Was die Anhörungen über den 11. September ans Licht brachten

Teil Vier: Flugzeugentführungen werden absichtlich zugelassen

Von Patrick Martin
25. Mai 2004

Im Folgenden der vierte und letzte Teil einer Artikelserie über die Anhörungen in Washington zum 11. September 2001, die sich mit den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon befassten.

Eine Standardbehauptung der Bush-Regierung und ihrer Verteidiger war, vor dem 11. September habe sich niemand vorstellen können, dass entführte Flugzeuge als fliegende Bomben missbraucht werden könnten.

Am kategorischsten äußerte sich womöglich die Sicherheitsberaterin des Präsidenten, Condoleezza Rice, im Mai 2002.

Sie reagierte auf zahllose Presseberichte, die nach der Veröffentlichung des inzwischen berühmten Tagesberichtes an den Präsidenten (PDB) vom 6. August 2001 erschienen waren. Im Gegensatz zu ihren früheren Behauptungen, dass die Terrorschläge vom 11. September wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen seien, musste die Regierung nun zugeben, dass der Präsident bereits fünf Wochen vor den Anschlägen von der CIA eine Geheiminformation erhalten hatte, welche ausdrücklich auf die Gefahr von Anschlägen der al Qaida auf amerikanischem Boden hinwies.

Die Regierung geriet unter Beschuss, weil sie diese Geheimdienstinformation verschwiegen hatte. Rice wurde in einer Pressekonferenz gebeten, dies zu erläutern. Sichtlich unter Druck und erregt beantwortete sie eine Frage nach der anderen und erklärte dann: "Meiner Ansicht nach konnte niemand vorhersehen, dass diese Leute ein Flugzeug nehmen würden, um es ins World Trade Center zu stürzen und ein weiteres ins Pentagon, dass sie Flugzeuge als Geschosse nutzen wollten."

Flugzeuge als Waffen

Genau zu diesem Thema hat jedoch ein Mitglied der 9/11-Kommission, der Demokrat und ehemalige Sonderermittler im Watergate-Skandal Richard Ben-Viste, Verteidigungsminister Rumsfeld und den ehemaligen CIA-Direktor Louis Freeh ausgiebig befragt. Dabei wurden zwei wichtige Tatsachen deutlich: Die CIA war sich bereits seit langem über die Gefahr bewusst, dass entführte Flugzeuge als Waffen benutzt werden könnten, und die Bush-Regierung war über diese Erkenntnisse informiert.

Als Rumsfeld während seiner Anhörung vor der 9/11-Kommission ebenso wie zuvor Condoleezza Rice auf die Linie "Niemand konnte sich vorstellen..." einschwenkte, verwies Ben Veniste auf die lange Reihe diesbezüglicher Warnungen, die die Kommission zusammengetragen hatte. Diese Warnungen gründeten sich nicht nur auf Geheimdienstberichte, sondern auch auf Material, welches weitgehend im Internet verfügbar war. Er forderte Rumsfeld auf, dazu Stellung zu nehmen.

Ben Veniste: "In Ihren Ausführungen zu den Inlandsgeheimdiensten und dem Stand der Erkenntnisse am 10. September haben Sie erklärt, dass Ihnen keine Erkenntnisse vorlagen, die darauf hindeuteten, dass man in den USA Flugzeuge entführen und in Gebäude fliegen könnte.

Nun, es steht fest, dass die US Geheimdienste sehr viele Informationen hatten, die darauf hindeuteten, dass Terroristen seit 1994 erwogen, Flugzeuge - voll mit Benzin, Bomben, Sprengstoff - als Waffen zu nutzen. Algerische Terroristen hatten 1994 den Plan ein Flugzeug in den Eiffelturm zu fliegen. 1995 diskutierten die Bojinka-Verschwörer, ein kleines, mit Sprengstoff beladenes Flugzeug ins Pentagon zu fliegen. Ganz sicher war die CIA darüber informiert.

