Die Wahrheit über Trotzki und die russische Revolution herauszufinden, "bestimmt mein Leben auch weiterhin "

Ein Gespräch mit dem bemerkenswerten David King

Von David Walsh
27. Dezember 2008

An anderer Stelle ("San Francisco International Film Festival 2005—Part 3: There is no shortage of subjects") sagte ich bereits, dass David King - Künstler, Designer, Herausgeber, Fotohistoriker und Archivar - zu den wichtigsten Künstler-Intellektuellen unserer Tage zählt.

King, ein unermüdlicher Sammler von Bilddokumenten über die russische Revolution und Leo Trotzki im Besonderen, hat in den letzten vier Jahrzehnte mehr als 250.000 Fotografien, Poster, Zeichnungen und anderes Material zusammengetragen.

1972 konzipierte King, der 1943 in London geboren wurde und von 1965-75 Leiter des Kunstressorts beim Londoner Sunday Times Magazine war , das Buch Trotsky: A Documentary, mit einem Text von Francis Wyndham, ein großformatiges Werk, das eine Auflage von mehreren Zehntausend erreichte. Es spiegelte und förderte gleichzeitig das wiedererwachende Interesse an Trotzkis Leben und Ideen infolge der weltweiten politischen Radikalisierung der späten 1960er und frühen 1970er Jahre.

Man spürt hier schon den Stil Kings, den ein Kommentator als "leicht erkennbare Mischung aus starken, schnörkellosen Schrifttypen, großen Flächen mit kräftigen Farben und klaren Regeln" bezeichnete, eine moderne Überarbeitung "der graphischen Sprache der russischen Konstruktivisten" (eyemagazine.com).

Weitere Bücher folgten, viele davon mit ähnlichen Themen. King gestaltete How the GPU Murdered Trotsky, 1976 herausgegeben vom Internationalen Komitee der Vierten Internationale. Darin wird die stalinistische Verschwörung zur Ermordung Trotzkis und das Wirken des tödlichen Netzwerkes von GPU-Agenten in und im Umkreis der Vierten Internationale detailliert beschrieben.

King erstellte einen Katalog für eine große Retrospektive des berühmten sowjetischen Künstlers Alexander Rodchenko, den David Elliott 1979 herausgab. 1983 wirkte er als Autor und Konzeptgeber an Blood & Laughter: Caricatures from the 1905 Revolution mit . Ein Jahr später konzipierte er The Great Purges, zu einem Text des verstorbenen Isaac Deutscher. 1986 stellte King Trotsky: A Photographic Biography zusammen, eine Bildbiographie Trotzkis, die das rasante Wachstum seiner Sammlung an Bilddokumenten über den russischen Revolutionär erkennen ließ.

In The Commissar Vanishes (1997) untersuchte und entlarvte King die Fälschung der Geschichte durch das stalinistische Regime anhand von Fotografien und Kunstwerken, auf denen unbequeme Personen wegretuschiert waren. King: "Der physischen Auslöschung von Stalins politischen Gegnern durch die Geheimpolizei folgte bald ihre Tilgung von allen Bilddokumenten."

Ein besonders krasses Beispiel (das auf dem Umschlag des Buches zu sehen ist) zeigt ein Foto aus der Mitte der 1920er Jahre von Stalin mit drei weiteren Führern der Kommunistischen Partei (darunter Sergej Kirow), das im Lauf der Jahre so bearbeitet wurde, dass alle anderen schließlich verschwanden, so dass 1940 auf einem Gemälde, das in Anlehnung an das Foto entstand, nur noch der Totengräber der Revolution zu sehen war.

In Ordinary Citizens (2003), einem imposanten und Schauder erregenden Werk, veröffentlichte King zum ersten Mal im Westen Hunderte von Polizeifotos, die die stalinistische Geheimpolizei aufgenommen hatte und die lange im Zentralarchiv des früheren KGB gelagert hatten. Alle fotografierten Personen ließ das stalinistische Regime hinrichten, oft ganz kurz nachdem das Foto gemacht worden war.

