US-Luftwaffe begeht Massaker an Zivilisten in Westafghanistan

Von James Cogan
4. September 2008

In einem der schlimmsten Massaker der amerikanischen Besatzungstruppen in Afghanistan starben am 22. August in der westlichen Provinz Herat etwa neunzig Zivilisten durch einen amerikanischen Luftschlag. Nach Angaben der afghanischen Regierung und des Militärs sind mindestens sechzig der Toten Kinder unter 15 Jahren.

Dieses Verbrechen wurde von einem der Kampfflugzeuge AC-130 durchgeführt, die in der US-Luftwaffe "Spooky" [Schreckgespenst] genannt werden, weil sie für wehrlose Zivilisten am Boden besonders schrecklich sind. Bewaffnet mit einer fünfläufigen 25mm-Gatling-Kanone (4200 Schuss in der Minute), einer 40mm-Kanone (120 Schuss in der Minute, gegen gepanzerte Ziele) und einem 105mm-Geschütz (10 Schuss in der Minute, leichte Haubitze) ist dieses Flugzeug darauf ausgelegt, mit einem Hagel aus Projektilen und Granaten maximalen Schaden an deckungslosen Zielen zu bewirken.

Die Opfer hatten sich in dem Dorf Azizabad versammelt, einer Gemeinde nahe dem Regierungsflugfeld bei Shindand, knapp 120 Kilometer südlich der Stadt Herat. Sie wollten eines lokalen Anführers gedenken, der vor vierzig Tagen gestorben war. Viele der Männer aus dem Dorf arbeiten als Sicherheitsdienst auf dem Flugfeld.

Warum gerade diese Menschen zum Ziel eines US-Kampfflugzeuges wurden, bleibt bislang ungeklärt und es gibt ein Gewirr widersprüchlicher Meldungen. Dem US-Militär zufolge war gerade eine Operation gegen eine Gruppe von Aufständischen im Gange, die von einem Mann namens Mullah Siddiq angeführt werden. Allem Anschein nach wurden Truppen der afghanischen Regierung aus dem Hinterhalt angegriffen, als sie Siddiq abfangen wollten. Berichten zufolge schlugen die Regierungstruppen den Angriff zurück und verfolgten dann ihre Angreifer nach Azizabad. Dort forderten sie eine AC-130 an, die das Dorf darauf verwüstete.

Die ersten Berichte des US-Militärs erklärten prahlerisch, es sei gelungen, ein Treffen von Talibankämpfern anzugreifen, und dreißig Taliban seien getötet worden. Die Wahrheit kam ans Tageslicht, als Regierungsvertreter des Distrikts Herat, Vertreter der afghanischen Armee, Beschäftigte von Hilfswerken, Journalisten und schließlich ein hoher Minister der Regierung von Präsident Hamid Karzai den Ort des Geschehens aufsuchten.

Am Freitagabend erklärte das afghanische Innenministerium: "Es starben 76 Menschen, alles Zivilisten, in der Hauptsache Frauen und Kinder... 19 Frauen, 7 Männer und der Rest alles Kinder unter 15 Jahren." Karzai, der schon mehrfach gegen willkürliche Angriffe der US-Luftwaffe protestiert hat, veröffentlichte eine eigene Erklärung und klagte darin die Besatzungstruppen an, sie hätten "mindestens siebzig Menschen geopfert, die meisten von ihnen Frauen und Kinder".

Raouf Ahmedi, ein Sprecher der afghanischen Armee, sagte zur Washington Post, Regierungsbeamte, die am Samstag nach Azizabad kamen, hätten sechzig Kinder und 19 Frauen unter den Toten gezählt. "Wir haben keinerlei Anzeichen dafür gefunden, dass sie Taliban waren", sagte er. Ein Kameramann von Associated Press berichtete, er habe etwa zwanzig zerstörte Häuser gesehen und zwanzig frisch ausgehobene Gräber, darunter einige mit mehreren Leichen.

