Siebter Vortrag: Marxismus Kunst und die sowjetische Debatte über "proletarische Kultur"

Teil 3

Von David Walsh
8. Dezember 2005

Dies ist der dritte Teil des Vortrags "Marxismus, Kunst und die sowjetische Debatte über ‚proletarische Kultur’" von David Walsh. Walsh schreibt für die WSWS regelmäßig zu Fragen der Kunst und Kultur und hielt seinen Vortrag im Rahmen der Sommerschule der Socialist Equality Party/WSWS, die vom 14. bis 20. August in Ann Arbor stattfand. Wir veröffentlichen den Vortrag als vierteilige Serie.

Die Ursprünge der Bewegung für Proletarische Kultur

Die besonderen Bedingungen im rückständigen Russland brachten eine etwas andere Dynamik mit sich. Bis zu einem gewissen Maße wurden viele der kulturellen Fragen, die in der deutschen sozialistischen Bewegung vor 1914 aufkamen, in Russland erst zu umstrittenen Punkten, nachdem die Arbeiterklasse unter bolschewistischer Führung im Oktober 1917 die Macht übernommen hatte.

Die Debatte über "proletarische Kultur" in der UdSSR und ihre Konsequenzen sind für unsere heutige Arbeit immer noch von größter Bedeutung. Ich möchte versuchen, die wichtigsten Themen dieser Debatte herauszuschälen.

Ich habe bereits erwähnt, dass Trotzki und Woronski - nach einem ersten Eingreifen Lenins in die Debatte - an der marxistischen Sichtweise auf Kunst und Kultur festhielten und diese vertieften. Der Wiederaufbau des Landes nach sieben Jahren Krieg und Bürgerkrieg war ein enormes Unterfangen, insbesondere für den ersten Arbeiterstaat, der im rückständigen Russland entstanden, von Feinden umzingelt und vom kulturellen und technologischen Vorsprung in den wirtschaftlich entwickelten Ländern Westeuropas abgeschnitten war. Das kulturelle Niveau der Massen zu heben erschien den Bolschewiki selbst als die Frage aller Fragen.

Widerstand gegen die klassischen marxistischen Konzeptionen kam aus verschiedenen Lagern, unter anderem auch, wie Frederick Choate in seinem Vorwort zu einer Auswahl von Woronskis Schriften feststellt, "von dort, wo man sie am wenigsten erwartete: nicht von offenen Feinden der Sowjetrepublik, sondern von ungebildeten Anhängern der Sowjetmacht und vor allem Vertretern der Bewegung für ‚Proletarische Kultur’ (Proletkult)". [21]

Eine zentrale Gestalt in der Proletkult-Bewegung war Alexander Bogdanow. Bogadanow verdient eine gewisse Aufmerksamkeit wegen seiner Rolle in der Geschichte des sowjetischen Kulturlebens und wegen seiner Bedeutung als "Vorvater" vieler ideologischer Trends, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts gegen den Marxismus entwickelten - Trends, die zum Teil noch heute da sind. Alle, die mit der Geschichte der marxistischen Bewegung vertraut sind, kennen Bogdanow als denjenigen, gegen den Lenins herausragendes Werk Materialismus und Empiriokritizismus (1908) in erster Linie gerichtet war.

Bogdanow war zweifellos eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Der gelernte Arzt mit großem Interesse an Physiologie, Technologie und den Naturwissenschaften war der Verfasser von zwei utopischen Science-Fiction-Romanen. Er wurde insgesamt drei Mal verhaftet und ins Exil gesandt und schloss sich 1899 der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands an, in dem gleichen Jahr, in dem er seinen Abschluss als Mediziner machte.

Nach der Spaltung der Partei in Bolschewiki und Menschewiki und während der Revolution von 1905 arbeitete er eng mit Lenin zusammen. Doch die Niederlage der Revolution und der Rückzug der Arbeiterklasse ließen Bogdanow ziemliche falsche philosophische und politische Schlussfolgerungen ziehen.

