Afrikanischer Schriftsteller und Filmpionier: Zum Tod von Ousmane Sembène

Von Anders Ernst
6. Juli 2007

Am 9. Juni starb im Alter von 84 Jahren in Dakar einer der Pioniere und herausragenden Vertreter des afrikanischen Kinos, der senegalesische Schriftsteller und Filmemacher Ousmane Sembène. Er verfasste zahlreiche Romane und Kurzgeschichten und drehte insgesamt zwölf Spielfilme.

Sembène wurde 1923 in der Casamance, der südlichen Provinz Senegals geboren. Er stammte aus ärmlichen Verhältnissen, sein Vater war ein Fischer muslimischen Glaubens. Nach der Koranschule besuchte er die Kolonialschule in Dakar, wurde aber nach nur einem Jahr der Schule verwiesen, weil er den Schulleiter nach einer rassistischen Bemerkung geohrfeigt hatte. Als Schulabbrecher schlug er sich die nächsten Jahre mit Gelegenheitsarbeiten durch. 1942 wurde er von der französischen Kolonialarmee eingezogen und kämpfte in Italien, Frankreich und Deutschland. Die bitteren Erfahrungen, die die Daheimgebliebenen und die Rückkehrer in der Zeit des Zweiten Weltkriegs machten, sind Thema zweier seiner Filme, Emitaï (1971) und Camp de Thiaroye ("Camp der Verlorenen", 1987).

Nach der Entlassung aus der Armee kehrte er nach Senegal zurück, wo er sich als Gewerkschafter an dem großen Streik der Dakar-Niger-Eisenbahner 1947/48 beteiligte, dessen Teilnehmern er später in seinem bekanntesten Roman, "Gottes Holzstücke" (1960), ein Denkmal setzen sollte.

1948 kehrte er illegal nach Frankreich zurück, wo er zunächst in einer Citroën-Fabrik in Paris und dann zehn Jahre als Hafenarbeiter in Marseille arbeitete. Dort engagierte er sich in der Gewerkschaft CGT und trat der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF) und der antirassistischen Bewegung MRAP bei. Er nahm an den Protestbewegungen gegen den Indochinakrieg (1953) und den Koreakrieg teil und setzte sich für die algerische Unabhängigkeitsbewegung FLN ein. Neben seinem gewerkschaftlichen und politischen Engagement vertiefte er sich in Werke der Weltliteratur und las, neben anderen, die Bücher linksorientierter Autoren wie Richard Wright, Ernest Hemingway, John Dos Passos, Pablo Neruda, Nazim Hikmet, Claude McKay und Jacques Roumain.

In dieser Zeit begann Sembène seine schriftstellerische Tätigkeit, zunächst in französischer Sprache. Sein erster Roman, Le docker noir (1956), beschreibt die Erfahrungen von Entrechtung, aber auch die beginnende Solidarität unter den schwarzen Hafenarbeitern in Marseille. Es folgten die Romane "Meines Volkes schöne Heimat" (1957), in dem er von einem aus Frankreich nach Senegal zurückkehrenden, selbstbewussten Arbeiter erzählt, der beim Versuch, in Senegal eine Landwirtschafts-Genossenschaft zu gründen, sowohl mit den französischen Händlern als auch den einheimischen Bauern in Konflikt gerät, und "Gottes Holzstücke" (1960), sein großes episches Werk über den Eisenbahnerstreik in Senegal.

Anfang der 1960er Jahre, zur hohen Zeit der schwarzafrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen, bereiste er Afrika. Er war während der kurzen Amtszeit von Patrice Lumumba als Journalist im Kongo. In Senegal musste er erfahren, dass er mit seinen Büchern nur einen sehr kleinen Teil der Menschen erreichte - die meisten seiner Landsleute waren des Französischen nicht mächtig, viele konnten nicht einmal lesen - und beschloss, sich dem Filmemachen zuzuwenden.

Mit der Bitte um Hilfe beim Filmstudium wandte sich Sembène an das französische Ministerium für Zusammenarbeit, das nach der Unabhängigkeit Senegals eine aktive Förderung von Nachrichten- und Filmproduktionen eingerichtet hatte. Nachdem er dort, wohl wegen seiner marxistischen Haltung, eine Abfuhr erteilt bekommen hatte, erhielt er eine Zusage aus Moskau, wo er 1962 für ein Jahr an der Filmschule bei Mark Donskoj und in den Gorki-Studios bei Sergej Gerassimow studierte.