Menschen aus dem gesamten Distrikt nahmen am Samstag an einer Demonstration in Azizabad teil. Sie trugen ein Transparent mit der Aufschrift "Tod Amerika". Anscheinend wurde ein Polizeiauto in Brand gesteckt, und Truppen der Regierung, die versuchten, Essen und Kleidung an die Überlebenden zu verteilen, wurden mit Steinwürfen empfangen. Die Polizei, die in die Menge geschossen haben soll, um sie zu zerstreuen, verwundete dabei acht Menschen.

Der Direktor der örtlichen Schule, Ghulam Azrat, sagte zu Associated Press : "Die Leute sind sehr aufgebracht. Sie riefen den Soldaten zu: ´Wir brauchen euer Essen nicht. Wir brauchen eure Kleidung nicht. Wir wollen unsere Kinder wieder haben. Wir wollen unsere Angehörigen zurück. Könnt ihr uns das geben? Ihr könnt es nicht, also geht weg´."

Am Sonntag wurde die Zahl der Toten heraufgesetzt. Der Minister für islamische Angelegenheiten, Nematullah Shahrani, sagte zu Agence France Presse : "Wir besuchten das Gebiet und fanden heraus, dass die Bombardierung äußerst heftig war. Viele Häuser wurden beschädigt und mehr als neunzig nicht am Kampf beteiligte Frauen, Kinder und ältere Leute sind dabei gestorben. Die meisten waren Frauen und Kinder. Sie [das US-Militär] behaupteten, hier befänden sich Taliban. Das müssen sie beweisen. Bis jetzt ist für uns nicht erkennbar, warum die Koalition den Luftangriff durchführte."

Sobald sich die Nachricht von dem Massaker in Afghanistan verbreitete, versuchte Karzai die Feindschaft gegen die US-Besatzung einzudämmen, indem er den führenden Kommandeur der Armee im westlichen Afghanistan und den kommandierenden Offizier der Einsatzgruppe entließ, die den Luftangriff angefordert hatte. Im Zusammenhang mit den falschen Behauptungen, es seien Taliban getötet worden, erklärte Karzai, die beiden seien entlassen worden, weil sie "Fakten verschleiert und verharmlost" hätten.

Ein Sprecher der Bush-Regierung, Tony Fratto, veröffentlichte am Sonntag eine Stellungnahme, in der immer noch abgestritten wurde, dass das US-Militär Zivilisten abgeschlachtet hatte. Fratto erklärte: "Diese Berichte werden noch untersucht, und wir warten auf das Ergebnis dieser Untersuchung." Mit Worten, die vor Zynismus triefen, erklärte er: "[Die] Koalitionstruppen treffen Vorkehrungen, um den Verlust an Zivilisten zu verhindern, im Gegensatz zu den Taliban, die Zivilisten ins Visier nehmen und die Gefährdung von Zivilisten in Kauf nehmen."

Eine Presseveröffentlichung des Hauptquartiers des US-Militärs in Afghanistan erklärte einfach, man sei sich "bewusst, dass es bei dem Einsatz im Distrikt Shindand der Provinz Herat am Freitag wohl zivile Verluste gegeben hat".

Das Massaker in Azizabad ist nur ein besonders anschauliches Beispiel für das ständige Töten und Verstümmeln von afghanischen Zivilisten durch Amerikaner und Nato-Soldaten. Obwohl sie sich mit "Sicherheitsmaßnahmen" und dem Beachten strengster Einsatzregeln brüsten, reagieren die Besatzungstruppen auf die Angriffe von Aufständischen in besiedelten Gebieten mit überwältigender Feuerkraft und vertrauen fast vollständig auf Luftunterstützung, um die Bewegung der Taliban in ländlichen Gebieten zu behindern.

Je größere Gebiete in die Hände der Taliban fallen, desto willkürlicher erfolgen die Schläge aus der Luft. Jede größere Ansammlung von Menschen auf dem Land oder in einem Dorf wird von Zielfahndern als verdächtig eingestuft. Von ihren sicheren Stützpunkten aus suchen diese Fahnder die Satellitenbilder nach potentiellen Zielen für die am Himmel lauernden Piloten ab. Hochzeitsgesellschaften sind in den letzten sechs Jahren schon mehrfach angegriffen worden. Das letzte Mal wurde am 6. Juli eine Hochzeit in Nangarhar bombardiert. Unter den 47 getöteten Menschen befand sich auch die Braut.