Neue Entdeckungen in der Physik und den Naturwissenschaften, insbesondere in Hinblick auf die atomare Struktur, und falsche Schlüsse, die von einigen Wissenschaftlern aus diesen Entdeckungen gezogen wurden (zum Beispiel von Ernst Mach), brachten Bogdanow dazu, den dialektischen Materialismus zugunsten "positivistischer" Vorstellungen aufzugeben, die die neuste Mode in der Philosophie darstellten.

Bogdanow folgte einigen dieser Wissenschaftler, wies den Materialismus zurück und argumentierte, dass Dinge oder Körper "Empfindungskomplexe" seien und "wir nur unsere Empfindungen empfinden", wie es ein führender zeitgenössischer Wissenschaftler ausdrückte [22]. Mit anderen Worten: Wir erkennen nur Farbe, Geschmack, Geruch, Härte, Kälte etc. aber nicht die Dinge an sich. Die Materialisten bezeichnete er als "Metaphysiker", weil sie darauf bestanden, dass die Welt vollkommen unabhängig von unserer Wahrnehmung existiere.

Lenins entschiedene Verteidigung des dialektischen Materialismus versetzte der politischen und philosophischen Glaubwürdigkeit Bogdanows einen gewaltigen Schlag, insbesondere seinem Anspruch, er repräsentiere innerhalb der marxistischen Bewegung die "neuen Wissenschaften". 1911 nahm er Abschied vom aktiven politischen Leben und schloss sich, anders als Lunatscharski und Pokrowski, andere führende Mitglieder seiner Gruppe, nie wieder der bolschewistischen Partei an. Stattdessen widmete er sich der "Organisationswissenschaft" und der "Proletarischen Kultur".

Bogdanow zog auch einige sehr verfehlte und irreführende politische Schlussfolgerungen aus der Niederlage der Revolution von 1905. Während Lenin und Trotzki sich bemühten, alle wichtigen Lehren aus dieser Erfahrung zu ziehen, um so die nächste soziale Erhebung vorzubereiten, fragte sich Bogdanow laut, ob die Niederlage nicht auf das Unvermögen der Arbeiterklasse zurückzuführen sei.

Er gelangte zu der Auffassung, dass das Scheitern der Revolution auf organische Schwächen der Arbeiterklasse zurückging, auf ihre ideologische Unreife und ihre fehlende kulturelle Unabhängigkeit von der Bourgeoisie. Das ist eine verbreitete Reaktion von "linken" Intellektuellen eines bestimmten Typs auf Rückschläge, quasi eine Reaktion "aus dem Bauch heraus". Wir können sie auch heute in großem Ausmaß beobachten. Bogdanow gehört zu den Gründern dieser unrühmlichen Tendenz, auch wenn er aus einem weitaus besseren Stoff gemacht war als seine heutigen Nachfolger.

Da sich der politische Kampf als unzureichend erwiesen habe, folgerte er, sei es notwendig, "Elemente einer Kultur im Anfangsstadium zu entwickeln und zu systematisieren - die er als ‚Elemente des Sozialismus in der Gegenwart’ bezeichnete" [23]. Der Kampf für den Sozialismus erfordere "die Schaffung neuer Elemente des Sozialismus im Proletariat selbst, in den zwischenmenschlichen Beziehungen und in den Lebensbedingungen: Die Entwicklung einer sozialistischen proletarischen Kultur" [24].

Ein Historiker fasst Bogdanows Position folgendermaßen zusammen: "Was vor allem zählte, war die bewusste Kultivierung der im Keim vorhandenen Elemente des Sozialismus, bevor man zur Revolution griff. Mit Bogdanows Worten: ‚Die sozialistische Entwicklung wird von der sozialistischen Revolution gekrönt’." [25]

Dies ist absolut nicht unsere Konzeption. Wir kämpfen für die höchste politische und kulturelle Entwicklung unserer eigenen Kräfte und der größtmöglichen Teile der Arbeiterklasse. Darum sind wir hier. Das machen wir jeden Tag. Wir übertragen niemand anderem die Verantwortung dafür, eine internationale sozialistische Kultur aufzubauen. Wir kämpfen für eine Partei mit der größtmöglichen Mitgliedschaft, Anhängerschaft und dem größtmöglichen Einfluss. Wir verstehen aber, dass der politische Prozess von objektiven Kräften angetrieben wird. Unabhängig davon, auf welchem individuellen Weg wir zu diesem Versammlungsort gelangt sind, sind wir aus bestimmten historischen und gesellschaftlichen Gründen hier. Der Sozialismus entsteht als Bewegung und Ideologie aufgrund der unvereinbaren Widersprüche der Kapitalismus und der Widerspiegelung dieser Widersprüche im Geist der größten Denker.

