1968 - Generalstreik und Studentenrevolte in Frankreich

Teil 1: Eine revolutionäre Situation entsteht

Von Peter Schwarz
21. Mai 2008

Es gibt kaum ein anderes historisches Ereignis, das so viel öffentliche Aufmerksamkeit gefunden hat, wie der vierzigste Jahrestag der Bewegung von 1968. In den letzten Wochen sind allein in Deutschland Hunderte von Artikeln, Interviews, Dokumentationen und Fernsehfilme über die Studentenproteste und Arbeitskämpfe dieses Jahres erschienen - weit mehr als an früheren Jahrestagen.

Woher diese Aufmerksamkeit?

Die Antwort hat weniger mit der Vergangenheit, als mit der Gegenwart und der Zukunft zu tun. 1968 war nicht nur eine "Studentenrevolte", die neben den USA, Deutschland und Frankreich auch Italien, Japan, Mexiko und zahlreiche andere Länder erschütterte. Es war der Auftakt zur größten Offensive der internationalen Arbeiterklasse seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Diese Offensive dauerte sieben Jahre, nahm teilweise revolutionäre Ausmaße an, zwang Regierungen zum Rücktritt, brachte Diktaturen zu Fall und stellte die bürgerliche Herrschaft insgesamt in Frage.

Am deutlichsten war dies in Frankreich, wo im Mai 1968 zehn Millionen Arbeiter in den Generalstreik traten, die Fabriken besetzten und das Regime von General de Gaulle an den Rand drängten. In Deutschland kam es 1969 zu den Septemberstreiks, in Italien zum "heißen Herbst". In den USA gab es die Bürgerrechtsbewegung und Aufstände in den Ghettos. In Polen und der Tschechoslowakei (dem Prager Frühling) rebellierten Arbeiter gegen die stalinistische Diktatur. In den 70er Jahren fielen die rechten Diktaturen in Griechenland, Spanien und Portugal. Die US-Armee verlor den Vietnamkrieg.

Hintergrund war die erste tiefe Krise der kapitalistischen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. 1966 erschütterte eine Rezession die Weltwirtschaft. 1971 kündigte die amerikanische Regierung die Gold-Bindung des Dollars auf und entzog damit dem Weltwährungssystem von Bretton Woods den Boden, das die Grundlage des Nachkriegsbooms gebildet hatte. 1973 sank die Weltwirtschaft in eine noch tiefere Rezession.

Die Welle von Protesten, Streiks und Aufständen blieb nicht ohne Ergebnis. Löhne und Arbeitsbedingungen verbesserten sich zum Teil erheblich. Auch im gesellschaftlichen und kulturellen Bereich hinterließ die 68er Bewegung ihre Spuren. Der Mief und die stickige Atmosphäre der 50er und 60er Jahre wurden überwunden, die Rechte von Frauen und Minderheiten erheblich erweitert, die Universitäten ausgebaut und für breitere Schichten geöffnet. Doch die kapitalistischen Herrschafts- und Eigentumsverhältnisse blieben intakt. Die Bourgeoisie musste zwar politische und soziale Zugeständnisse machen, doch sie behielt die Macht.

Ende der siebziger Jahre begann die Gegenoffensive. In England gelangte Margaret Thatcher, in den USA Ronald Reagan und in Deutschland Helmut Kohl an die Macht. Die sozialen Zugeständnisse wurden zurückgenommen, die Angriffe auf die Arbeiterklasse verschärft.

Heute stehen die Zeichen wieder auf Sturm. Die sozialen Gegensätze sind tiefer denn je zuvor. Millionen sind arbeitslos oder arbeiten in prekären Verhältnissen. In Osteuropa und Asien wird ein riesiges Heer von Arbeitern zu Hungerlöhnen ausgebeutet. Die jüngste Finanzkrise lässt einen Kollaps des internationalen Bankensystems immer wahrscheinlicher werden. Die Spannungen zwischen den Großmächten wachsen, und imperialistische Kriege stehen - wie im Irak - wieder auf der Tagesordnung. Neue Konflikte und Klassenkämpfe werden die unausweichliche Folge sein.

Das ist der Hauptgrund für das Interesse, das die Ereignisse von 1968 heute finden. Sie könnten sich in anderer Form wiederholen. Die herrschende Klasse versucht, sich darauf vorzubereiten, und auch Arbeiter und Jugendliche müssen die Lehren aus 1968 ziehen und sich vorbereiten.