Wie King in der Einführung erklärte: "Auf den folgenden Seiten begegnet man Menschen aus mehr als 20 Ländern, aus über 50 verschiedenen Berufszweigen: Ingenieure, Künstler, Imker, Lehrer und Studenten, Ladenbesitzer, Fabrikarbeiter, Piloten; Hausfrauen, NKWD (eine der Abkürzungen für Stalins Geheimdienst)-Offiziere und Helden der Sowjetunion. Ihre Prozesse, wenn es überhaupt einen gab, fanden in Abwesenheit statt und dauerten selten länger als wenige Minuten; oft wurden sie verurteilt und noch am selben Tag erschossen."

Die Gesichter in diesem unschätzbaren Buch vergisst man nicht wieder.. Man spürt Entsetzen beim Lesen der kurzen Angaben: "1918 in Gorki geboren, Transportarbeiter...Verhaftet am 12. Januar 1937. Am 21. Juli 1937 von der militärischen Abteilung des Obersten Gerichts der UdSSR zum Tode verurteilt. Anklage: Beteiligung an anti-sowjetischen terroristischen Gruppen. Erschossen am selben Tag."

Wir lesen: "Geboren 1900 in Lòdz, Polen. Mitglied der Kommunistischen Partei. Techniker", "Geboren 1905 in Almora, Indien, Mitglied der Kommunistischen Partei. Stellvertretender gewerkschaftlicher Vertrauensmann", "Geboren 1896 in Uljanowsk. Parteilos. Hausfrau", "Geboren 1896 in Semjonowka, in der Region Zapadny... Leiter der Planungsabteilung der Tambow-Fabrik Nr. 87...Am 5. Oktober 1936 zum Tode verurteilt. Anklage: Teilnahme an einer konterrevolutionären trotzkistischen Organisation. Erschossen zwei Tage später."

Und dann die junge Frau auf dem Buchumschlag: Tamara Litsinskaya. Geboren 1910 in Moskau, parteilos, Studentin, Anschrift unbekannt. Verhaftet am 8. Februar 1937. Zum Tode verurteilt am 25. August 1937. Anklage: Unbekannt. Am selben Tag erschossen." Auch ihr Gesicht vergisst man nicht.

Die Auslöschung der aufopferungsvollsten und bewusstesten Elemente der Bevölkerung hatte verheerende Folgen für die Sowjetunion und sogar weit über deren Grenzen hinaus.

Das in der Einführung enthaltene Polizeifoto von Grigori Sinowjew, Lenins langjährigem Genossen und Angeklagtem im ersten Moskauer Schauprozess 1936, prägt sich besonders ein und erschüttert. Das Foto zeigt einen Mann, der unvorstellbare physische und mentale Folter erleiden musste, und der trotz der Folter und seinem unvermeidlichen Schicksal erstaunlich standhaft wirkt. Geheimpolizeiliche Fotografien des Dichters Osip Mandelstam und des Schriftstellers Isaak Babel, beide durch den Stalinismus ermordet, sind ebenfalls sehr verstörend.

King setzt seine Arbeit unermüdlich fort. Red Star Over Russia, ein neues Buch, soll Anfang 2009 erscheinen. Es wird ein künstlerisches und intellektuelles Ereignis sein, wie alle seine wichtigen Arbeiten.

Nach einer Email und einem Telefonat willigte David King sofort in ein Interview ein. Wir trafen uns am Tate Modern in London, das Museum für zeitgenössische Kunst, das im Mai 2000 eröffnete. Ein Raum steht komplett für Kings Poster aus der Sowjetära zur Verfügung, auf denen Darstellungen von stimmungsvollen und lebhaften Feiern für die Revolution bis zu schrecklichen Verherrlichungen stalinistischer Politik zu sehen sind.

Zu sehen ist auch eine conté Zeichnung (gemalt mit harter Malkreide aus Lehm und Graphit) von Trotzki, die Sergei Pichugin 1923 anfertigte. Der Künstler versteckte die Zeichnung unter einem weißen Karton, wo sie seine Familie erst nach seinem Tod 75 Jahre später entdeckte.

Beim Mittagessen im Modern Tate erzählte mir David King von seinem neuen Buch: "Es heißt Red Star Over Russia. Im Februar wird es erscheinen. Es ist eine visuelle Geschichte der Sowjetunion von 1917 bis Stalins Tod 1953. Es enthält Material, Fotos, Poster aus meiner Sammlung. Seit 40 Jahren beschäftige ich mich damit."