In unserer Haltung findet sich nicht eine Spur von Fatalismus, aber wir erkennen an, dass der Kapitalismus und seine Krise den Großteil der Arbeit erledigen. Die Aufgabe der Menschheit, erklärte Lenin, besteht darin, die objektive Logik der wirtschaftlichen Entwicklung zu verstehen, so dass wir in der Lage sind, unser Bewusstsein an diese Wirklichkeit "so deutlich, so klar, so kritisch als möglich anzupassen". [26]

Dies ist sehr weit entfernt von Bogdanows verzweifeltem Projekt, die Arbeiterklasse gesellschaftlich, kulturell und moralisch zu erneuern. Letztlich enden solche Intellektuelle - und wir haben heute genug Neoutopisten, Semiidealisten und Wirrköpfe - immer dabei, dass sie die Arbeiterklasse wiegen und zu leicht befinden.

Solche Ansichten waren in den 1960er und 70er Jahren in den Vereinigten Staaten (und anderswo) auch in der Neuen Linken und von ihr beeinflussten Kulturzirkeln weit verbreitet. Die Vorstellung, die Arbeiterklasse sei auf ihre revolutionäre Rolle ohnehin nicht vorbereitet oder ihrer sogar unwürdig, ist zutiefst reaktionär und steht im unvereinbaren Gegensatz zum historischen Materialismus. Unser Wirken gilt der kulturellen und moralischen Hebung der Bevölkerung; zweifellos ist ein bedeutender Stimmungsumschwung notwendig, damit der Sozialismus tiefe Wurzeln schlägt. Aber man muss ein Verständnis für historische Dimensionen haben. Dieser Prozess hat definitive Grenzen, die durch die objektiven Tatsachen des Lebens unter dem Kapitalismus vorgegeben sind.

Weil die Arbeiterklasse unter Bedingungen der Ausbeutung und Unterdrückung lebt und weil sie ohne Eigentum und kulturell unterprivilegiert ist, entwickelt sie sich politisch nicht einheitlich. Es gibt fortschrittlichere Schichten; unsere Partei findet unter ihnen Unterstützung. Andere Schichten werden mit uns sympathisieren, aber nicht aktiv werden. Wieder andere werden mehr oder weniger neutral bleiben. Andere, eine Minderheit, die Rückständigsten, werden aktiv ihre Feindschaft zum Ausdruck bringen.

Die Entwicklung der wirtschaftlichen und politischen Katastrophe des Kapitalismus wird Massen von Menschen in den Kampf ziehen. Alles hängt dann von der Existenz eines marxistischen Kaders ab, um die fortschrittlichten Teile der arbeitenden Bevölkerung politisch zu bilden und für den Kampf um die Macht vorzubereiten. Wir bestehen darauf, dass ein objektiver Antrieb für die soziale Revolution existiert, und darauf gründen wir unsere Aktivität.

Marx und Engels betonten, das "kommunistische Bewusstsein" sei ein Ergebnis der sozialen Revolution und nicht ihre Voraussetzung. Sie schrieben in Die deutsche Ideologie, "daß sowohl zur massenhaften Erzeugung dieses kommunistischen Bewußtseins wie zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig ist, die nur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolution vor sich gehen kann; daß also die Revolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse auf keine andre Weise gestürzt werden kann, sondern auch, weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden." [27]

Trotzki erklärte im Jahre 1932 gegenüber einem französischen Schriftsteller: "Wer von einer proletarischen Literatur spricht und sie der bürgerlichen Literatur entgegenstellt, meint damit offenbar nicht einige Werke sondern eine Gesamtheit künstlerischen Schaffens, das seiner Ansicht nach ein Element einer neuen, ‚proletarischen’ Kultur darstellt. [...] Wenn der Kapitalismus dem Proletariat solche Möglichkeiten bieten würde, wäre er kein Kapitalismus mehr. Es gäbe keinen Grund mehr, ihn zu stürzen. Die Vorstellung einer neuen, proletarischen Kultur im Rahmen des Kapitalismus erweist sich als reformistische Utopie, als Glaube an die unbegrenzte Verbesserungsmöglichkeit des Kapitalismus. Die Aufgabe des Proletariats besteht nicht darin, eine neue Kultur im Kapitalismus zu schaffen, sondern den Kapitalismus für eine neue Kultur zu stürzen." [28]

