57. Berliner Filmfestspiele

Ein Gestolper über politische und historische Themen

Teil 1

Von Stefan Steinberg
21. März 2007

Die zunehmende Kommerzialisierung der großen modernen Filmfestivals zwingt Festivaldirektoren und ihren Stab dazu, eine Reihe miteinander konkurrierender Interessen auszubalancieren. Große Unternehmen, die beträchtliche Summen in ein Festival investieren, sind bemüht, sich durch Schleichwerbung Vorteile zu verschaffen, und daran interessiert, dass Filme, die sich kritisch mit ihren Aktivitäten beschäftigen, nicht prominent präsentiert werden. Die Zusammenarbeit mit internationalen Fernsehsendern und Medien verlangt von dem Festivalstab, dafür zu sorgen, dass eine ausreichende Zahl an Stars über den roten Teppich schreitet. Unter solchen Bedingungen wird der Spielraum für die Präsentation von künstlerisch engagiertem Kino immer enger.

In den vorangegangenen Jahren hat der Direktor des Berliner Filmfestivals Dieter Kosslick sowohl von den Medien als auch aus Kinokreisen einige Unterstützung für seine Bereitschaft erhalten, eine breite Mischung an Themen und Filmgattungen in seine Festivalauswahl aufzunehmen. Dieses Jahr waren banale und völlig unkritische Dokumentationen über die Modezaren Karl Lagerfeld und Christian Dior offensichtlich Zugeständnisse an einen der Hauptsponsoren des Festivals, den in Frankreich ansässigen multinationalen Konzern L’Oréal.

Vielleicht nachteilig beeinflusst von einigen Kritiken am Festival des letzten Jahres, das als zu ernst und zu politisch bezeichnet wurde, hat Kosslick eine neue Kategorie eingeführt, die auf den Gourmet und die Gastronomie abzielt - "Essen, trinken und Film sehen". "Nach 25 Jahren im Filmgeschäft", bemerkt Kosslick, "weiß ich eins sicher: ohne gutes Essen geht gar nichts."

Leider könnte man daraus schließen, dass seine Tätigkeit in der Welt des Films ihn immer tiefer in die gesellschaftlichen Kreisen hineingezogen hat, die einen Film nur genießen können, wenn der Wein dazu passt. Auf jeden Fall hat eine Reihe der für die diesjährige Berlinale ausgesuchten Filmen angesichts der Tatsache, dass die Auswirkungen von Kriegen und der Brutalität des Alltagslebens auf alle gesellschaftlichen Bereiche immer offensichtlicher werden, einen schlechten Geschmack hinterlassen.

Die Auswahl für den Hauptwettbewerb des diesjährigen Festivals bestand aus einer eklektischen Zusammenstellung von Filmen; darunter ernsthafte soziale und historische Themen neben haarsträubenden kommerziellen Beiträgen wie der Film 300 von Zack Snyder, der auf den Comics von Frank Miller (Sin City) basiert. Darin wird offensichtlich versucht, ein filmisches Blutbad dadurch zu relativieren und zu ästhetisieren, dass man die Handlung - die Schlacht bei den Thermopylen zwischen griechischen und persischen Truppen - im Jahr 480 v. Chr. ansiedelt.

Goodbye Bafana (Regisseur Bille August) ist eine nicht überzeugende und zeitweise cliché-behaftete englisch-xhosa Koproduktion, bei der es um die Haft von Nelson Mandela geht. Der Film basiert auf den Memoiren eines weißen Gefängniswärters, der ihn 20 Jahre lang bewacht hat. Der politische Inhalt von Mandelas afrikanischem Nationalismus wird unkritisch behandelt, und man präsentiert uns lediglich das idealisierte Porträt eines Mannes, dessen persönliche Eigenschaften und Überzeugungen ausreichen, um das Herz seines Gefängniswärters zu erweichen

Der Film I Served the King of England, des altgedienten tschechischen Regisseurs Jiri Menzel, beschäftigt sich mit der Annexion der Tschechoslowakei durch Deutschland im Jahr 1938. Vor vierzig Jahren gewann Menzel mit seinem Film Scharf beobachtete Züge (1966) einen Oscar und bekam Probleme mit der tschechisch-stalinistischen Zensur, was seine Filmkarriere für einige Zeit unterbrach.

