbürgertums hatte. Diese Schichten fühlten sich von den niederländischen Kolonialherren unterdrückt und waren verbittert über die privilegierte Position javanischer Aristokraten und chinesischer Unternehmer. Gleichzeitig standen sie der PKI und der Bedrohung durch die wachsende Arbeiterklasse zutiefst feindlich gegenüber.

Nach dem Krieg kam mit "Masyumi" eine Organisation auf, die während der japanischen Besetzung Indonesiens gegründet worden war und zur wichtigsten Partei des Modernen Islam wurde. Sie wandte sich sowohl gegen die PKI, als auch gegen Präsident Sukarno, einen säkularen Nationalisten, der sich der Forderung verschiedener islamistischer Parteien nach Aufnahme der Sharia-Gesetzgebung in die Verfassung des Landes widersetzt hatte. Die Opposition von Masyumi wuchs noch, als sich Sukarno in wachsendem Maße der PKI zuwandte, um die steigende Unzufriedenheit der Massen zu kontrollieren. Gleichzeitig warb er beim stalinistischen Regime in Peking um politische und finanzielle Unterstützung. Nachdem einige Mitglieder Masyumis 1958-59 an einer kurzlebigen, CIA-gestützten Rebellenregierung auf Sumatra teilgenommen hatten, wurde die Organisation verboten.

In den 40er Jahren gründete der politisch engagierte Kleriker und Masyumi-Anhänger S.M. Kartosuwirjo die Darul-Islam-Bewegung als extremste Opposition zu Sukarno. Im August 1949 proklamierte Kartosuwirjo seinen eigenen Indonesischen Islamischen Staat (NII) als Opposition zur neu formierten Indonesischen Republik unter Sukarno. Dies war verbunden mit regionalen Aufständen in Aceh und Süd-Sulewesi. Die Milizen von Darul Islam kämpften einen langwierigen Vertreibungskrieg gegen Jakarta, in dem schätzungsweise 15.000 bis 20.000 Menschen starben. Erst 1962 wurde die Rebellion endgültig niedergeschlagen, es folgte die Gefangennahme und Exekution Kartosuwirjos.

Alle islamischen Organisationen, eingeschlossen Masyumi und die Überbleibsel von Darul Islam im Untergrund, begrüßten begeistert den von der CIA betriebenen Staatsstreich von 1965-66, der die Suharto-Diktatur an die Macht brachte. Sie beteiligten sich auch an den folgenden Massakern an schätzungsweise einer halben Million PKI-Mitgliedern, Arbeitern und Dorfbewohnern. Veteranen von Darul Islam waren nachweislich ganz direkt in die Morde an Feldarbeitern im Subang-Distrikt von West-Java involviert.

Der niederländische Wissenschaftler Martin van Bruinessen schreibt hierzu: "Es wird weithin angenommen, dass der mächtige Geheimdienstchef Ali Murtopo - der Suhartos Chefberater während des ersten Jahrzehnts von dessen Präsidentschaft wurde und der zurecht als der wahre Architekt der Neuordnung Indonesiens gilt - eine Gruppe von Darul-Islam-Veteranen zusammenstellte. Er gestattete ihnen, ein Netzwerk von Kontakten aufzubauen - als Geheimwaffe, die jeden Moment gegen ‚den Kommunismus' und andere Feinde entfesselt werden konnte." [ Genealogics of Islamic Radicalism in post-Suharto Indonesia, Juli 2002, S.7].

Obwohl Suharto sich die Dienste der islamischen Parteien zunutze machte, um zur Macht zu gelangen, hatte er nicht vor, ihre Forderungen nach der Sharia-Gesetzgebung zu erfüllen oder den von ihnen vertretenen sozialen Schichten nennenswerte politische oder wirtschaftliche Macht zu geben. Wie sein Vorgänger war Suharto das politische Instrument der vorherrschenden Teile der indonesischen Bourgeoisie. Diese unterstützte die Militärjunta als ein Mittel, die radikalisierten Schichten von Arbeitern und Bauern zu zerschlagen, die zu kontrollieren Sukarno sich als unfähig erwiesen hatte.