Wir haben also einerseits die Anschauung des historischen Materialismus, der den objektiven Antrieb zur Revolution betont, und andererseits die subjektivistische Auffassung, die beim Bewusstsein ansetzt, dem moralischen Zustand der Arbeiterklasse. Die Anhänger der Letzteren meinen in Wirklichkeit, man müsse als erstes die Familienbeziehungen und das Geschlechtsleben der Bevölkerung in Ordnung bringen - anders gesagt, man müsse jeden von sämtlichen Neurosen und von jedem Druck befreien, bevor eine Revolution möglich sei.

Ein detailgenauer Bericht über den Aufstieg und Fall der Proletkult-Bewegung, die am Vorabend der Oktoberrevolution gegründet wurde, wäre hier Fehl am Platz. Die Organisation als Organisation ist ohnehin nicht besonders wichtig.

Lenin und die führenden Bolschewiki waren in den ersten Tagen der Revolution bereit, im Zweifel für Bogdanow und seine Mitstreitern zu entscheiden. Die alten politisch-philosophischen Differenzen hatten ihre unmittelbare Bedeutung zum Teil verloren. In jedem Fall stand das Regime unter Druck und steckte inmitten eines blutigen Bürgerkriegs. Hier gab es eine Organisation, die sich den eigenen Angaben nach der Bildung der Arbeiterklasse widmete und dies auf ihre eigene Art auch ehrlich meinte.

Die Proletkult-Bewegung wurde zunächst von den Bolschewiki gefördert und unterstützt. Die Organisation eröffnete Ateliers, Studios, Theater, Schulen. Sie erhielt halboffiziellen Status als eine Organisation für die Erziehung der Arbeiterklasse. Hätte sie sich darauf konzentriert, Alphabetisierungskampagnen und Erwachsenenunterricht zu organisieren, elementare Fragen wie Hygiene zu behandeln, die Klassiker zu vermitteln, die Arbeiterklasse zu Selbstvertrauen und Ausdruck eigener Interessen und Gefühle zu ermutigen...

Doch dies war Bogdanow und seinen Mitstreitern nicht gut genug - sie hatten etwas Größeres vor. Sie wünschten die extrem rückständigen Bedingungen im neuen Arbeiterstaat weg oder ignorierten sie und erklärten in einer Proletkult-Resolution: "Wir sind unmittelbare Sozialisten. Wir stellen fest, dass das Proletariat jetzt, unmittelbar für sich selbst neue sozialistische Formen des Denkens, Fühlens und täglichen Lebens schaffen muss, unabhängig von den Beziehungen und der Zusammensetzung der politischen Kräfte." [29]

Alle möglichen verrückten Pläne entstanden in der von Bogdanow inspirierten Bewegung - proletarische Kultur, proletarische Moral, die proletarische Universität, proletarische Wissenschaft.

Ähnlich schädlich wie das Ausspinnen dieser nutzlosen Pläne war die Feindschaft vieler Mitglieder gegenüber der vergangenen Kunst und Kultur. In dem wohl bekanntesten Gedicht, das mit dem Proletkult in Verbindung steht, Wir von Wladimir Kirillow, heißt es: "Im Namen unseres Morgens verbrennen wir die Raphaels, zerstören die Museen und trampeln auf den Blumen der Kunst." [30]

Der Proletkult leistete, soweit man das beurteilen kann, einen ganze Menge nützliche Arbeit auf elementarer Ebene. Die Organisation richtete Studios ein, die für Arbeiter und junge Menschen offen waren, und viele trieb der Hunger nach Kultur durch ihre Türen. Zahllose ausgewiesene Künstler, Musiker und Regisseure unterrichteten bei Proletkult. Im Jahre 1920 hatte die Organisation offiziell angeblich 400.000 Mitglieder, auch wenn die Zahlen wohl etwas übertrieben sind.

