Zug der Erinnerung

Deutsche Bahn verweigert jegliche Unterstützung

Von Werner Albrecht
20. März 2008

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn Hartmut Mehdorn hat den Geschäftsführer der Düsseldorfer jüdischen Gemeinde Michael Szentei-Heise letzte Woche wegen Beleidigung und Verleumdung angezeigt. Bei der Eröffnung der mobilen Ausstellung "Zug der Erinnerung" hatte Szentei-Heise Mehdorn laut Presseberichten unter anderem als "Führer der neuen Reichsbahn" bezeichnet.

Hintergrund ist die Verbitterung der Ausstellungs-Organisatoren über die Trassengebühren, die ihnen von der Bahn für den "Zug der Erinnerung" berechnet werden. Die Ausstellung erinnert an die Deportation von rund einer Million Kinder und Jugendlichen in der NS-Zeit und beleuchtet dabei auch die Rolle der damaligen Reichsbahn.

Mehdorn und die Bahn haben zuerst versucht, die Ausstellung zu verhindern. Nachdem sie dies nicht geschafft hatten, versuchen sie den Ausstellungsmachern - zahlreichen Bürgerinitiativen - die Zugfahrt zu erschweren.

Was wollte und will Mehdorn der Öffentlichkeit vorenthalten?

Der "Zug der Erinnerung" ist eine "rollende Ausstellung", deren Fahrt eine rund 3.000 Kilometer lange Strecke bewältigen soll. Seit November hat der Zug bereits an 27 Bahnhöfen in Deutschland Station gemacht. Aufenthalte des Zuges sind jeweils die Bahnhöfe, von denen Kinder und Jugendliche durch die Deutsche Reichsbahn auf ihre letzte Reise in die Konzentrationslager geschickt wurden. Nach dem Erreichen des Görlitzer Grenzbahnhofs in Sachsen, der letzten Station in Deutschland, soll der Zug bis zur Gedenkstätte Auschwitz, im von den Nationalsozialisten umbenannten polnischen Oswiecim fahren. Rund die Hälfte der Bevölkerung Oswiecims war vor der Besatzung durch die Nazis 1939 jüdischer Abstammung. Das ortsansässige Chemiewerk, Hauptarbeitgeber damals wie heute, gehörte einst dem deutschen IG-Farben Konzern und wurde in den 1940er Jahren von KZ-Häftlingen aufgebaut.

Der Trägerverein, der diese Ausstellung möglich macht, sieht es als seine vornehmste Aufgabe, nach den Spuren zehntausender von den Nazis verschleppter Kinder zu suchen sowie der vergessenen Opfer des NS-Systems zu gedenken. Unter den von der "Deutschen Reichsbahn" in die verschiedensten Vernichtungslager verschleppten jungen Menschen befanden sich in erster Linie Kinder und Jugendliche aus jüdischen Elternhäusern, aus Sinti - und Roma- sowie politisch verfolgten Familien.

Diesen Opfern soll die Ausstellung ein Gesicht geben: " Mehr als 60 Jahre ist das Schicksal der Kinder beschwiegen worden", sagt Hans-Rüdiger Minow, Sprecher des Trägervereins.

Der Zug verfolgt dabei nicht nur das Ziel, zu dokumentieren und zu gedenken. Er möchte auch in den Städten anregen, sich mit diesem Kapitel der Nazi-Herrschaft zu beschäftigen, selbst Spuren zu suchen. "Der Zug der Erinnerung unterstützt die Spurensuche, wenn er sich in Ihrer Region aufhalten wird", wirbt ein Flugblatt der Veranstalter. "Die Ausstellung im Zug der Erinnerung informiert über die deportierten Kinder und Jugendlichen, Begleitveranstaltungen berichten über die damaligen Geschehnisse in Ihrer Stadt."