" Red Star Over Russia wird in Großbritannien vom Tate Modern herausgebracht. Der Band hat 352 Seiten, und sie werden ihn für 25 £ anbieten, ein sehr fairer Preis. In Frankreich wird er von Gallimard und in den USA von dem großen Kunstverlag Abrams auf den Markt gebracht.

"Ich habe einen Text geschrieben, eine Einführung", sagte King weiter, "wo ich erkläre, wie ich das Material ausfindig gemacht habe. Das Buch ist wie eine Dokumentation, dokumentarisches Kino, jede Doppelseite behandelt einen eigenen visuellen Aspekt der Ereignisse in der UdSSR. Der Leser kann die offizielle Version der Geschehnisse dagegensetzen und sie damit vergleichen. Es ist im Wesentlichen chronologisch aufgebaut."

"Da ist etwas, was Sie interessieren könnte", meinte er. "Mir gelang es, 50 Fotografien der Angeklagten in den Moskauer Prozessen zu bekommen. Sinowjew, Kamenew und einige der prominenten Opfer, aber auch von den weniger bekannten. [In der Einführung zu Ordinary Citizens hatte King geschrieben, dass die Polizeifotos der in den Moskauer Prozessen Angeklagten "bis heute in Geheimarchiven verborgen sind, einige davon in Sibirien."]

"Meine Informationsquellen in Russland sagen, dass es von den Angeklagten im dritten Moskauer Prozess, Bucharin, Rykow und den anderen, nie Polizeifotos gab, sie benutzten ihre Passfotos. So haben sie es mir gesagt, und ich habe keine Möglichkeit, es nachzuprüfen.

"Es gibt Polizeifotos von Sinowjew, Kamenew, Radek, Sokolnikow, und von weniger bedeutenden Personen, den weniger bekannten Opfern. Einige dieser Aufnahmen wurden gesichtet, aber nie alle. Die Polizeifotos waren in einem Archiv in Omsk verborgen, einem ehemaligen GPU-Archiv.

"Ich habe Fotografien von allen Angeklagten des ersten und zweiten Prozesses. Und von vielen des Bucharin-Prozesses. Wie ich erwähnte, wurde mir berichtet, die Behörden hätten sein Passfoto benutzt. Auch bei Jagoda, dem ehemaligen Chef der Geheimpolizei. Sie benutzten sein GPU-Foto,

Wie konnte King nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem "Ende des Sozialismus", ja sogar dem "Ende der Geschichte", seinen Ansichten treu bleiben?

"Nun, ich schenkte allen diesen Behauptungen nie Glauben. Und man sieht ja, was jetzt alles passiert, die Finanzkrise!" Ich meinte, dass es wohl ein guter Zeitpunkt für die Veröffentlichung seines neuen Buches wäre, weil ein neues Interesse an Alternativen zum Kapitalismus bestehe. Fünf Jahre früher wäre das Buch wahrscheinlich anders aufgenommen worden.

Wir diskutierten über einige der Probleme in der Entwicklung der Vierten Internationale und der Krise in der Workers Revolutionary Party, der trotzkistischen Bewegung in Großbritannien, in den 1980ern.

Ich fragte King, woher sein Interesse an Trotzki und der Oktoberrevolution komme. "Nun, wie fing das an? Ich arbeitete für die Sunday Times und reiste viel herum. Ich fotografierte und sammelte Fotos. Ich habe mich schon immer für linke Ideen interessiert, für den Sozialismus. Ich wollte die Idee des Sozialismus auf visuellem Wege einem viel größeren Publikum nahebringen, als es damals scheinbar vorhanden war. Und das tue ich bis heute.

"Vor 40 Jahren gab mein großes Interesse an der Wahrheit über die wirklichen Ereignisse in der russischen Revolution und der Sowjetunion den Anstoß dazu, dass ich begann, Material zu sammeln. Anhand von Bilddokumenten wollte ich herausfinden, was passiert war, wollte visuelle Beweise sammeln."

"Plötzlich, Ende der 1960er Jahre, interessierte sich hier jeder für Trotzki und ein oder zwei weitere Persönlichkeiten als wichtige Alternativen zum Stalinismus. Es war eine Krisensituation, und die Menschen sahen sich nach Alternativen um. Ich entschied für mich, herauszufinden, was wirklich mit Trotzki geschehen war, wer er war."