Lenin stand Bogdanows Plänen ablehnend gegenüber. Er tadelte die Proletkultisten dafür, dass sie "sich zu sehr erweitern und zu oberflächlich in Hinblick auf ‚proletarische Kultur’ sind. [...] Für den Anfang sollten wir uns mit echter bürgerlicher Kultur zufrieden geben; für den Anfang sollten wir froh sein die rohen Formen bürgerlicher Kultur abzuschaffen, d.h. die bürokratische Kultur oder die Dienerkultur etc." [31]

Er beobachtete den seltsamen Proletkult aufmerksam, und sobald der Bürgerkrieg vorbei war und eine Periode des wirtschaftlichen Wiederaufbaus begann, drängte Lenin darauf, dass der Proletkult dem Bildungsministerium untergeordnet werde. Wozu brauchte man eine gesonderte Organisation, die staatlich finanziert wurde und darüber hinaus mit einer Vielzahl von weit hergeholten Vorstellungen belastet war? Zudem blieb die politische Lage, die durch große wirtschaftliche Härten verschlimmert wurde, äußerst angespannt. Die Möglichkeit, dass eine "bogdanowistische" Partei, die sich auf politische Verwirrung gründete und sich an die Rückständigkeit Russlands anpasste, den Bolschewiki Konkurrenz machen konnte, war nicht auszuschließen.

Lenin schrieb darauf seinen berühmten Resolutionsentwurf Über proletarische Kultur, in dem er argumentierte: "Der Marxismus hat seine weltgeschichtliche Bedeutung als Ideologie des revolutionären Proletariats dadurch erlangt, daß er die wertvollsten Errungenschaften des bürgerlichen Zeitalters keineswegs ablehnte, sondern sich umgekehrt alles, was in der mehr als zweitausendjährigen Entwicklung des menschlichen Denkens und der menschlichen Kultur wertvoll war, aneignete und es verarbeitete." [32]

Die Unterordnung des Proletkult unter das Bildungsministerium veränderte nachhaltig den Platz der Bewegung im sowjetischen Kulturleben. Ihre Behauptung, der "dritte Weg" (neben der Partei und den Gewerkschaften) zur proletarischen Macht zu sein, verlor ihre Glaubwürdigkeit. Bogdanow schied 1921 aus und die Organisation verlor an Einfluss, bis sie 1932 offiziell durch ein stalinistisches Dekret aufgelöst wurde, das jeden unabhängigen künstlerischen Zusammenschluss verbot.

Doch das bedeutete nicht das Ende der "seltsamen Karriere" der proletarischen Kultur. Tatsächlich stand der schmählichste und reaktionärste Gebrauch dieser Phrase noch bevor, diesmal direkt gegen Trotzki, Woronski und die echten Vertreter der sozialistischen, künstlerischen Tradition gerichtet. Anhänger von Bogdanow blieben in einer Reihe von kulturellen und literarischen Organisationen aktiv, so der WAPP (der Allrussischen Assoziation Proletarischer Schriftsteller) und der MAPP (dem Moskauer Assoziation Proletarischer Schriftsteller) und im Umfeld von Publikationen wie Oktjabr (Oktober) und Na postu (Auf Posten).

Eine Resolution "der proletarischen Schriftsteller" aus dem Jahre 1925 vermittelt einen Eindruck von dem Niveau, auf dem die Auseinandersetzung geführt wurde. Sie beginnt mit den Worten: "Die künstlerische Literatur ist eine machtvolle Waffe im Klassenkampf. [Es] steht auch außer Zweifel, dass die Herrschaft des Proletariats unvereinbar ist mit der Herrschaft einer nichtproletarischen Ideologie und folglich auch einer nichtproletarischen Literatur. [...] Die künstlerische Literatur in der Klassengesellschaft kann nicht nur nicht neutral sein, sondern sie dient auch aktiv der einen oder der anderen Klasse." [33]

Die Resolution erklärte darüber hinaus: "In der Endkonsequenz bedeutet Trotzkismus in der Kunst die friedliche Zusammenarbeit der Klassen, wobei die Repräsentanten der alten bürgerlichen Kultur weiterhin in jeder Beziehung die führende Rolle spielen." [34]

Wer waren diese Demagogen? Woronski argumentierte, dass sie "die Stimmungen breiterer Kreise unserer Partei, hauptsächlich der jungen Genossen" reflektierten [35]. Diese jüngeren, unerfahrenen Mitglieder wurden von der aufsteigenden Bürokratie genutzt, um die Atmosphäre zu vergiften, Feindseligkeit gegenüber allem Intellektuellen und dadurch letztlich gegenüber dem Internationalismus zu schüren.