Der Autor dieser Zeilen besuchte den Zug in Duisburg. Einen ersten bedrückenden Eindruck bekommt man im vorderen Teil des Zuges. Auf einer Karte ist zu sehen, durch welche Teile Europas die Deportierten über Tausende von Kilometern selbst unter Kriegsbedingungen abtransportiert wurden. Fotos und Dokumente zeigen die Zustellung der Deportationsbescheide, das Verlassen der Wohnungen, den Weg der Familien zu den Sammellagern und von dort weiter zu den wartenden Zügen.

Die Geschichte der Transporte wird dann anhand von ausgewählten Biografien in zwei Waggons nacherzählt. Diese Biografien dokumentieren Leben und Sterben einzelner Opfer, wie etwa den Weg eines 1933 geborenen Mädchens, deren Einlieferung und der anschließenden Ermordung im KZ Lager Theresienstadt.

Die Ausstellung erinnert auch an die Kinder aus den von den Nazis besetzten Ländern Europas, so an Graciella Samuel. "Das letzte Bild" des Mädchens aus dem griechischen Ioannina (Region Epirus) wurde wahrscheinlich am Abend vor der Deportation aufgenommen. Am frühen Morgen des 25. März 1944 gegen 5 Uhr umstellten deutsche Wehrmachtssoldaten die Ghettos von Ioannina. Innerhalb von drei Stunden mussten sämtliche jüdischen Bewohner auf den Sammelplätzen antreten. 1.725 Menschen wurden in 80 Lastwagen verladen und nach Larissa abtransportiert. Nach einer Zugfahrt, die eine Woche dauerte und von den Logistikstäben der "Deutschen Reichsbahn" geplant worden war, kamen die Deportierten in Auschwitz an. Graciella Samuel kehrte nicht zurück. Sie gehört zu den 58.885 ermordeten Juden aus Griechenland.

In Duisburg waren auch die 130 Namen der von hier deportierten Kinder zu lesen, die niemals ein Leben als Erwachsene führen durften. Deren Aufzählung beginnt mit "Jacob Apfelbaum (geboren am 28. September 1929)"und endet mit "Helena Wolff (geboren am 3.9 1935)".

Nur wenige der Duisburger Kinder und Jugendlichen überlebten den Holocaust. Kinder, oft im Kleinkindalter, kamen aus allen Teilen der Stadt. Meist waren sie vor ihrer Deportation in so genannten "Judenhäusern" untergebracht. Ab 1942 gingen die "Kindertransporte" über Düsseldorf in die Lager in Riga, Theresienstadt, Sobibor, Madjanek oder Treblinka. Meistens hieß die Entstation jedoch Auschwitz.

Hinter der Auflistung der Namen verbergen sich menschliche Tragödien. Die Familie Heymann aus dem Duisburger Stadtteil Ruhrort wurde fast vollständig ausgerottet. Horst (10 Jahre), Irmgard (9 Jahre), Gisela (7 Jahre), Helga (6 Jahre), Uri (5 Jahre) wurden gemeinsam mit ihrer Mutter Margot Heymann (34 Jahre) 1943 in Auschwitz umgebracht. Der Familienvater überlebte mit tiefen psychischen Wunden den Holocaust.

Der hintere Abschnitt der Ausstellungswaggons dokumentiert die Rolle der Täter. Das monströse Verbrechen des Holocaust war ein arbeitsteiliges Mordprojekt, und mehrere Tausend waren daran beteiligt. Es waren Täter der unterschiedlichsten Funktionsebenen die vom Reichsministerium über die SS bis hin zu den Logistikplanern der Reichsbahn für den Transport der todgeweihten Menschen zuständig waren.

Für Transporte in die Vernichtungslager verlangte die Reichsbahn pro Person und Schienenkilometer vier Pfennig. Kinder unter vier Jahren zahlten zwei Pfennig und Kleinkinder fuhren kostenlos. Die Reichsbahn deportierte nach Schätzungen insgesamt drei Millionen Menschen in die Vernichtungslager, darunter eine Million Kinder. Darüber hinaus arbeiteten bis Kriegsende 400.000 Zwangsarbeiter für die Instandhaltung des Schienennetzes.