Suhartos Weigerung, Masyumis Forderungen zu erfüllen, führte zu zwei wichtigen Ergebnissen: Einige Masyumi-Führer und Teile der ihnen angeschlossenen Studentengruppe - der Muslimischen Studentenvereinigung HMI - schlossen sich offen Golkar an, dem politischen Instrument der Junta, was in einer Linie stand mit ihrer Unterstützung von Suhartos Antikommunismus. Doch andere beharrten weiter auf der Etablierung eines islamischen Staates. Sie wandten sich anderen Richtungen zu.

Die bedeutendste Gruppierung unter ihnen bildete den Dewan Dakwah Islamiayah Indonesia (DDII), vorgeblich mehr der religiösen Bekehrung verschrieben als der Politik. DDII orientierte sich nach dem Nahen Osten hin und fand sowohl ideologische, als auch finanzielle Unterstützung in Saudi-Arabien. 1962 hatte das Saudi-Regime als Vehikel für seine eigene Prägung des islamischen Fundamentalismus (des Wahhabismus) den Islamischen Weltbund gegründet, um seinen autokratischen Staat gegen den Einfluss des radikalen bürgerlichen Nationalismus zu schützen. Der DDII wurde zum wichtigsten Partner des Bundes in Indonesien, und der ehemalige Matsyumi-Führer Mohammad Natsir zu einem seiner Vizevorsitzenden.

Sungkar und Bashir

Sungkar und Bashir gehörten zu den extremeren Elementen in Verbindung mit Masyumi bzw. DDII. Sie waren inspiriert von der Rebellion Darul Islams und hatten starke Verbindungen zum Modernen Islam. Beide waren in den dreißiger Jahren auf Java geboren und hatten Schulen des Modernen Islam besucht. Während der 1950er Jahre wurden sie zu Führern der Gerakan Pemuda Islam Insonesia (GPII), einer mit Masyumi verbundenen Studentengruppe. Hier trafen Sungkar und Bashir aufeinander und begannen 1963 ihre Zusammenarbeit.

Aus offensichtlichen Gründen waren die beiden Männer vorsichtig, wenn es darum ging, ihre Verbindungen zur Untergrundbewegung kundzutun. Es besteht jedoch kein Zweifel, dass sie in Verbindung mit Darul Islam standen und dessen bewaffneten Kampf für einen islamischen Staat unterstützten. In einem Interview mit einer australischen islamischen Studentenzeitung pries Sungkar Kartosuwirjo, führte Jemaah Islamiyah direkt auf Darul Islam zurück und rief auf zum Jihad. Dabei bezeichnete er Quwwatul Musallaha ("militärische Stärke") als zentralen Bestandteil des Kampfes seiner Organisation gegen das Suharto-Regime.

Nach dem Staatsstreich von 1965-66 begannen Sungkar, damals Vorsitzender der zentraljavanesischen Unterorganisation des DDII, und Bashir offen für einen islamischen Staat einzutreten. Die zwei bauten auf Solo 1967 eine Radiostation auf und 1971 eine Islamische Schule, die zwei Jahre später zu ihrem gegenwärtigen Standpunkt im Dorf Ngruki zog. Der Suharto-Junta standen sie mit wachsender Abneigung gegenüber, da sie den weltlichen Staat und seine Ideologie des Pancasila (in etwa: die fünf Säulen Glaube, Recht, Nation, Demokratie und soziale Gerechtigkeit) strikt ablehnten.

Der inländische Sicherheitsapparat schloss 1975 den Radiosender wegen dessen regierungsfeindlicher Propaganda. 1977 wurde Sungkar für sechs Wochen verhaftet - er hatte Menschen davon abhalten wollen, an den nationalen Wahlen teilzunehmen.

Sowohl Sungkar, als auch Bashir wurden im November 1978 erneut verhaftet und angeklagt wegen ihrer Verbindungen zu Haji Ismail Pranoto - einem älteren Führer des Darul Islam in Westjava - und einer bewaffneten Gruppierung, die vor Gericht wechselnd als Kommando Jihad oder Jemaah Islamiyah beschrieben wurde. Die gesamte Affäre machte damals deutlich, bis zu welchem Grade die US-gestützte Suharto-Junta imstande war, rechte islamische Gruppen für ihre eigenen Zwecke zu manipulieren. Worin auch immer ihre Differenzen zu Suharto und den Militärs lagen - die religiösen Extremisten teilten mit diesen eine organische Feindschaft gegenüber der Arbeiterklasse und allem, was entfernt mit Sozialismus oder Marxismus zu tun hatte, sogar in der degenerierten Form der stalinistischen PKI.