Diese Artikelserie konzentriert sich auf die Ereignisse in Frankreich. Hier brachen die Klassengegensätze im Mai mit Urgewalt an die Oberfläche und widerlegten schlagartig die Behauptung der Neuen Linken, die Arbeiterklasse sei mittels Konsum und Medienmanipulation in die kapitalistische Herrschaft integriert worden. Was im Januar als relativ harmlose Auseinandersetzung zwischen Studenten und Regierung begann, mündete innerhalb weniger Wochen in eine revolutionäre Situation. Das Land war gelähmt, die Regierung ohnmächtig, die Gewerkschaften hatten die Kontrolle verloren. Die Arbeiter hätten Ende Mai nicht nur Präsident de Gaulle und seine Regierung zum Rücktritt zwingen, sondern das kapitalistische System stürzen und selbst die Macht übernehmen können. Das hätte den politischen Ereignissen in ganz Europa - West und Ost - eine völlig andere Richtung gegeben.

Es scheiterte am Boykott der Kommunistischen Partei und der von ihr kontrollierten Gewerkschaft CGT, die sich strikt weigerten, die Macht zu übernehmen, und ihren gesamten Einfluss einsetzten, um die Bewegung abzuwürgen. Rückendeckung erhielten sie dabei vom pablistischen Vereinigten Sekretariat Ernest Mandels und seinen französischen Ablegern - dem Parti communiste internationaliste Pierre Franks und der Jeunesse communiste révolutionnaire (JCR) Alain Krivines. Die Pablisten hatten die marxistische Tradition der trotzkistischen Bewegung seit 15 Jahren systematisch angegriffen und desorientierten die revoltierenden Studenten, indem sie ihnen Che Guevara und anarchistische Aktionen als Vorbild hinstellten und sich weigerten, der Kommunistischen Partei wirkungsvoll entgegenzutreten.

Der erste Teil dieser Serie befasst sich mit der Entwicklung der Studentenrevolte und des Generalstreiks bis zu ihrem Höhepunkt Ende Mai. Der zweite Teil untersucht, wie die Kommunistische Partei und die CGT de Gaulle halfen, die Kontrolle zurück zu gewinnen. Der dritte Teil wird sich mit der Rolle der Pablisten auseinandersetzen, der vierte mit der Organisation communiste internationaliste (OCI) Pierre Lamberts. Sie gehörte 1968 noch dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale an, verfolgte aber bereits einen zentristischen Kurs und schwenkte kurz danach ins Fahrwasser der Sozialistischen Partei Mitterrands ein.

Frankreich vor 1968

Das Frankreich der 1960er Jahre ist von einem tiefen Widerspruch geprägt. Das politische Regime ist autoritär und zutiefst reaktionär. Es findet seine Verkörperung in der Person General de Gaulles, der aus einer anderen Epoche zu stammen scheint und die Verfassung der Fünften Republik ganz auf seine Person zugeschnitten hat. De Gaulle ist 68 Jahre alt, als er 1958 zum Präsidenten gewählt wird, und 78, als er 1969 zurücktritt. Doch unter dem verknöcherten Regime des alten Generals vollzieht sich eine rasante wirtschaftliche Modernisierung, die die soziale Zusammensetzung der französischen Gesellschaft gründlich verändert.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs waren große Teile Frankreichs noch ländlich geprägt. 37 Prozent der Bevölkerung lebten von der Landwirtschaft. In den folgenden zwanzig Jahren verlassen zwei Drittel der Bauern das Land und ziehen in die Städte, wo sie - zusammen mit immigrierten Arbeitern - die Arbeiterklasse um eine junge, militante und von der Gewerkschaftsbürokratie nur schwer zu kontrollierende Schicht erweitern.

Insbesondere nach dem Ende des Algerienkriegs im Jahr 1962 setzt ein starkes wirtschaftliches Wachstum ein. Der Verlust der Kolonien zwingt die französische Bourgeoisie, sich wirtschaftlich verstärkt auf Europa zu konzentrieren. Schon 1957 unterzeichnet Frankreich die Römischen Verträge, das Gründungsdokument der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, Vorgängerin der Europäischen Union. Die wirtschaftliche Integration Europas begünstigt den Aufbau neuer Industriezweige, die den Niedergang des Kohlebergbaus und anderer alten Industrien mehr als wettmachen. Im Auto-, Flugzeug-, Waffen-, Raumfahrt- und Nuklearbereich entstehen mit staatlicher Unterstützung neue Konzerne und Fabriken. Sie stehen oftmals außerhalb der alten Industriezentren und zählen 1968 zu den Hochburgen des Generalstreiks.

