Der Tod von Chinas "rotem Kapitalisten" und die Revolution von 1949

Von John Chan
13. Dezember 2005

Am 26. Oktober starb in Peking im Alter von 89 Jahren Rong Yiren, ein prominentes Mitglied der vorrevolutionären kapitalistischen Elite Chinas, der die Regierung der KP Chinas von Mao Zedong unterstützt hatte. Rong war weithin als der "rote Kapitalist" bekannt, und sein Leben personifizierte die von Anfang an enge Beziehung zwischen dem stalinistischen Regime und Teilen der chinesischen Bourgeoisie.

Der offizielle Nachruf der Nachrichtenagentur Xinhua pries Rong als "führenden Vertreter der modernen nationalen chinesischen Industriellen, herausragenden nationalen Führer, großen Patrioten und kommunistischen Kämpfer". Die Abschiedszeremonie für ihn wurde auf Pekings Babao Hill veranstaltet, dem Friedhof für hohe Funktionsträger. Dutzende chinesische Führer mit Ministerpräsident Wen Jiaobao an der Spitze nahmen an dem Ereignis teil.

Zur Zeit seines Todes war der so genannte "kommunistische Kämpfer" eine der reichsten Personen in China. In den Jahren nach der Einführung der Marktreformen häufte Rong mit Hilfe seiner Beziehungen ein viel größeres Vermögen an, als seine Familie vor der chinesischen Revolution je besessen hatte.

1979 wurde Rong zum Chef der China International Trust and Investment Corporation ernannt. Von 1993 bis 1998 war er einer der Vizepräsidenten Chinas und nahm einen Sitz im Exekutivkomitee des Nationalen Volkskongresses ein. Im Jahre 2000 schätzte das US-Magazin Forbes sein persönliches Vermögen auf 1,9 Mrd. US-Dollar.

Ron Yiren wurde 1919 in der östlichen Provinz Jiangsu geboren und machte ein Diplom an der St. John Universität von Schanghai. Als Sohn einer wohlhabenden bürgerlichen Familie genoss er eine privilegierte Erziehung, lebte in einem luxuriösen Herrenhaus und fuhr britische Sportwagen.

Am Vorabend der Revolution von 1949 übernahm Rong die Familiengeschäfte, die damals mehr als zwanzig Textilfabriken und Getreidemühlen mit etwa 80.000 Beschäftigten umfassten. Außerdem war er Präsident einer Bank in Schanghai. Wie es kam, dass Rong das maoistische Regime unterstützte, hängt mit der stalinistischen Perspektive des letzteren zusammen.

Die Entwicklung des Kapitalismus in China stand vor den gleichen Problemen wie in allen andern Kolonialländern. Die chinesische Bourgeoisie war nicht in der Lage, eine historisch fortschrittliche Rolle zu spielen. Sie war ökonomisch von den imperialistischen Mächten abhängig, an die Interessen halbfeudaler Landbesitzer gebunden und ständig von den Kämpfen der rapide anwachsenden Arbeiterklasse bedroht.

Die Revolution von 1911 gegen das imperialistische System führte zur Herrschaft von Warlords und zu ungeheuren Klassenspannungen, die sich schließlich in der zweiten chinesischen Revolution von 1925-1927 entluden. Der Niederlage der Arbeiterklasse folgte eine korrupte Diktatur unter Tschiang Kai-Scheks Kuomintang (KMT). Der japanische Imperialismus fiel 1931 in der Mandschurei und dann 1937 im ganzen Land ein - mit katastrophalen Folgen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die Diktatur der KMT das Land nur mit Mühe zusammen halten und noch viel weniger die politischen Bedingungen für einen Wirtschaftsauschwung schaffen. In den späten 1940er Jahren erschütterten eine Hyperinflation, staatliche Korruption und ein Bankrott des Kreditsystems die chinesische Industrie. Die Unfähigkeit der KMT-Regierung, die Wirtschaftskrise zu lösen, führte dazu, dass sich Elemente der chinesischen Bourgeoisie wie Rong der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) unter Mao Zedong zuwandten.