In den späten 1970ern begannen Suharto und die Militärs sich ernsthafte Sorgen zu machen, die rechten islamischen Organisationen könnten zu einem Ventil für politische Opposition werden. Nach einem Bericht der Internationalen Krisengruppe ICG erwog Geheimdienstchef Murtopo eine wohlvorbereitete Operation, bei der er sich seine Kontakte zur Darul-Islam-Bewegung zunutze machen wollte. Der Geheimdienst BAKIN trat aktiv für die Gründung einer bewaffneten Miliz - Kommando Jihad - ein, mit der Begründung, es sei notwendig, gegen die Gefahren eines wieder aufflammenden Kommunismus infolge der amerikanischen Niederlage in Vietnam 1975 anzugehen. Die wahre Absicht aber bestand darin, die islamischen Extremisten zu identifizieren und gefangen zu nehmen und die islamischen Parteien und Organisationen zu diskreditieren.

Mitte 1979 verhaftete der Sicherheitsapparat um die 185 Menschen, darunter auch angebliche Führer von Kommando Jihad - Pranoto und Haji Danu Mohamad Hasan. Letzterer plauderte vor Gericht aus, dass er vom Geheimdienst rekrutiert worden sei. Er behauptete, die Armee hätte ihn angewiesen, die ehemaligen Darul-Islam-Mitglieder zusammen zu trommeln, um gegen die kommunistische Bedrohung zu kämpfen. Sungkar und Bashir, die im folgenden Jahr inhaftiert wurden, scheinen unter denen gewesen zu sein, die Murtopos Operation ins Netz gegangen waren. Sungkar gab vor Gericht zu, Pranoto getroffen zu haben, leugnete jedoch, irgendeinen Schwur auf Darul Islam geleistet zu haben. Pranoto wurde niemals vor Gericht gestellt und die Anklage beruhte fast ausschließlich auf regierungsfeindlichen Stellungnahmen von Sungkar und Bashir.

Die genauen Umstände ihrer Aktivitäten zu dieser Zeit blieben im Dunkeln, ebenso die Organisation, der sie angehörten. Die ICG erklärt: "Ende 1979 war es immer noch unklar, ob Jemaah Islamiyah ein Konstrukt der Regierung, ein Wiedererwachen von Darul Islam, eine formlose Verbindung gleichgesinnter Muslime oder eine straffe Organisation unter Führung von Bashir und Sungkar war. In gewisser Weise scheint all dies zu zutreffen, und der Name scheint für verschiedene Leute Verschiedenes bedeutet zu haben." [ Al Quaeda in South East Asia: The Ngruki-Network in Indonesia, August 2002, S.8]

Bashir und Sungkar wurden für schuldig befunden und zu neun Jahren Haft verurteilt. Doch schon 1982 wurden sie wieder entlassen, nachdem die Berufung eine Strafminderung erbracht hatte. 1985 widerrief Indonesiens Oberster Gerichtshof das Urteil des Berufungsgerichtes und verfügte wieder die ursprüngliche Strafe. Die zwei Männer flohen ins malaysische Exil, wo sie bis 1999 blieben.

Der Jihad der CIA gegen die Sowjetunion

Sungkar und Bashir hätten einfach zwei weitere alternde indonesische Exilanten bleiben können, die gegen Suharto schimpfen und intrigieren - wären da nicht die Aktivitäten der Reagan-Administration in Washington gewesen. Die CIA war gerade dabei, ihre größte "verdeckte" Operation aller Zeiten voranzutreiben - einen "heiligen Krieg" gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans, für den sie eine internationale Brigade islamischer Extremisten zusammenstellte.

