US-Zentralbank rettet Bear Sterns

Das Gespenst der Großen Depression

Von Barry Grey
18. März 2008

Die amerikanische Zentralbank Federal Reserve Board ergriff am Freitag Notmaßnahmen, um den Zusammenbruch von Bear Sterns zu verhindern, der fünftgrößten amerikanischen Investmentbank und eines der weltweit führenden Finanzhäuser.

Die Zentralbank bezog sich dabei auf eine selten genutzte Bestimmung des Federal Reserve Gesetzes, die 1932 auf dem Höhepunkt der Großen Depression in das Gesetz eingefügt worden war. Hierdurch konnte die Federal Reserve Bank in New York über das Bankhaus JP Morgan Chase der tief in der Krise steckenden Bear Sterns eine Kreditspritze verabreichen. Die auf 28 Tage befristete "abgesicherte Kreditlinie" bedeutet, dass das Risiko eines Bear Sterns-Bankrotts von der Federal Reserve Bank of New York getragen wird und nicht von JP Morgan Chase. Letztere dient eigentlich nur als Vermittlerin für das von der US-Zentralbank zur Verfügung gestellte Geld.

Auf diesen Mechanismus wurde zurückgegriffen, weil nur Geschäftsbanken, so genannte Einlageninstitute, direkt von der Diskontlinie der Fed leihen können. Bear Sterns ist keine Einlagenbank und deswegen musste die Fed eine Bestimmung des ergänzten Federal Reserve Gesetzes von 1932 aktivieren, die unter "ungewöhnlichen und zwingenden Umständen" greift, wenn "der Kreditnehmer nicht in der Lage ist, ausreichend Gelder aus anderen Quellen zu mobilisieren".

Die Ankündigung dieser Rettungsaktion von der Fed erschütterte die Wall Street und Finanzmärkte in aller Welt. Schon vergangene Woche verdichteten sich Gerüchte, dass Bear Sterns, das US-Bankhaus mit den zweitmeisten Hypothekenverträgen in seinem Portfolio, nicht über genügend Geld verfüge, um den Forderungen seiner Gläubiger nachzukommen. Unmittelbar vor der Rettungsaktion kam es zum Zusammenbruch der Carlyle Capital Corporation, eines öffentlich gehandelten Investmentfonds mit 22 Milliarden Dollar Einlagen, der von der Carlyle Group kontrolliert wird. Die Carlyle Group ist seit langem eine der profitabelsten privaten Beteiligungsgesellschaften in den USA und verfügt über beste Verbindungen.

Mit dem de facto Zusammenbruch von Bear Sterns hat die Krise auf dem Immobilien- und Kreditmarkt einen der Titanen an der Wall Street erwischt. Bear Sterns wurde 1923 gegründet, beschäftigt 15.500 Mitarbeiter und ist eine der "großen Fünf" unter den Investmentbanken an der Wall Street. Von 2005 bis 2007 galt Bear Sterns laut einem Ranking der Zeitschrift Fortune als "angesehenster" Wertpapierhändler unter den "angesehensten amerikanischen Unternehmen".

Als im Zuge im Juli letzten Jahres die Blase im US-Immobilienmarkt platzte, brachen auch zwei von Bear Sterns Hedgefonds zusammen. Die Krise des amerikanischen Hypothekenmarkts entwickelte schnell zur Vertrauenskrise, die das gesamte Kreditsystem betrifft. Dies bedroht mittlerweile einige der größten Banken und Finanzhäuser der Welt in ihrer Existenz. Die zunehmende Kreditverknappung verschärft die Krise auf dem Immobilienmarkt und der Wirtschaft im Allgemeinen. Sie droht die USA in eine Rezession zu stürzen und die Volkswirtschaften Europas und Japans mit sich zu reißen.

Die Nachrichten von der Rettungsaktion brachten die Aktienpreise an der Wall Street ins Trudeln. Der Dow Jones fiel um 194,65 Punkte bzw. 1,6 Prozent. Dem Standard&Poor's 500 Index erging es noch schlimmer. Er verlor 27,24 Punkte bzw. 2,1 Prozent, während die Technologiebörse Nasdaq um 51,12 Punkte bzw. 2,3 Prozent fiel.

