"Die grässlichste aller Foltern"

Zum 150. Geburtstag des Dichters, Schriftstellers, Häretikers und Freiheitskämpfers Oskar Panizza

Von Gastbeitrag von Alexander Bahar
22. Januar 2004

"Wenn jemand denkt und darf seine Gedanken nicht mehr anderen mitteilen, das ist die grässlichste aller Foltern..." (Panizzas Teufel im "Liebeskonzil")

Als "häretischen Heiligenbildmaler" bezeichnete ihn einst Walter Benjamin: Oskar Panizza; der Schriftsteller und Dichter wurde vor 150 Jahren im fränkischen Bad Kissingen geboren. Mit der satirisch-grotesken Himmelstragödie "Das Liebeskonzil" schuf Panizza, dem zeitlebens die literarische Anerkennung versagt blieb, den Anlass für einen der skandalösesten Blasphemieprozesse in der Literaturgeschichte. Mehrere seiner Bücher wurden in der Folge verboten.

In der Tat kreist das gesamte Werk Oskar Panizzas um die Auseinandersetzung mit Katholizismus und Pietismus, religiösem Wahn und sexueller Unterdrückung. Als Verkünder eines wahren Protestantismus, so Panizzas Selbstverständnis, kämpfte der Dichter und Schriftsteller gegen religiösen Aberglauben und klerikalen Obskurantismus. Es gehöre zu den für "Panizza bezeichnenden Widersprüchen, dass er in späteren Jahren einerseits in einem Essay Martin Luthers Triebleben abhandelte (1), andererseits aber wiederholt die Sinnlichkeit und Lebensfreude katholischer Gebräuche als verwerflich bezeichnete", urteilt sein Biograph Michael Bauer.(2)

Sein Leben lang rang Panizza mit seiner religiösen Erziehung. Als Sohn eines bigotten katholischen Vaters italienischer Abstammung und einer katholisch getauften Pietistin mit hugenottischen Wurzeln kam Oskar Panizza am 12. November 1853 in Bad Kissingen zur Welt. Von seiner dominanten, religiös-fanatischen Mutter, die nach dem frühen Tod des Vaters den elterlichen Hotelbetrieb leitete, ursprünglich für eine Laufbahn als Geistlicher vorgesehen, versuchte er sich zunächst als Sänger. Als seine Ambitionen fehlschlugen, studierte er in München Medizin und trat daraufhin die Stelle eines Assistenzarztes an der Oberbayerischen Kreisirrenanstalt unter Prof. von Gudden an, der als Arzt des Bayernkönigs Ludwig II. berühmt wurde. Nebenher wirkte er als Schriftsteller und Dichter im Kreis der Münchner Modernen um Michael Georg Conrad (der sich übrigens später scharf von dem Verfemten distanzierte) (3) und schuf eine Reihe bis heute umstrittener Werke, in denen Religion und Sexualität eine zentrale Stellung einnehmen.

Früh entwickelt Panizza, dessen streng pietistische Erziehung die Mutter gegen die Familie des früh verstorbenen Vaters durchsetzt, einen antiklerikalen Impetus. In seinen dem Andenken Edgar Allan Poes und E.T.A. Hoffmans gewidmeten "Dämmrungsstücken" (1890) und "Visionen" (1893) verwebt er sexuelle, psychologische und religiöse Motive. Beispiele für die Verarbeitung sexueller Konflikte sind etwa die Fetischisten-Novelle "der Korsettenfritz" sowie die separat veröffentlichte Erzählung "Das Verbrechen von Tavistock-Square", in dem es um ein veritables Verbrechen von Pflanzen-Onanie geht. Religiöse und erotische Motive mischen sich in "Der Stationsberg", "Die Kirche von Zinsblech" und "Das Wirtshaus zur Dreifaltigkeit". Einen Schlüssel zum psychologischen Verständnis des Dichters als Opfer einer von religiöser und sexueller Bevormundung geprägten Erziehung liefert die doppelbödige, surrealistisch anmutende Erzählung "Die gelbe Kröte".