Washingtons Ziel, die Sowjetunion in einen ungewinnbaren Guerillakrieg zu verwickeln, deckte sich mit den Interessen zahlreicher reaktionärer politischer Kräfte. Der pakistanische Diktator Zia ul Haq bot bereitwillig sein Land als Basis an, um US-Unterstützung zu gewinnen und sein religiöses Ansehen aufzubessern. Das Saudi-Regime stockte Washingtons Milliarden um eigene Zahlungen auf und wirkte so der Herausforderung durch den Iran (im Gefolge der Iranischen Revolution von 1979) entgegen, wie auch der Schwächung seines politischen Standes zu Hause. Alle Spielarten von Extremistengruppen strömten dem afghanischen Jihad zu. Sie sahen in ihm einen Weg, Geld, Waffen, eine Ausbildung und höheres Ansehen zu erlangen.

Von ihrer Basis in Malaysia aus packten Bashir und Sungkar die Gelegenheit beim Schopf. Ihre Gruppe war mit Sicherheit nicht die einzige, die Rekruten für den "Heiligen Krieg" zur Verfügung stellte. Doch diese beiden hatten anscheinend einen Vorteil, wo es um Geld und Unterstützung aus Saudi-Arabien ging. Ihre Verbindungen zur DDII - und damit zum Islamischen Weltbund - schienen sich bezahlt zu machen. Der Holländer Van Bruinessen schreibt: "Nach Quellen, die der Usrah-Bewegung [die mit Bashir und Sungkar identifiziert wird] nahestehen, besuchte 1984 oder 1985 ein saudischer Rekrutierungsoffizier Indonesien und befand Sungkars Gruppe zusammen mit einer anderen, dem Darul Islam verbundenen, als die einzigen starken und disziplinierten islamischen Gemeinschaften (jama'ahs), die fähig zum Jihad seien." [ The violent fringes of Indonesias radical Islam, Dezember 2002, S.5]

Ein neuerer Bericht der ICG mit dem Titel Jemaah Islamiyah in Südost-Asien: Angeschlagen, aber noch gefährlich schätzt, dass über 200 Männer mit Verbindungen zum JI-Netzwerk nach Afghanistan geschickt wurden. In den meisten Fällen kam der Islamische Weltbund für ihre Kosten auf. Sie alle wurden dann in Militärlagern ausgebildet, die von der Mujaheddin-Fraktion unter Abdul Rasul Sayyaf geleitet wurden. Sayyaf, ein Fürsprecher des strikt wahhabistischen Islam, hatte extrem enge Verbindungen nach Saudi-Arabien und dessen logistischen Operationen in Pakistan und Afghanistan, die unter anderem von Osama Bin Laden geleitet wurden.

Suhartos Schlag gegen islamische Organisationen 1980 half, Sungkar und Bashir mit einem stetigen Zustrom von Rekruten zu versorgen. Den Aufbau einer eigenen militärischen Organisation im Hinterkopf, wählte Sungkar bewusst die Gebildeteren unter ihnen aus. Wer das volle Programm der Lager Sayyafs absolvierte, erhielt drei Jahre rigoroser militärischer und ideologischer Ausbildung. Die Indonesier befanden sich in Gruppen zusammen mit Thailändern, Malaisen und Filipinos, was ihnen wichtige Kontakte mit anderen islamischen Extremistengruppen in der Region verschaffte - besonders der philippinischen Separatistenmiliz, der Moro Islamic Liberation Front (MILF) und den Überresten von Abu Sayyafs Gruppe.

Medienberichte, die Jemaah Islamiyah als Produkt irgendeiner unerklärlichen machiavellistischen Verschwörung hinstellen, sind schlicht absurd. Ohne die schmutzigen Operationen der CIA in Afghanistan wären weder JI, noch Al Quaida jemals aufgetreten. Der antisowjetische Krieg brachte Geld und Ausbildung, ebenso wie er das lose internationale Netzwerk von Kontakten knüpfte, das die künftige Vorgehensweise dieser Organisationen charakterisieren sollte. Er versorgte auch die Teilnehmenden mit machtvollem neuen Ansehen. Nach ihrer Rückkehr nach Südost-Asien wurden Washingtons "Freiheitskämpfer" in islamischen Kreisen als Helden behandelt. In Indonesien gründeten sie sogar ihre eigene Veteranenorganisation - die Gruppe 272, wobei die Nummer die Anzahl der alten Kämpfer bezeichnete.