Nach seinem Lehrjahr in Moskau kehrte Sembène mit einer alten sowjetischen Kamera im Gepäck nach Senegal zurück, mit der er 1963 seinen ersten Kurzspielfilm drehte, Borom Sarret. Darin beschreibt er einen Tag im Leben eines Kutschenfahrers, der eine Kette von Erniedrigungen erleidet und am Ende des Tages alles verloren hat - seine Kutsche und damit seine Lebensgrundlage, seine Frau und seine Kinder. Einfühlsam in der Schilderung der psychologischen Struktur der Unterdrückten, enthüllt der Film zugleich die harsche gesellschaftliche Realität im postkolonialen Senegal. In der Figur des Griot (Geschichtenerzählers), der den Ruhm der afrikanischen Vergangenheit besingt und von dem sich der Kutscher betören lässt, findet man eine indirekte, aber deutliche Anspielung auf die Verführungskraft der die afrikanische Geschichte verklärenden Ideologie der Négritude, einer Art afrikanischer Blut-und-Boden-Mythologie.

Der damalige senegalesische Präsidenten Léopold Senghor (selber ein Dichter) gehörte zu den ausdrücklichsten Verfechtern der Négritude. Im Vorwort zu der Erzählung "Weiße Genesis" (1965) übte Sembène die denkbar schärfste Kritik an dieser Ideologie:

"Die große Schwäche des Menschen hierzulande, die man unser Afrikanertum, unsere Négritude nennt, die anstatt die Unterwerfung der Natur durch die Wissenschaft zu begünstigen, Unterdrückung aufrechterhält und Bestechlichkeit, Vetternwirtschaft, Verschwendung öffentlicher Mittel und alle anderen Gebrechen hervorbringt, mit denen man immer wieder versucht, die niedrigsten Instinkte des Menschen zu entschuldigen [...] - das ist der große Schandfleck unserer Epoche!" (dt. Übers.: Oberbaum Verlag, Berlin 1983)

Nachdem Borom Sarret und auch sein zweiter Kurzspielfilm, Niaye (1964, nach der Erzählung "Weiße Genesis"), auf den Filmfestivals in Tours bzw. Locarno preisgekrönt wurden, reichte Sembène das Drehbuch zu einem abendfüllenden Spielfilm mit dem Titel La noire de... beim Filmbüro des französischen Ministeriums für Zusammenarbeit ein. Abermals erhielt er von dort eine Abfuhr.

Dass der Film dennoch entstehen konnte, war wesentlich André Zoboda zu verdanken, der zu der Zeit die staatliche französische Wochenschauproduktion Actualités Françaises leitete und in dieser Eigenschaft über Produktionsmittel verfügen konnte. Zoboda, der in den 1930er Jahren als Assistenzregisseur von Jean Renoir gearbeitet und zur Vichyzeit bis in die 1950er Jahre auch bei einer Reihe eigener Filme Regie geführt hatte (u.a. wirkte er 1936 an dem KPF-Propagandafilm La vie est a nous mit), war mit Sembène durch den Leiter der Actualités Sénégalaises, den afrikanischen Filmpionier Paulin Vieyra, bekannt gemacht worden.

So kam es, dass der erste schwarzafrikanische Langspielfilm zwar mit Geldmitteln des französischen Staates gemacht wurde, aber ohne Beteiligung des eigentlich für afrikanische Filme zuständigen Filmbüros. Dass der Film für letztere Institution zu heikel war, liegt schon in der Geschichte selbst begründet: der Film handelt von einer jungen Senegalesin, die eine Anstellung als Dienstmädchen in Frankreich annimmt und an der dortigen entwürdigenden Behandlung zugrunde geht.

La noire de... lief auf mehreren internationalen Filmfestivals und bedeutete für Sembène den internationalen Durchbruch als Regisseur. Er gründete seine eigene Produktionsfirma und konnte fortan sogar mit finanzieller Unterstützung vom senegalesischen Staat Filme produzieren, ohne dabei inhaltliche Kompromisse eingehen zu müssen.

Der Freiraum, den sich Sembène erkämpft hatte und den er konsequent nutzte, bedeutete freilich nicht das Ende aller Schwierigkeiten, sondern nur ihre Verlagerung. Schon sein nächster Film Mandabi (1968, nach der Erzählung "Die Postanweisung"), der einen Hausdiener in Senegal zur Hauptfigur hatte, dessen Überleben im täglichen Daseinskampf davon abhängt, dass er sich korrupte Methoden aneignet, führte nach der Premiere zu heftigen Angriffen auf Sembène, der in diesem Film das ungeheure soziale Elend in Senegal ans Licht gebracht hatte.