Allein in diesem Jahr wurden bis jetzt in Afghanistan tausend Zivilisten getötet, wobei vierhundert der Toten unmittelbar zu Lasten der Besatzungstruppen gehen. Die anderen sechshundert schreibt die UN Selbstmordattentaten, Bombenanschlägen und anderen, von den Taliban ausgeführten Aktionen zu.

Die wirklichen zivilen Verluste liegen aller Wahrscheinlichkeit nach weit höher. In Gebieten, die während größerer Offensiven der USA oder der Nato schwer bombardiert wurden, wurden höchstwahrscheinlich nicht alle Toten registriert. Es gibt auch gute Gründe anzunehmen, dass einige der mehreren tausend getöteten Aufständischen in Wirklichkeit Zivilisten waren, die ins Kreuzfeuer gerieten.

Immer tiefer in den Morast

Politiker wie Hamid Karzai sind deshalb so nervös, weil sie wissen, dass jeder Bericht über unschuldige Tote den weit verbreiteten Hass von Millionen Afghanen auf die Besatzung weiter anheizt. Zudem verstärkt es die Opposition gegen die Regierung in Kabul, die allgemein als korrupte und ineffiziente Marionette der USA betrachtet wird.

Mit wachsender öffentlicher Sympathie und Unterstützung haben die Taliban und andere Milizen, die gegen die Besatzung kämpfen und in den paschtunischen Stammesregionen an der pakistanischen Grenze ansässig sind, ihren Einfluss und ihre Kontrolle über weite Teile der paschtunischen Bewohner der südlichen und östlichen Provinzen Afghanistans wiederhergestellt.

So wie der Aufstand an Intensität zunimmt, nehmen auch die Todesopfer unter den Besatzungstruppen zu. Mit 194 Toten auf Seiten der amerikanischen und Nato-Streitkräfte bis zum jetzigen Zeitpunkt ist das Jahr 2008 bereits jetzt das Jahr mit der höchsten Zahl Gefallener und wird, basierend auf dem gegenwärtigen Verlauf, den Rekord von 232 Toten im letzten Jahr noch übertreffen.

Die weitaus schwächer ausgerüstete afghanische Armee und Polizei haben viel höhere Verluste zu verzeichnen. Das Innenministerium berichtete Anfang August, dass in den vorangegangen vier Monaten sechshundert Polizisten getötet und weitere achthundert verletzt wurden. Für die afghanische Armee existieren keine genauen Zahlen, allerdings wird durchgängig von zehn bis zwanzig gefallenen Soldaten pro Woche berichtet.

Gegenwärtig stehen 34.000 amerikanische Soldaten in Afghanistan, sowie 30.000 Soldaten aus anderen Nato-Staaten und von amerikanischen Verbündeten. Die Mannstärke der afghanischen Armee beläuft sich auf 65.000 Soldaten, jedoch ist der größte Teil der Armee ohne Luft- und Feuerunterstützung, Logistik und Aufklärung von Seiten der ISAF-Truppen nicht handlungsfähig.

Die Bush Regierung bereitet sich mit Unterstützung der Demokratischen Partei und ihres Präsidentschaftskandidaten Barack Obama darauf vor, möglichst schon im kommenden November weitere 12.000 US-Soldaten für Kampfeinsätze zu entsenden. Die britische Regierung hat sich anscheinend bereiterklärt, zusätzliche 4.500 Soldaten zu mobilisieren, und wird somit ihre Truppenstärke in Afghanistan auf über 12.000 Soldaten aufstocken. Andere europäische Mächte werden von Washington unter Druck gesetzt, mehr Truppen zu schicken.

Strategische und militärische Analysten warnen jedoch vor der Illusion, dass mehr Truppen ein Ende des bewaffneten Aufstands in Afghanistan bringen können, solange die Guerilla in der Lage ist, die Stammesregionen in Pakistan als Rückzugsgebiete zu nutzen.

