Die Geschichte, die die USA und Haiti vereint

Von Bill Van Auken
16. Januar 2010

In seiner Erklärung zum Erdbeben in Haiti vom Mittwoch sprach Präsident Barack Obama über die "lange Geschichte, die uns verbindet". Aber weder er noch die amerikanischen Medien haben irgendwelche Neigung gezeigt, die Geschichte der Beziehungen der USA zu Haiti und ihren Zusammenhang mit der gegenwärtigen Katastrophe zu untersuchen, mit der das Volk von Haiti jetzt konfrontiert ist.

Die Rückständigkeit und die Armut, die eine so große Rolle dabei gespielt haben, dass die Opferzahlen in die Zehn-, wenn nicht Hunderttausende gestiegen sind, werden einfach als gegeben genommen, wenn nicht sogar als Schuld der Haitianer selbst. Die Vereinigten Staaten werden als selbstloser Wohltäter hingestellt, der bereit ist, den Haitianern mit Spenden, Rettungsteams, Kriegsschiffen und Marines zu Hilfe zu kommen.

Die New York Times begann am Donnerstag einen zynischen, verlogenen Leitartikel mit den Worten: "Einmal mehr weint die Welt mit Haiti", einem Land, das sie dann als von "Armut, Verzweifelung und Chaos gezeichnet" charakterisiert, und das in einem Ausmaß, das" überall sonst selbst schon als Katastrophe empfunden würde, aber in Haiti die Norm ist."

Der Artikel fährt fort: "Schaut euch Haiti an und ihr seht, was Generationen von schlechter Regierungsführung, Armut und politischem Konflikt aus einem Land machen."

In einem Hintergrundartikel über die Katastrophe in Haiti fügt die Time hinzu, dass das Land "für seine zahlreichen von Menschen gemachten Probleme bekannt ist - seine extreme Armut, politischen Grabenkämpfe und seine Neigung zu Aufständen."

In einem kürzeren und noch arroganteren Leitartikel feiert das Wall Street Journal die Tatsache, dass das Militär eine führende Rolle bei Washingtons Reaktion auf das Erdbeben spielen wird, "als erneute Erinnerung, dass die Reichweite der amerikanischen Macht mit der Reichweite seiner Güte zusammenfällt."

Es zieht dann einen unanständigen Vergleich zwischen dem Erdbeben in Haiti und dem 1994 in Kalifornien, bei dem 72 Menschen starben. "Der Unterschied", erklärt das Journal, "ist die Funktion einer Reichtum schaffenden und gesetzestreuen Gesellschaft, die sich zum Beispiel vernünftige Bauvorschriften leisten kann.

Die Botschaft ist klar. Die Haitianer sind selbst für die Hunderttausenden Toten und Verletzten schuld, weil sie nicht genügend Reichtum geschaffen und zu wenig Respekt vor Recht und Ordnung haben.

Dieser Vergleich verschleiert bewusst die wirkliche Beziehung, die sich in mehr als einem Jahrhundert zwischen der Schaffung von Reichtum in den Vereinigten Staaten und der Armut in Haiti entwickelt hat. Es ist eine Beziehung, die auf der Gewaltanwendung des US-Imperialismus im Dienste seiner räuberischen Interessen in einem historisch unterdrückten Land beruht.

Wenn die Obama-Regierung und das Pentagon die Pläne umsetzen und ein Expeditionscorps der Marines in Haiti einsetzen, dann besetzen die amerikanischen Streitkräfte das verarmte karibische Land schon zum vierten Mal in 95 Jahren. Auch dieses Mal geht es nicht darum, dem Volk von Haiti zu helfen, sondern der eigentliche Zweck einer solchen Militäraktion wäre die Verteidigung amerikanischer Interessen und eine Vorbeugung gegen die "Neigung zu Aufständen", von der die Times gesprochen hat.

Die Wurzeln dieser Beziehung gehen auf die Geburt Haitis als der ersten unabhängigen Schwarzen-Republik im Jahre 1804 zurück. Sie war das Ergebnis einer erfolgreichen Sklavenrevolution unter der Führung von Toussaint Louverture und der Niederlage einer von Napoleon entsandten französischen Armee.