Es gab 1997 Pläne, einen unbemannten Flugkörper zu benutzen. Im Jahr 1998 erwog eine mit al Qaida verbundene Gruppe eine Zivilmaschine in das World Trade Center zu steuern. Im Jahre 1998 deckte der türkische Geheimdienst eine Verschwörung auf, bei der ebenfalls Flugzeuge als Waffen missbraucht werden sollten. 1999 gab es eine Verschwörung, um ein Flugzeug auf einem Flughafen zu sprengen. Im selben Jahr plante eine andere Verschwörung den Einsatz eines mit Sprengstoffen bestückten Gleitschirms. Im Jahr 1999 oder 2000 gab es einen Plan von Terroristen, eine Boeing 747 zu entführen. Im August 2001 erhielten die US-Geheimdienste Informationen hinsichtlich eines möglichen Anschlags auf die US-Botschaft in Nairobi.

Ich behaupte daher, dass angesichts einer solchen Bedrohungslage im Sommer 2001, die darauf hindeutete, dass etwas Großes sich anbahnte und, wie Sie erwähnten, die Bundesluftfahrtbehörde die Leute am Boden nicht vor der Gefahr einer Flugzeugentführung durch islamistische Terroristen warnte, sie anscheinend nichts Konkretes getan hatte, obwohl sie die Möglichkeit einer Flugzeugentführung in den USA gesehen hatte.

Niemand auf den Flughäfen wird vor irgendwelchen besonderen Bedrohungen gewarnt. Niemand vom Flugpersonal ergreift Schutzmaßnahmen.

Ich verstehe, dass es wichtig ist, al Qaida im Ausland zu verfolgen. Aber die USA zu schützen ist ebenso wichtig. Und es scheint mir, dass die Behauptung, ein solches Ereignis (wie das vom 11. September) sei für uns unvorstellbar gewesen, nicht den Stand des Wissens der Geheimdienste aus dem Jahre 2001 widerspiegelt."

Rumsfeld: "Einige Anmerkungen. Ich stimme mit Ihnen weitgehend überein, dass es einige Berichte über potentielle Flugzeugentführungen gab. Ich erinnere mich sogar an Kommentare über UAVs (unbesetzte Flugkörper - Drohnen). Auch über Privatflugzeuge, mit denen Angriffe geführt werden könnten, habe ich Material gesehen. Aber ich kann mich nicht erinnern, während meiner Zeit in der Regierung irgendetwas über die Idee gelesen zu haben, dass eine Zivilluftfahrtmaschine gekapert und als Rakete benutzt werden könnte. Ich kann mich an so etwas einfach nicht erinnern. Du vielleicht, Dick?"

Myers: "Nein, ich auch nicht."

Ben Veniste: "Nun, die Dinge liegen aber nun so, dass unserer Kommission etwa acht bis zehn solcher Beispiele dafür vorliegen, welche den Geheimdiensten alle gut bekannt waren. Du meine Güte! Eines dieser Beispiele berichtete sogar von einem kleinen Flugzeug, das irgendjemand direkt neben dem Weißen Haus landete."

Rumsfeld: "Ich erinnere mich."

Ben Veniste: "Damit eine Bruchlandung hinlegte. Die CIA wusste von einer Verschwörung, die darauf abzielte, ein mit Sprengstoff beladenes Flugzeug in ihr eigenes Hauptquartier zu fliegen. Unsere Geheimdienste wussten sehr wohl, dass es sich hier um eine mögliche Art des Anschlags handelt."

Was die Geheimdienste der USA wussten

Im April kam es in der 9/11-Kommission zu folgendem Wortwechsel mit FBI-Direktor Freeh, der bestätigt, dass der US-Geheimdienstapparat sich seit Mitte der 90-er Jahre darüber im Klaren war, dass der Gebrauch von entführten Flugzeugen als Waffe eine reale Gefahr darstellt.

Ben Veniste: "Lassen Sie mich die Frage behandeln, wieweit die Geheimdienste darüber informiert waren, dass Flugzeuge als Waffen benutzt werden könnten - ein Thema von offensichtlichem Interesse für unsere Kommission. Kam die Frage der Flugzeuge als Waffen während der Vorbereitung der Olympischen Spiele von Atlanta 1996 auf?"