Typisch in dieser Hinsicht ist die Stadt Caen in der Normandie. Die Zahl ihrer Einwohner steigt zwischen 1954 und 1968 von 90.000 auf 150.000, von denen die Hälfte jünger als dreißig Jahre sind. Unter anderem beschäftigt Saviem, ein Ableger des Autobauers Renault, in Caen 3.000 Arbeiter. Die Belegschaft von Saviem tritt schon im Januar 1968, vier Monate vor dem Generalstreik, in den Ausstand, besetzt zeitweilig die Fabrik und liefert sich heftige Schlachten mit den Ordnungskräften.

Auch innerhalb der Gewerkschaften macht sich die Radikalisierung bemerkbar. Die alte, katholische Gewerkschaft CFTC bricht auseinander. Die Mehrheit reorganisiert sich als CFDT auf säkularer Grundlage, bekennt sich zum "Klassenkampf" und vereinbart Anfang 1966 eine Aktionseinheit mit der CGT.

Mit der Entstehung neuer Industrien geht der fieberhafte Ausbau des Bildungssektors einher. Es werden dringend Ingenieure, Techniker und ausgebildete Arbeiter benötigt. Allein zwischen 1962 und 1968 verdoppelt sich die Zahl der Studenten. Die Universitäten sind überfüllt, schlecht ausgestattet und werden - wie die Fabriken - von einer patriarchalischen, im Gestern verhafteten Leitung beherrscht.

Die Opposition gegen die schlechten Studienbedingungen und das autoritäre Universitätsregime - der Zugang zu Studentenheimen ist beispielsweise Mitgliedern des anderen Geschlechts strikt verboten - ist ein wichtiger Grund für die Radikalisierung der Studenten. Sie verbindet sich bald mit internationalen politischen Fragen. Im Mai 1966 findet in Paris die erste Versammlung gegen den Vietnam-Krieg statt. Ein Jahr später finden die Studentenproteste in Deutschland, wo am 2. Juni 1967 der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wird, ein Echo in Frankreich.

Im selben Jahr machen sich die Auswirkungen der internationalen Rezession bemerkbar und die Arbeiter radikalisieren sich. Lebensstandard und Arbeitsbedingungen halten seit Jahren nicht mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Schritt. Die Löhne sind niedrig, die Arbeitszeiten lang und die Arbeiter in den Betrieben rechtlos. Nun kommen steigende Arbeitslosigkeit und wachsender Arbeitsdruck hinzu. Bergbau, Stahl-, Textil- und Bauindustrie stagnieren.

Die Gewerkschaften ordnen von oben Aktionstage an, um die Kontrolle nicht zu verlieren. Doch von unten häufen sich lokale Proteste. Sie werden von den Ordnungskräften brutal unterdrückt. Im Februar 1967 besetzt die Belegschaft des Textilherstellers Rhodiacéta in Besançon als erste ihren Betrieb. Sie protestiert auf diese Weise gegen Entlassungen und fordert mehr Freizeit.

Auch die Bauern kämpfen gegen sinkende Erträge. Im Westen des Landes kommt es 1967 bei mehreren Bauerndemonstrationen zu Straßenschlachten. Laut einem damaligen Polizeibericht bieten die Bauern immer dasselbe Bild, sie sind "zahlreich, aggressiv, organisiert und mit verschiedenen Wurfgeschossen ausgerüstet: Bolzen, Pflastersteinen, Metallsplitter, Flaschen und Kieselsteinen."

Zu Beginn des Jahres 1968 erscheint Frankreich an der Oberfläche relativ ruhig, aber darunter brodelt es. Das Land gleicht einem Pulverfass. Es bedarf nur noch eines zufälligen Funkens, um es zur Explosion zu bringen. Diesen Funken liefern die Studentenproteste.

Studentenrevolte und Generalstreik

Die Universität von Nanterre gehört zu den neuen, in den sechziger Jahren errichteten Hochschulen. Gebaut auf einem ehemaligen Militärgelände fünf Kilometer außerhalb von Paris wird sie 1964 eröffnet. Sie ist von Elendsquartieren, so genannten Bidonvilles, und Fabrikgelände eingesäumt. Am 8. Januar prallen hier protestierende Studenten mit Jugendminister François Missoffe zusammen, der zur Eröffnung eines Schwimmbads erschienen ist.

