Ungleichheit in den USA auf Rekordniveau: Milliarden für Wall Street-Bosse - sinkende Löhne

Von Patrick Martin
29. Dezember 2007

Goldman Sachs, die profitabelste amerikanische Investmentbank, wird diesen Monat nicht weniger als 12,1 Milliarden Dollar in Form von Bonuszahlungen an ihre Führungskräfte ausschütten. Im letzten Jahr waren es noch 9,9 Milliarden Dollar gewesen. Insgesamt wird die Firma 20,2 Milliarden an Löhnen und Gehältern zahlen, gegenüber 16,5 Milliarden letztes Jahr.

Diese Gesamtsumme umfasst die Gehälter und Leistungen für alle 30.000 bei Goldman Sachs beschäftigten Menschen. Die Medien errechneten daraus eine atemberaubende "durchschnittliche" Entlohnung von 661.490 Dollar pro Beschäftigten. Dabei ist klar, dass der Löwenanteil an ein paar hundert Vorstände, Manager und Berater geht, die pro Kopf zig Millionen Dollar im Jahr einstreichen.

Der Vorstandsvorsitzende Lloyd C. Blankfein wird etwa 70 Millionen Dollar erhalten. Erst im vergangenen Jahr hatte er mit 53,4 Millionen das höchste Jahreseinkommen eines Bankvorstandes in der Geschichte erzielt.

Die Bank berichtete am Dienstag, dass die Profite im vierten Quartal um 2,2 Prozent auf 3,2 Milliarden Dollar gestiegen sind. Auf jede Aktie wird eine Dividende von 7,01 Dollar gezahlt, deutlich mehr als die von Börsenanalysten erwarteten 6,61 Dollar. Bei einem Gesamtumsatz von 88 Milliarden Dollar im Jahr 2007 liegt der Gesamtprofit mit 11,6 Milliarden Dollar um 22 Prozent höher als im Vorjahr.

Lehman Brothers, der viertgrößte Wertpapierhändler, gab letzte Woche bekannt, bei einer Gesamtgehaltssumme von 9,5 Milliarden Dollar Bonuszahlungen in Höhe von 5,7 Milliarden Dollar auszuschütten. Vorstandschef Richard S. Fuld Jr. erhielt zusätzlich zu seinem Gehalt und sonstigen Leistungen Aktienoptionen im Wert von 35 Millionen Dollar.

Wie sehr die Wall Street von einer Handvoll großer Firmen dominiert wird, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die Bonuszahlungen von Goldman Sachs den gesamten Marktwert der fünftgrößten Investmentbank Bear Sterns übersteigen.

Der Einfluss von Goldman Sachs wird auch daran deutlich, dass der Bonustopf von 12,1 Milliarden Dollar größer ist als die von den Demokraten im Kongress geforderte Erhöhung der US-Sozialausgaben um 11 Milliarden Dollar. (Letztere kommt übrigens vorerst nicht zustande, da das Weiße Haus ein Veto gegen einen entsprechenden Parlamentsbeschluss angekündigt hatte.)

Eine einzige Wall Street-Firma schüttet doppelt so viel Geld an ein paar hundert Spitzenmanager aus, wie die US-Regierung landesweit für die Krankenversicherung von Kindern ausgibt, die Millionen Heranwachsenden aus ärmeren Schichten zugute kommt. Die Führungskräfte von Goldman Sachs erhalten auch mehr als die US-Regierung dieses Jahr für den Wiederaufbau von New Orleans nach den Zerstörungen von Hurrikan Katrina aufwendet.

Die Gesamtlohnsumme von Goldman Sachs übersteigt ebenfalls das Budget der Bundesministerien für Finanzen, Arbeit, Justiz, Landwirtschaft oder Inneres, der Umweltbehörde EPA oder der NASA.

Diese Zahlen stehen symptomatisch für die grotesken Verzerrungen, die durch die Vorherrschaft von Finanzspekulation in der amerikanischen Gesellschaft auftreten. Die Spekulanten produzieren nichts und schaffen keinerlei Werte, sie führen eine völlig parasitäre Existenz mit allen schädlichen Folgen.

Ein großer Teil der Rekordprofite von Goldman Sachs stammt aus der erfolgreichen Manipulation des Subprime-Hypothekenmarktes. Bei diesen Geschäften zockte die Firma praktisch ihre wichtigsten Konkurrenten an der Wall Street ab, die sich Hals über Kopf in die Umschichtung von Grundstückshypotheken und dadurch in immer komplexere Finanzpapiere stürzten, deren Wert heute problematisch bzw. sogar nicht mehr definierbar ist.

Goldman Sachs raffte allein im vierten Quartal Profite von einer Milliarde Dollar aus Geschäften mit privaten Grundstücken zusammen. Hedge Fonds im Besitz von Goldman Sachs bedienen die reichsten 0,1 Prozent der Bevölkerung - jene, die es sich leisten können, zig Millionen in Finanzspekulationen zu stecken, die unter Umständen 20, 25 oder gar 30 Prozent Profit abwerfen, viel mehr als mit Investitionen in die produktive Infrastruktur der Gesellschaft verdient werden kann.

