Ifo-Chef Sinn vergleicht Manager mit Juden

Von Ulrich Rippert
28. Oktober 2008

In einem Interview in der gestrigen Ausgabe des Berliner Tagesspiegel verglich der Münchener Ökonomie-Professor Hans-Werner Sinn die weit verbreitet Kritik an Bankmanagern mit der Judenverfolgung während der Nazi-Zeit.

Wörtlich sagte Sinn dem Tagesspiegel: "In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken." In der Weltwirtschaftskrise von 1929 habe "es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager."

Der Vorabdruck dieser Äußerungen führte bereits am Wochenende zu heftiger Kritik. Der Zentralrat der Juden in Deutschland zeigte sich empört. Sein Generalsekretär Stephan Kramer forderte Sinn auf, seine Aussagen "so schnell wie möglich ohne Wenn und Aber zurückzunehmen und sich zu entschuldigen". Der Vergleich sei "empörend, absurd und absolut deplatziert, eine Beleidigung der Opfer".

"Angesichts solcher Äußerungen hat man den Eindruck, Herr Sinn ist nicht bei Sinnen", sagte der SPD-Innenpolitiker Sebastian Edathy dem Kölner Stadt-Anzeiger. Die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann sagte der in Hannover erscheinenden Neuen Presse : "Die Juden waren die Opfer, bei den Banken wird zu Recht nach Verantwortlichen gefragt. Es ist unverantwortlich da irgendeinen Vergleich zu ziehen."

"Absurd", "abstrus", "geschmacklos", "unverantwortlich" - die Empörung über Sinns Aussagen ist vielfältig und berechtigt. Doch wichtiger als sich zu entrüsten ist es, die Logik der Argumente des Professors zu durchdenken. Hans-Werner Sinn ist nicht irgendwer. Seit knapp zehn Jahren leitet er das Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) in München, das als einflussreichste "ökonomische Denkfabrik Deutschlands" bezeichnet wird und die Bundesregierung in ökonomischen Fragen berät.

Professor Sinn, der unter dem Einfluss der Kritik gestern Mittag seinen Vergleich zurücknahm und sich in einem eilig verfassten offenen Brief an die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland entschuldigte, wollte mit seiner missglückten Formulierung vor allem eines erreichen: Er wollte mit möglichst drastischen Worten die Bankmanager gegen wachsende Kritik verteidigen.

Genau dieses Anliegen verfolgte er in den vergangenen Wochen auch in einer Vielzahl anderer Interviews und Stellungsnahmen in Wirtschaftspublikationen.

Ifo-Chef Sinn will unter allen Umständen verhindern, dass angesichts der Finanzkrise, die sich immer mehr zu einer weltweiten Rezession entwickelt, der Führungsanspruch der Finanzelite in Frage gestellt wird. Sinn ist einer der Hauptvertreter einer Ideologie, die alle Aspekte der Gesellschaft den Interessen und Besitzansprüchen der Finanzelite unterordnet.

Bereits vor Jahren kritisierte er eine "ausufernde Lohnentwicklung" und machte die angeblich zu hohen Löhne für die steigende Arbeitslosigkeit verantwortlich. Er fordert eine "Beschränkung der Gewerkschaftsmacht" und eine gründliche Umstrukuierung des Sozialstaats. Nach seiner Auffassung sind das Arbeitslosengeld und andere staatliche Leistungen für Arbeitslose noch immer zu hoch und ermöglichen es den Betroffenen, sich dem Arbeitsmarkt zu entziehen.

Sinn hält staatliches Eingreifen in die Wirtschaft nicht grundsätzlich für falsch. Allerdings müsse sich das staatliche Engagement an den Interessen der Finanzelite orientieren. Nach seinen Vorstellungen dient nicht die Wirtschaft der Gesellschaft, sondern umgekehrt.

Unter seiner Leitung hat das Institut für Wirtschaftsforschung ein detailliertes "Kombilohn-Modell" entwickelt. Danach sollen Unternehmen die Möglichkeit erhalten, Löhne zu bezahlen, die weit unterhalb des Existenzminimums liegen. Der Staat soll dann "individuell bemessene Lohnzuschüsse" zahlen. Sinn bezeichnet dies als "aktive Sozialhilfe".

Parallel zu diesen Niedriglöhnen soll die Arbeitszeit generell um zehn Prozent erhöht werden - ohne Lohnausgleich, versteht sich. Auch Kündigungsschutz und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall müssten abgeschafft werden. Nur so könnten "Deutschlands Arbeitnehmer produktiver und damit auf dem weltweiten Arbeitsmarkt wettbewerbsfähiger" werden, heißt es in seinem Buch "Ist Deutschland noch zu retten?", das er im Jahr 2003 veröffentlichte.

Während der Professor drastische Sozialkürzungen für Beschäftigte und Arbeitslose fordert, verteidigt er die Managergehälter. Seine einzige Kritik am 500-Milliarden-Rettungplan der Bundesregierung für die Banken besteht darin, dass die Regierung bei Inanspruchnahme des Hilfsprogramms die Einkommen der Spitzenmanager beschränken will. Eine solche Entscheidung halte er für falsch und gefährlich, sagte Sinn vergangene Woche dem Magazin Focus. Denn dann würden die Banken auf die Inanspruchnahme des Hilfsprogramms verzichten, und dies habe unabsehbare Folgen.

Sinns Vergleich von Managern und Juden ist nicht nur wegen seinen antisemitischen Untertönen deplatziert, er stellt auch die Beziehung zwischen Nazi-Diktatur und Finanzelite auf den Kopf. Die Unterordnung der Gesellschaft unter die Profitinteressen der Finanzaristokratie hat eine unerbittliche politische Logik. Die extremen Formen der Ausbeutung, von denen Sinn spricht, können nur mit Hilfe einer Diktatur durchgesetzt werden.

Ein Jahr vor der Machtübernahme hielt Hitler Ende Januar 1932 seine berühmte Rede vor dem Düsseldorfer Industrie-Club. Er überzeugte die damaligen Wirtschaftsführer, indem er sich vehement gegen Demokratie aussprach und Privateigentum und Einkommensunterschiede bejahte. Er versprach ihnen, die Arbeiterbewegung zu zerschlagen. Danach nahmen die Spendengelder für die Nazis deutlich zu, wie Fritz Thyssen in seinem Buch "I Paid Hitler" schilderte.

Auch Hitlers Antisemitismus war ursprünglich direkt mit seinem Kampf gegen die Arbeiterbewegung und der führenden Rolle von jüdischen Sozialisten verbunden. Mit der vollständigen Zerschlagung der Arbeiterorganisationen stand dann der Judenverfolgung und -vernichtung kein Hindernis mehr im Wege.

Die wichtige Lehre der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhundertes besteht gerade darin, diesen Zusammenhang zwischen der damaligen Weltwirtschaftskrise, der Massenarbeitslosigkeit, der Zerschlagung der Arbeiterorganisationen und dem faschistischem Terror zu verstehen.

Wie bei einer so genannten "Freudschen Fehlleistung" hat Sinn mit seinem bizarren Vergleich auf einen tiefer liegenden Zusammenhang seiner reaktionären Wirtschaftspolitik und den damit verbundenen diktatorischen Konsequenzen hingewiesen.