Gestützt auf die Bauernschaft hatte die KPCh schon seit langem ihr Gründungsprinzip des sozialistischen Internationalismus aufgegeben. Stattdessen vertrat Mao die "Zwei-Stadien-Theorie" der stalinistischen Bürokratie in der Sowjetunion, die direkt für die tragischen Niederlagen der chinesischen Arbeiterklasse von 1927 verantwortlich war. Im diametralen Widerspruch zu den Lehren aus der Oktoberrevolution von 1917 behaupteten die Stalinisten, dass China erst durch eine längere Periode kapitalistischer Entwicklung gehen müsse, bevor eine Machtübernahme der Arbeiterklasse vorstellbar sei.

Nach Japans Kapitulation 1945 vertrat Mao die gleiche pro-kapitalistische Linie und forderte eine bürgerliche Koalitionsregierung mit der KMT. Das wurde mit der Theorie des "Blocks der vier Klassen" begründet - einem Bündnis der Arbeiterklasse, der Bauernschaft, des Kleinbürgertums und einer so genannten Schicht "fortschrittlicher" nationaler Kapitalisten.

Die Revolution

Die KMT wies das Angebot zurück und der Bürgerkrieg begann. Die von den USA unterstützte KMT war durch die Besetzung der industriell entwickelten mandschurischen Provinzen durch die Sowjetunion und deren Lieferung großer Mengen erbeuteter japanischer Waffen an die KPCh geschwächt. Maos Guerilla-Verbände entwickelten sich zu Armeen, die in der Lage waren, Städte zu erobern. Im Jahr 1949 errang die KPCh einen entscheidenden militärischen Sieg, und das KMT-Regime brach in sich zusammen. Tschiang Kai-Schek und die ihn unterstützende kapitalistische Elite flohen nach Taiwan.

Einige Kapitalisten, wie Rong Yiren, begrüßten nach dem Chaos unter der KMT-Regierung jedoch die Machtübernahme der KPCh. Als Maos "rote" Bauernarmeen in die großen Städte einzogen, unterdrückten sie jede Regung einer unabhängigen Organisierung der Arbeiterklasse und schützten das Privateigentum. In Schanghai stattete das neue Regime Rongs Betriebe mit Finanzen, Rohstoffen und Aufträgen aus und rettete sie damit vor dem Bankrott.

Rong berichtete später, dass die geringen Sorgen, die er sich wegen des Sieges der "Kommunisten" gemacht hatte, schnell schwanden. "Ich hob nur eine Hand für die Kommunistische Partei. Hätte ich beide gehoben, wäre mir das wie Kapitulation vorgekommen. Es war falsch, dass ich nur eine Hand gehoben habe. Heute hebe ich beide, um die Partei zu unterstützen", erklärte er.

Rong war nicht der einzige. Teile des alten KMT-Regimes schlossen sich der neuen Regierung an. Song Qingling, die Witwe des KMT-Gründers Sun Yat-Sen, stand im Oktober 1949 neben Mao auf dem Tienanmen-Platz, als er die Gründung der Volkrepublik China (VRC) verkündete. Ein Dutzend bürgerliche Parteien, die Gegner von Tschiangs Diktatur gewesen waren, akzeptierten die Oberhoheit der KPCh, unter ihnen auch die so genannte "Linke KMT". Sie bildeten die Beratende Politische Konferenz des Chinesischen Volkes (CPPCC), die die Verfassung der VRC entwarf.

Die spätere Enteignung des Privatkapitals war nicht mit einer Hinwendung zu sozialistischer Politik gleichzusetzen. Das Regime war gezwungen, ganze Bereiche der Volkswirtschaft zu übernehmen. Die Enteignung und Umverteilung des Landes der Großgrundbesitzer hatte die Verbindung zwischen dem Land und dem städtischen Kapital zerstört, das bisher von der Ausbeutung der Bauernschaft durch Pacht und Wucher profitiert hatte. Große Mengen Kapital waren in der Periode des Zerfalls der KMT nach Taiwan und Hongkong geschafft worden. Auch ausländische Investoren waren geflohen. Die Blockade durch den US-Imperialismus und der Ausbruch des Koreakriegs unterbrachen Chinas Verbindungen mit dem kapitalistischen Weltmarkt.