Freeh: "Ja, ich glaube das kam mit einer Reihe von - wie wir es nannten - besonderen Ereignissen auf. Es gab in der Regierung übergreifende Sitzungen zur strategischen Planung. In den Jahren 2000 und 2001, denke ich, vielleicht kann man sogar bis zu den Olympischen Spielen des Jahres 2000 zurückgehen, wurde diese Frage in unseren Planungen berücksichtigt. Die Kapazitäten waren tatsächlich auf eine solche besondere Bedrohung eingestellt."

Ben Veniste: "Es war also in den Geheimdiensten gut bekannt, dass eines der potenziellen Mittel der Terroristen, welches in deren Kreisen nach Erkenntnissen unserer Geheimdienste diskutiert wurde, die Nutzung von Flugzeugen - mit Sprengstoffen vollgepackt oder auf andere Weise - für Selbstmordanschläge war."

Freeh: "Derartiges berücksichtigten unsere Planungen, das ist richtig."

Ben-Veniste konzentrierte sich dann auf die Zeit des Übergangs von der Clinton- zur zweiten Bush-Regierung und besonders die Planung des G8-Gipfels in Genua im Juni 2001.

Ben Veniste: "Kam die Frage auf, dieselbe Frage, kam sie wieder auf? Sie waren ja noch weitere sechs Monate - mehr oder weniger - nach der Clinton Regierung noch für die Bush-Regierung im Amt, wie ich weiß. Spielte die Frage bei der Planung des G8-Gipfels in Genua eine Rolle?"

Freeh: "Ich kann mich daran nicht erinnern, aber ich wäre nicht in diese Planungen einbezogen worden. Das FBI wäre in diese Planungen nicht einbezogen worden."

Ben-Veniste: "Uns wurde mitgeteilt, dass es eine Flugverbotszone gab, die in der Vorbereitungszeit zunächst über Neapel und während des Gipfels der acht Staatsoberhäupter über Genua verhängt wurde. Nach dem Gipfel verlautbarte, dass Mubarak, der Präsident Ägyptens, vor einem Anschlag mit sprengstoffbeladenen Flugzeugen gewarnt hatte, die in das Gipfeltreffen geflogen werden sollten."

Freeh: "Das streite ich nicht ab. Aber die Planungen erfolgten durch den Geheimdienst, wahrscheinlich durch das Verteidigungsministerium. Wir hatten mit diesem außerhalb der USA stattfindenden Ereignis nichts zu tun, obwohl wir vermutlich über einige Personen dort genau unterrichteten."

Die Befragung wandte sich dann den Luftverteidigungsplänen gegen Selbstmordanschläge zu.

Ben Veniste: "Ich möchte Sie fragen: Wissen Sie etwas darüber, ob die im Jahr 2001 gesammelten Geheimdienstinformationen über verschiedene Pläne von Terroristen, Flugzeuge in irgendeiner Weise als Waffen einzusetzen, in die Planungen der Verteidigung und des Schutzes unserer Heimat und besonders unserer Hauptstadt, Eingang fanden?"

Free: "Ich weiß von einem solchen Plan nichts."

Ben-Veniste: "Können Sie angesichts der Tatsache, dass wir die Informationen hatten und - wie wir jetzt wissen - unsere Verteidigung wie im Kalten Krieg nach außen gerichtet war, erklären, warum es keine solchen Verteidigungsmaßnahmen in Bezug auf unser Inland gab? Lag hier, angesichts all der zu dieser Zeit verfügbaren Informationen, ein Versagen der Clinton-Regierung oder der Bush-Regierung vor?"

Freeh: "Nun, ich würde das nicht als Versagen einer der beiden Regierungen bezeichnen wollen. Sie und ich wissen, dass es damals Luftverteidigungssysteme gab, die das Weiße Haus schützten. Es gab Verteidigungssysteme, die zum Militärkommando in Washington DC gehörten. Ich glaube nicht, dass es einen Plan gab - zumindest ist mir davon nichts bekannt - der berücksichtigte, dass entführte zivile Maschinen als Waffen missbraucht werden könnten. Ich glaube nicht, dass eine solche Möglichkeit Bestandteil irgendeines Plans war."