Eine Historikerin weist darauf hin, dass die neue Generation von Wächtern des Proletarischen in der Kunst im Allgemeinen dem Kleinbürgertum in den Provinzen entstammte und im Vergleich mit der revolutionären Generation einen viel beschränkteren intellektuellen Horizont hatte. "Als diese neue Generation in die sowjetische Kultur eintrat", schreibt sie, "stand ihr militanten Provinzialismus im Gegensatz zum allgemeinen Tenor des intellektuellen Lebens. Die Nachwirkungen ihres Triumphes sind noch heute zu spüren." [36]

Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass der seltsame Werdegang der Proletarischen Kultur in der Mitte der 1920er Jahre eine unerwartete Wende erlebte und zu etwas völlig anderem wurde, als Bogdanow sich ausgemalt hatte. Die Theorie wurde von der aufsteigenden Bürokratie und ihren "militant provinziellen" Anhängern aufgegriffen und diente der Anpassung an die vorherrschenden ungünstigen Bedingungen und als Ergänzung der stalinistischen Konzeption vom Sozialismus in einem einzelnen Land.

Im Mai 1925 erklärte Bucharin ausdrücklich, dass Trotzki einen "theoretischen Fehler" gemacht habe, als er die bloße Vorstellung einer proletarischen Kultur zurückwies. Trotzki habe dabei "das Entwicklungstempo der kommunistischen Gesellschaft oder anders ausgedrückt [...] das Tempo des Dahinschwindens der proletarischen Diktatur" überschätzt. [37]

Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

[21] Frederick S. Choate, Vorwort zu Woronski, Die Kunst, die Welt zu sehen, a.a.O., S. 10.

[22] Wladimir I. Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, in: Werke Bd. 14, Berlin 1985, S. 35.

[23] Zenovia A. Sochor, Revolution and Culture: The Bogdanov-Lenin Controversy, London 1988, S. 31 (aus dem Englischen).

[24] Ebd., S. 39.

[25] Ebd., S. 40f.

[26] Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, a.a.O., S. 329.

[27] Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, in: MEW Bd. 3, S. 70.

[28] Maurice Parijanine, Proletarian Literature, Anhang zu Writings of Leon Trotsky. 1932, New York 1973, S. 352 (aus dem Englischen).

[29] Sochor, a.a.O., S. 148.

[30] Wladimir Kirillow, Stichotworenija i poemy, zit. und aus dem Englischen übertragen nach: Lynn Mally, Culture of the Future, Berkeley 1990, S. 131.

[31] Zit. nach: Sochor, a.a.O., S. 172.

[32] Lenin, Über proletarische Kultur, in: Werke Bd. 31, Berlin 1964, S. 308.

[33] Resolution der Ersten Allunionskonferenz der proletarischen Schriftsteller, in: Woronski, a.a.O., S. 459.

[34] Ebd., S. 462.

[35] Woronski, Die Kunst als Erkenntnis des Lebens und die Gegenwart, in: ders., a.a.O., S. 159.

[36] Katerina Clark, The ‚Quiet Revolution’ in Soviet Intellectual Life, in: Sheila Fitzpatrick (Hg.), Russia in the Era of NEP. Explorations in Soviet Society and Culture, Bloomington 1991, S. 226 (aus dem Englischen).

[37] Sochor, a.a.O., S. 169.

Siehe auch:
Marxismus Kunst und die sowjetische Debatte über "proletarische Kultur" - Teil 1
(6. Dezember 2005)
Marxismus Kunst und die sowjetische Debatte über "proletarische Kultur" - Teil 2
( 7. Dezember 2005)
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