Der Zwischenfall selbst ist relativ unbedeutend, aber Disziplinarmaßnahmen gegen die Studenten und das wiederholte Eingreifen der Polizei verschärfen den Konflikt und machen Nanterre zum Ausgangspunkt einer Bewegung, die schnell auf Universitäten und Gymnasien im ganzen Land übergreift. Im Mittelpunkt stehen Forderungen nach besseren Studienbedingungen, freiem Zugang zu den Universitäten, mehr persönlichen und politischen Freiheiten, der Freilassung inhaftierter Studenten sowie der Protest gegen den Krieg in Vietnam, wo Ende Januar die Tet-Offensive begonnen hat.

In einigen Städten, wie in Caen und Bordeaux, gehen Arbeiter, Studenten und Gymnasiasten gemeinsam auf die Straße. In Paris findet am 12. April eine Solidaritätsdemonstration für den deutschen Studentenführer Rudi Dutschke statt, der am Vortag in Berlin von einem aufgehetzten Rechten auf offener Straße niedergeschossen worden ist.

Am 22. März besetzen 142 Studenten das Verwaltungsgebäude der Universität Nanterre. Die Hochschulleitung reagiert, indem sie die gesamte Universität für einen Monat schließt. Nun verlagert sich der Konflikt in die Sorbonne, die älteste Universität Frankreichs im Pariser Quartier Latin. Dort versammeln sich am 3. Mai Mitglieder verschiedener Studentenorganisationen, um das weitere Vorgehen zu beraten. Draußen demonstrieren rechtsextreme Gruppen. Der Rektor ruft die Polizei und lässt die Sorbonne räumen. Es kommt zu einer spontanen Großdemonstration. Die Polizei reagiert mit äußerster Brutalität. Die Studenten errichten Barrikaden. Die Bilanz der Nacht sind hundert Verletzte und mehrere Hundert Festnahmen. Schon am nächsten Tag verhängt ein Gericht, gestützt ausschließlich auf Zeugenaussagen von Polizisten, gegen 13 Studenten drakonische Strafen.

Regierung und Medien bemühen sich, die Kämpfe im Quartier Latin als Werk radikaler Grüppchen und Unruhestifter darzustellen. Auch die Kommunistische Partei stimmt in diesen Chor ein. Deren Nummer zwei, der spätere Generalsekretär Georges Marchais, feuert auf der Titelseite des Parteiblatts Humanité eine Breitseite gegen die studentischen "Pseudorevolutionäre" ab. Er wirft ihnen vor, sie begünstigten "faschistische Provokateure". Er zeigt sich äußerst beunruhigt darüber, dass die Studenten "in wachsender Zahl vor den Toren der Fabriken und in den Wohnorten der Gastarbeiter Flugblätter und anderes Propagandamaterial verteilen", und fordert: "Diese falschen Revolutionäre müssen entlarvt werden, denn sie dienen objektiv den Interessen der gaullistischen Macht und den großen kapitalistischen Monopolen."

Doch die Hetze greift nicht. Das Land ist schockiert über das brutale Vorgehen der Polizei, das durch Radiosender übertragen wird. Nun überschlagen sich die Ereignisse. Die Demonstrationen in Paris werden von Tag zu Tag größer und greifen auf andere Städte über. Sie richten sich gegen die polizeiliche Repression und fordern die Freilassung verhafteter Studenten. Auch die Gymnasiasten treten in den Streik. Am 8. Mai findet im Westen Frankreichs ein erster, eintägiger Generalstreik statt.

Vom 10. auf den 11. Mai kommt es im Quartier Latin zur "Nacht der Barrikaden". Zehntausende verschanzen sich im Universitätsviertel, das ab zwei Uhr früh von der Bereitschaftspolizei unter massivem Einsatz von Tränengas gestürmt wird. Hunderte Verletzte sind die Folge.

Regierungschef Georges Pompidou, soeben von einem Iranbesuch zurückgekehrt, kündigt zwar am nächsten Tag die Wiederöffnung der Sorbonne und die Freilassung der inhaftierten Studenten an, doch er kann die Lage nicht mehr beruhigen. Die Gewerkschaften, einschließlich der KP-dominierten CGT, rufen für den 13. Mai zu einem eintägigen Generalstreik gegen die Polizeirepression auf. Sie fürchten, andernfalls die Kontrolle über die empörten Arbeiter zu verlieren.

Der Aufruf findet große Resonanz. Zahlreiche Städte erleben die größten Massendemonstrationen seit dem Zweiten Weltkrieg. Allein in Paris gehen 800.000 auf die Straße. Politische Forderungen treten nun in den Vordergrund. Viele fordern die Ablösung der Regierung. Abends werden die Sorbonne und andere Universitäten von den Studenten besetzt.