Bezeichnenderweise war das Verteidigungsministerium laut Freeh und Ben-Veniste in die Luftverteidigungspläne beim Genua-Gipfel einbezogen. Aus Sicherheitsgründen übernachtete Bush an Bord eines Schiffes der US-Marine, statt in einem Hotel. Luftabwehrwaffen waren rund um Genua platziert und hatten den Befehl, jedes entführte Flugzeug abzuschießen, welches gegen die versammelten Präsidenten und Premierminister gerichtet werden könnte. Aber in Washington DC gab es keine solchen Vorkehrungen.

Das NORAD-Szenario

Zur selben Zeit, als letzten Monat die CIA- und FBI-Beamten öffentlich von der 9/11-Kommission befragt wurden, berichtete die Washington Post, dass das NORAD (Nordamerikanisches Luftverteidigungskommando) wenige Monate vor dem 11. September 2001 - und nachdem Rumsfeld schon Verteidigungsminister war - die Möglichkeit diskutiert habe, ein entführtes Zivilflugzeug könne bei einem Terroranschlag ins Pentagon gelenkt werden.

In dem Artikel vom 15. April 2004 heißt es: "Die Beamten des US-Militärs sagten gestern, dass sie, als sie Monate vor den Anschlägen des 11. September 2001 eine Übung für die höchsten Ränge planten, ein Szenario in Betracht zogen, in dem ein entführtes Flugzeug in das Pentagon gelenkt werden könne."

Der Bericht stützt sich auf die E-Mail eines pensionierten Armee-Offiziers, die dieser kurz nach dem 11. September schrieb, um das Verhalten des NORAD während der Terroranschläge zu rechtfertigen. Die unerklärliche Verzögerung bis zum Erscheinen der Kampfflugzeuge über New York und Washington, nachdem die Luftfahrtbehörde die Entführungen gemeldet hatte, hatte Anlass zu heftiger Kritik gegeben.

Der Offizier wies darauf hin, dass das Entführungsszenario von einem NORAD-Planer vorgeschlagen worden war, vom Stab jedoch als "zu unrealistisch" abgelehnt wurde. Seine E-Mail verwies auch darauf, dass das US-Pazifik-Kommando die Idee ebenfalls ablehnte und dies damit begründete, dass sie eine "Ablenkung von den Übungszielen" darstelle. Ein Sprecher des Pentagon bestätigte, dass das Szenario für die Übung vorgeschlagen und abgelehnt wurde. In dem Manöver namens "Positive Kraft" sollte geübt werden, das Kommando über die Streitkräfte im Kriegsfall auch dann zu halten habe, wenn das Pentagon-Gebäude selbst zerstört sei.

Die Rolle des NORAD im Zusammenhang mit dem 11. September wird im Mai noch Gegenstand weiterer Zeugenaussagen vor der 9/11-Kommission sein. Vierundvierzig Minuten verstrichen vom Zeitpunkt des Einschlages des American-Airlines-Fluges 11 ins World Trade Center bis zum Start der Kampfflieger vom Luftwaffenstützpunkt Langley in Virginia. Kein einziger Kampfflieger kam von der Andrew-Luftwaffenbasis, die Washington am nächsten liegt.

Es bleibt unklar, wann Bush die entführten Maschinen zum Abschuss freigab und ob bzw. wann dieser Befehl dann vom Pentagon an die Piloten der NORAD ging. Beamte des NORAD sagten aus, dass sie am 11. September nicht vor 10 Uhr 10 von diesem Befehl erfuhren, nachdem also der vierte Jet in Pennsylvania in ländlichem Gebiet abgestürzt war. Anfangs weigerte sich NORAD, die von der 9/11-Kommission gewünschten Unterlagen herauszugeben und forderte zunächst einen förmlichen Antrag auf Herausgabe.

Warum gab es keine Schutzmaßnahmen gegen Flugzeugentführungen?