Eine der Hauptaktivitäten von Hedge Fonds und anderen Kapitalsammelfirmen besteht darin, um ihre Existenz kämpfende Firmen aufzukaufen, sie auszuschlachten, Fabriken und Büros zu schließen und Tausende Arbeiter zu entlassen. Danach werden die "gesund geschrumpften" Unternehmen an der Börse mit enormem Profit zu verkaufen. Hedge Fonds und Private Equity Firms münzen die wirtschaftliche Not entlassener Arbeiter und ihrer Familien in Gold um.

Goldman Sachs gab die Rekord-Bonuszahlungen bekannt, nachdem nur wenige Tage zuvor die Haushaltsaufsicht des US-Kongresses (CBO) ihren Bericht veröffentlicht hatte. Dieser dokumentiert die vom Standpunkt der US-Volkswirtschaft schädliche Rolle der Superreichen.

Der CBO-Bericht vom vergangenen Freitag stellt fest, dass allein der Einkommenszuwachs beim reichsten einen Prozent der Amerikaner in den Jahren 2003 bis 2005 größer war als das Gesamteinkommen der ärmsten zwanzig Prozent der US-Bevölkerung. Das Einkommen des obersten Prozents stieg von knapp 1,3 Billionen Dollar 2003 auf 1,8 Billionen Dollar im Jahre 2005. Der Anstieg um 524,8 Milliarden Dollar ist wesentlich größer als das Einkommen der ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung von 383,4 Milliarden Dollar.

Hätte das oberste eine Prozent 2005 lediglich von dem gleichen exorbitanten Einkommen leben müssen wie im Jahre 2003 und wäre der Zuwachs an die Armen geflossen, dann wäre das Einkommen der ärmsten zwanzig Prozent um sagenhafte 170 Prozent angestiegen. Um die Armut in Amerika abzuschaffen, müssen also nur Superreichen davon abgehalten werden, sich einen immer größeren Anteil des enormen Reichtums unter den Nagel zu reißen, der von der arbeitenden Bevölkerung geschaffen wird.

Der CBO-Bericht erlaubt weitere Einblicke in das beängstigende Ausmaß der sozialen Ungleichheit. Das Gesamteinkommen der drei Millionen Amerikaner am oberen Ende der Einkommensskala war 2005 genauso groß wie das der 166 Millionen am unteren Ende.

Ein Durchschnittshaushalt des obersten Prozents steigerte sein Jahreseinkommen um 465.700 Dollar; die untersten 20 Prozent verdienten nur 200 Dollar mehr. Das mittlere Fünftel erfuhr eine Einkommenssteigerung von lediglich 2.400 Dollar.

Weitere vom Center on Budget and Policy Priorities und vom Economic Policy Institute erstellte Analysen der CBO-Daten lassen das historische Ausmaß der sozialen Polarisierung in den Vereinigten Staaten erkennen.

Die reichsten zwanzig Prozent der Bevölkerung vereinen jetzt 55 Prozent des Nationaleinkommens auf sich. Sie verdienen deutlich mehr als die untersten achtzig Prozent. Diese Spreizung ist einmalig in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

Das reichste eine Prozent der Bevölkerung verdoppelte seinen Anteil am Nationaleinkommen von 1979 (neun Prozent) bis 2005 (18 Prozent). In diesem Vierteljahrhundert verdreifachte sich das Einkommen dieser obersten Schicht. Das Nettoeinkommen der untersten zwanzig Prozent wuchs nur um 6 Prozent und das Durchschnittseinkommen des mittleren Fünftels stieg um 21 Prozent, d.h. um weniger als ein Prozent im Jahr.

Das Ungleichgewicht zwischen Reich und Arm wie auch zwischen den Reichen und der Mitte der Gesellschaft hat sich entsprechend verschärft. 1979 erzielte das oberste eine Prozent ein acht Mal höheres Einkommen als die Mittelschicht und nahm 23 Mal mehr ein als die ärmsten zwanzig Prozent. 2005 erhielt das oberste eine Prozent das 21-fache eines Mittelschichtseinkommens und das 70-fache eines Durchschnittseinkommens der ärmsten 20 Prozent.

Jared Bernstein vom Economic Policy Institute fasst die Jahre 2003 bis 2005 folgendermaßen zusammen: "In diesen zwei Jahren wurden 400 Milliarden Dollar von den unteren 95 Prozent auf die oberen fünf Prozent übertragen." Und er kommt zu dem Schluss: "Eine solche Konzentration von Reichtum ist in einer demokratischen Gesellschaft nicht tolerierbar."

Noch ein wenig deutlicher ausgedrückt: Diese Konzentration von Reichtum ist die Triebkraft für die gegenwärtigen Angriffe auf demokratische Rechte durch die Bush-Regierung. Diese reaktionäre Politik wird von den Demokraten ebenso wie von den Republikanern getragen, denn beide Parteien vertreten und verteidigen gleichermaßen die bestehende Wirtschaftsordnung.

Siehe auch:
Managergehälter und Mindestlohn. Ein Kommentar zur Debatte in Deutschland
(19. Dezember 2007)

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