Besonders deutlich wird Panizzas Ringen mit Kirche und Religion in seinem wohl bekanntesten Werk, dem Theaterstück "Das Liebeskonzil", das Walter Mehring einst zu dem Vergleich mit Goethes "Faust" anregte. In der satirisch-grotesken Himmelstragödie stellt Panizza das Auftreten der Syphilis Ende des 15. Jahrhunderts in Italien als himmlische Strafe für das lasterhafte Treiben am päpstlichen Hofe unter dem Borgia-Papst, Alexander VI., dar. Dabei kommt es zu einem bezeichnenden Pakt der Himmlischen mit ihrem teuflischen Werkzeug. Der von den Launen seiner Vorgesetzen im Himmel abhängige und wie Panizza in eine gesellschaftliche Randexistenz gedrängte Teufel, eine elegant-höfliche, bei aller Perfidie eigenartig sympathische Erscheinung, erhält den Auftrag, ein Mittel zu ersinnen, geeignet, die Menschheit zwar hart zu bestrafen, sie gleichzeitig aber "erlösungsbedürftig" und "erlösungsfähig" zu erhalten. "Nie ist der Teufel uns näher gekommen als hier", resümierte André Breton im Vorwort zur französischen Ausgabe des "Liebeskonzils".(4)

Das Drama, dessen kühne Blasphemie - Maria als selbstbewusste Anführerin einer grotesken Trinität: ein seniler Gottvater, ein debil-schwindsüchtiger Christus und ein feuriger, pfeifender Streifen als Heiliger Geist - wurde Panizzas Schicksal. Bereits kurz nach seiner Veröffentlichung wurde das "Liebeskonzil" 1895 von einem Münchner Schwurgericht verboten; der Verfasser wurde zu einer einjährigen, folgenreichen Gefängnisstrafe verurteilt - aufgrund desselben mittelalterlichen Gotteslästerungsparagraphen übrigens, der auch heute noch (als § 166 StGB) Bestandteil des deutschen Strafrechts ist. Die Uraufführung fand - in französischer Sprache - erst 1969 im Théâtre de Paris statt. Im Jahr 1981 verfilmte der deutsche Regisseur Werner Schroeter eine Inszenierung der Compagnia Teatro Belli.(5)

Die behördlichen und gesellschaftlichen Anfeindungen, die das "Liebeskonzil" auslöste, veranlassten Panizza zum anschließenden Gang ins Exil nach Zürich, wo er zusammen mit "einer Gemeinde intellektueller Revoluzzer" die "Zürcher Diskussionen, Flugblätter aus dem Gesamtgebiet des modernen Lebens" herausgab. Wegen des Zusammenseins mit einer 15-jährigen Prostituierten am 10. September 1898 verhaftet und ausgewiesen, sah sich Panizza erneut zur Flucht veranlasst. Panizzas Verfolgung durch die Wilhelminische Justiz und die mit ihr verbündete Familie seiner Mutter gipfelten schließlich in der Entmündigung und Vermögensberaubung des Autors und in seiner weitgehenden psychischen Zerrüttung. "Umsonst gelebt" - so das niederschmetternde Urteil des Dichters über sein eigenes Scheitern, das er im Jahr 1904, ein Jahr vor seiner Entmündigung und endgültigen psychiatrischen Einweisung, zu Papier bringt. Den Rest seines Lebens verbringt Panizza in einer privaten Heilanstalt, wo er am 30. September 1921 stirbt.

Wie seine im Sommer 1901 entstandene Schrift "Imperjalja" (6) belegt, steigert sich Panizza in einen wohl verständlichen, aber paranoiden und monomanischen Hass auf den deutschen Kaiser Wilhelm II. und die gesamte Hohenzollerndynastie hinein. Gefangen in seiner extrem individualistischen Weltsicht, bleibt Panizza die Erkenntnis vom gesellschaftlichen Zusammenhang zwischen politischer und religiöser Unterdrückung und wirtschaftlicher Ausbeutung versperrt. In dem verhassten Kaiser und seiner Dynastie glaubt er nicht nur den Urheber seines eigenen Schicksals, sondern auch die Inkarnation alles Bösen, von Willkür, Gewalt und Despotismus und mithin die Quelle allen Übels in Geschichte und Gegenwart zu erkennen.

Die Wiederentdeckung Panizzas durch die aus der Studentenbewegung der 60er Jahre hervorgegangene "neue Linke" war nicht die erste Wiederbelebung des vom literarischen Mainstream Ausgeschlossenen. Panizza vegetierte bereits ein Jahrzehnt in einem Bayreuther Privatsanatorium dahin, als er am Vorabend des Ersten Weltkriegs erstmals neu entdeckt wird. 1913 illustriert Alfred Kubin kongenial eine bibliophile Privatausgabe des "Liebeskonzils". Inmitten der "Stahlgewitter" des Krieges entsteht das Bild von George Grosz "Das Leichenbegängnis des Dichters Oskar Panizza" - eine Metapher auf dessen Verfolgung durch Bourgeoisie und Staatsgewalt im Wilhelminischen Deutschland. Und in den Jahren 1914 und 1923 veröffentlicht Hanns Heinz Ewers, die damalige Gallionsfigur der deutschen phantastischen Literatur, im Rahmen seiner "Galerie der Phantasten" eine Zusammenstellung orthographisch stark geglätteter Erzählungen Panizzas unter dem Titel "Visionen der Dämmerung".