Die herrschenden Klassen der Welt haben Haiti seinen revolutionären Sieg nie verziehen. Sie unterwarfen das Land einem weltweiten Embargo, das von den Vereinigten Staaten angeführt wurde, die fürchteten, das Beispiel Haitis werde eine ähnliche Revolte in den südlichen Sklavenstaaten inspirieren. Erst nach der Sezession der Südstaaten und dem Ausbruch des Bürgerkriegs, das heißt sechzig Jahre nach seiner Unabhängigkeit, erkannte der Norden Haiti an.

Mit dem heraufziehenden zwanzigsten Jahrhundert fiel Haiti unter den Einfluss Washingtons und der amerikanischen Banken, deren Interessen durch die Entsendung von Marines verteidigt wurden. Das leitete eine zwanzigjährige Besetzung ein. Sie wurde blutig gegen den Widerstand der Haitianer durchgesetzt.

Die Marines verließen Haiti erst nach der "Haitianisierung" - wie die New York Times es damals nannte - des Kriegs gegen das Volk, d.h. nachdem eine Armee für die Unterdrückung im Innern aufgebaut worden war.

Später unterstützte Washington die dreißigjährige Diktatur der Duvaliers, die mit der Machtübernahme von Papa Doc 1957 begann. Zehntausende von Haitianern starben durch das Militär und die gefürchteten Tontons Macoute. Der US-Imperialismus betrachtete die mörderische Diktatur als Bollwerk gegen den Kommunismus und eine Revolution in der Karibik.

Seit den Massenaufständen, die 1986 die Duvaliers stürzten, haben alle amerikanischen Regierungen - Republikaner ebenso wie Demokraten - versucht, einen verlässlichen Vasallenstaat aufzubauen, zur Verteidigung der Märkte und Investitionen amerikanischer Unternehmen, die von den herrschenden Hungerlöhnen angelockt wurden, und den Reichtum der haitianischen herrschenden Elite zu sichern. Das erforderte, alles zu verhindern, was der sozio-ökonomischen Ordnung gefährlich werden konnte, die achtzig Prozent der Bevölkerung zu tiefster Armut verdammt.

Das Gleiche geht heute unter der Schirmherrschaft Bill Clintons, dem UN-Sondergesandten in Haiti, und der US-Außenministerin Hillary Clinton weiter. Beide haben haitianisches Blut an den Händen.

Washington hat in den letzten zwanzig Jahren zwei Putsche unterstützt und zweimal US-Truppen nach Haiti entsandt. Beide Putsche wurden organisiert, um Jean-Bertrand Aristide, den ersten ohne Washingtons Zustimmung vom Volk gewählten Präsidenten Haitis zu stürzen. Die beiden Putsche von 1991 und 2004 haben zusammen genommen weiteren 13.000 Haitianern das Leben gekostet. 2004 wurde Aristide gewaltsam von amerikanischen Agenten aus dem Lande geschafft.

2004 zogen die USA ihre Truppen zurück, als sie diese im Irak benötigten, und übertrugen die Unterdrückung einer UN-Friedenstruppe von 9.000 Soldaten unter Führung der brasilianischen Armee.

Obwohl Aristide vor den Forderungen des Internationalen Währungsfonds kapitulierte und bereit war, einen Kompromiss mit Washington einzugehen, war er wegen seiner breiten Unterstützung im Volk, die er sich mit seiner antiimperialistischen Rhetorik erwarb, für die herrschenden Eliten in Washington und Port-au-Prince nicht tragbar. Auf Befehl der Obama-Regierung ist es ihm weiterhin verboten, nach Haiti zurückzukehren, und seine Partei, Fanmi Lavalas, ist weiterhin praktisch verboten.

Das ist die wirkliche Geschichte, die wie Obama es ausdrückte, Haiti und den US-Imperialismus verbindet. Und es ist diese Geschichte, die die hauptsächlich verantwortlich ist für die verzweifelte Lage, die durch das Blutbad infolge des Erdbebens noch verstärkt wurde.

Aber es gibt noch andere Bindungen, die tief verwurzelt sind und auf die enorme Tragödie in Haiti reagieren. Über eine halbe Million Haitianer sind in den USA offiziell registriert und es gibt sicher noch weitere Hunderttausende ohne Papiere. Ihre Anwesenheit konkretisiert die Klasseninteressen und die Solidarität, die haitianische und amerikanische Arbeiter vereint. Es ist ihre gemeinsame Aufgabe, Armut und Elend in beiden Ländern und das kapitalistische Profitsystem zu beseitigen, das die Ursache dafür ist.

Siehe auch:
Hunderttausende Tote in Haiti befürchtet
(15. Januar 2010)

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