Gleichzeitig erforderte Pekings Allianz mit der Sowjetunion neue ökonomische Organisationsformen. Staatliche Planung wurde eingeführt, um den Transfer sowjetischer Technologie und Industrie nach China zu koordinieren. Diese Entwicklungen fanden mit der allgemeinen Verstaatlichung der Industrie 1956 ihren Höhepunkt, was als "Übergang zum Sozialismus" gefeiert wurde. Der tatsächliche Inhalt dieses Programms war nicht Sozialismus, sondern nationale Autarkie, gestützt auf die Staatskontrolle der Industrie in einem überwiegenden Agrarland und auf die politische Unterdrückung der Arbeiterklasse.

1956 übergab Rong seine Unternehmen dem Staat. Er wurde deswegen als der "rote Kapitalist" gepriesen und erhielt dreißig Millionen Yuan oder zwölf Millionen US-Dollar als Entschädigung - damals eine ganz erkleckliche Summe. Bis zum Beginn der "Kulturrevolution" 1966 erhielt er auch jährlich Dividenden. 1957 wurde er Vizebürgermeister von Schanghai und zwei Jahre später Vizeminister für die Textilindustrie.

Rongs Aufstieg fiel mit dem Aufstieg der so genannten "Befürworter des kapitalistischen Wegs" in der KPCh zusammen, deren hervorstechendste Vertreter Liu Schaoqi und Deng Xiaoping waren. Maos Wirtschaftspolitik - der aussichtslose Versuch, den "Sozialismus" auf dem Lande aufzubauen - hatte eine Katastrophe nach der anderen produziert. Liu und Deng argumentierten mit der stalinistischen "zwei Stufentheorie", die Wirtschaftskrise zeige, dass es für den Sozialismus in China keine materielle Grundlage gebe. Sie betonten, das Land müsse erst Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte von "Marktreformen und Öffnung" durchlaufen.

Während der Kulturrevolution der 1960er Jahre - im Wesentlichen ein Fraktionskampf zwischen Mao und den "Befürwortern des kapitalistischen Wegs" - geriet Rong zeitweise ins Abseits. 1966 stürmten Maos Rote Garden seine Villa und schlugen seine Frau. Ministerpräsident Tschu Enlai intervenierte dagegen und unterband weitere Angriffe. Tschu erklärte: "Er [Rong] ist ein Vertreter der nationalen chinesischen Kapitalisten und einflussreich im In- und Ausland. Er muss geschützt werden."

Die Wende zur Marktwirtschaft

Trotz seiner Säuberungen, denen Leute wie Liu und Deng zum Opfer fielen, wusste Mao keine Antwort auf die wirtschaftliche Stagnation im Land, und so übernahm er weitgehend ihre marktfreundliche Perspektive einer Öffnung der chinesischen Wirtschaft. Im Jahr 1971 schloss er einen Vertrag mit dem US-Imperialismus ab, der die Grundlage für Auslandsinvestitionen in China schuf und Wirtschaftsbeziehungen mit den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern ermöglichte.

Nach Maos Tod im Jahr 1976 stieg Deng Xiaoping an die Spitze der Regierung auf und entwickelte sein marktwirtschaftliches Programm. 1979 fiel Dengs Wahl auf Rong Yiren, mit dessen Hilfe er sein Projekt einer China International Trust und Investment Corporation (CITIC) verwirklichte, einem staatlichen Konzern, dessen Aufgabe darin bestand, ausländische Investoren nach China anzulocken.

Im ersten Tätigkeitsjahr der CITIC organisierte Rong Treffen mit über 4.000 ausländischen Geschäftsleuten. Es gelang ihm, Henry Kissinger, den ehemaligen US-Außenminister, der 1971 die diplomatischen Beziehungen zu Peking angeknüpft hatte, als wichtigsten internationalen Berater des Konzerns zu gewinnen.

Rong schuf bessere Bedingungen für Investitionen, indem er die Infrastruktur in den Freihandelszonen ausbaute und ausländische Unternehmen bei der Aufnahme ihrer Tätigkeit in China unterstützte. Philip Wong, ein Delegierter aus Hong Kong im chinesischen nationalen Volkskongress, sagte der Zeitung China Daily am 28. Oktober: "Ohne seine [Rongs] Fähigkeit und Weitsicht im Aufbau der CITIC wäre das Tempo des wirtschaftlichen Fortschritts in China nie so schnell gewesen."