Die darin enthaltenen Geschichte "Der operierte Jud"(7), in der Panizza vom Schicksal des "grauenhaften Stückes Menschenfleisch" Itzig Faitel Stern erzählt, trägt dem Autor auch die Sympathien von völkischen Antisemiten ein. Sie erscheint 1927 erneut im "Völkischen Beobachter". In der zwischen Satire und Groteske schwankenden Erzählung schildert Panizza aus der Sicht eines anthropologischen Amateurforschers die Bemühungen seines Protagonisten, sein Judentum durch kosmetische und chirurgische Manipulationen bis hin zum Blutaustausch "wegoperieren" zu lassen. Das Projekt und mit ihm der Protagonist der Erzählung scheitern grausam, als dieser sich bereits am Ziel seiner Wünsche wähnt und die angestrebte gesellschaftliche Stellung zum Greifen nahe erscheint. Was in jüngerer Zeit als "Explosion eines wütenden Antisemitismus" gedeutet wurde, "wie er in dieser Drastik nur noch vom,Stürmer‘ erreicht worden sei"(8), kann freilich auch ganz anders gelesen werden, nämlich als Satire auf das tragische Scheitern jüdischer Assimilationsbemühungen.

Mehr noch als die Erzählung von Itzig Faitel Stern hat freilich Panizzas erstmals 1894 erschienene Schrift "Der deutsche Michel und der römische Papst. Altes und Neues aus dem Kampfe des Deutschtums gegen römisch-welsche Überlistung und Bevormundung in 666 Thesen und Zitaten" (9) dazu beigetragen, den Autor in den Ruch eines Antisemiten zu bringen. Eine tendenziöse Auswahl der Thesen, für die besonders der spätere Leiter der Parteikanzlei und Sekretär des "Führer", Martin Bormann, geschwärmt haben soll, wurde 1940 unter dem Titel "Deutsche Thesen gegen den Papst und seine Dunkelmänner" im Nordland-Verlag veröffentlicht.

Auch wenn das Werk Panizzas von antisemitischen Einsprengseln nicht frei ist, so lassen sich seine literarischen Selbstheilungsversuche nur gewaltsam im NS-Sinn interpretieren. Antisemitische und gegen den "welschen Erbfeind" gerichteten Aussagen stehen frankophile und Adolf Stöckers Judenhass verurteilende Stellungnahmen gegenüber. Der Bohemien Panizza sympathisierte nicht etwa mit den völkisch-nationalistischen Vorläufern der Nazis, sondern mit der zwölf Jahre lang kriminalisierten Arbeiterbewegung und wollte sich dennoch nicht die,Schärpe‘ der Sozialdemokratie umbinden lassen. Die Inanspruchnahme Panizzas durch die Nazis dürfte sich denn auch in der verstümmelten Neuauflage seines "deutschen Michel" erschöpft haben. Das Gros seiner Werke hingegen, falls den Führern des "1000-jährigen Reiches" überhaupt bekannt, dürfte sehr wahrscheinlich unter die ehrenvolle Rubrik "Entartete Kunst" gefallen sein.

"Im weitverbreiteten Bewusstsein, in einer Epoche des Aufbruchs geboren zu sein, stand Panizza als Schriftsteller zwischen protestantischem Nationalismus und anarchistischem Individualismus Stirnerscher Prägung", urteilt Panizzas Biograph Michael Bauer.(10) Ungleich mehr Berührungspunkte als mit völkischem Gedankengut weist Panizzas - in seiner Kompromisslosigkeit selbstzerstörerischer - Individualismus und Nonkonformismus mit emanzipatorischen künstlerischen und politischen Stömungen des frühen 20. Jahrhunderts auf, wie etwa mit der Bewegung der von André Breton angeführten Surrealisten. Breton, der in dem geistesverwandten Deutschen einen Vorläufer des Surrealismus erkannte, hat Panizzas religiöse und politische Divergenz mit der Charakterisierung des Dichters als "Skorpion im Messkelch" treffend erfasst. "Er war nicht Sozialist, aber eine ganz seltene Art Freiheitskämpfer. Ein richtiger, großer militanter Individualist, der sich vor niemand und vor den Konsequenzen keines Gedankens fürchtete" - so der Schweizer Sozialist Fritz Brupbacher über Panizza. (11)

Kein Geringerer als Kurt Tucholsky setzte sich nach dem Tod Oskar Panizzas mehrfach für die Herausgabe von dessen Gesamtwerk ein, scheiterte aber am hartnäckigen Widerstand der Familie des Dichters und Schriftstellers. 1920 schrieb Tucholsky: "Oskar Panizza. Diesen Mann kennen heute nur noch ganz wenige, und auch seine Bücher sind größtenteils vergriffen, und er selbst lebt in Frankreich in einem Irrenhaus. Dahin brachte im Jahre 1904 den Dr. Oskar Panizza, der wohl, als er noch bei Verstande gewesen ist, der frechste und kühnste, der geistvollste und revolutionärste Prophet seines Landes gewesen ist."