Neun von zehn Werten fielen. Die Furcht, dass weitere Finanzhäuser dem Schicksal von Baer Sterns folgen könnten, spiegelte sich im Absturz des Finanzindexes von Standard&Poor's um 4,1 Prozent. Alle 92 im Index vertretenen Werte verloren im Verlauf des Handeltages.

Bear Sterns-Aktien verloren 27 Dollar bzw. 47 Prozent und gingen mit 30 Dollar aus dem Handel. Nach einem schon monatelang dauernden Wertverfall der Aktien des Bankhauses sank die Marktkapitalisierung von Bear Sterns durch die gestrigen Panikverkäufe auf 4,1 Milliarden Dollar.

Schon gibt es Anzeichen, dass der Zusammenbruch von Bear Sterns Kreise zieht. So fielen beispielsweise die Aktienpreise des weltweit zweitgrößten Wertpapierversicherers Ambac Financial Group um 93 Prozent. Dahinter steht die Befürchtung, dass die Firma nicht über genügend Kapital verfügt, um Zahlungsverpflichtungen gegenüber ihren Kunden nachzukommen.

Der US-Dollar ist erneut auf einen Tiefststand gegenüber dem Euro und anderen Währungen gefallen.

Die Aktion der Fed vom Freitag bestätigte Spekulationen, dass ihre außerordentliche Ankündigung vom Dienstag, Schuldverschreibungen in Höhe von 300 Milliarden Dollar an Investmentbanken und Wertpapierhändler zu vergeben, eine Verzweifelungsmaßnahme war, um dem Zusammenbruch eines großen Finanzhauses an der Wall Street vorzubeugen. Als Deckung für die Schuldverschreibungen ist die Fed bereit, private Hypothekentitel zu akzeptieren, deren Marktwert ins Bodenlose gefallen ist.

Das Wall Street Journal Online schrieb am Freitag über die Rettungsaktion der Fed: "Der Zeitpunkt der Maßnahme machte ihre Dringlichkeit deutlich. Wenn Bear Sterns bis zum 27. März hätte durchhalten können, dann hätte sie sich nach einem am Dienstag angekündigten Programm direkt bei der Fed refinanzieren können."

Die Höhe des Kredits ist nach oben hin nicht von vorneherein begrenzt, hängt aber davon ab, wie viel Deckung Bear Sterns bieten kann, um die Anforderungen der Fed zu erfüllen, erklärten offizielle Vertreter. Der Kredit ist durchaus keine Sicherheit für das Überleben von Bear Sterns. Wahrscheinlicher ist, dass er gewährt wurde, um Zeit für eine geordnete Entscheidung über das Schicksal der Firma zu gewinnen und eine Panikreaktion von Bankern und Investoren zu vermeiden.

Das Wall Street Journal Online bemerkt dazu: "Die Entwicklung könnte dazu führen, dass die 1923 gegründete Bear Sterns ihre Unabhängigkeit verliert. JP Morgan sagte, ihr Bankhaus arbeite eng mit Bear Sterns zusammen auf der Suche nach einer dauerhaften Finanzierung oder nach anderen Alternativen für das Unternehmen. Das ist an der Wall Street ein Codewort für Verkauf oder andere strategische Veränderungen. Und CNBC berichtet, dass aktiv nach potentiellen Käufern für die Bank gesucht wird."

Vertreter von Standard&Poor's und Moody's Investor Services trafen sich am Freitag, um über eine Herabsetzung der Kreditwürdigkeit von Bear Sterns zu beraten.

In ihrer eigenen Stellungnahme zu der Rettungsaktion schrieb Bear Sterns: "Die Firma kann keine gesicherten Angaben machen, ob eine erfolgreiche strategische Alternative zu finden ist."

Carl Lantz, ein führender Kopf bei Credit Suisse, sagte, die Intervention der New York Fed und von JP Morgan zeige, dass "Bear Sterns nicht genug Geld hat, um morgen früh noch das Licht einzuschalten".

Geoffrey Yu von der UBS erklärte: "Ich glaube nicht, dass der Markt schon einmal etwas in dieser Größenordnung gesehen hat, so eine große Bank."