Menzel arbeitet nach Drehbüchern seines Lieblingsautors Bohumil Hrabal. Er hat seine skurrile und komische Art des Filmemachens verfeinert, die ständig versucht, die Verbindung zwischen vorübergehenden, zufälligen menschlichen Schwächen und bedeutsamen historischen Ereignissen aufzuzeigen - eine Art Katastrophentheorie der Geschichte. Seine Filme, die durchaus ihre Reize hatten, wenden sich letztendlich an diejenigen, die als Basis für die Gesellschaft nur ewige, allgemeingültige Werte sehen, wie die Liebe und die Achtung für seinen Nachbarn. Das hat ihm das Lob einer Reihe von Kritikern für seinen Humanismus eingebracht.

Menzels letzter Film (der auch auf einem Roman von Hrabal basiert) zeigt deutlich, dass eine solche Einstellung unzureichend ist, wenn sich der Regisseur (und der Autor) mit komplexen historischen Fragen beschäftigt. Der Film berichtet in Rückblenden von den Erlebnissen eines Kellner-Lehrlings in Prag während der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Während sich der Film ziemlich ausführlich mit der Nazi-Besatzung der Tschechoslowakei beschäftigt, werden der Nachkriegsherrschaft des von Moskau aufgezwungenen stalinistischen Regimes und all den komplexen Fragen, die damit zusammenhängen, im Film nur zwei Minuten eingeräumt.

Durch eine Reihe zufälliger Ereignisse wird der Held des Films, Jan Dite, Millionär und nach dem Zweiten Weltkrieg gehört ihm ein Schloss - der Krieg war gut zu ihm. Zwei Mitglieder der lokalen Organisation der Kommunistischen Partei besuchen ihn und informieren ihn darüber, dass die neue Regierung beschlossen hat, Reichtum zu bestrafen. Sie fragen Jan Dite, wie reich er ist... "Ich besitze zehn Millionen", antwortet Dite. "Dann werden Sie für zehn Jahre ins Gefängnis gehen", erwidern die beiden stalinistischen Funktionäre - ein Jahr Gefängnis für jede Million.

In der nächsten und letzten Szene des Films wohnt der bejahrte Dite gegen Ende seines Lebens in einer bescheidenen Hütte. Er ist jetzt ein freier Mann. Er hat sein gesamtes Geld verloren, aber ein Jahrzehnt in einem stalinistischen Gefängnis hatte eine vorteilhafte Wirkung auf ihn und hat ihn gelehrt, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als Reichtum und Privilegien. Er ist jetzt zufrieden mit seinem Los.

Menzels Film - das Werk eines Regisseurs, der selber Probleme mit der erdrückenden Zwangsjacke des stalinistischen so genannten "sozialistischen Realismus" hatte - umgeht vollständig die Geschichte der Nachkriegs-Tschechoslowakei! Das sagt etwas über den gewaltigen Nachholbedarf bei ungelösten historischen Fragen und Problemen, von denen Regisseure in der tschechischen Republik und anderen osteuropäischen Ländern geplagt werden.

In seinem letzten Film The Walker (der außerhalb des Wettbewerbs gezeigt wurde), kehrt der US-Regisseur Paul Schrader zu einem immer wiederkehrenden Thema seiner Filme zurück - der schwierigen Lage des gesellschaftlichen Außenseiters. In Schraders Film American Gigolo (1980) stand ein männlicher Begleiter im Mittelpunkt, dessen Job darin bestand, etwas Abwechslung in das Leben gelangweilter Frauen von reichen einflussreichen Ehemännern zu bringen. In dem Film The Walker greift er diese Geschichte wieder auf. Die auffällige, angeberische und ermüdende Konzentration auf Autos, Möbel und Richard Geres physische Vorzüge in American Gigolo - Dinge, die den Neureichen in Los Angeles in den 1980ern zur Verfügung standen - sind dem polierten Holz vornehmer Häuser in Washington gewichen.

Bemerkenswert an diesem Film ist, dass Bezüge zum modernen politischen Leben in den USA mit aufgenommen wurden. Die Handlung entwickelt sich um den Versuch herum, einen Mord zu vertuschen, der wiederum zusammenhängt mit einem verworrenen Netz aus Wirtschaftskorruption und politischer Intrige, die bis in die höchsten Ebenen des amerikanischen Staats reichen.

