Buchbesprechung

"Abgezockt und totgepflegt. Alltag in deutschen Pflegeheimen"

Von Werner Albrecht
11. April 2006

"Abgezockt und totgepflegt" beschäftigt sich mit dem Alltag in deutschen Pflegeheimen. Der Autor Markus Breitscheidel arbeitete über ein Jahr lang "undercover" als Pflegehilfskraft in fünf verschiedenen Pflege- und Altenheimen in Deutschland und schildert im vorliegenden Buch seine Erfahrungen.

Das Buch entstand in Zusammenarbeit mit Günter Wallraff, der auch das Vorwort verfasst hat. Wallraff wurde durch seine investigativen, sozialkritischen Bücher wie "Ganz unten" oder "Bild-Störung" bekannt. Im Vorwort spricht er vom "bewussten Abstieg des Autors in die Tabuzonen deutscher Pflege- und Altenheime".

In einer Vorbemerkung spricht Breitscheidel davon, dass er in seinem Bericht seine "subjektiven Einschätzungen" wiedergegeben habe. Das Dargestellte könne nicht ganz den objektiven Tatsachen entsprechen, komme ihnen aber sehr nahe. Im Weiteren merkt er an, dass die geschilderten Zustände und Ereignisse bis zum Erscheinen des Buches im September 2005 drei bis vier Jahre zurücklägen. Er habe einige Zeit gebraucht, um Eindrücke und Erlebnisse zu verarbeiten.

Der Autor - er war ehemals ein erfolgreicher Manager in einer Firma für Diamantenwerkzeuge - begann seine berufliche Tätigkeit als Journalist mit der Vorstellung von einem "Leben mit Berufung und Geradlinigkeit". Bis zum Zeitpunkt seiner Entscheidung, in der Altenpflege als Pflegehilfskraft zu arbeiten und darüber zu schreiben, hatte er noch nie ein Alten- und Pflegeheim von innen gesehen.

Nachdem Breitscheidel seinen ursprünglichen Job gekündigt hatte, suchte er umgehend eine Stelle im Pflegebereich. Dies gestaltete sich überraschend einfach. Beim Arbeitsamt erfuhr er, dass er sich ohne weitere Fortbildung bewerben und als Pflegehilfskraft arbeiten könne. Im Buch beschreibt Breitscheidel wiederholt, dass die Vorstellungsgespräche, bis auf Ausnahmen, nur kurz gedauert und die Arbeitgeber sich kaum für seine Kenntnisse oder Erfahrungen interessiert hätten.

In einem Münchner Alten- und Pflegeheim trat er die erste Stelle an. Die Pflegedienstleiterin interessierten nicht für seine - nicht vorhandenen - Erfahrungen im Pflegeberuf, sondern lediglich, dass er kräftig und gesund, ledig und flexibel einsatzfähig war. Nach einem kurzen zehnminütigen Gespräch wurde ihm bereits eine freie Stelle angeboten. Auf der Station, auf der er dann arbeitete, befanden sich 26 schwerstpflegebedürftige Bewohner und Bewohnerinnen, überwiegend in der Pflegestufe 3.

Nach einer Woche Einarbeitungszeit musste Breitscheidel feststellen, was Akkordarbeit im Umgang mit pflegebedürftigen Menschen bedeutet. Der Autor beschreibt ausführlich die ungeheuere Arbeitshetze, die Heimbewohner und Mitarbeiter gleichermaßen belastet. Mobbing unter Kollegen und Gewalt gegen die Bewohner sind die Folge. Hier einige Auszüge:

Ein Dialog Breitscheidels mit der Stationsleitung:

"Sie: Ich hab’ dich beobachtet - du verlierst einfach zu viel Zeit! Du willst jeden Wunsch der Bewohner erfüllen. Das ist nicht möglich, gehört auch nicht zu unseren Aufgaben. Deine Aufgabe ist es, den Bewohner zu waschen und anzuziehen.

Ich: Und wenn jemand auf Toilette gehen oder etwas trinken möchte, was soll ich sagen?

Dass du keine Zeit hast, weil du dich um einen anderen Bewohner kümmern musst.

Ist das nicht unhöflich?

Nein. Du musst zwölf Bewohner betreuen und dir angewöhnen, das Ganze zu sehen. Du hast nur eine bestimmte Zeit zur Verfügung, und wenn du sie bei einem überschreitest, fehlt sie beim anderen. Sieh’ zu, dass du alle gewaschen und angezogen kriegst. Ist dann noch Zeit übrig, kannst du auf besondere Wünsche eingehen.

Sie meinen, auf Toilette gehen oder trinken zu wollen ist was Besonderes?

Hör auf zu denken. Du musst dein Pensum erfüllen. Also versuche mitzuhalten, oder du gehst."

Ähnliche Situationsschilderungen und Darstellungen sind im Buch nicht gerade selten: "Du fettes faules Schwein. Deinetwegen muss ich wieder eine Stunde länger bleiben" - oder: "Es geht doch nicht darum, Spaß zu haben. Du sollst deine Leistung bringen. Aber du bist viel zu dick, um dich schnell genug zu bewegen. Du schaffst das nie."