Mehrere seiner weiteren Filme gerieten mit der Zensur in Konflikt, nicht nur in Senegal. So wurde Emitaï (1972), der die französische Kolonialherrschaft während des Zweiten Weltkriegs kritisch behandelt, in Frankreich für fünf Jahre aus dem Vertrieb genommen und anschließend mit einem umgeschnittenen Ende wieder herausgebracht.

Sein nächster Film, Xala (1974), eine beißende Satire auf die Korruption und Impotenz der afrikanischen Kompradorenbourgeoisie, erhielt von der Zensur in Senegal zahlreiche Schnittauflagen und durfte dort nur in einer stark gestutzten Version gezeigt werden.

Der darauf folgende Film Ceddo (1976), der die Konflikte bei der Islamisierung Senegals im 19. Jahrhundert zum Thema hat, wurde von der senegalesischen Regierung acht Jahre lang verboten.

All diese Schwierigkeiten konnten Sembènes internationalem Ruhm nichts anhaben. In der Differenziertheit der Charakterzeichnungen, der Stimmigkeit der symbolischen Motive und nicht zuletzt der formalen Klarheit und Schärfe, in der didaktische und lyrische Momente zwanglos zusammenwirken, ragt Sembènes Werk weit über Afrika hinaus empor.

Die innige Verbindung seines künstlerischem und seiner revolutionären politischen Haltung drückte Sembène 1973 in einem Interview mit der Zeitschrift Film Quarterly auf die Frage, ob der Künstler über die Darstellung der Korruption hinausgehen und eine Vision der Zukunft liefern solle, wie folgt aus:

"Die Rolle des Künstlers ist es nicht zu sagen, was gut ist, er muss vielmehr fähig sein, anzuprangern. Er muss den Pulsschlag der Gesellschaft fühlen und in der Lage sein, das Bild der Gesellschaft zu schaffen, wie sie sich ihm bietet. Er kann der Gesellschaft Orientierung geben, er kann ihr sagen, dass sie übertreibt, dass sie über die Stränge schlägt, doch die Macht zu entscheiden geht jedem Künstler ab. [...]

Alles, was ein Künstler tun kann, ist die Menschen zu dem Punkt zu bringen, dass sie eine Idee der Sache entwickeln, eine Idee, die sie in ihren Köpfen teilen, und das hilft. Für eine Idee haben Menschen getötet und sind gestorben. [...]

Die Menschen haben im Postamt oder auf dem Markt über Mandabi diskutiert und entschieden, dass sie ihr Geld nicht wie die Person im Film ausgeben werden. Sie haben diejenigen angezeigt, die sie zu schikanieren versuchten, was zu vielen Verhaftungen geführt hat. Aber wenn sie die Betrüger angezeigt haben, sagten sie, dass es nicht die Person sei, die korrupt sei, sondern die Regierung. Und sie sagten, sie würden das Land ändern.

Ich kenne meine Grenzen. Doch durch nichts anderes, als diesen Menschen lediglich Ideen bereitzustellen, nehme ich an ihrem Bewusstsein teil."

Nach einer längeren Schaffenspause erschien 1987 der Film Camp de Thiaroye, in dem Sembène nicht zuletzt seine eigenen Erfahrungen als Soldat bei der französischen Armee im Zweiten Weltkrieg verarbeitet. Nach wahren Ereignissen gedreht, beschreibt der Film die Lage von heimkehrenden afrikanischen Soldaten, die in einem Durchgangslager in Senegal auf ihre Entlassung aus dem Armeedienst warten. Der Film beschreibt eindrücklich, wie die zu Ende des Krieges aufkeimenden Hoffnungen auf einen Neuanfang und eine gerechtere Zukunft sehr schnell der mit Blut bezahlten Erkenntnis weichen mussten, dass die Kolonialherrschaft sich auch nach der Vichy-Zeit mit unverminderter Brutalität fortsetzen sollte.

Sein nächster Film, Guelwaar (1992) - wieder nach einem tatsächlichen Ereignis - spielt in der Gegenwart und beschreibt die folgenreiche Verwechslung zweier Leichen durch die Behörden, die einen Konflikt zwischen den (unterschiedlichen Konfessionen angehörenden) Familien der beiden Verstorbenen hervorruft. Es ist die Korruption und Inkompetenz der staatlichen Organe, verbunden mit der heiklen Balance einer nach Stammes- und ethnischen Kriterien operierenden Günstlingswirtschaft, die zum Hindernis für die eigentlich einfache und folgerichtige Lösung des Problems wird.