Der Plan der Gewerkschaften, den Generalstreik auf einen Tag zu beschränken, geht nicht auf. Am folgenden Tag, dem 14. Mai, wird das Werk von Sud-Aviation bei Nantes besetzt. Es bleibt einen Monat lang unter der Kontrolle der Arbeiter. Über der Verwaltung flattern rote Fahnen. Der Regionaldirektor Duvochel wird 16 Tage lang von den Besetzern festgehalten. Generaldirektor von Sud-Aviation ist zu dieser Zeit Maurice Papon, Nazikollaborateur, Kriegsverbrecher und 1961 als Polizeipräfekt von Paris für ein Massaker an Demonstranten gegen den Algerienkrieg verantwortlich.

Das Beispiel von Sud-Aviation macht Schule. Zwischen dem 15. und dem 20. Mai breitet sich eine Welle von Betriebsbesetzungen über das ganze Land aus. Überall werden rote Fahnen gehisst, nicht selten wird das Management festgehalten. Hunderte Betriebe und Verwaltungen sind betroffen, auch die größte Fabrik des Landes, das Stammwerk von Renault in Billancourt, das schon bei der Streikwelle von 1947 eine zentrale Rolle gespielt hat.

Anfangs werden betriebliche Forderungen aufgestellt, die sich von Ort zu Ort unterscheiden: Gerechtere Entlohnung, Verkürzung der Arbeitszeit, keine Entlassungen, mehr Rechte im Betrieb. In den besetzten Betrieben und um sie herum entstehen Arbeiter- und Aktionskomitees, an denen sich neben streikenden Arbeitern auch technische und Verwaltungsangestellte, örtliche Anwohner sowie Studenten und Schüler beteiligen. Die Komitees nehmen die Organisation der Streiks in die Hand und entwickeln sich zu Foren intensiver politischer Debatten. Dasselbe gilt für die Universitäten, die größtenteils von den Studenten besetzt sind.

Am 20. Mai steht das ganze Land still. Es befindet sich faktisch im Generalstreik, obwohl weder die Gewerkschaften noch andere Organisationen dazu aufgerufen haben. Betriebe, Büros, Universitäten und Schulen sind besetzt, Produktion und Verkehr sind gelähmt. Auch Künstler, Journalisten und sogar Fußballer schließen sich der Bewegung an. Zehn der insgesamt 15 Millionen Lohnabhängigen befinden sich im Ausstand. Spätere Untersuchungen haben diese Zahl zwar leicht nach unten korrigiert, auf sieben bis neun Millionen, doch es bleibt der umfassendste Generalstreik der französischen Geschichte. 1936 hatten sich "nur" drei und 1947 2,5 Millionen Arbeiter am Generalstreik beteiligt.

Ihren Höhepunkt erreicht die Streikwelle zwischen dem 22. und dem 30. Mai, doch sie dauert bis in den Juli hinein. Mehr als vier Millionen Streikende bleiben länger als drei, zwei Millionen länger als vier Wochen im Ausstand. Nach Schätzung des französischen Arbeitsministeriums gehen im Jahr 1968 insgesamt 150 Millionen Arbeitstage durch Streik verloren. In Großbritannien sind es 1974 - im Jahr des Bergarbeiterstreiks, der die konservative Regierung Edward Heath zu Fall bringt - lediglich 14 Millionen.

Am 20. Mai hat die Regierung die Kontrolle über das Land weitgehend verloren. Die Forderung nach dem Rücktritt de Gaulles und seiner Regierung - "Zehn Jahre sind genug" - ist allgegenwärtig. Am 24. Mai versucht de Gaulle, die Lage mit einer Fernsehansprache wieder in den Griff zu bekommen. Er verspricht ein Referendum über ein Mitspracherecht in Universitäten und Betrieben. Doch sein Auftritt demonstriert nur seine Ohnmacht. Die Rede verpufft ohne jede Wirkung.

In Frankreich hat sich in den ersten drei Maiwochen eine revolutionäre Situation entwickelt, wie es in der Geschichte nur wenige gegeben hat. Hätte die Bewegung eine entschlossene Führung gehabt, sie hätte das politische Schicksal de Gaulles und seiner Fünften Republik besiegelt. Die Sicherheitskräfte standen zwar noch hinter dem Regime, doch einer systematischen politischen Offensive hätten sie kaum standgehalten. Das schiere Ausmaß der Bewegung hätte auch ihre Reihen erfasst und zersetzt.

Wird fortgesetzt