Solche Tiraden, die in manchen Einrichtungen gängig sind, führen beim Personal vielfach zu Abstumpfung oder zu schlechtem Gewissen.

So bei einer leitenden Schwester: "Entschuldige. Ich kann mein Verhalten selbst nicht erklären. Die Arbeit ist so viel geworden, seit es die Pflegeversicherung gibt. Ich habe das Gefühl, niemals fertig zu werden. Ich kann nachts nicht schlafen, denke ständig daran, wie wir die Alten behandeln. Nicht mal mehr für ein Gespräch haben wir Zeit. Dabei bin ich Oberschwester und habe die volle Verantwortung für die Station, für die Bewohner und für das Pflegepersonal."

Breitscheidel antwortet ihr: "Jeden Tag geht es den Bewohnern schlechter. Einige bekommen nicht mal einen Becher zu trinken. Andere liegen im Bett, und ihr Hintern verfault, weil wir keine Zeit haben, sie vernünftig zu lagern. Jeder von uns sieht das, und alle versuchen, es zu verdrängen."

Der letzte Absatz ist von großer Bedeutung, da ausreichende Ernährung und Sauberkeit eigentlich selbstverständlich sein sollten. Dem ist jedoch häufig nicht so.

Pudding, Suppe und mit Glück etwas Wasser stehen auf dem Speiseplan der Heimbewohner. An zwei bis drei Liter pro Tag bei Menschen, die ihre Mahlzeit nicht mehr alleine zu sich nehmen können, ist aus Zeitmangel nicht zu denken. So schreibt denn auch der Autor sehr richtig, dass 200 bis 400 Milliliter ihm wie ein Verdursten auf Raten vorkomme.

In einem weiteren Abschnitt berichtet Breitscheidel von einer Patientin, die, durch einen Schlaganfall gelähmt, den ganzen Tag im Bett verbringen muss. Der durch das Liegen entstandene Dekubitus vergrößert sich von Tag zu Tag, und die wegen ihrer Inkontinenz meist sehr nassen Windeln klebten am Rücken einer tiefen Wunde und verursachen einen brennenden, fast unerträglichen Schmerz. Die gegen das Festbinden am Bettgitter sich wehrende Frau wird von der Dienst habenden Pflegekraft mit "Alte, die rumzickt" bezeichnet und "abgeschossen", d.h. mit sedierenden (stark beruhigenden) Medikamenten ruhig gestellt.

Breitscheidel nimmt der Dienst - zwölf Tage am Stück sind keine Seltenheit - sichtlich mit. Für ein angemessenes Privatleben hat er kaum noch Raum. "Für mich ist es unvorstellbar, wie meine alleinerziehenden Kolleginnen noch ihren Haushalt bewältigen und für die Kinder da sein können", schreibt er.

In der Tat ist die durchschnittliche Verweildauer in einem Pflegeberuf mit etwa vier Jahren extrem kurz. Dadurch lässt sich die hohe Personalfluktuation erklären. Während seiner Zeit in der Pflege arbeitete Breitscheidel mit Menschen aus 25 Nationen zusammen. Viele taten dies nicht freiwillig. "Ihr Job war ganz häufig an die Aufenthaltserlaubnis oder den Antrag auf Einbürgerung gekoppelt."

Während des ersten Aufenthaltes im "Heim der Wohlfahrt", wurde Breitscheidel nach Tariflohn bezahlt. Es gab einen Betriebsrat, Weiterbildungsmöglichkeiten, eine Gesundheitsuntersuchung und eine Impfung gegen Hepatitis. Es sollte sich herausstellen, dass dies nicht selbstverständlich ist. Nach drei Wochen verlässt Breitscheidel das Pflegeheim in München und arbeitet fortan in mehreren Heimen in der Republik. Seine Eindrücke sind auch dort zum größten Teil erschütternd.

Bewohner werden beispielsweise mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und vom Nachtdienst gewaschen, weil der Frühdienst hoffnungslos unterbesetzt ist. In anderen Fällen werden wochenlang Verbände nicht gewechselt, Heimbewohner ohne Genehmigung im Zimmer eingesperrt oder gegen ihren Willen gewindelt.

Es gibt Heime, die für ihre Demenzkranken eigene Stationen mit gesicherten Gängen und Wegen eingerichtet haben. Nicht so beispielsweise in der Seniorenresidenz in Köln. Dort, so Breitscheidel, wird den Demenzkranken nichts angeboten. In der Nacht steht lediglich ein Pfleger für sage und schreibe 82 Bewohner zur Verfügung.

Die Gleichgültigkeit gegenüber den Pflegebedürftigen geht in Breitscheidels Beispielen meist mit einer unglaublichen Ausbeutung der Pflegekräfte einher. So werden, um Personalkosten zu sparen, überwiegend un- und angelernte Hilfskräfte eingestellt, die zum Teil ohne Einarbeitung schwerste Pflegefälle versorgen müssen. Die wenigen Fachkräfte sind vollkommen überfordert.