Nachdem er eine Gruppe von vier gelangweilten und frustrierten Frauen und Witwen bei ihrer wöchentlichen Runde Bridge unterhalten und amüsiert hat, kann sich Carter Page III (Woody Harrelson) auf sein eigenes Privatleben konzentrieren und besucht seinen Geliebten - den konzeptuellen Künstler Emek. Emek lebt in einem Apartment, das dekoriert ist mit Bildern, Vergrößerungen und Reproduktionen von Gefangenen aus Abu Ghraib. Im Hintergrund jeder Szene aus Emeks Apartment sind die Bilder US-geförderter Folter und Unterdrückung zu sehen. In einer Szene küsst Carter seinen Liebhaber durch den Stacheldraht-Vorhang hindurch, den Emek in seiner Wohnung aufgehängt hat! In anderen Szenen sieht man, während Carter durch den Raum geht, einen Fernseher, über den Bilder von den neuesten Grausamkeiten und Bombardierungen aus dem Irak flimmern.

Durch einen seiner Kunden wird Carter in einen Mord verwickelt; dadurch werden ihm die politischen Zusammenhänge der Affäre immer bewusster. An einem Punkt bekennt er resignierend seine Enttäuschung über die politischen Werte Amerikas. Er gibt zu, dass er sich getäuscht hat, als er glaubte, "in Amerika wählt das Volk den Präsidenten". Schrader und die meisten seiner Mitwirkenden fühlen sich - wenn man nach den Interviews geht, die nach der Premiere des Films gegeben wurden - immer unbehaglicher mit der Richtung, die die amerikanische Politik eingeschlagen hat.

Gleichzeitig ist Schrader nicht in der Lage, aus diesem Ansatz einen überzeugenden Film zu machen. Die Momentaufnahmen aus dem Irakkrieg und von Abu Ghraib sind konfrontierend und schonungslos, aber die Intrige im Zentrum des Films bleibt verschwommen und nicht greifbar. Carters Verwandlung (sein Lieblingssatz: "Ich bin nicht naiv, ich bin oberflächlich!") aus einem parasitären, kriecherischen Anhängsel gelangweilter reicher Frauen in einen Quasi-Detektiv und eine Geißel des Washingtoner Establishments ist nicht überzeugend. Da er vor langer Zeit jedes Vertrauen in die Bevölkerung als Kraft für eine positive Veränderung verworfen hat, tischt uns Schrader ein unglaubwürdiges Individuum auf, das bereit ist, gegen die Unmoral des Washingtoner Wirtschafts- und Politik-Apparats anzutreten.

Harrelsons Carter Page ist hervorragend, wenn es um zynische Breitseiten auf die Oberflächlichkeit des offiziellen bürgerlichen Washingtons und seine Moral geht, und er sich sorgfältig auf seine Abende mit reichen Frauen und Witwen vorbereitet. Aber all das reicht nicht als Grundlage für eine Persönlichkeit, die gegen die politische Korruption in Washington antritt, und schwächt daher den Eindruck des eher kritischen Films, den Schrader wohl zu machen hoffte.

Die Lerchen-Farm

Der Film The Lark Farm von den Brüdern Taviani, Veteranen des italienischen Kinos, gehört zu der Handvoll Filmen, die den Völkermord an den Armeniern durch türkische Streitkräfte 1915 untersuchen. Vor einigen Jahren unternahm der kanadisch-armenische Regisseur Atom Egoyan einen bruchstückhaften und unbefriedigenden Versuch - den Film Ararat - die Geschichte des Massakers an den Armeniern von unterschiedlichen Standpunkten aus zu erzählen, darunter auch aus der heutigen Sicht von einigen Angehörigen derjenigen, die damals ihr Leben verloren haben. Diesmal haben Paolo und Vittorio Taviani (Padre Padrone, 1977; Notte di San Lorenzo, 1982) versucht, die Ereignisse dieser Zeit zu rekonstruieren, indem sie sich auf das Schicksal einer armenischen Familie konzentrieren.

Das Drehbuch des Films basiert auf einem Roman von Antonia Arslan - einer Literaturprofessorin, die heute in Italien lebt - und handelt von der Geschichte ihrer eigenen Familie, einer angesehenen kleinbürgerlichen Familie, die in einer türkischen Provinzstadt lebt. The Lark Farm beginnt mit Szenen aus dem alltäglichen Leben der Arslans im Jahr 1915. Es handelt sich um eine liberale Familie, die sich anstrengt, gute Beziehungen mit ihren türkischen Nachbarn zu fördern - und das mit Erfolg. Nach dem Tod des Familienoberhaupts erscheint selbst der türkische Oberst Arkan (André Dussollier), um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen.

Die Tavianis machen in ihrem Film deutlich, dass das Massaker nicht ein Produkt der türkischen Gesellschaft als ganzer war, sondern die Folge einer bewussten Strategie junger türkischer Offiziere. Sie verfolgten das Ziel, Chauvinismus anzufachen und die armenische Minderheit zum inneren Feind abzustempeln zu einer Zeit, als eine Koalition ausländischer Mächte versuchte, das Osmanische Reich endgültig zu zerschlagen.