Die Geschichte von der "ungenügenden Vorstellungskraft" fällt sofort in sich zusammen, wenn man sie für einen Augenblick akzeptiert und dann die logisch nahe liegendste Frage stellt. Angenommen, niemand in der Bush-Regierung erkannte die Möglichkeit, dass entführte Linienflugzeuge als fliegende Bomben missbraucht werden könnten. Wie verhält es sich dann aber mit Vorkehrungsmaßnahmen gegen Entführungen, die den häufiger vorkommenden Zweck verfolgen, politische Zugeständnisse zu erpressen? Es geht klar aus den Akten hervor, dass auch Maßnahmen dagegen unterblieben.

Am 5. Juli 2001, nach mehrfachen geheimdienstlichen Warnungen und dem anhaltenden Drängen Richard Clarkes, dem Antiterrorspezialisten im Nationalen Sicherheitsrat, baten die Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und der Stabschef des Weißen Hauses, Andrew Card, die Chefs der wichtigsten nationalen Behörden zu einem Treffen im Weißen Haus, um von Clarke Informationen zu bekommen. Zu den versammelten Behörden gehörten neben dem FBI auch die Bundesluftfahrtbehörde, der Zoll und die Einwanderungsbehörde.

Am 6. Juli schickte Clarke eine E-Mail an Rice, in der er die Punkte aufführte, in denen beim Treffen Übereinstimmung erzielt wurde. Dazu gehörte auch ein Beschluss, dass das FBI, die CIA und das Pentagon "detaillierte Pläne für den Fall von drei bis fünf gleichzeitigen Angriffen" ausarbeiten sollte.

Aber der Inhalt dieser Entscheidungen wurden nicht den Beamten mitgeteilt, die für die Umsetzung verantwortlich waren. Weder die Direktorin der Luftfahrtbehörde, Jane Garvey, noch ihr Chef Norman Mineta wurden über die Entscheidungen vom 5. Juli informiert. Die Bundesluftfahrtbehörde gab eine Anweisung an die Fluggesellschaften, dass man mehr Wachsamkeit hinsichtlich der Gefahr von Entführungen walten lassen solle, forderte aber keine konkreten Maßnahmen. Die Außenstellen des FBI wurden nicht über drohende Terroranschläge in den USA informiert.

Im vorläufigen Bericht der 9/11-Kommission heißt es: "Beginnend mit dem 27. Juli erließ die Bundesluftfahrtbehörde (FAA) Direktiven für die Luftfahrtgesellschaften. Zusätzlich gab die FAA eine Reihe allgemeiner Warnungen bezüglich potenzieller - in erster Linie ausländischer - Bedrohungen für die zivile Luftfahrt aus. Die Luftfahrtgesellschaften wurden aufgefordert wachsam zu sein, aber es wurden keine Maßnahmen gefordert."

Das Kommissionsmitglied Jamie Gorelick, Demokrat und stellvertretender Justizminister in der Clinton-Regierung, warf diese Frage gegenüber Condoleezza Rice am 8. April auf. Aber die Zunge der Nationalen Sicherheitsberaterin schien gelähmt zu sein.

Gorelick: "Lassen Sie mich einige Fakten nennen. Sie können diese dann kommentieren.

Zunächst - während Dick Clarke Sie möglicherweise informierte, berichteten viele andere im Nationalen Sicherheitsrat und viele Verantwortliche der Inlandsgeheimdienste ihren Vorgesetzten nicht davon. Mineta, der Minister für Transport, hatte keine Kenntnis von der Bedrohungslage. Der Leiter der FAA, verantwortlich für die Sicherheit der zivilen Luftfahrtgesellschaften, hatte keine Vorstellung von der Bedrohung. Ja, der Justizminister wurde informiert, aber die Information enthielt keine Hinweise auf zu ergreifende Maßnahmen.

In Ihrer Erklärung heißt es, dass das FBI seine Stäbe anwies, herauszufinden, was wirklich vor sich ging. Dazu haben wir nichts in den Akten. Der Terrorismus-Stab in Washington erklärt, nie etwas über die Bedrohung gehört zu haben. Er erfuhr nicht von den Warnungen und wurde nicht zum Treffen (mit Clarke) gebeten. Die Agenten mit besonderen Aufgaben im Land, besonders in Miami, wussten nichts davon. Nun komme ich zurück zu Ihnen. Haben Sie wirklich auf die vom FBI herausgegebenen Nachrichten geachtet?"