In privaten Heimen, die ausschließlich gewinnorientiert arbeiten, ist die Situation verständlicherweise am schlimmsten. Dort wird die gesetzlich vorgeschriebene Anzahl der Pflegekräfte oft nicht eingehalten.

Breitscheidel gibt in seinem Buch noch eine Fülle von weiteren Beispielen. Günter Wallraff empfiehlt das Buch im Vorwort allen, "die nicht verdrängen wollen, dass sie auch einmal alt werden und pflegebedürftig sein könnten". Dem ist nichts hinzuzufügen, außer vielleicht einigen kritischen Bemerkungen insbesondere zu den Schlussfolgerungen, die Breitscheidel aus seinen Erfahrungen zieht.

Sein Buch ist mit Sicherheit mit dem Gedanken geschrieben, die teilweise ungeheuerlichen Zustände in Pflegeeinrichtungen darzustellen und zu kritisieren. Leider bleibt das Ganze meist auf dem Niveau von gehobenem Boulevard-Journalismus. Viele Abschnitte sind übertrieben reißerisch geschrieben, und man hat den Eindruck, dass der Autor in der für ihn fremden Berufswelt kaum Überblick hat.

In den letzten Kapiteln zeigt sich recht deutlich, dass der Autor mit seiner Thematik insgesamt überfordert war. Seine Vorschläge und Anregungen für ein würdevolles Leben im Alter (S.190-200) sind teilweise unüberlegt und oberflächlich.

Breitscheidels hauptsächliche Forderung ist ein sukzessiver Abbau von Heimplätzen und der weitere Ausbau der ambulanten Pflege. Um dies zu untermauern, führt der Autor auch ein Interview mit Klaus Dörner, einem Professor für Psychiatrie, der ebenfalls ein erklärter Gegner der Heimunterbringung alter Menschen ist.

Damit allein ist natürlich überhaupt nichts erreicht. Mit Einführung der Pflegeversicherung 1995 wurden bewusst Elemente von Privatisierung und Wettbewerb eingebracht, um die Kosten für die Pflege zu senken. Dabei betonte die Politik immer wieder den Vorrang von ambulanter vor stationärer Pflege, weil dies die kostengünstigere Versorgung ist. Dabei ist im häuslichen Bereich, gerade bei Schwerstpflegefällen, die adäquate Versorgung häufig keineswegs gesichert.

Hätte der Autor auch im ambulanten Pflegebereich gearbeitet, hätte er nicht minder Schockierendes berichten können. Dort ist der Zusammenhang zwischen Pflegeleistung und Bezahlung noch unmittelbarer als in einem Pflegeheim, was die Versorgung zu einer reinen Geldangelegenheit werden lässt, die möglichst Profit abwerfen soll.

Auch andere Forderungen, wie beispielsweise eine "Spezialausbildung der Kriminalpolizei zur Heimbeobachtung und Heimkontrolle", sind unsinnig.

In einem Interview erklärt Breitscheidel, man müsse dringend die Pflege nach Zeitkorridoren und das Modell der Pflegestufen aufgeben, um die Versorgung zu verbessern. Abgesehen davon, dass beides zu einem gewissen Grad für professionelle Pflege unabkömmlich ist, würde auch das keine Verbesserung schaffen. Vielmehr müssten die bestehenden Pflegeeinrichtungen vom ökonomischen Druck befreit werden, nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgebaut und mit ausreichend qualifizierten Arbeitskräften ausgestattet werden.

Die Versorgung pflegebedürftiger Menschen ist eine gesellschaftliche Aufgabe, auf die jeder ein Anrecht hat und für die ausreichend finanzielle und personelle Mittel bereitgestellt werden müssen.

Das eigentliche Problem liegt darin, dass Pflege, genau wie die allgemeine Gesundheitsversorgung und andere Sozialleistungen, ständigen Angriffen ausgesetzt sind. Öffentliche Einrichtungen werden immer weiter privatisiert und in den verbleibenden werden rigorose Kürzungsmaßnahmen durchgeführt, die sowohl das Personal als auch die Leistungsempfänger empfindlich treffen.

Darüber hinaus mehren sich die Stimmen für eine "Reform" der gesetzlichen Pflegeversicherung, nachdem in den letzten Jahren die gebildeten Rücklagen aufgebraucht wurden. Nun entsteht jährlich ein wachsendes kräftiges Defizit. Obwohl die Arbeitgeber bei der Einführung der Pflegeversicherung vor elf Jahren in fast allen Bundesländern durch den Wegfall eines gesetzlichen Feiertags entschädigt wurden und somit allein die Versicherten finanziell belastet werden, wird das derzeitige System als viel zu teuer für Staat und Unternehmen angesehen. Daher drängen Teile aus Politik und Wirtschaft darauf, ein kapitalgedecktes System durchzusetzen, das auf rein private Vorsorge ausgelegt ist. Dies würde eine menschenwürdige Pflege nur noch für Wohlhabende ermöglichen.

Siehe auch:
Wie kommt es zu Patiententötungen?
(7. Oktober 2005)