1992 war aus Rongs CITIC ein wahres Wirtschaftsimperium geworden, das auch in der Schifffahrt, der Energiegewinnung und im Bauwesen tätig war. Heute gehören 200 Unternehmen auf der ganzen Welt zum CITIC-Konzern, der über ein Vermögen von 6,3 Mrd. US-Dollars verfügt. Parallel zur Entwicklung von CITIC wuchsen auch Rongs eigene Unternehmen. 1979 schickte er seinen Sohn, Larry Rong, nach Hongkong, um seine Investitionen dort zu managen. 2005 bezeichnete das Forbes -Magazin Larry Rong mit einem Vermögen von 1,64 Mrd. US-Dollars als den reichsten Mann Chinas.

Auch nach der Unterdrückung der regierungsfeindlichen Proteste vom Mai-Juni 1989 spielte Rong Sen. eine Schlüsselrolle bei der weitergehenden Öffnung der chinesischen Wirtschaft. Deng Xiaoping rechtfertigte das Massaker an Arbeitern und Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens mit der Begründung, es sei für die Verteidigung des "sozialistischen Systems" notwendig gewesen. In Wirklichkeit diente es dazu, Opposition der Arbeiterklasse gegen die Auswirkungen der marktwirtschaftlichen Regierungspolitik zu unterdrücken.

1993 wurde Rong zum Vizepräsidenten Chinas ernannt, wodurch Pekings Entschlossenheit zur Beschleunigung der "Marktreformen" demonstriert werden sollte. So hieß es im Nachruf auf Rong in der britischen Financial Times : "Das Amt war mehr symbolisch, aber von ihm ging eine klare Botschaft aus: Chinas neue Verbindung von kommunistischer Politik mit Marktwirtschaft sollte Bestand haben. Und es war der ’rote Kapitalist’, der ihr den Weg gewiesen hatte." Im gleichen Jahr flossen 111 Mrd. US-Dollar an ausländischen Direktinvestitionen nach China - fast viermal so viel wie im ganzen Jahrzehnt von 1979-89.

Das Ergebnis des massiven Zustroms an Investitionen war das rasche Anwachsen der chinesischen Kapitalistenklasse. Neben alten bürgerlichen Familien, wie den Rongs, und heimkehrenden Kapitalisten aus Taiwan und Hongkong verwandelte sich ein großer Teil der Führungsschicht der Kommunistischen Partei in neue Unternehmer. Laut einem Bericht der französischen Bank Crédit Agricole vom September mit dem Titel "Chinas Kapitalisten", wird mehr als siebzig Prozent von Chinas BSP heute von Unternehmen in Privatbesitz erwirtschaftet. In dem Bericht heißt es, dass die meisten Unternehmen, die offiziell als "staatlich" oder "kollektiv" bezeichnet werden, in Wirklichkeit privat geführt werden.

Heute ist Maos China ein wichtiger Pfeiler der kapitalistischen Weltordnung. Ein großer Teil der weltweiten Produktion hängt von der rücksichtslosen Ausbeutung der chinesischen Arbeiterklasse ab. Chinas Außenhandel erreichte in den ersten zehn Monaten dieses Jahres ein Volumen von 1,148 Billionen US-Dollar, und das Land ist nach Japan zum zweitgrößten Käufer von US-Schatzbriefen geworden, wodurch es zur Finanzierung des enormen US-Defizits beiträgt. Außerdem gehört es zu den Spitzenimporteuren von Öl und Rohstoffen und stützt damit eine Reihe kapitalistischer Länder, darunter auch Australien.

Heute ist vielen Menschen klar, dass China nicht kommunistisch ist. Aber das Leben von Rong Yiren - des Kapitalisten, der im "kommunistischen" China Schlüsselpositionen besetzte und einen phantastischen Reichtum anhäufte - zeigt anschaulich, dass der Anspruch des Pekinger Regimes, sozialistisch zu sein, von Anfang an falsch war.

Siehe auch:
Chinesische Führung will gestürzten Partei-"Reformer" ehren
(8. Oktober 2005)
1. Mai in China: Auszeichnungen für reiche Elite
( 9. Mai 2005)

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