Den daraus resultierenden Profit könnte man leicht errechnen.

Stellvertretend für viele Technokraten des Todes - und hier an vorderster Front - werden Dr. Albert Ganzenmüller, Staatssekretär im Reichsverkehrsministerium sowie der Reichsverkehrsminister Julius Dorpmüller vorgestellt, beide ehemalige hohe Angestellte der Reichsbahn. Ganzenmüller wirkte von Beginn an bei den Deportationen mit und sorgte für einen reibungslosen Ablauf. Er entkam, wie viele andere Nazi-Mörder auch, nach dem Krieg nach Argentinien und war dort zeitweilig in seinem alten Metier bei der argentinischen Staatsbahn tätig. 1957 kehrte er nach Deutschland zurück, und setzte als Planungsingenieur für Transportfragen bei der Hoesch AG seine berufliche Karriere fort. 1973 wurde der Prozess gegen ihn in Düsseldorf eröffnet. Ihm wurde vorgeworfen, durch die Transporte in die Vernichtungslager wissentlich Beihilfe zum Mord und zur Freiheitsberaubung mit Todesfolge geleistet zu haben. Aus Gesundheitsgründen wurde das Verfahren gegen den 72jährigen Ganzenmüller im Jahr 1977 endgültig eingestellt. Ganzenmüller lebte dennoch weitere 20 Jahre. Er starb in hohem Alter von 92 Jahren in München.

Reichsverkehrsminister Julius Dorpmüller, der ab 1939 gleichzeitig Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn war, stellte unter seiner Federführung im Namen der Reichsbahn die Züge für die Deportationen zur Verfügung. Dorpmüller starb bereits im Juli 1945. Die Bundesbahn zeigte was sie Julius Dorpmüller schuldig zu sein glaubte. Nach ihm wurden in Essen und Hannover Konferenzräume der Bahn und in einigen deutschen Städten sogar Straßennamen benannt.

Die deutsche Bundesbahn, das Vorgängerunternehmen der DB, finanzierte Dorpmüllers Grabstätte bis 1990.

Ein weiteres düsteres Kapitel der verschleppten Kinder entdeckte Prof. Dr.Wolfgang Dresen aus Düsseldorf. Er berichtet im Interview mit den Organisatoren der Ausstellung, dass Plünderungen jüdischen Eigentums durch die Behörden sofort nach Verlassen der Wohnungen geschahen. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde versteigert - auch Kinderspielzeug. Über die Versteigerungen wurde genau Buch geführt. Die entsprechenden Dokumente archivierten die zuständigen Finanzdirektionen überall in Deutschland. Sie sollten möglichst lange unter Verschluss bleiben: Sperrfrist 80 Jahre. Ebenfalls Kinderspuren entdeckte Dresen in Akten, "die über Verkäufe aus jüdischen Institutionen Auskunft geben".

"Zum Beispiel erwarb das städtische Waisenhaus der Stadt Köln die Wäsche, das Spielzeug und das Mobiliar des jüdischen Waisenhauses in Köln, nachdem die Kinder deportiert wurden. Oder das Schulamt der Stadt Köln benutzte die Schulbänke der jüdischen Schule. (http://www.zug-der-erinnerrung.eu/intervievs.html)

Im letzten Abschnitt des Zuges werden die Rolle von Bahnchef Mehdorn und die Gebührenforderungen der Bahn beleuchtet. "Das schlägt dem Fass den Boden aus", so eine ältere Dame beim Anblick der Rechnungen der Bahn für den Zug der Erinnerung auf seiner Station in Duisburg. Der Bahnvorstand lässt sich das Gedenken an die NS-Opfer im Stundentakt bezahlen. Auf kleineren Bahnhöfen wie der in Esslingen bei Stuttgart kostet der Aufenthalt pro Stunde 22,50 Euro. Größere Bahnhöfe kosten 45 Euro pro Stunde, zuzüglich Mehrwertsteuer. Jeder gefahrene Kilometer wird mit 3,50 Euro und die Nachtabstellung der Ausstellungswagen mit den Fotos und Dokumenten der Deportierten mit weiteren 5 Euro pro Stunde berechnet.