Die letzten beiden Filme, Faat Kiné (2000) und Moolaadé (2004), gehören zu einer geplanten Trilogie zum "Heldentum des Alltags", deren letzten Teil Sembène nicht mehr fertig stellen konnte. Im Zentrum stehen in diesen Filmen Frauen und ihr Kampf um Selbstbehauptung in einer Gesellschaft, deren patriarchale Strukturen bei all ihrer Morschheit noch sehr wirksam sind.

Nachdem Sembène viele seiner Filme nach seinen eigenen Romanen und Erzählungen gemacht hatte, drehte er dieses Verhältnis bei Guelwaar um; hier schrieb er den gleichnamigen Roman im Anschluss an den Film. Im Vorwort des Buches schreibt er zum Verhältnis zwischen Büchern und Filmen:

"Der Filmregisseur besitzt ein Werkzeug, das sich seinen Wünschen anpasst: Aufnahme, Gegenschuß, Fahraufnahme, die Dauer einer Einstellung, die ausdrucksvolle Stille des Horizonts. Die Filmszenerie einer elenden Behausung ist ebenso schön wie ein von afrikanischen Malern mit ihrer unbändigen Freude an lebhaften Farbtönen gemaltes Bild. Die Großaufnahme eines Gesichts ist der grenzenlose Horizont einer Seele und veränderlich wie das Meer. Und die Augen, der Blick sind eine offene Tür. Flüchtiges Sichtbarwerden ist wie ein heimliches Beobachten, und dieses Ausdrucksmittel, das nur dem Filmregisseur zueigen ist, verleiht ihm einen sicheren Vorteil gegenüber dem schreibenden Autor.

Und doch verfügt der Schriftsteller eben hier über einen anderen Trumpf: Er formt und malt das Gesicht mit Worten aus, seinem Werkzeug, und er dringt tief in die Psychologie des Menschen ein. Da, wo der Film - sein Regisseur - das Zurschaustellen und das Spektakuläre bevorzugt, arbeitet und schneidet der Mann der Feder Satz um Satz seine Reliefs heraus, und ein erfahrener Leser hat seine Freude daran." (dt. Übers.: Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1997)

Es ist lehrreich und reizvoll, unter diesen Gesichtspunkten die verschiedenen Realisierungen, die Sembène vorgenommen hat, miteinander zu vergleichen. Im Falle von Xala und Guelwaar ist dies für das deutschsprachige Publikum recht einfach, da beide Bücher in Übersetzungen und die Filme in Deutschland (über EZEF) als untertitelte Videos und 16mm-Kopien verfügbar sind.

Man hat Sembène oft mit Brecht verglichen. Das ist insofern berechtigt, als Sembènes Bemühen um politische und historische Hintergründigkeit, die wesentliche und sehr bewusste Behandlung gesellschaftlicher Widersprüche als treibende Kräfte des Dramas, die Betonung der Entwicklung der Charaktere im Wechselspiel zwischen individuellen Ansprüchen und gesellschaftlichen Zwängen, das Begreifen von Kunst als Mittel zur Aufklärung und als Anregung und Hilfestellung zu revolutionär-gesellschaftlicher Umgestaltung zentrale Elemente seines Schaffens bilden. Was die ästhetische Seite angeht, so ist Sembène freilich weniger durch Brechts epische Dramentheorie beeinflusst als durch afrikanische Erzähltraditionen.

Charakteristisch für Sembène war, dass er das Augenmerk auf die für die Dynamik gesellschaftlicher Veränderung wesentlichen, vorwärts treibenden und hemmenden Momente legte - und dabei stets eine unmissverständliche Haltung einnahm. Seine Bücher und Filme sind nicht zuletzt in der Darstellung der Dialektik gesellschaftlichen Wandels Werke, die "mit den Mitteln der Kunst der Revolution zu dienen" suchen. Es fällt schwer, unter zeitgenössischen Filmemachern auf der ganzen Welt jemanden zu finden, der ein solches Programm mit der gleichen Bewusstheit, Konsequenz und künstlerischen Qualität wie Sembène verfolgte.

Aus Anlass des Todes von Sembène zeigt in München das Kino Maxim gerade eine Retrospektive von Sembènes Filmen. Im Berliner Kino Arsenal wird zur Erinnerung an den Regisseur am 25. Juli Guelwaar gezeigt, verbunden mit einer Einführung von Ulrich Gregor.

Siehe auch:
Ousmane Sembène - major figure in African cinema - dead at 84
(13. Juni 2007)

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