Tucholskys Bemerkung trifft auch heute noch im Wesentlichen zu. Trotz der unbestrittenen Bedeutung Panizzas für die deutsche Literatur des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ist in seiner Geburtsstadt Bad Kissingen bis heute noch nicht einmal eine Straße nach dem Schriftsteller benannt. Lediglich eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus, dem früheren Hotel "Russischer Hof", erinnert an den literarischen Außenseiter. Aktuell sind nur wenige von Panizzas Werken auf dem Buchmarkt erhältlich, darunter "Das Liebeskonzil" (Luchterhand Literaturverlag, München 1982), ein schmaler Band mit Erzählungen ("Ein skandalöser Fall", Martus Verlag, München 1997) sowie - anlässlich seines 150. Geburtstages neu erschienen - "Fränkische Erzählungen", hg. von Klaus Gasseleder (Kleebaum Verlag) und "Das Rothe Haus. Ein Lesebuch zu Religion, Sexus und Wahn" (Verlag Buch&Media).

Anmerkungen:

1) Oskar Panizza: "Luther und die Ehe. Eine Verteidigung gegen Verleumdung", in.: "Die Gesellschaft", März 1893, S. 355-363.

2) Michael Bauer: "Oskar Panizza. Ein literarisches Porträt", (Carl Hanser Verlag) München 1984, S. 93.

3) Eine scharfsinnige Einschätzung der Münchner Modernen sowie der besonderen Rolle Panizzas in diesem Kreis findet sich in einem 1919 publizierten Artikel von Kurt Tucholsky: "Was übrigens diesen Oskar Panizza angeht, so hat er dem Münchner Dichterkreise angehört, dessen damaliger Mittelpunkt, Michael Georg Conrad, heute ein alter Mann ist, der nicht mehr ahnen läßt, was da einst unter seiner Obhut gärte. Der politische Wille dieser Münchner war - wie hätte es in dem wilhelminischen Deutschland auch anders sein können! - viel zu eingeengt, und eine Verbindung mit der praktisch arbeitenden Sozialdemokratie, die die Literaten wieder geistig hätte befruchten können, war kaum vorhanden. So blieb alles ästhetische Geste, was doch befeuernde politische Kraft hätte sein müssen, um wirken zu können, und verebbte schließlich in Bürgerbohème. Ähnlich wie in Friedrichshagen. Aber wie in Friedrichshagen Gerhart Hauptmann Kreis Kreis sein ließ und selber einer wurde, so ragte über die Münchner der unglückliche Oskar Panizza weit hervor." (K. Tucholsky, "Panizza", Gesammelte Werke 2, 1919-1920, S. 154-158, Reinbek bei Hamburg 1975).

4) Zit. nach Oskar Panizza: "Das Liebeskonzil. Eine Himmelstragödie in fünf Aufzügen", S. 7-11, (Luchterhand Literaturverlag) München 1982.

5) 1982 erschien das gemeinsam von Werner Schroeter, Antonio Salines und Peter Berling herausgegebene Buch zum Film ("Liebeskonzil. Filmbuch") bei Schirmer-Mosel, München.

6) Oskar Panizza: Imperjalja, Schriften zu Psychopathologie, Kunst und Literatur V, (Guido Pressler Verlag) Hürtgenwald 1993.

7) Erzählung ist zusammen mit "Der operierte Goj" nachzulesen in dem Sammelband "Der Korsettenfritz", (Verlag Matthes &. Seitz) München 1981.

8) Jens Malte Fischer: "Deutschsprachige Phantastik zwischen Décadence und Faschismus", in: Rein A. Zondergeld (Hg.): "Phaïcon 3, Almanach der phantastischen Literatur", (Suhrkamp Verlag) Frankfurt/Main 1978, S. 93-130.

9) Eine Neuauflage der Originalschrift erschien 2003 ("Publishing on Demand") im Verlag Buch&Media in der Reihe "Allitera Verlag"

10) Michael Bauer: "Oskar Panizza. Ein literarisches Porträt", (Carl Hanser Verlag) München 1984, S. 8.

11) Fritz Brupbacher: "60 Jahre Ketzer. Selbstbiographie.", Zürich 1935, S. 66 f.