Rice: "Ja."

Gorelick: "Mir, und Sie können mich gern korrigieren, erscheinen sie nutzlos. Sie sagen niemand etwas und bringen keinen auf die Beine."

Das Kommissionsmitglied Bob Kerrey, ein ehemaliger Senatsabgeordneter der Demokraten, ist ein begeisterter Befürworter des Irakkrieges. Er fasste die Widersprüche in den Aussagen der Bush-Regierung zusammen. Auf der einen Seite behauptete sie, sie sei vom 11. September überrascht worden, auf der anderen Seite gab sie an, sie habe sich angesichts der Bedrohung durch al Qaida "auf Gefechtsstation" (Rice) befunden. Kerrey befragte den ehemaligen Antiterror-Chef Cofer Black. Er bezog sich auf die Bandaufzeichnung eines Gespräches der Flugbegleiterin Betty Ong, die in einem der entführten Jets umkam, mit dem Personal der FAA am Boden.

Kerrey: "Lassen Sie mich eine letzte Frage stellen. Wie in Gottes Namen konnte es dazu kommen? Ich höre von Gefechtsstationen und allem Möglichen, aber auf den Flughäfen ging alles seinen gewohnten Gang. Wir standen Gewehr bei Fuß. Aber wir waren nicht auf eine Entführung vorbereitet. Sie können jetzt sagen: ‚Gut, aber wir wussten von der ganzen Verschwörung nichts’ - eine einfache Entführung hat uns überrascht. Wie in Gottes Namen konnte das passieren?"

Black: "Soll ich Ihnen darauf antworten ?"

Kerrey: "Ja, wenn Sie können. Wenn nicht, auch gut. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es könnte."

Black: "Meine Antwort lautet, dass ich es nicht weiß. Aber ich möchte sagen, eben deshalb sind wir eine eher paranoide Truppe, die nicht viel zum Schlafen kommt."

Über die Bemerkungen Kerreys sollte man nachdenken. Der Senator, ein "Falke", äußert sich verärgert über die offensichtlich falsche Behauptung der Regierung, dass sie die Terrordrohung vor dem 11. September ernst genommen habe. Selbst elementare Vorkehrungen gegen solche Entführungen, wie man sie bereits erlebt hatte, wurden nicht getroffen. Warum nicht? Die Vorstellung, dass der gesamte Geheimdienstapparat geschlafen habe, das Gerede von "Keiner konnte es sich vorstellen" etc. ist einfach lächerlich.

Die weit plausiblere Antwort - die weder Kerrey noch Black zu äußern wagen - ist, dass die US-Regierung die Verteidigung absichtlich herunterfuhr. Die Bush-Regierung wünschte eine Terrorattacke, vielleicht eine Flugzeugentführung, die ein Risiko für einige Hunderte darstellte, um den Vorwand für eine weltweite militärische Aggressionen zu haben, in deren Verlauf inzwischen schon zwei Regierungen gestürzt wurden und Afghanistan und Irak besetzt worden sind.

Rice, Rumsfeld, Cheney und Co. haben beständig - und mit seltsam gedrechselten Formulierungen - behauptet, dass sie etwas unternommen hätten, wenn sie nur gewusst hätten, dass Terroristen am 11. September vier Flugzeuge zu entführen planten, um sie ins World Trade Center und ins Pentagon zu steuern. Wenn an diesem Gerede irgendetwas wahr ist, dann das: Die Bush-Regierung hatte vermutlich nur unklare Vorstellungen davon, dass ein Anschlag drohte und insgeheim wird sie ihn begrüßt haben, weil er ihr einen Kriegsgrund liefern würde. Ihr "Mangel an Vorstellungskraft" bedeutete, dass sie nicht vorhersehen konnte, welchen kolossalen Schlag der 11. September bringen würde.

Siehe auch:
Teil 1
(11. April 2004)
Teil 2 - Im FBI und Justizministerium werden die Vorwarnungen ignoriert
( 12. April 2004)
Teil 3 - CIA und Al-Qaida
( 12. April 2004)