Der Trägerverein rechnet mit Kosten von rund 25.000 Euro allein für die Schienennutzung und rund 70.000 Euro für die Standgebühren auf den Bahnhöfen, insgesamt mit über 100.000 Euro.

Eine ähnliche Ausstellung durchlief in der Zeit von Juni 2000 bis Dezember 2004 18 französische Bahnhöfe und wurde vom französischen Staatsunternehmen SNCF (Societe Nationale des Chemins de Fer) unterstützt. Bei Eröffnungen an den jeweiligen Bahnhöfen kam es teilweise zu erschütternden Szenen beim Gedenken an die etwa 520 Kinder deutscher Emigranten, die von Frankreich nach Auschwitz verschleppt und dort sofort umgebracht worden waren. Höhepunkt des Gedenkens war die Präsentation der Kinderfotos und der letzten Briefe auf dem Pariser Gare du Nord, die auch durch eine englischsprachige Version Reisende des " Eurostar" von Paris nach London erreichte.

Im Gegensatz zur SNCF verweigert die Deutsche Bahn jede Verantwortung für die Deportationen. Kritiker äußerten einmal sarkastisch, die Bahn erwecke den Eindruck, als seien zwischen 1939 und 1945 in Deutschland keine Züge gefahren.

Das Unternehmen beharrt darauf, juristisch weder Nachfolgeorganisation der "Deutschen Reichsbahn" noch der Deutschen Bundesbahn zu sein. Allenfalls, so die Bahn, habe man eine "moralische Verpflichtung".

In Absprache mit Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) - der deutsche Staat ist immer noch Mehrheitseigner der Deutschen Bahn - hatte Mehdorn daher vor, die Ausstellung in einem kleinen "Kabuff" von 18 Quadratmetern Größe im Nürnberger Bahnmuseum zu verstecken.

Stein des Anstoßes seitens der Bahn ist offensichtlich nicht so sehr das Gedenken an die Deportierten, sondern an die Täter. In allen bisherigen Ausstellungen zur Deportation, die die Bahn unterstützte, wurde die Verantwortung der Deutschen Reichsbahn bei der Judenvernichtung ausgeblendet.

Offensichtlich soll etwaigen Schadensersatzklagen von vornherein eine Absage erteilt werden. Daher resultiert die Behandlung des "Zugs der Erinnerung" wie alle "anderen Kunden der Bahn".

Trotz dieser Hindernisse setzt der Zug der Erinnerung seine Fahrt fort und stößt in den Städten auf großes Interesse. Bislang sahen bundesweit mehr als 130.000 Besucher die Ausstellung unter ihnen viele Schulklassen, die mit ihren Lehrern die Ausstellung besuchen und sich so mit dem Thema auseinandersetzen. Binnen vier Wochen kamen allein in Nordrhein-Westfalen mehr als 40.000 Menschen auf die Bahnhöfe. Mit diesem Interesse haben selbst die Ausstellungsmacher nicht gerechnet.

Im Gespräch mit Schülern in Duisburg bemerkte der Autor, dass sie nur sehr bruchstückhaft über die Zeit des Nationalsozialismus informiert waren. Die Namen "Kristallnacht" und "Wannsee-Konferenz" waren für viele jungen Leute Fremdwörter. Es gab aber den Wunsch, in der Schule selbst Authentische Berichte von Zeit-Zeugen zu erfahren.

Die rollende Ausstellung "Zug der Erinnerung" zur Deportation der Kinder und Jugendlichen im Nationalsozialismus sollten daher alle Besucher, insbesondere Lehrer, zum Anlass nehmen, sich mit der Geschichte des Dritten Reichs auseinanderzusetzen und die Erfahrungen und Lehren an die junge Generation weiterzugeben.

Der Zug der Erinnerung bietet trotz seiner beschränkten Mittel einen geeigneten Ausgangspunkt.