Wir sind Zeuge der stürmischen Szenen, in denen junge türkische Offiziere sich treffen, um über die neue Strategie zu entscheiden, und des Widerstands einer der Offiziere, der sich in eine junge Armeniern aus dem Haushalt der Arslans verliebt hat und versucht, sie zu beschützen. Als der Terror beginnt, drohen junge türkische Offiziere damit, ihre Vorgesetzten (wie z. B. Oberst Arkan) als Verräter am Vaterland zu denunzieren, falls sie sich weigern sollten, am Massaker teilzunehmen.

In einer Reihe von Szenen schildert der Film die bestialischen Methoden der türkischen Streitkräfte. Als erstes werden die Männer und Jungen niedergemetzelt; dann werden die Frauen und die überlebenden Kinder in die Wüste getrieben, um unterwegs zu sterben - entweder an Hunger oder abgeschlachtet von Soldaten in den Wüsten Ostanatoliens.

Die Beweggründe der Taviani-Brüder für die Produktion dieses Films sind durch und durch ehrenwert. Sie erklären deutlich, dass ein vorrangiges Ziel ihres Films darin besteht, die historischen Hintergründe eines Verbrechens richtig zu stellen, dass von den türkischen Behörden und den Nationalisten weiterhin geleugnet wird. Den beiden Brüder ist es wichtig, dass ihr Film in der Türkei gezeigt wird. Sie haben beachtlichen persönlichen Mut bewiesen, da sie The Lark Farm unter Bedingungen gedreht haben, in denen türkische und armenische Journalisten immer noch von chauvinistischen Kräften verfolgt werden, wenn sie dieses Thema behandeln. Nach dem kürzlichen Mord an dem armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink, war der türkische Autor Orhan Pamuk gezwungen, ins Ausland zu fliehen.

Dennoch bleibt der Film in mehrerer Hinsicht unzulänglich. Auch wenn die Kamera im entscheidenden Moment immer wegschwenkt, werden die unmittelbare Einleitung und die Folgen der schrecklichen Brutalitäten etliche Male gezeigt. An einem bestimmten Punkt wird es schwierig, sie zu ertragen; obendrein verlieren sie ihre Wirkung. Die Unmenschlichkeit der Methoden der Jungtürken und ihrer Anhänger wird dokumentiert, das Kino bietet jedoch subtilere und aufschlussreichere Methoden, Gewalt darzustellen, und zwar in einer Art und Weise, die dem Zuschauer länger im Gedächtnis bleibt, als das ergießen von Unmengen Blut.

Als ob sie in gewisser Weise die vielen Szenen mit türkischer Brutalität ausgleichen wollten, bemühen sich die Tavianis, mit ganz besonderer und letztendlich dramatisch nicht überzeugender Ausführlichkeit zu beweisen, dass einige der Türken, die an den Deportationen beteiligt waren, davor zurückschreckten, ihre Befehle auszuführen und unschuldige Frauen, Kinder und Babys abzuschlachten. So werden wir Zeuge der kaum glaubhaften Entstehung einer Beziehung zwischen dem türkischen Soldaten Youseff und der letzten überlebenden Tochter der Familie Arslan, Nunik, während des Todesmarsches durch die Wüste. Als Nunik auf einem Scheiterhaufen verbrannt werden soll, greift Youseff ein; er schlägt Nunik den Kopf ab, um sie davor zu retten, bei lebendigem Leib verbrannt zu werden.

Man merkt, dass die moralische Empörung, welche die Tavianis zu Recht in Bezug auf die zentrale Thematik ihres Films empfinden, andere wichtigere Fähigkeiten, die sie bei ihren vergangenen Arbeiten mit Erfolg eingesetzt haben, außer Kraft gesetzt hat. Soweit der Film The Lark Farm gezeigt werden wird, wird er unausweichlich eine erneute Auseinandersetzung mit den Ereignissen von 1915 in Gang setzen; aber eine bessere, zufrieden stellendere Behandlung des Schicksals der armenischen Minderheit muss immer noch in Angriff genommen werden.

Siehe auch:
Wahrheitssuche zwischen den Fronten des kalten Krieges
(31. Januar 2007)
Mein Führer: Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler: Unkenntnis der Materie ist kein guter Ausgangspunkt
( 30. Januar 2007)

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