Die Regierung Bush setzt die pakistanische Regierung unter Druck, diese Stammesgebiete unter ihre Kontrolle zu bringen. Die pakistanische Regierung hat einen aggressiven Luftkrieg gegen paschtunische Dörfer in den Distrikten Bajaur und Mohmand angeordnet. Mehr als 300.000 Stammesangehörige mussten fliehen und konnten nur ihr nacktes Leben retten. Über das Wochenende haben Berichten zufolge Zusammenstöße und Bombardierungen in Südwasiristan stattgefunden, einem Gebiet, von dem man annimmt, dass es die Hauptbasis der afghanischen Taliban ist.

Um die vollständige Kontrolle über das Grenzgebiet zu erlangen, müsste das pakistanische Militär jedoch Zehntausende Soldaten in die autonomen Stammesgebiete unter Bundesverwaltung (Federally Administrated Tribal Agencies, FATA) entsenden. Für einen solchen Schritt gibt es aber keine öffentliche Unterstützung in Pakistan. Eine von der Organisation Terror Free Tomorrow erhobene Befragung, die in der USA Today vom 22. August wiedergegeben wurde, zeigt, dass 55 Prozent der Befragten die USA für die Gewalt in den Stammesgebieten verantwortlich machen. Nur sechs Prozent sehen die Schuld bei den militanten Islamisten. In einer anderen Erhebung die vom International Republican Institute durchgeführt wurde, sprachen sich 76 Prozent gegen eine Unterstützung Pakistans für den US-Krieg in Afghanistan aus.

Sollte die instabile Regierung von Premierminister Yousaf Raza Gilani größere Truppenverschiebungen in die FATA anordnen, wird sie sich mit großen Unruhen und möglicherweise mit Meutereien in der Armee konfrontiert sehen.

Anthony Cordesman, ein Analyst des Center for International and Strategic Studies (CSIS), hat die Schlussfolgerungen erläutert, die sich in den herrschenden Kreisen Amerikas in Bezug auf den Krieg in Afghanistan durchsetzen.

Cordesman schrieb in einem Bericht vom 21. August: "Der afghanisch-pakistanische Krieg ist ein in zwei Ländern stattfindender Krieg, der nicht allein in Afghanistan gewonnen werden kann. Zu diesem Zeitpunkt sind die US-Nato/ISAF-Kräfte einfach zu schwach, um mit einem vielschichtigen Aufstand umzugehen, der praktisch entlang der gesamten afghanisch-pakistanischen Grenze einen Rückzugsraum hat... Es scheint möglich, dass der afghanisch-pakistanische Krieg sich über ein Jahrzehnt oder noch länger hinziehen wird und ein gravierendes Problem für die gesamte Amtszeit der nächsten Präsidenten der USA und Pakistans sein wird..."

Im gleichen Tenor, den auch Obamas Wahlreden anschlagen, erklärte Cordesman: "Die USA und ihre Verbündeten haben keine andere Wahl, als die neue pakistanische Regierung zu zwingen, eine entschlossenere und aggressivere Position einzunehmen... Es liegt an Pakistan, entschiedene Maßnahmen zu ergreifen, doch müssen die USA deutlich machen, dass sie nicht auf Pakistan warten und pakistanisches Territorium als Schlachtfeld ansehen werden, wenn Pakistan nicht handelt."

Die nächste Regierung der USA, ob sie von Barack Obama oder John McCain angeführt wird, scheint bereit zu sein, die Aktionen der US-Streitkräfte in diesem "vergessenen Krieg", wie er einmal genannt wurde, über die Grenze nach Pakistan zu tragen. Das Massaker vom Freitag im Dorf Azizabad ist eine deutliche Warnung, was in Gebieten passiert, die die USA als "Kampfschauplatz" betrachten.

Siehe auch:
Tod französischer Soldaten in Afghanistan Zeichen weiterer Eskalation des Kriegs
(29. August 2008)
Hunderte Tote bei Kämpfen an der afghanisch-pakistanischen Grenze
(27. August 2008)
Auf Verlangen der USA greift das pakistanische Militär Islamisten an
(19. August 2008)

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