Der Wall Street Journal -Kolumnist Peter A. McKay schrieb: "Das Eingreifen der Federal Reserve und von JP Morgan Chase mit einem finanziellen Rettungsanker für Bear Sterns hat Investoren vor allem daran erinnert, wie trüb und tief die Wasser der Kreditkrise an der Wall Street immer noch sind. Andere Marktteilnehmer ertrinken vielleicht bereits unter der Oberfläche."

Die unmittelbare Furcht der Federal Reserve, des US-Finanzministeriums und der Wall Street Banken war, dass ein unkontrollierter Zusammenbruch von Bear Sterns auf den jetzt schon verunsicherten Finanzmärkten einen Domino-Effekt auslösen könnte. Wäre Bear Sterns gezwungen, Anlagen zu Ausverkaufspreisen auf den Markt zu werfen, um Gelder zur Befriedigung von Gläubigerforderungen zu mobilisieren, dann fiele der Wert von Anlagen anderer Finanzinstitutionen massiv. Das würde zu weiteren Geldforderungen anderer Gläubiger, weiteren Zusammenbrüchen, weiteren Panikverkäufen von Schuldverschreibungen und Sicherheiten führen - ein Teufelskreis nach unten mit dem Potenzial, das ganze kapitalistische Finanzsystem in den Abgrund zu reißen.

Die momentane Atempause für Bear Sterns schließt ein solches Szenario für die nahe Zukunft nicht aus.

Das zugrunde liegende Problem ist die riesige Kreditblase. Sie wurde mittels rücksichtsloser und von vorneherein nicht tragfähiger Hypothekenvergabe und anderer Formen der Spekulation, wie kreditfinanzierten Firmenübernahmen, angeheizt. Ein weiterer Faktor war die enorme Ausweitung der unregulierten Kreditmärkte, die völlig unrealistisch hohe Profite abwarfen. Die ungeheuren Vermögen, die die höchsten Schichten der amerikanischen Bevölkerung auf der Grundlage solcher parasitären Finanzoperationen angehäuft haben, haben am anderen Ende der Gesellschaft eine soziale und ökonomische Katastrophe von historischen Ausmaßen geschaffen. Dutzende Millionen Amerikaner und Hunderte Millionen Menschen in aller Welt drohen in Armut gestoßen zu werden.

Präsident Bush ist vielleicht die vollendete politische Personifizierung dieser sozialen Schicht, die von der jetzt geplatzten Spekulationsblase profitiert hat. Er sprach am Freitag vor dem Economic Club of New York, nur Stunden nach der Rettungsaktion für Bear Sterns. Bush hangelte sich von Plattitüde zu Plattitüde und erklärte, die US-Wirtschaft genieße "überall auf der Welt ein hohes Ansehen". Er nannte die Finanzkrise einen "Schnupfen" und beruhigte sein Publikum mit der Versicherung, dass es "in einer Marktwirtschaft gute Zeiten und schlechte Zeiten gibt. So funktionieren die Märkte nun mal."

In seiner ansonsten völlig substanzlosen Rede lehnte er allerdings jede staatliche Regulierung der Banken ab, verurteilte alle Schritte gegen die wachsende Welle der Zwangsräumungen von Eigenheimen, so auch die von den Demokraten im Kongress vorgeschlagenen zahmen Pseudomaßnahmen, und forderte erneut, seine Steuersenkungen für die Reichen dauerhaft festzuschreiben.

Seine Rede trug nichts dazu bei, die Finanzmärkte zu beruhigen, die zu tief im Morast stecken, um sich von dem dümmlichen "Optimismus" des Oberkommandierenden aufbauen zu lassen. Martin Feldstein, ein konservativer Republikaner, der eine zeitlang US-Präsident Ronald Reagan als ökonomischer Chefberater diente, fasste die inzwischen vorherrschende Stimmung vor einer Konferenz in Florida zusammen. "Ich glaube", sagte er, "dass die amerikanische Wirtschaft inzwischen in einer Rezession steckt. Die Lage ist schlimm, sie wird schlimmer und die Gefahr besteht, dass sie sehr schlimm wird."

Siehe auch:
Anmerkungen zur politischen und ökonomischen Krise des kapitalistischen Weltsystems und die Perspektiven und Aufgaben der Socialist Equality Party
(16. Januar 2008)
Kaum verhüllte Panikstimmung bei Anhörung des US-Notenbankchefs vor dem Kongress
( 16. November 2007)

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