King spricht mit Leidenschaft über diese Fragen. "Als ich aufwuchs, war alles, was mit der Sowjetunion zu tun hatte, verdächtig, mysteriös. Das machte mich neugierig. 1970, als ich mit Francis Wyndham die Arbeit an meinem ersten Buch begann, war das, als öffne sich die Büchse der Pandora. In der UdSSR fragte ich: 'Was habt ihr über Trotzki?' Trotzki gab es gar nicht, 'Trotzki war ein Faschist', etc. Es war verrückt.

"Ich schrieb weiter für die Sunday Times und jagte gleichzeitig um die ganze Welt, graste jeden Second-Hand-Buchladen ab, jede Bibliothek, und suchte nach Freunden und Verwandten von Trotzki. Ich versuchte, die wirkliche Geschichte zusammenzusetzen."

"Als ich Francis Wyndham das Material zeigte,", sagte King mit einem Lachen, "sagte er, dass es überhaupt keinen Mangel an Bildmaterial von Trotzki gebe, dass es von ihm sogar mehr Bilder als von Marilyn Monroe gebe.

Danach ging ich mit einer breiteren Perspektive an meine Arbeit heran. Mein Interesse erwachte, das gesamte sowjetische Experiment zu untersuchen. Damals war auch das Thema Stalinismus in der UdSSR tabu."

Er konzentrierte sich: "Diese gesamte Arbeit nahm ein Eigenleben an. Sie wurde zu einer alles verzehrenden Leidenschaft. Sie bestimmte mein Leben. Die Wahrheit über diese Geschichte herauszufinden, bestimmt auch weiterhin mein Leben.

Als ich begann, Material zu sammeln, interessierte das niemanden außerhalb der trotzkistischen Bewegung. "Warum verschwendest du Zeit und Geld für diesen Kram?"

King hat offensichtlich nicht das Gefühl, Zeit vergeudet zu haben. Und wir können uns umso glücklicher schätzen dafür. Das Interesse an seiner Sammlung ist durch die Ereignisse der jüngeren Geschichte beeinflusst worden.

Damals, 1985, als Gorbatschow an die Macht kam und eine Reihe von Personen in den 1980ern rehabilitiert wurden", erklärte King, "riefen mich Leute aus der ganzen Welt an. 'Haben Sie ein Foto von Lenin?' und so weiter.

Im Westen äußerte man sich abfällig darüber, dass die Geschichtsbücher in der Sowjetunion ständig umgeschrieben wurden. Aber hier passierte das gleiche! Leute wandten sich an mich wegen Fotos und Bildern.

Wie schon gesagt, nach 1991 [und dem Ende der Sowjetunion] habe ich nichts von all dem geglaubt. 'Das Ende der Geschichte!' Dummes Zeug.

"Die postsowjetischen Historiker, wie Richard Pipes, gehen von der Voraussetzung aus, dass es nie eine Alternative zum Stalinismus gab. Das stimmt nicht. Meine Sammlung beweist auch, dass diese Behauptung falsch ist. Ich möchte mir nicht vorstellen, Pipes zu sein, der sein Leben damit verbringt, über die Bolschewiki zu schreiben, obwohl er sie hasst. Es muss weh tun, in seiner Haut zu stecken."

King lud mich später zu sich nach Hause im Norden Londons ein und zeigte mir eine Kopie von Red Star over Russia. Ich konnte die etwa 350 Seiten des Buches durchblättern. Es hat viele außergewöhnliche Bilder, darunter die bereits erwähnten Polizeifotos der Opfer der Moskauer Prozesse. Dazu gibt es schöne, lebendige Fotos aus den frühen Tagen der Revolution, darunter eine bemerkenswerte Aufnahme einer Sitzung der Volkskommissare von 1918, mit Trotzki, Sinowjew, Uritzki und anderen.

Dieses Buch ist visuell, historisch und politisch ein wichtiges Werk. Ich freute mich, es gesehen zu haben und David King begegnet zu sein. Neben allem anderen ist er auch eine liebenswürdige Person.

Siehe auch:
Internationale Redaktionskonferenz der WSWS: Künstlerische und kulturelle Probleme in der gegenwärtigen Situation
(9. Mai 2006)
Wahrheitssuche zwischen den Fronten des kalten Krieges: Zum Tod des Filmregisseurs Frank Beyer
( 31. Januar 2007)

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