Wie die ICG erklärt: "Alle Anführer von JI und viele derer, die in die Anschläge von Bali involviert waren, waren während der Dauer eines Jahrzehnts in Afghanistan zugange, von 1985-95. Der Jihad in Afghanistan hatte einen enormen Einfluss auf die Prägung ihres Weltbildes, bestärkte ihre Ergebenheit zum Jihad und stattete sie mit tödlichen Fertigkeiten aus... Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Aussendung von Rekruten nach Afghanistan schon etwa sieben Jahre vor der formalen Gründung von JI begann. In vielerlei Hinsicht institutionalisierte das Aufkommen einer formalen Organisation um 1992 lediglich ein Netzwerk, das schon zuvor bestanden hatte." [ Jemaah Islamiyah in South East Asia: Damaged but still dangerous, August 2003, S.2]

Wie wichtige Verbündete der USA in den achtziger Jahre zu den antiamerikanischen Terroristen der Neunziger wurden, ist vor allem eine politische Frage. Genau wie in den 60er Jahren, als CIA und indonesisches Militär islamische Gruppen für die Massenmorde an Arbeitern und Kommunisten benutzten, war die Operation in Afghanistan eine Vernunftehe. Sie zerbrach, als 1991 die Sowjetunion zusammenbrach, gefolgt von ihrem Marionettenregime in Kabul 1992. Die Beteiligten am anti-sowjetischen Jihad verkörperten abtrünnige Teile der Bourgeoisie mehrerer Länder, deren Klasseninteressen zufällig mit denen Washingtons während des Afghanistan-Krieges zusammen fielen. Als der Krieg vorüber war, begannen ihre Interessen auseinander zu gehen.

Wie der WSWS -Artikel "Was ist Bin-Ladenismus?" erklärt: Al Quaida "ist keine politische Bewegung fehlgeleiteter Freiheitskämpfer, die in irgendeiner Weise die Bemühungen unterdrückter, aber politisch verwirrter Massen ausdrückt. Sowohl in seinen politischen Ansichten, als auch bei seinen Aktivitäten repräsentiert Bin Laden eine regimekritische und entfremdete Schicht der nationalen Bourgeoisie Saudi-Arabiens und des gesamten Mittleren Ostens. Diese privilegierte Schicht fühlt sich bei ihren Deals mit dem Imperialismus unfair behandelt und ist wütend über die Beschränkung, die ihren eigenen Ambitionen auferlegt ist."

Der Umschwung in Bin Ladens Einstellung zu Washington begann während des US-geführten Golfkrieges von 1990-91. Er hatte nichts gegen den mörderischen Angriff aus das irakische Volk oder das Baathistische Regime einzuwenden, das er wegen seines säkularen Charakters ablehnte. Was Bin Laden aufbrachte, war die Stationierung "gottloser" amerikanischer Truppen im Lande der heiligen Stätten von Mekka und Medina. Er drückte die Gefühle von Schichten der herrschenden Elite in Saudi-Arabien und dem Nahen Osten aus, die fanden, das Saudi-Regime ordne seine Interessen allzu direkt denen Washingtons unter.

Wann genau, und ob tatsächlich ein finaler und vollständiger Bruch zwischen Washington und den ehemaligen islamistischen Alliierten stattgefunden hat, kam niemals ans Licht. 1993-94 unterstützten die USA stillschweigend die Etablierung der Taliban-Milizen in Afghanistan durch Pakistan und Saudi-Arabien. Diese dienten ihnen als Mittel, im Land Ordnung zu schaffen und den Weg frei zu machen für den Bau lukrativer Öl- und Gaspipelines in das ehemals sowjetische Zentralasien. Die USA verfolgten auch eine in hohem Maße ambivalente Politik gegenüber den Aktivitäten von Afghanistan-Veteranen in Tschetschenien und Westchina - niemals schien ganz sicher, ob man sie als Freiheitskämpfer begrüßen oder als Terroristen denunzieren sollte. Doch entweder direkt, oder indirekt durch die Geheimdienste Pakistans und Saudi-Arabiens, hielt die CIA zweifellos weiterhin Kontakte zu ihren afghanischen "Verbündeten" aufrecht - auch lange nach Ende des Afghanistan-Krieges.

Siehe auch:
Politische Wurzeln und Perspektiven von Jemaah Islamiyah - Teil 1
(14. Januar 2004)
Politische Wurzeln und Perspektiven von Jemaah Islamiyah - Teil 3
( 16. Januar 2004)

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